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Napoleon oder über der Fortschritt der Regierung

I. Idee über den Zweck der Regierung überhaupt.

Nur wenigen Menschen ist der Geistesschwung verliehen, in dem Gange der Welt - und Menschengeschichte, welche uns, in ununterbrochenem Wechsel und mancherlei Gestaltung, d en Ursprung, den Fortschritt und Untergang der Menschheit, in Nationen und Staaten, zeigt, etwas mehr, als den Anblick einer Gaucklerbühne zu gewahren, wo die Marionetten, nach dem Winke ihres Meisters, sich bewegen; und wenn sie ihre Stunde durchgearbeitet, eben so hölzern und bewustlos, wie der Stoff aus dem sie bestehen, hingestreckt daliegen.

Wenigen Geistern wird, beim Anhlick so vieler dahin geschwundener Völker, so vieler dahin geschiedener Staaten, wohl der tröstliche Gedanke zu Theil: daß ihr Wirken die einzige Trümmer ist, die von ihnen in dem ganzen Kreise der Menschheit eine Spur zurückläßt daß diese der Keim manchen Schrittes, mancher Triebfeder zu einer Handlung und einer Evolution irgend einer Kraft derselben ist. Die Menschheit wandelt auf lauter Spuren die ihre Vorwelt ihr gelegt, und daraus bildet sich der große Zusammenhang, in welchem untergangene Völker und Staaten mit den vorhandenen stehen; entfaltet sich das große Band der Menschheit vom Anbeginn bis an's Ende.

Alle Geschöpfe oder erschaffene Wesen pflanzen sich fort; nur der Mensch schreitet zugleich fort, und es ist nicht allein die Gattung die sich in ihm generirt, sondern es ist auch die Gewandheit seiner Kräfte, die, mit jedem Fortschritt seines Daseins sich verstärkt. Der Mensch, als Kulturwesen, zeigt gleichsam das Resultat aller der ihm vorgegangenen Generationen, und insofern er dieß erkennt, insofern er sich an die Vergangenheit anschließt, macht er ein großes Glied an der Kette der Menschheit aus, und kann er sich dazu bestimmen, es auf eine dem Grade seiner Kultur angemessene Art, dereinst zu verbleiben.

Wenigen Menschen wird aber eine Ahnung oder eine Kunde von dieser ihrer Bestimmung. Der rohe, in ungezügelten Horden lebende und auf wüsten Steppen und in unzugänglichen Wäldern umherirrende Mensch kann sie nicht gewahren. Er wandelt auf einem Wege, der ihm, von allem, was ausser ihm ist, trennt, und der ihn wieder nicht zu dem Funken, der in seinem Innersten für die Empfänglichkeit gegen die Aussenwelt lodert, zurückkommen läßt. Er wird durch eine Kraft, Bedürfniß genannt, gejagt, und wechselseitig weggescheucht von den beiden Polen der Kultur, von dem was man Humanität oder Anhänglichkeit an Wesen ausser sich, und Resignation, oder Entsagung seines Selbstes, heißt.

Nicht viel mehr als der rohe Mensch; ahnt der Gesellschaftsmensch von seinem Verhältniß zu seiner Gattung. Es dürfte dieser Ausspruch befremdend vorkommen. Allein man erwäge ihn genauer und er wird nichts weniger als ungegründet erscheinen. -Was nennt man einen Gesellschaftsmenschen? Ein vernünftiges Wesen, das nach gewissen Maximen, Gesetzen und Dogmen lebt. Aller Übertritt der Menschen aus dem rohen Zustande in den gesellschaftlichen, geschieht durch ein allgemeines Interesse dieser Menschen, an irgend eine Vorstellung von einem verbesserten Zustand. Das Bestreben, diesen Zustand zu erhalten, zieht sie gleichsam von der Menschheit zurück. Sie leben nur für die Gesellschaft, die durch sie constituirt wird. Es ist der reine Eigennutz den die Gesellschaft im Ganzen repräsentirt, anstatt daß im rohen Zustande, er von jedem Individuum dargestellt wird.

Allein der kultivirte Mensch sollte viel eher eine Ahnung seiner Bestimmung haben? Wir wollen sehen. - Wann nennt man den Menschen kultivirt? Wenn er eine Fertigkeit in der Anwendung seiner Geisteskraft erlangt hat. Ich gestehe nun zu; daß es in jeder Gesellschaft einen großen Theil von Menschen giebt, der einen gewissen Grad von Kultur hat. Aber diese Kultur ist nur wirksam für die Gesellschaft der sie entwachsen ist. Die Kultur der Menschen hat mehrentheils, wie Humbold von den Pflanzen bemerkt, eine Physionomie, die so ziemlich die Haltung einer bestimmten Gesellschaft ausdrückt. Man könnte daher füglich der Kultur der meisten Menschen, den Namen Gesellschaftskultur beilegen, von der sie mit einer Eigenliebe besessen sind, die sie Jede, welche derselben nicht entspricht, mit einer gewissen Kälte anblicken läßt. Daher der Neid, die Rangsucht der Völker, in Hinsicht ihrer Bildung, daher die National-Denkarten und Vorurtheile, welche die kultivirtesten Menschen nicht unterdrücken können. Der Kulturmensch einer bestimmten Gesellschaft ist mehrentheils des Glaubens: daß, um den Standpunkt seiner Kultur, sich die ganze Menschheit drehen müsse.

Es giebt nun eine Kaste von Menschen, die eine bestimmte Ansicht von dem haben, was man Menschheit nennt. In jedem Volke, in jedem Staate gab es, seit Anbeginn der Kultur des Geistes, einige aus derselben, und das sind diejenigen Wesen, die mit einer gewissen Selbstheit, oder einem außer-gewöhnlichen Geistesschwung zu einem hohen Standpunkt sich emporarbeiten, aus welchen sie die innere und äußere Welt betrachten; das sind die Denker, welche in allen Gestalten und Formen, in welchen die Kaprizen des Geistes und der Natur den Menschen aufzeigen, die Idee von ihrer Gattung wieder erkennen. Allein excentrisch und abschweifend ward ihre Ansicht geachtet von den Großen unJ Mächtigen der Erde. Sie schwiegen daher entweder aus Klugheit, sprachen jezuweilen in Hieroglyphen, oder wurden ein Opfer ihrer Bekenntnisse.

Beinahe sollte, wenn man über das Schicksal, daß die Idee der Menschheit erleidet, und wovon wir nur hier allgemeine Züge aufgestellt, einiges Nachdenken verwendet –––beinahe, sag, ich, sollte die Meinung, feste Wurzel fasssen zu können, wähnen: daß es überhaupt mit dieser Idee nur eine Chimäre sei, daß, sie nur Erfindung einer Phantasie abgäbe, die in dem Zeitraum der Kultur nicht so farbenreiche Bilder zu erfinden vermag; und sich damit beschäftigt, die Vernunft in ihren Funktionen zu untersttüzen.

Allein, ein aufmerksamer Blick in den Fortschritt der Weltbegebenheit, überzeugt uns nur zu sehr von dem Bestreben der Natur, der·Wahrheit jener Idee unter den Menschen eine Spur zu verschaffen; verräth uns schon, daß der Punkt, von welchem der Fortschritt des menschlichen Geschlechts ausging, dahin strebte, jene Idee, welche als Keim im Busen der Menschengattung hauset, in ihr entfaltet, entwickelt, und ihr zum völligen Bewustsein gebracht zu finden.

Sei auch die Menschengattung überhaupt bestimmt zum gesellschaftlichen Leben, so ist doch so viel entschieden; daß, so weit unsere Kenntniß von der Bildung des socialen Zustandes geht, er immer durch einen mächtigen individuellen Impuls sich verwirklicht hat.

Eben wegen der Vielseitigkeit seiner Talente, giebt es vielleicht in der Übung derselben, kein unbeständigeres Geschöpf als den Menschen. Keine Gattung lebender Wesen ist so übergehend vom Geist der Ordnung zu dem der Verwirrung, von dem der Vernunft zu dem der Unvernunft. Es giebt keine Art von Geschöpfen in der so viel widersprechende Geisteswirkungen zu gewahren sind, als im Menschen, und keine Gattung ist so langsam und Stufenweise einer Übereinstimmung ihrer Kräfte entgegen gekommen, als die Menschliche.

Dieser Karakter des Mensohen, der gleichsam seiner Natur aufgedrückt ist, würde ihn nie zu einer Festigkeit in seinen Äußerungen haben gelangen lassen, zum wenigsten würde die erste Bedingung seiner Kultur: Gesellschaft, in einer ewigen Oscillation sich befunden haben, wenn hier nicht ein mächtiger Impuls wirksam gewesen wäre.

Und worin bestand dieser mächtige Impuls? In dem Einfluß einer großen, starken Seele, die von dem Vorsatz ergriffen ward, in der Menschengattung, durch Einsetzung der Gesellschaft, die Idee der Menschheit zu realisiren,

Wir werden, wenn wir die Geschichte der verschiedenen, in der Kindheit des menschlichen Geschlechts, entstandenen Gesellschaften aufsuchen, immer finden: daß jede derselben ihre Schöpfung einem mit erhabener und beharrlicher Geisteskraft ausgerüsteten Menschen, oder mehreren solchen Wesen, zu verdanken hat.

Wodurch geschah es nun, daß diese Individuen, so einzig und nachdrücklich auf ihre Nebenmenschen wirkten, als durch die lebhafte Äußerung ihrer Idealität, die in dem Busen jedes vernünftigen Wesens schlummert, die uns alle die lachenden Bilder und die hingebenden Empfindungen erweckt, welche die Freuden unsers Daseins erhöhen, und die uns endlich empfänglich für alles das Große, Edle und Schöne macht, welches ein, in höherem Grad von seiner Idealität beseeltes Gemüth, uns außtellt?

Es ist freilich ein Leichtes, wenn man von der Wirkung auf die Ursache schließen will, diese Idealität als die Ursache von allen jenen Gebrechen zu stempeln, die man in der Schöpfung des sooialen Zustandes erblickt. Vorzüglich glaubt man in jener schöpferischen Kraft, von welcher diejenigen beseelt sind, die die Menschen :zum gesellschaftlichen Leben aufgescheucht, einen Trieb zu erkennen, von dem der Mensch unwillkührlich fortgerissen werde, und der in ihm jene Passion erweckt, die man die Herrschsucht nennt, welcher zu genügen ihnen kein Mittel zu verworfen, oder zu niedrig ist.

Allein es sei zugegeben, daß Herrschsucht die ersten Fundatoren der Gesellschaft geleitet habe. War sie nicht eine Gabe des Himmels, die die Natur gleichsam früher wirksam werden ließ, als die Vernunft? Wenn wir in jenem Zustande der Unwissenheit, welcher der ersten Entwicklungsstufe der Regierung eigen ist, jener Menschen Talent und Bestimmung, wodurch sie ihre Nebenmenschen gleichsam leiten sollten, als von üblen Motiven aufgeregt betrachten wollen; dann werden wir für Alles das Gute, was der menschliche Geist je hervorgebracht, keine Quelle des Wohlwollens aufzuzeigen vermögen. Nein! Wir müssen hier, wie der Naturphilosoph oder der Arzneikünstler, verfahren, der selbst der Giftpflanze Heilsamkeit zugesteht.

So wie die Giftpflanze, bewirkt des Menschen Talent das Gute und Schlechte, um das Vollkommene zu fördern.

Die Herrschsucht darf in dern Auge des Antropologen kein Laster sein, sondern ein·Trieb, der das große Problem löst in dem Kreise der Menschen dasjenige festzuhalten, was seine Bestimmung ist, Gesellschaft. Hätte es nie Menschen gegeben, die diese Bestimmung, durch eine exstatische Vorstellung von derselben, hätte Wurzel fassen lassen, wer weiß, wie oft die Menschen, in der nachdrücklichen Übung des Geselligkeitstriebes, durch die Wirksamkeit ander Triebe, wären zurückgescheucht worden.

Die Herrschsucht, ganz rein, ohne alle Motive, genommen, ist der Trieb eines menschlichen Wesens, einen Kreis vernünftiger Geschöpfe, zu der in ihm rege gewordenen Idealität hinauf zu stimmen, oder ihn nach derselben denken, leben und handeln zu lehren, und auf solche Art in ihnen den Götterfunken Menschheit zu erwecken, welcher in dem Busen der Menschen, in tiefem Schlummer oft versenkt, hauset,

Seid nur·des Glaubens, daß ein jedes von denjenigen Wesen, welche in einem, Haufen Volkes aufgestanden sind, oder sich erhoben haben, um ihm Gesetze, Statuten und Dogmen zu verleihen, selbst von der hohen Idee seiner Bestimmung ergriffen, handelte. Es war gleichsam. Ein exaltirter Zustand seiner Idealität, den man sich nicht schaffen kann, dessen sie viel mehr fähig war, und der in ihm ausbrach.

Wollt Ihr etwa noch fragen: woher er kam, und wie er sich bildete? – Blickt vor Euch auf den Boden, faßt den kleinsten Grashalm ins Auge, fragt Euch: woher er entsteht, und wie er zur Erschein ung ward?

Nur wenn wir in der exaltirten Wirksamkeit der ldealität, die im menschlichen Busen schlummert, den Zauberstab erkennen, welcher dem gesellschaftlichen Zustande der Menschen Dasein gab, werden wir für den Gang der Begebenheiten einen Faden haben, an dem sich, in dem Chaos, welchen ihre buntförmige Folge uns darbietet, eine gewisse Absicht und Ordnung verrathen wird.

Wir werden auf das Resultat hinauskommen: daß das Heil der menschlichen Gattung von der Regierung ausgegangen ist; daß durch sie allein im menschlichen Geist eine gewisse Beharrlichkeit, in der Kultur fortzuschreiten, erhalten ward.

Ferner: daß die Menschen, durch die Herrschsucht, die sie Wesen ihrer Gattung über sich gewährten, einen Hang verrathen, worin sie sich von der übrigen Ordnung lebendiger Wesen unterscheiden, und wodurch sie gleichsam Veranlassung erhalten, zur großen Idee von ihrer Gattung sich emporzuheben.

Und endlich: daß die Idealität des Wesens, das einen Menschenkreis beherrscht, keinesweges hinter dem Fortschritt der Einsichten der Menschengattung, zurückbleibt; sondern, bald auf geraden, bald auf verschlungenen Wegen, ihm entgegenkömmt.

Die große Wahrheit wird sich vor unserm Blick entfalten: nur die Idealität des menschlichen Geistes regiert.

Die Natur hat sie bestimmt, nicht der Entwickelung der Menschengattuug vorzuschreiten, sondern mit ihr gleichen Schritt zu halten, und immer in ihrer Mitte bestimmte und empfängliche Worte zu sprechen. Nur wenn sie sich auf eine, dem Bildungsstand des Menschenkreises, angemessene Weise, ausdrückte, war ihr Wirkungskreis groß und mächtig auf die Menschen, konnte sie sich zur Regierung personifiziren.

Diese Idealität ist es, die einem Menschenkreise den Moment gleichsam ablauscht, wenn er zu einer höhern Region seines Bewustseins, oder zu einer edlern Ansicht seiner Bestimmung, Knospen schlägt, und die immer dann in dessen Mitte erscheint, und mit einer elastischen Kraft ihm Spielraum schaft.

Diese Idealität ist es endlich, welche die wahre Regierung beseelt, der die Menschheit ewig huldigen wird.

Laßt uns nun die Geschichte und die Beobachtung fragen, inwiefern die hier ausgesprochenen Worte ihre Wahrheit in ihnen begründen mögen.

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