EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Alexander von der Marwitz

* 04.10.1787 in Berlin
† 11.02.1814 in Montmirail/Frankreich

Alexander von der Marwitz (1787-1814) war preußischer Adeliger, Offizier und Freund Rahel Varnhagen von Enses. Er nahm am Streifzug Ferdinand von Schills teil und kämpfte dann im österreichischen Heere. Im Jahre 1813 diente er in russischen und zu Begi
Alexander von der Marwitz (1787-1814)

Alexander von der Marwitz wurde am 04.10.1787 als Sohn des Behrendt Friedrich August von der Marwitz (1740-1793) und seiner Ehefrau Susanne Sophie Marie Louise, geborene Dorville (1759-1809) geboren. Er war der jüngere Bruder des späteren preußischen Generalleutnants Friedrich August Ludwig von der Marwitz, der nach dem Tode des Vaters quasi der Vormund wurde.

Seine Kindheit verbrachte er im stetigen Wechsel zwischen der preußischen Hauptstadt Berlin und dem Landgut der Familie in Friedersdorf. Im Sommer 1794 gab man den Knaben in die Obhut des Küstriner Hofpredigers Arens. Hier wurde er wohlbehütet aber auch streng erzogen und legte somit auch die Grundlagen für das spätere Wissen seines Schützlings. Im Alter von 14 Jahren verließ er mit einer an Gedankenreife überraschenden Rede Abschied von Lehrern und Schülern und begab sich nach Berlin. Dort besuchte er noch dreieinahlb Jahre das Gymnasium Zum Grauen Kloster. Er lernte in jener Zeit die Söhne Büschings, Adelungs und Köpkes kennen. Auch pflegte er in jener Zeit Kontakt mit dem ältesten Sohn des späteren preußischen Militärreformers Scharnhorst Wilhelm, der kurz zuvor in preußische Militärdienste trat. Auch Augsute Louis Staël-Holstein, den ältesten Sohn der französischen Schriftstellerin Anne Germain de Staël-Holstein lernte er in jener Zeit kennen. Hier wurde auch schon sein großes Interesse für Geschichte deutlich. So suchte er im Alter von gerade einmal 16 Jahren den Historiker Johannes von Müller auf und dankte ihn für dessen »Schweizergeschichte«. Diese Beziehung wurde jedoch von seinem älteren Bruder deutlich missbilligt, wie dieser mit folgender Beschreibung des Historikers zeigte:

Johann von Müller war ein kleines, grundhäßliches Kerlchen mit einem Spitzbauch und kleinen Beinchen, einem dicken Kopf immer glühend von vielem Fressen und Saufen, mit Glotzaugen, die weit aus dem Kopf heraus standen und beständig rot unterlaufen waren […]

Der jüngere von der Marwitz tolerierte die Abneigung seines Bruders, ordnete sich jedoch nicht dessen Antiparthien unter.

Marwitz studierte ab Ostern 1804 an der Universität Frankfurt/Oder die Rechte. Doch schon im folgenden Jahr wechselte er an die Universität Halle. Hier studierte er bei Wolf. Das von Müller ausgestellte Empfehlungsschreiben an diesen lautete:

Diesen Gruß bringt Ihnen Alexander von der Marwitz. Ich brauche ihn nicht zu empfehlen, weil Sie selbst bald sehen werden, wieviel in ihm ist.

Doch nach 1 ½ Jahren verließ er auf Bitten seines Bruders Friedrich August Ludwig von der Marwitz die Universität und kehrte kurz vor der Schlacht von Jena nach Friedrichsdorf zurück. Hier verwaltete er für seinen älteren Bruder, der als Rittmeister durch den Fürsten Hohenlohe angefordert war, das Familiengut während des preußisch-französischen Krieges. In dieser Stellung konnte er sein reichhaltiges Wissen und Können als Gutsverwalter zeigen. Nur einmal, im Winter 1806/07 hätte sein Temperament nicht nur das Gut sondern auch sein eigenes Leben in Gefahr gebracht.

So fühlte er sich durch seine Nachbarn zu Unrecht behandelt und suchte diese auf eine Weise zu rächen, die von den damaligen französischen Besatzungsregime als ein Missbrauch der Gewalt gesehen und bestraft werden musste. So wurde er nachts durch französische Gendarmen von seinem Gute geholt und in Fesseln nach Küstrin gebracht. Man hielt ihn schon für verloren, doch durch die Fürsprache von Freunden wurde diese Angelegenheit schließlich gütlich geregelt.

Als sein älterer Bruder im Oktober 1807 aus dem Kriege heimkehrte war er von der herrschenden Ordnung trotz Kriegszeiten überrascht. Im Zuge der aus dem Friedensvertrag von Tilsit notwendigen Reduzierung des preußischen Militärs wurde auch das Marwitzische Freikorps, das in Preußen und Pommern gebildet wurde, entwaffnet und entlassen.

Er ging nun nach Memel, wo sich der preußische Hof befand, und schloss sich der preußischen Reformbewegung an. Seine Persönlichkeit begeisterte die Herzen und Niebuhr bot ihm eine Stelle als preußischer Staatsrat an.

Doch noch ehe die Verhandlungen abgeschlossen waren, schloss sich im April 1809 dem Streifzug des Majors von Schill in das Königreich Westphalen an. Doch schon auf dem Wege nach Stralsund trennte er sich von Ferdinand von Schill, da er dessen kopfloses Handeln erkannte und nicht bereit war dieses weiter zu unterstützen. Die Unterhandlungen über einen Posten als Staatsrat wurden nach seiner Rückkehr nach Berlin nicht wieder aufgenommen.

Er schloss sich im gleichen Jahr noch dem österreichischen Chevauxler Regiment Klenau ein. Er diente im gleichen Regiment wie sein jüngerer Bruder Eberhard, der jedoch auf dem Schlachtfeld von Aspern sein Leben verlor. Alexander von der Marwitz nahm an den letzten Kampfhandlungen des österreichisch-französischen Kriegs von 1809 teil. So kämpfte er bei Wagram und Znain und blieb auch nach dem Friedensschluss bis zum Herbst 1810 in österreichischen Kriegsdiensten. Sein Hass auf Napoléon gemischt mit einem stillen Versprechen, den von Schill begonnenen aber kopflos geführten Kampf mit ausreichenden Mittel fortzusetzen, waren sein Antrieb.

Der Schriftsteller Theodor Fontane beschrieb in seinem Werk »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« eine Episode aus der ersten Zeit nach Kriegsende 1809:

Krank war er [Marwitz] nach Olmütz gekommen, wo er Quartier in einem Gasthofe nahm. Der Wirt, ein roher und heftiger Gesell, erging sich – aus Motiven, die nicht klar geworden sind, vermutlich aber ohne alle und jede Veranlassung – in heftigen Insulten gegen Marwitz und drang endlich auf diesen ein. Marwitz zog den Degen zu seiner Verteidigung und stieß den Angreifer endlich nieder. Dieser Vorgang machte großes Aufsehen und auf Marwitzens Gemüt einen tiefen und nachhaltigen Eindruck. Denn wiewohl er nur Notwehr gebraucht und den Ausspruch der Gerichte sowohl wie die öffentliche Meinung für sich hatte, so suchte er doch seitdem die Reizbarkeit und den Jähzorn seines Charakters strenger zu bewachen.

Im Herbst 1810 kehrte von der Marwitz in die preußische Hauptstadt Berlin zurück. Hier vertiefte er seine bereits im vorigen Jahr gemachte Bekanntschaft mit Rahel Levin. Aus den Briefen von Levin ist die Charakteristik des preußischen Offiziers, der ein Kind seiner Zeit war, deutlich erkennbar.

Im Jahre 1811 ging von der Marwitz erneut nach Friedersdorf. Hier übernahm er erneut, da sein Bruder Friedrich August Ludwig von der Marwitz in Spandau eine Festungshaft wegen seines Eintretens für die ständische altpreußische Ordnung antreten musste, die Verwaltung des Familienguts. Doch durch diesen Aufenthalt wurde der jüngere von der Marwitz, dem die Gespräche mit Levin fehlten, schwermütig, doch schien sich am Ende der Trübsinn durch neuen Hoffnungen zu verflüchtigen. So schrieb er an die Freundin in Berlin:

Mit mir wird es besser. Zwar will mir das Herz noch zuweilen erkranken, aber ich gebiete ihm Ruhe. Wille und Tätigkeit bändigen es. Machen Sie sich meinetwegen keinen Kummer. Untergehen kann ich, aber mir zum Ekel, anderen zur Last leben, das kann ich nicht. Und das ist doch noch sehr glücklich. Ich habe in dieser Zeit zuweilen an den Selbstmord gedacht, aber immer ist er mir vorgekommen wie eine verruchte Roheit.«

Er kehrte im Sommer 1811 nicht nach Berlin zurück sondern zog nach Potsdam und dort in den Dienst der Regierung zu treten. Gleichzeitig beabsichtigte er ein juristisches oder ein kameralistischen Abschluss zu erwerben. Als er sich später an die Ablegung des Examens machte, sollen – so die Überlieferung Fontanes die Prüfer erklärt haben, »dass es sich bei dem glänzenden und vielseitigen Wissen des zu Examinierenden nur um die Erfüllung einer Form handeln könne, deren Innehaltung ihnen Verlegenheit bereite«.

Während seiner Zeit in Potsdam verkehrte er fast täglich mit seiner Berliner Freundin Rahel Levin in Briefen und verfasste zahlreiche politische und staatswissenschaftliche Memoires. So schien er es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, in den Charakter Napoléons einzudringen.

Als die in Russland geschlagene Grande Armée Napoléons Anfang des Jahres 1813 nach Preußen zurückkehrte war der Adelige bei der Potsdamer Regierung angestellt. Er verließ sofort seine Stellung um schon im Januar 1813 nach Ostpreußen zu gehen. Hier half er mit, dass sich die ostpreußische Provinz für die Russen und den General Yorck entschied und die Aufstellung der Landwehr einleitete.

Als der russische Oberst von Tettenborn  mit seinem Reiterkorps über die Weichsel kam, schloss er sich diesem an. Als man in die Neumark vordrang bemühter er sich den russischen Offizier zur Einnahme von Frankfurt/Oder, Seelow und anderen kleinen Städten zu überreden, in denen die Franzosen standen. Doch Tettenborn  folgte diesem Ansinnen nicht und rückte mit seinen Korps im schnellen Vormarsch auf die preußische Hauptstadt vor.

Da diese Bewegung jedoch keinen militärischen Nutzen hatte und nur der Eitelkeit des russischen Offiziers schmeicheln sollte, betrieb er seinen Eintritt in die preußische Armee. Doch die Unruhe und Unrast die ihn trieb, konnte er nicht ertragen und blieb zunächst bei den Russen. So kämpfte er im April 1813 bei Lüneburg unter dem ehemaligen westphälischen Offizier Wilhelm von Dörnberg und konnte der Vernichtung des Korps des Generals Morand beiwohnen. Nun stand er in den Reihen von Tschernyschow und wurde schließlich General Beneckendorff beigegeben und zeichnete sich bei Halberstadt und Leipzig aus.

Kurz nach Ende des Waffenstillstands am 15.08.1813 wurde von der Marwitz bei Wittenberg schwer verwundet. Er griff mit den russischen Kosaken ein Karee polnischer Infanterie an. Als ihm sein Pferd unter dem Leib erschossen wurde, kehrten die Kosaken um und ließen ihn zurück. Ein polnischer Soldat trat aus dem Karee heraus und hieb mit dem Säbel auf den Offizier ein. Alexander von der Marwitz versuchte sich mit dem Arm vor den schweren Säbelhieben zu schützen. Dieser wurde mit samt der Hand bei der Gelegenheit total zerhackt und zerhauen. Erst als ein Offizier, es war der spätere polnische Generalisimus Szymanowsky aus dem Karee hervortrat wurde das Treiben beendet. Er wurde gefangengenommen und zunächst nach Wittenberge und dann nach Leipzig gebracht, wo die medizinische Versorgung zu wünschen übrig ließ. Von Leipzig aus gelang ihm die Flucht unter vielen Abenteuern und Gefahren nach Prag, wo er am 15.09.1813 eintraf. Hier wurden seine Wunden geheilt, doch blieb die Hand steif und unbrauchbar. Erst im Dezember 1813 konnte erst Mitte Dezember die Stadt verlassen.

Nach einer Begegnung mit Rahel Levin, die sich auch in Prag aufhielt, eilte er der Armee hinterher. Zunächst erreichte er Wiesbaden und ging dann nach Frankfurt/Main wo er beim Gneeral von Pirch, der die 1. Brigade im Armeekorps des Generals Yorck führte. Hier fühlte er sich, da die Idee des großen Kampfes nirgendwo stärker als in diesem Armeekorps ausgeprägt war, wohl.

Am 01.01.1814 überschritt die Brigade den Rhein und es folgten die Gefechte bei Brienne und La Rothière, die den Kampf auf französischen Boden einleiteten. Auch bei Champeaubert und Montmirail. Hier warf sich der französische Kaiser auf die russischen Verbände unter Sacken. Als dieser, der die Situation leichtfertig heraufbeschworen hatte, beim nahestehenden Yorckschen Armeekorps um Hilfe nachsuchte, erhielt die Brigade von Pirch den Auftrag, den bedrängten Russen beizustehen und zumindest deren Vernichtung zu vereiteln. Doch der Angriff an deren Spitze Otto von Pirch und von der Marwitz stürmten, scheiterte. Der Brigadekommandeur wurde verwundet und Alexander von der Marwitz fand den Tod durch eine französische Flintenkugel in der Schläfe.

Zunächst hatte man noch die Hoffnung, dass er schwer verwundet in die Hände des Gegners geraten war. Doch er wurde in einem Massengrab auf dem Schlachtfelde beigesetzt.

Sein älterer Bruder Friedrich August Ludwig von der Marwitz charakterisierte ihn in seiner Biographie »Aus dem Nachlass Friedrich August Ludwig von der Marwitz« mit folgenden Worten:

Die Welt erlitt an ihm einen großen Verlust. Er war ein außerordentlicher Mensch im Wissen wie im Handeln. Er würde das Höchste geleistet haben, wenn er erst zur inneren Beruhigung gelangt wäre.«

Wie schon für seinen jüngeren Bruder Eberhard von der Marwitz errichtete Friedrich August Ludwig von der Marwitz auch für seinen Bruder Alexander ein Denkmal, dass folgende Inschrift trug:

Christian Gustav Alexander v. d. Marwitz, geb. den 4. Oktober 1787. Lebte für die Wissenschaften. Erstieg deren Gipfel. Redete sieben Sprachen. Wahrete dieses Vatergutes 1806 und 1807, wie der Bruder zu Felde lag. Von Freiheitsliebe ergriffen, focht er 1809 in Österreich bei Wagram und Znaym. Diente 1813 dem Vaterlande. Schwer verwundet und gefangen, befreite er sich selbst. Wieder genesen focht er in Frankreich und fiel dort bei Montmirail den II. Februar 1814. Sein Vater war Behrend Friedrich August v.d. Marwitz, seine Mutter Susanne Sophie Marie Luise von Dorville. Hier stand er hoch, dort höher. Seinem Andenken gesetzt von seinem Bruder.«

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