Napoleon oder über den Fortgang der Regierung
III. Erste Entwickelungsstufe der Regierung
Alle Regierung hat den Zweck, durch Äusserung einer gewissen Idealität, die Denk- und Handlungsweise der Menschen für eine gewisse Allgemei nheit empfänglich zu ma chen. Dieß ist die ursprüngliche Tendenz, ·welche die Natur der Regierung vorzeichnete.
Indeß, so wie aller Entwickelung, ihrer Vollendung entgegen zu reifen, eine Zeit uncl ein Raum, als Schranken des Endlichen gesetzt ist, so werden wir auch, bei dem was man Regierung nennt, einen gewissen Fortschritt in dem Umfang seiner Wirksamkeit finden, der ganz angemessen der Entwickelung aller Funktion in der Natur ist.
Die Annalen der Geschichte lehren uns, daß der Uranfang einer jeden Regierung, bei einem individuellen Menschenkreis Statt fand. Jede Regierung entsprang gleichsam wie der Keim einer Pflanze auf einem bestimmten Boden, und nahm Form und Wirksamkeit an, die dem Klima, den Sitten und Bedürfnissen des Volkes angenessen war oder werden konn te.
Der Einfluß einer solchen Regierung erstreckt erstreckt sich nur auf ein bestimmtes Volk, eine Gegend, oder einen individuellen Zweck, den d e Regierun g erreichen wollte.
Nichts war angemessener den Menschen, als eine Regierung der Art, in jenem Zeitalter, wo die Völker gleichsam, wie die Anachoreen auf die noch nicht mit einem Reichthum von Kultur und Brvölkerung ausgestatteten Erde, isolirt lebten, nichts als den Himmel und den Boden kannten, die sie werden sahn, und in andern Menschenkreisen eben eine solche fremde Pflanze erblickten, wie in dem Gesträuch, das entfernt von ihren Grenzen gedeihet.
Daher erblicken wir in jenem Zeiitalter die Gattung von gesellschaftlichem Verein, die man National-Regierung nennen kann. Für ein bestimmtes Volk, einen bestimmten Boden, einen bestimmten Zweck wirkt die Regierung.
Darin bestond die hohe Kraft und der mächtige Einfluß der ersten Regierung, daß sie dem lnstinkte, u nd der freien Wirksamkeit aller physischen und intellektuellen Anlagen eines Volkes zusprach, und in je höherem Grade sie dieß vermogte, desto nachdrücklicher konnte sie wirken.
Die Regierung selbst entstand und verfuhr aber instinktartig. Nur derjenige Geist konnte einen Einfiuß erwarten, der, auf eine des Volkes Denk- und Empfindungsart homogene Veise, sich darstellt. Es mußte in dem Geist des Schöpfers der Regierung, der Geist des Volkes leben; nur dann konnte es ihm möglich werden, es zu der höhern Idealität seines Vesens hinaufzustimmen.
In je höherem und vielseitigern Grade in Denk-, Handlungs- und Empfindungsweise eines Vol kes; ein von seiner Idealitä t begeistertes Wesen eingriff, desto sicherer gründete es seinen Einfiuß, und desto mächtiger wirkte seine Schöpfungskraft.
Es giebt keine Horde, die, wenn sie als Horde einen gewissen Zeitraum vegetirt hat, nicht auf einer gewissen Stufe der Kultur ihrer Kräfte steht. Der Mensch als denkendes, handelndes, vegetirendes Wesen, erhält in jeder Lage, wohin ihn das Schicksal versetzt, in Hinsicht seiner Vernunft, seines Willens, und seines Gefühls eine gewisse Richtung, die ihn zu indi viduellen Ideen, Sitten und Bedürfnissen von selbst leitet., Ohne diese finden wir daher auch keine Horde. Sich selbst überlassen, wird sie selten eine Einheit und Festigkeit erlangen, wenn nicht in ihr von Zeit zu Zeit ein Geist sich erhebt, der sie für eine feste Form beseelt, und ihr entweder für die existirende eine größere Anhänglichkeit, oder durch Umbildung derselben, ihr für irgend Eine, Enthusiasmus einflößt.
Von verschiedntnen G rade ist daher die Wirksamkeit der vorzüglichen Geister, in den verschiedenen Memschenkreisen, um die gesellschaftliche Ordnung durch Regierung einzusetzen; und daher schon die verschiedenen Formen, die wir in den ersten oder ursprünglichen Regierungen vorfinden.
Wir erblicken nehmlich Regierungen, die ihren Ursprung vorzüglich zu danken haben dem Einfluß, den sie auf einen Menschenhaufen hatten, indem sie seinen sinnlichen Bedürfnissen genügten. Sie bildeten sich vorzüglich durch jene Heroen oder Menschen, die an Thatkraft und Beharrlichkeit über alle ihre Mitmenschen hervorragten, und sie mit ihrem Geiste gleichsam beseelten. Sie veranlaßtcn in einem Zeitpunkt, wo eine Masse von Menschen, welche auf einem Bezirk zusammen lebt, sich in dem Grade vergrößert, daß sie ihren Unterhalt in einer gewissen Entfernung suchen·mußte, jene Volkszüge, deren die Annalen der Geschichte unzählige Erwähnung thun. Wesen der Art haben keinesweges die Absicht, eine Regierung zu stiften, um die Denkart und die Sitten des Volkes umzuformen, sondern bloß den sinnlichen Bedürfnissen desselben zu genügen. Füglich kann man eine solche Regierung eine heroische nennen.
Wiederum gewahren wir gewisse, von ihrer Idealität begeisterte Wesen, die sich in einer
Horde, oder in einem Heroenstaat, erheben, um den Sitten und Institutionen der Gesellschaft eine festere Richtung zu geben, und ihen mehr Einheit und Stabilität anzuschaffen. Sie lassen Denk- und Empfindungsweise des Volks unangetastet, und beschäftigen sich bloß, der Handlungsweise der Menschen eine idealere Verfassung zu verleihen. Sie schaffen Gesetze und Anstalten, wodurch das Volk eine, der Menschheit angemessene Willensmeinung eingeprägt erhalten soll.
Hier erkennen wir die Wirksamkeit der Gesetzgeber oder Gründer derjenigen Verfassungen, die das allsemeine Wohl des Staats zum Gegenstande ihrer Aufmerksamkeit machen, oder erblicken die Bildung desjenigen, was man Republik nennt. Ihr Einfluß erstreck t sich nicht geradezu dahim, der Denk- u nd Em pfindungsart des Volks eine andre Form zu geben, sondern ihm durch die edlere Richtung des Willens, eine andre Haltung anzuschaffen.
Hingegen giebt es wiederum gewisse Wesen, die, mit einer idealen Begeisterung, sich in einem Kreise von Mensch, erheben, und dem ganzen Umfang ihrer Wirksamkeit eine andre Richtung oder eine andre Gestalt zu ertheilen sich berufen fühlen. Sie schaffen alles in dem sie umgebenden Menschenkreise um, Denk-, Handlungs- und Empfindungsart, um sie einem gewissen Zwecke zu unterordnen, von dem sie beseelt sind. Und dieser Zweck ist wiederum kein andrer, als jene Idealität, von der sie beseelt sind, in dem Kreise der Menschen darzustellen. Daher der Ursprung jener Theo- und Hierokratien, welche wir, in dern Kreise der Völker des Alterthums, wie aus einem Nichts entstehn sahen, und die gleichsam die höchste Steigerung abgeben, einen Kreis von Menschen von seiner Gattung zu isoliren.
Die Stufenleiter des Einflusses der Regierung in frühern Zeiten, ob sie gleich von verschiedener Wirkung ist, zeigt uns doch gewissermaßen, daß die Regierung, vom Uranfang ihres Entstehens, auf dem Wege ihres eigen tlichen Zwecks war: einen Kreis von Menschen für eine gewise Allgemeinheit empfänglich zu machen. Indeß muß man freilich bekennen, daß der eigentlichen Idee der Menschheit dadurch bei weitem noch nicht genügt ward, indem die, von der Wirksamkeit der Regierung aufgestellte Form, nur immer für einen bestimmten Gesellschaftskreis geltend blieb.
Es konnte jedoch nicht fehlen, daß diejenigen Denker, welche die Regierungen nach der äußern Form, die sie darbieten, und nach den Wirkungen, die sie auf die Menschen hatten, beurtheilten, auf ein ganz anderes Resultat hinauskommen mußten. Despotismus, Eigennutz, Herrschsucht sind ihnen die verwerflichen Hebel, welche sie in den Motiven der Regierung erkennen. Was war natürlicher, als daß sie die Organisation derselben verdammten, und sie für das moralische Chaos der Menschheit erkan n ten? Ein Theil von diesen Denkern kam auf die Idec hinaus: daß das Prinzip der Regierung der Vorzeit durch die Kultu r der·Menschheit einzig und allein verdrängt werden dürfte. Ein andrer Theil war wieder überzeugt: daß der Depotismus der unzertrennliche Gefährte der Regierung sei, der sich, mit dem Fortschritt des gesellschaftlichen Lebens, gleichsam verfeinere.
Jene Denker sahen in der allgemeinen Entwickelung des menschlichen Geistes, die wohltläitigste Verfassung für die Menschen hervortreten, die ihnen nicht weniger bereiten dürfte, als jenen Zustand goldener Freiheit, wo die Regierung mit der Gesellschaft verschmolzen, das allgemeine Reich der Menschheit bilden wird.
Diese aber sahen in der Regierung, und in ihrem Fortschritt, für die Menschen kein Heil erwachsen. In der Verfeinerung der Gesellschaft, worin sie die Kultur bestehen lassen, sehen sie nur für den Despotismus ein feines Gewebe bereitet, die edelsten Gaben des Menschen, in ihm unmerkliche Fesseln zu legen, und ihr Resu lta t ist: daß der Mensch nur sich selbst wiedergegeben werden könne, wenn er aus aller gesellschaftlichen Verbindung sich herauszieht, und in die Wälder oder in die Lauren der Heiligen sich vergräbt.
Beide widerstreitende Ansichten gründen sich aber bloß auf einen falschen Standpunkt, aus welchem die Anhänger derselben die Regierung überhaupt ins Auge fassen. Beide Partheien erblicken nehmlich in der mangelhaften Wirkung der Regierung, ein Radikalübel an der Regierung selbst. Dieß hieß beinahe aus des Kindes undeutlichem Herlallen derWorte schliessen wollen, daß seine Organe zum Sprechen verstü mmelt wären.
Die Anhänger der Evolution der vollkommensten Regierung haben Unrecht, behaupten zu wollen: daß die Regierung sich bis jetzt nicht gehörig entwickelt habe. Im Gegentheil, ganz ihrem Zwecke und dem Gesetze der Entwicke lung angemessen zeigt sie sich, von dem ersten Moment ihres Daseins. Daß sie Erscheinungen veranlaßt, die nicht dem Philanthropen genügen können, das liegt ganz in der Natur unserer Welt, die erst nach einer bestimmten Zeitfolge, den Zweck ihrer Erscheinungen aufzeigt. Die Frucht wird nicht geboren. Sie ist erst Keim, dann Stengel, darauf Knospe, Blüthe, und dann kommt sie als Frucht hervor. Wir dürfen daher in Hinsicht der Regierung keine Wirkung erwarten, die der entgegen gesetzt sei, welche sie im Ursprunge verräth, sondern bloß eine vollkommenere Entwickel ung ihres Prinzips, die sie in größerm Umfang ihren Zweck erreichen läßt.
Die Anhänger des Naturzustandes sehen freilich, selbst in der vollkommensten Stufe der Regierung, ein Mittel, dem Menschen den vollkommensten Gebrauch seiner Kräfte zu entziehen. Sie betrachten die Regierung als das große Hinderniß der Entwickelung des Menscben, ohne zu bedenken, daß selbst durch Hindernisse, des Menschen vielartige Anlagen aus ihrem Schlummer geweckt werden.
Sei auch der Naturzustand beneidenswerth, so ist doch entschieden, daß durch den Kampf für Freiheit einzig und allein, in welchen der Mensch durch den Zwang versetzt wird, den ihm die Regierung bereitet, mehrere seiner Kräfte in Bewegung gesetzt und entwickelt werden. Sollten diese in ewiger Letha rgie versenkt bleiben? .Nie ihrer Evolution theilhaftig werden? Die Keime sind da, Entwickelung ist ihr Ziel. Hier hat der Mensch keine Wahl. Er muß das werden, wozu ihn die Natur bestimmte, und sich zu dem entfalten, was er in sich umher trägt. Wenn sich die Natur hierzu der Regierung als Mittel bedient, so wird und kann der Mensch sich ihr nicht entziehen. Regierung ist die mächtigste Triehfeder der Idee der Menschheit, die sich in immer größerm Umfang durch sie entwickelt. Von ihr vermag sich der Mensch nicht loszusagen in dem Zustande des Instinkts, worin er sich bei der ersten Stufe ihrer Entwickelung befindet. In diesem Zustande hat der Mensch nicht das Vermögen zu wählen. Er wird fortgerissen, mit seines gleichen zu huldigen der Macht, die über ihn waltet.
Gewahre er auch in ihrem Wilrken, in ihrem Einfluß auf ihn, den Druck, die Geißel die sie über ihn schwingt, so wird er doch die Vortheile erkennen, die sie ihm gewährt, und überha upt bei der Entwickelung seiner Kräfte, welche die Regierung veranlassen mag, nicht für den Zustand der Unabhängigkeit die ehmalige Empfänglichkeit hegen.
Ich will desfalls nicht die Unvollkommenheiten, die der ersten Entwicklungsstufe der Regierung eigen sind, verdecken, sondern bloß die Rechtmäßigkeit ihres Daseins aus der Natur herleiten, und den Satz aufstellen: daß sie in ihrem ersten Entfal ten keineswegs eine Richtung erhielt, die ihrem Zweck entgegen war, sondern die demselben vielmehr entgegen kam; und ob sie ihn gleich nicht in seiner Vollkom menheit aufstellt, sie doch in ihrer Wirksamkeit ihrer Bestimmung entspricht: in einem individuellen Kreis von Menschen, die Idee der Menschheit Wurzel fassen zu lassen.
Daß es nur bei einem bestimmten Kreise war, wo die Regierung diese Idee aufregte; daß die Idee der Menschheit in Vaterlandsliebe, National-Anhängliclikeit, oder in einen Volksgeist (Religion) sich auflöste; daß die Regierung nur den ihr ergebenen Volkskreis ihres Einflusses würdigte, dieß lag an der Beschränktheit der Idee der Regierung von sich selbst.
Sie wähnte sich nur für den Volkshaufen, für den Boden, für .die Handlungsweise, welche ihr vorgeworfen waren, bestimmt. Daher kam es denn, daß jeder andre Menschenkreis, jedes andre Land, jede andre Verfassung ihr ein argwöhnisches Gefühl aufregte, wenn eines von ihnen durch seine Macht ihr furchtbar war. Sie zog sich daher oft zurück, löste alle Vereinigungspunkte mit dem Nebenbuhler, wodurch sich natürlich ein gewisser Grad von Na tionalhaß entfalten mußte. Und daher geschah es den wieder: daß, wenn die Ohnmacht des Nachbars einer Regierung Hoffnung ließ, ihre eigne Cröße und ihren Einfluß zu verstärken, der Eroberungssucht .genügt ward, und zwar in dem Grade, daß ein Volk nicht allem seine Verfassung, seine Religion zenichtet, sondern auch seiner eignen Auflösung.entgegen sehen mußte. Er ward seinem Boden entrissen, und in dem Kreise seiner Überwinder als Eigenthum vertheilt. So entstanden Sklaven, Heloten, Odaliken, Leibeigne der Reihe nach, in dem gesellschaft lichen Kreis der Menschen.
Defalls finden wir auch in den Annalen der ersten Entwickelungsstufe der Regierung, das Verzeichniß so vieler untergegangener, dahingeschiedener Religionen, Verfassungen und Völker. Jede Regierung glich in gewissem- Grade der Hydra, die alles um sich her zerstört und vernichtet.
Indeß, allmählich löste sich eines Theils der Egoismus der Regierung auf, und wir werden nun, mit heilsamen Folgen für die Menschen, ihr Prinzip in höherem Grade sich entwickeln sehen.