EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Friedrich August Ludwig von der Marwitz

* 29.05.1777 in Berlin
† 06.12.1837 in Friedersdorf

Friedrich August Ludwig von der Marwitz (1777-1837) war preußischer General und konservativer Adeliger, die Stein-Hardenbergischen Reformen konsequent ablehnte. Berühmt wurde er durch die Lebuser Denkschrift aus dem Jahre 1811.
Friedrich August Ludwig von der Marwitz (1777-1837)

Friedrich August Ludwig von der Marwitz wurde am 29.05.1777 als Sohn des Königlichen Kammerherrn Behrend Friedrich August von der Marwitz (1740-1793) und seiner Ehefrau Susanne Sophie Marie Louise, geborene von Beville (1759-1809), geboren.

Die Familie von der Marwitz entstammte dem märkischen Uradel und wurde erstmals im Jahre 1259 urkundlich erwähnt. Zahlreiche Söhne der Familie, alle seine männlichen Vorfahren, entschieden sich für den Soldatenberuf und so ist es nicht verwunderlich, dass die Familie bis zum Ende des friedizianischen Zeitalters alleine 11 preußische Generäle stellte und auch zwei mal ein von der Marwitz an der Spitze des angesehenen Regiments Gensdarms gestanden haben, dessen Offizierskorps nur aus den Söhnen der angesehensten Familien stammten. Im Jahre 1790 - im Alter von nur 13 Jahren - trat er in das Kürassier-Regiment Gensdarmes als Kornett ein. Als er gerade einmal 15 Jahre alt war verstarb der Vater und so musste sich der angehende Offizier sich neben seinen militärischen Pflichten auch um das Wohl der Mutter und seiner jüngeren Geschwister kümmern.

So übernahm er auch die Verantwortung für das elterliche Gut Friedersdorf bei Seelow im Oderbruch. In dieser Zeit pendelte er oft zwischen dem Marstall in Berlin und dem Oderbruch hin und her. Seine ersten Kriegserfahrungen sammelte der junge Adelige bei der Niederschlagung des polnischen Aufstandes. Sein Regiment wurde im Herbst 1794 von Berlin nach Polen verlegt. Hier machte er auch die Erfahrung, dass die zum preußischen Militärdienst gepressten Polen die Chance nutzten und in großer Zahl desertierten.

Während seiner Zeit als Offizier des vornehmen Regiments Gensdarmes hatte von der Marwitz auch häufig Gelegenheit bei Hofe zu verkehren. Schon als Fahnenjunker wurde er dem königlichen Prinzen vorgestellt und als Leutnant nahm er des öftern an Hofbällen teil. Bei der Beisetzung König Friedrich Wilhelm II. trug von der Marwitz die Reichsinsignien vor dem Sarg her.

Mit König Friedrich Wilhelm III. war er bereits persönlich bekannt, jedoch entstand zwischen den beiden unterschiedlichen Männern kein Vertrauensverhältnis. So schnitt der König den jungen Offizier beispielsweise über Jahre, als dieser die kindische Freude des Monarchen über kleine Veränderungen an der Uniform kritisierte. Er war es auch, der in seinen Memoiren das zauderhafte Verhalten des Königs so stark kritisierte wie kein anderer Zeitgenosse.

Nachdem Friedrich August von der Marwitz bereits im Juli 1802 sich mit Sophie Franziska von Brühl, der Enkelin des ehemaligen sächsischen Premierministers Heinrich von Brühl (1700-1763), verlobte hatte, bat er den König um den Abschied. Im folgenden Monat konnte er im Range eines Premierleutnants den Uniformrock an den Nagel hängen und sich um sein Gut Friedersdorf mit vollem Einsatz widmen. Im Sommer 1803 wurde die Ehe geschlossen, doch nacxh kaum einjähriger Ehe musste er seine Ehefrau zur letzten Ruhe betten. Auf dem Grabstein ließ er schreiben: »Hier ruht mein Glück«. Die Beziehung des jungen Paares war sehr innig und liebevoll.

Inzwischen war Europa im Umbruch. Österreich hatte sich mit Russland verbündet um gegen Kaiser Napoléon in den Krieg zu ziehen. Aus Sicht des Adeligen wäre es preußische Verpflichtung gewesen, ebenfalls die Waffen zu erheben und gegen Frankreich zu marschieren. So ersuchte er König Friedrich Wilhelm III. um seinen Wiedereintritt in die Armee. Dieser stimmte zu und unter gleichzeitiger Beförderung zum Rittmeister wurde er Adjutant des Fürsten von Hohenlohe.

Zunächst zögerte der preußische König noch und als er bereit war, die Waffen als Verbündeter Österreichs und Rußlands zu erheben, konnte Napoléon die beiden Verbündeten in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz am 02.12.1805 vernichtend schlagen. Der Rittmeister erbat erneut seinen Abschied und zog sich enttäuscht auf sein Gut zurück. Zum einen lag diese Haltung an der zaudernden Entschlusskraft des Königs aber auch an der überwiegend frankophilen Einstellung des Berliner Hofes. Auch wirtschaftlich musste er durch ein großes Feuer auf seinen Gütern den Verlust der Vorjahresernte und von Ställen und Scheunen verkraften.

Rittmeister Friedrich August Ludwig von der Marwitz zog sich enttäuscht auf sein Gut Friedersdorf zurück und nahm zum zweiten Mal seinen Abschied aus dem aktiven Militärdienst, da er sowohl von der zaudernden Haltung des Königs als auch von der frankophilen Einstellung des Berliner Hofes enttäuscht war. Zugleich musste er aber auch durch ein Feuer auf seinen Gütern hohe Verluste tragen. So wurde sowohl die Ernte des Vorjahres als auch Ställe und Scheunen Opfer des Feuers.

Als Kaiser Napoléon im Jahre 1806 das ehemalige Königreich Hannover, das er zwei Jahre zuvor an Preußen verschenkte, zurückerhalten wollte, standen die Zeichen in Europa erneut auf Krieg. Ein preußisches Ultimatum, das der französische Souverän verstreichen ließ, führte schließlich zum Krieg zwischen Preußen und Frankreich.

Im Jahre 1806 wollte Napoléon das ehemalige Königreich Hannover - 1803 an den preußischen Staat gefallen - zurück erhalten. Ein preußisches Ultimatum ließ der französische Kaiser erfolglos verstreichen und so überschritt er im September 1806 die preußische Grenze und missachtete so die Neutralität des Staates.

Bei der Vorbereitung des Feldzuges forderte der Fürst Hohenlohe Marwitz erneut als Adjutanten beim König an. Dieser entsprach dem Wunsch seines Befehlshbers.So nahm Rittmeister von der Marwitz am 14.10.1806 bei Jena an den Kampfhandlungen teilnehmen. Hier zeichnete er sch durch große persönliche Tapferkeit aus. Obwohl ihm ein Pferd unter dem Leib erschossen und der Hut von Kugeln durchlöchert war, führte er mehrmals wankende Regimenter auf das Schlachtfeld zurück.

Er blieb in den folgenden Wochen an der Seite des Fürsten und geriet mit ihm zusammen bei der kampflosen Kapitulation der Festung Stettin in französische Kriegsgefangenschaft. Neben dem Fürsten von Hohenlohe gerieten bei dieser Gelegenheit auch der Oberst Christian von Massenbach, Generalquartiermeister der preußischen Armee, in Gefangenschaft. Der Rittmeister konnte sich jedoch über Dänemark und Schweden ins ostpreußische Memel durchschlagen, wo der König sich aufhielt.

Er bat den König um die Genehmigung ein Freikorps aufstellen zu dürfen, was zunächst jedoch abgelehnt wurde. Erst 1807 erhielt der Rittmeister die Genehmigung und durfte 300 Infanteristen und 700 Reiter zusammenstellen und bewaffnen. Er erreichte an der Spitze seines Freikorps die Insel Rügen, wo er einen schwedisch-englischen Vorstoß in Rücken Napoléons unterstützen wollte. Doch durch den Waffenstilltand im Juli 1807 war er gezwungen sein Unternehmen aufzugeben und sein Korps aufzulösen.

Nachdem Friedensschluss begab sich der entlassene Rittmeister zurück auf sein Familiengut im Oderbruch, dass er wiederaufbaute.

Im Jahre 1809 schloss er eine zweite Ehe mit Caroline, geborene Gräfin von Moltke (1780-1848), einer Hofdame Königin Luises, und bekam mit ihr 9 Kinder, wobei 8 das Wochenbett überlebten. Diese Ehe schien jedoch nicht so glücklich zu sein, wie seine erste kurze Ehe. Doch nur der jüngste seiner drei Söhne, Bernhard von der Marwitz (1824-1880) wurde nach dem Tode des Vaters Majoratsherr auf Friedersdorf.

In Preußen etablierte sich eine Reformbewegung unter Führung des Freiherrn von Stein und Hardenberg, die aus dem am Boden liegenden preußischen Staat einen modernen Verwaltungsstaat entwickeln wollten. So setzte Hardenberg vordergründig auf eine starke wirtschaftliche Lösung anstelle einer ausschließlich moralischen Neuorganisation des Staates. Friedrich August Ludwig von der Marwitz stellte sich die Frage, ob das Staatswohl eher auf ökonomischen oder auf moralischen Prinzipien aufgebaut werden müsse. So trat er im Jahre 1811 als Politiker in Erscheinung als er die »Lebuser Denkschrift« an den König richtete und fragte, ob »unser altes, ehrwürdiges Brandenburg-Preußen ein neumodischer Judenstaat werden soll?«

Für den ehemaligen Offizier und konservativen Adeligen waren die Reformen unverständlich. So konnte er sich nicht damit anfreunden, dass die Bauern aus ihrer Erbuntertänigkeit gegenüber dem Gutsbesitzern entlassen wurden oder auch Bürgerliche nun Adelsgüter erwerben konnten. Für ihn bildete der adelige Großgrundbesitzer die wahre Basis und Machtposition im preußischen Staatwesen. Durch die preußischen Reformen wurden ungeschriebene Verträge zwischen König und dem preußischen Adel aufgekündigt, die seinerzeit die Macht der Adeligen an den König delegierte. So fürchtete er, dass das finanzkräftige städtische Bürgertum durch den Aufkauf ihrer angestammten Güter verdrängen werde. Die Macht des preußischen Adels lag im vorhandenen Grundbesitz.

Auch wandte er sich gegen die Reformbestrebungen innerhalb der preußischen Armee. Für ihn war die Öffnung des Offizierskorps gegen die traditionelle Vormachtstellung des Adels im Staat gerichtet. So war es in vielen Familien üblich, dass auf Grund des kargen Landes der Familienbesitz nicht aufgeteilt wurde und die jüngeren Söhne der Familie ihr Auskommen durch Offiziersstellen fanden.

Seine antijüdischen Befürchtungen richteten sich überwiegend gegen liberale Mitarbeiter des Grafen von Hardenberg. Er hielt die liberalen Ideen von bürgerlich-jüdischen Kreisen beeinflusst. Schließlich sollte auch im Jahre 1812 die Emanzipation der preußischen Juden Realität werden.

Im Jahre 1811 ließ Staatskanzler Hardenberg von der Marwitz, der Landmarschall der Lebuser Lebuser Stände war, verhaften. Gleichzeitig wurde auch Friedrich Ludwig Karl Fink von Finceknstein verhaftet, der an der Erstellung der »Lebuser Denkschrift« mitgewirkt hatte. Beide wurden auf der Festung Spandau inhaftiert. Dank der Intervention des jungen Kronprinzen Friedrich Wilhelm dauerte die Inhaftierung nur fünf Wochen.

Dieser Auffassungen blieb von der Marwitz sein Leben lang treu und er versuchte noch im hohen Alter die Reformen von Stein und Hardenberg zu bekämpfen. Der Schriftsteller Theodor Fontane beschrieb in mit folgenden Worten:

Die Marwitze haben dem Lande manchen braven Soldaten, manchen festen Charakter gegeben, keinen aber braver und fester, als Friedrich August Ludwig von der Marwitz, dessen Auftreten einen Wendepunkt in unserem staatlichen Leben bedeutet. Erst von Marwitz´ Zeiten ab existiert in Preußen ein politischer Meinungskampf.

Der Historiker Heinrich von Treitschke bezeichnete ihn um das Jahr 1880 als »Urbild des brandenburgischen Junkers« der voller »feuriger Vaterlandsliebe, aber auch voll harter Vorurteile, so naiv in seinem Standesstolze, daß er an die rechtliche Meinung seines Gegners kaum zu glauben vermochte«.

Er sehnte sich nach einem Vaterland, dass es in der Realität nicht mehr gab, das durch die soziale Realität überholt wurde. Er strebte ein vom Adel dominiertes Preußen an und nicht, wie viele seiner Waffengefährten der Befreiungskriege, ein einiges deutsches Vaterland.

Im Jahre 1813 bat von der Marwitz erneut um die Reaktivierung zum aktiven Militärdienst. Er bemühte sich um die Ausbildung der neu geschaffenen preußischen Landwehr. Im Gefecht um Wittenberge am 07.06.1813 führte er eine Landwehrbrigade erfolgreich gegen den Feind. Für die Kämpfe um Magdeburg wurde mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet. Auch am Feldzug des Jahres 1815 nahm der Offizier teil. Als Oberst kämpfte er an der Spitze des 8 Ulanenregiments erfolgreich bei Ligny und Namur. Fürdiese Waffentat verlieh Friedrich Wilhelm III. ihm später den Orden Pour le Merite. Auch nach dem Krieg blieb er im Militärdienst und führte die 5. Kavalleriebrigade. Im Jahre 1817 erfolgte seine Beförderung zum Generalmajor. Zehn Jahre später schied der angesehene und kritische Offizier erneut aus dem Soldatenstande.

Nach dem Ausscheiden aus der Armee widmete er sich seinem Gut Friedersdorf und war zugleich Landtagsmarschall der brandenburgischen Provinziallandtage. In den letzten Lebensjahren bedachte ihn Kronprinz Friedrich Wilhelm mit zahlreichen Geschenken und Anerkennungen.

Bereits im Jahre 1807 schrieb Friedrich Erhard von Röder über den Soldaten:

Er war ein ungewöhnlicher Mensch und Soldat, kräftig an Leib und Seele, ritterlich, voll Verstand und Scharfblick, geistreich, lebendig, mit gründlichen Kenntnissen ausgestattet, ein wahrer Christ“

Nun widmete er sich mit voller Kraft seinem Familiengut Friedersdorf und war weiterhin Landmarschall des brandenburgischen Provinziallandtages. In den letzten Lebensjahren wurde er von Kronprinz Friedrich Wilhelm mit zahlreichen Geschenken und Anerkennungen bedacht.

Generalmajor Friedrich August Ludwig von der Marwitz starb am 06.12.1837 auf seinem Familiengut im Kreise Seelow.

 

Da er Angst hatte, lebendig begraben zu werden, regelte er schon frühzeitig den Ablauf seiner Beisetzung. So sollte die Leiche in einem luftigen Zimmer liegen, bis sich erste deutliche Zeichen von Verwesung zeigten. Auch ordnete er an, dass er in seiner vollständigen Generalsuniform nebst Orden. Sein Säbel sollte während der Trauerfeier auf einem Kissen neben dem Sarg liegen und auch für den Ablauf der weiteren Begräbniszerimonie und Prozessionsordnung legte er genaue Vorgaben, die auch von der Familie umgesetzt wurden.

Er wurde, ebenso wie seine beiden Ehefrauen, seine Brüder und Söhne, nicht mehr in der Friedersdorfer Kirche sondern im Familiengrab an der Friedhofsmauer begraben.

Auch in der Literatur ging der kämpferische Adelige in die deutsche Literaturgeschichte ein. So nahm Theodor Fontane ihn als Vorbild für die Figur des Berndt von Vitzewitz im Roman »Vor dem Sturm«.

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