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Napoleon oder über den Fortschritt der Regierung

II. Von dem Ursprung der Regierung

Die Denker sind über den Ursprung der eigentlichen Regierung, oder der Beherrschung einer Anzahl Familien, in zwei Schulen zu theilen. Die eine Schule behauptet: daß alle Regierung durch den Despotismus ihren Uranfa ng genommen; die andere: das sie durch Vertrag in dem Kreise der Menscben sich entfaltet habe. Beide Partheien füh ren ßeweise für ihre Behauptung aus den Annalen der Vorwelt bis auf die heutige Zeit, an. Beide sind in einem Irrthum.

Ein aufmerksamer Blick in das Wesen alles Seyns belehrt uns: daß die Wirksamkeit der Natur durch zwei Hebel befördert wird: Nothwendigkeit und Freiheit. Es giebt keine Erscheinung in welcher wir nicht diese beiden Bedingungen in einer gewissen Wirksamkeit finden, und man könnte gleichsam als Axiom festsetzen: daß die Entgegensetzung dieser beiden Prinzipien die ganze Natur beseelt.04

Die Erscheinung, welche man Regierung nennt, wird davon keine Ausnahme machen können. Ihr daher Nothwendigkeit oder Freiheit allein zur Bedingung ihrer Entstehung unterschieben, heißt: das erste Axiom nicht berücksichtigen, das sich uns in der ganzen Natur bewährt.

Man kann gradezu behaupten: daß die Erscheinung,.welche wir Regierung nennen, weder den Menschen aufgedrungen, noch von ihnen durch freie Wahl eingesetzt worden. Es war nicht Vorsatz der Regierenden sich einzusetzen, um zu herrschen. Ihr Beruf zu regieren lag in ihnen, die Kraft die in ihnen flammte, forderte sie auf, sich über einen Kreis von Menschen zu erheben, oder für sie einen Leitstern abzugeben auf dem Wege, auf dem sie ihrer Bestimmung entgegen wandeln sollen. Und es war wieder keinesweges Gehorsam oder freie Wahl der Regierten, dem Winke eines Wesens oder mehrerer der Art, sich hinzugeben.

Regierung ist also, wie jede Erscheinung in der Natur, ein Resultat freier und nothwendiger Wirksamkeit.

In ein tiefes Dunkel verliehren sich die Begebenheiten der Regierung. Wir vermögen es nicht herauszudeuten aus den dunkeln Lauten, die uns die ersten Spuren schriftlicher Überlieferung herlassen, welche Schicksale der Mensch, in Hinsicht der Regierung, erlitten. Allein sie deuten uns alle an, das wandelbare Dasein, welches die Regierungen der ersten Gesellschaft zu erdulden hatten. Ihr Ansehn, ihre Existenz wankte immer gegen die Leidenschaften ihrer Untergebenen, die bald in dem Gefühle der Nothwendigkeit, sich beherrschen zu lassen, bald in dem der Freiheit, unabhängig zu sein, schwelgten. Die Regierung ward bald verjagt, eingesetzt, bald gemordet und geschaffen.

Es ging dem Menschen mit der Regierung, wie mit jeder andern Übung seiner Triebe. Er fühlt das Bedürfniß sie zu äußern dunkel, er bricht wie begeistert damit hervor, und erhebt sich. Allein aus Mangel der Gewandheit, seine Kraft zu gebrauchen, erschöpft er sich. Dann fällt er bewußtlos nieder, und beim Erwachen zertrümmert er wieder, was er schaffen woll te. Halten wir diesen Geistesgang fest, so erkennen wir darin das ächte Bild von dem ersten Entkeimen der Regierung. Der Mensch ergiebt sich ihr, reißt sich wieder von ihr los. Er  wankt zwischen Nothwendigkeit und Freiheit.

Nicht wenige Schuld hat auch die Regierung an dieser Lage der Dinge; der Geist der sie beseelen soll, um ·dem freien Spielraum menschlicher Kräfte zu imponiren, hat sich noch nicht in dem Grade gesammelt, daß er als ein Ganzes auftritt. Bei ihrem Enthusiasmus fällt sie daher oft in eine Individualität zurück, die ihre Ohnmacht erhärtet, und wodurch der Moment herbeigeführt wird, der über sie entscheidet.

Blicken wir in die Annalen de1·Geschichte, so finden wir: daß diejenigen Regierungen sich eines gewissen Einflusses auf die Menschen versichert hatten, die sich ganz aus dem Kreise ihrer Thätigkeit hinaus, und über sie hinweg, gehoben, und einen eignen Gang in ihrer Denk- und Handlungsweise verrathen hatten.

Wer waren die ersten Regenten? Mit übermenschlicher Thatkraft augerüstete Menschen, sogenannte Helden, oder von einer Gemüthsart besessene Wesen, die extatische Ideen und Meinungen mit einer begeisterten, und jedem Widerstande Trotz gebietenden Kraft geltend machten: sogenannte Reformatoren u nd Gesetzgeber. Ihre Erscheinung zauberte gleichsam Gesellschaft und Staat her, und sie vermogten es, weil sie als höhere Wesen auftraten, in deren jeglichem Schritt die Menschen das Werk eines Halbgottes, oder ein von den Göttern beseligtes Wesen, erblickten. Ehe wir die Spur von der Erscheinung solcher Gattung menschlicher Wesen den Annalen der Geschichte finden, stoßen wir auf keinen flxirten Gesellschaftskreis. Die Milde, die Rechtlichkeit, welche in der Person eines Alten oder Patriarchen, als regierende Kräf te in dem frühesten Zustande der Gesellschaft auftreten, sind nur schwache Knospen, in denen sich jedes Individuum allmählig erblickt. Das Gleiche weicht dem Gleichen nicht. Dieß Gesetz der natürlichen Statik manifestirt sich auch in der moralischen. Zu schwach sind die Bande einer solchen Regierung, um einen förmlichen Gesellschaftskörper zu bilden. Noch können wir dieß bestätigt finden, in dem gesellschaftlichen Leben, welches die Stämme derAraber, und die Horden Amerikas und Afrikas, bilden.

Kaum sehen wir aber Heroen, Reformatoren in der Geschichte auftreten, so erblicken wir auch Völker oder Haufen von Menschen, deren Denk- und Thatkraft in eine Idee versenkt ist, welche ihnen ihr Meister außtellt. Woher diese Erscheinung?

Der Heros oder der Reformator erscheint den Menschen al sein selbstständiges Wesen, das seiner ganz entsagt, und das in allen seinen Handlungen eine gewisse Allgemeinheit vewrräth.Es stellt sich als einen Ausdruck des Willens Aller dar, zeigt Resignation, äußert Aufopferung für Alle, und indem es seine Selbstheit gleichsam aufzulösen und Allen sich hinzugeben scheint, vereinigt es in seinen Geist Alles, humanisirt es dem Kreis, in dessen Mitte es sich befindet. In den Wahn oder der Überzeugung die alle erndten, daß es für sie lebt, vereinigt man sich, ohne es zu wissen, für ihn zu leben. Die exaltirte Vorstellung der Menschen von diesem Wesen läßt sie nicht fühlen, daß sie sich von ihres Gleichen hinreissen lassen, sondern von dem, was es ihren an übermenschlicher Kraft darbietet. So wirkt das Mächtige und Neue, so reist es fort und bildet das, was man Volk, Staat, Religion, Verfassung nennt.

Nur von einem Wesen, das eine Idee zu handhaben weiß, die gleichsam alle diejenige begeistert, welche sie gewahren oder von ihr affigirt werden; nur von der Wirksa mkeit eines Wesens, das solchen Einfluß zu erschwingen vermag, geht der rechtliche Ursprung der Idee einer Regierung aus. Dem scharfsinnigen Beobachter wird es auch nicht entgehen: daß die Annalen der Weltbegebenheiten, welche uns den Gang der sittlichen Bildung der Menschen aufbewahren, uns einen solchen Ursprung der Regiung andeuten.

Diejenigen Wesen welche von einer gewissen idealen Denkweise besessen sind, und solche verwirklichen wollen, sind daher die eigentlichen Patriarchen der Regierung. Indeß, wir werden einräumen müssen, daß, trotz der Wirksamkeit der Idealität solcher Wesen, der Umfang und die Organisation derselben dem Grade der Kultur und der Entwickelung der Kräfte des Zeitalters angemessen sein müssen, um .eine gewisse Empfänglichkeit für dieselbe anzutreffen. Laßt uns nun die verschiedenen Gestalten und Formen verfolgen, welche die Regierung annahm, ihrer Idealität einen größern Spielraum unter den Menschen zu verschaffen.

Letzte Änderung der Seite: 17.10.2026 - 10:36