An die Frau Gräfinn Apolline von Wittgenstein, nach einem Spaziergange an einem schönen Frühlingsmorgen zu Stuttgart

O Freundinn! o! wie schön ist die Natur!
Wie gut ist unser Gott! wie weis´ und gut!
O! laß mein Herz, das noch von Wollust schwillt,
In Lobgesang zerfließen, danken mich
Dem Ewigen für seine schöne Welt,
Für jedes Blatt, für jede Blüthe, die
Wir rochen, und für jede Blume, die
Wir pflückten, und für jedes Gräschen, das
Wir unvermerkt zertraten: für den Hauch
Des Morgens, der uns frische Lebenskraft
Durch alle Adern blies. – Noch seh´ ich sie,
Noch fühl´ ich sie, so stark man fühlen kann,
Die Pracht der Sonne, da sie schüchtern sich
Von ferne zeigte, da den queeren Stral
Mein lüstern Auge umgeblendet sog;
Bis immer höher sich die Königinn
Erhob, undihren goldenen Stralengurt
Um Kanstadts traubenreiche Hügel schlang.
Noch hör´ ich den Gesang der Nachtigal
Im Dickicht – und vergäßest Du das Nest,
Das ich im Busche fand? Wie hüpften da
Die Herzen Deiner Kleinen? Da ich sanft
Empor  sie hub, daß etwa nicht ein Stoß
Zerrüttete das weichgebaute Nest.
Wie starre nach den bunten Eiern hin
Ihr rascher Blick! Doch streckten sie die Hand
Nicht aus, zu haschen, was das Aug´ verschlang:
Doch wünschten sie das Weibchen, das betrübt
Im nahen Strauch ´ um Gnade wimmerte,
Ins Nest zurück, und Freiheit seiner Brut!
Und wie wir dann die Macht der Sympathie
Empfanden, und das Glück der Sympathie!
Wie wir in süßer Wehmuth durch den Pfad
Uns schleppten, bis auf einmal weit und schön,
Wie Eden, ein Amphitheater sich
Vor unserm nassen Aug´entfaltete.
Auf einem Rebenhügel stranden wir,
Und sahen auf das grüne Thal hinab,
Das krumm sich um die Weingebirge schlingt,
Von Berg, wo ach! Dein Sohn im Staube ruht,
Bis Heslach[1] dasin Bäumen sich versteckt.
In seiner Mitte hebet Stuttgart hoch
Sein stolzes Haupt – Wir zählten jeden Thurm,
Und jedes Haus, das nicht das Fürstenschloß,
(Ach! meine Wohnung) unserm Aug´ entriß.
Da dachten wir: »Wie wenig kennt sein Glück
Der Edle Stuttgarts, den vom dumpfen Schlaf
Die Mittagssonne weckt. Ihn lächelt nicht
Auropra zu: ihn grüßet jüngferlich
Die Sonne nicht: ihn kos´t der Zephyr nicht:
Ihn düften diese Blumen nicht: für ihn
Ist stumm die Lerche, und der Bachfink stumm.
Ihm zeiget nicht der Goldwurm seinen Gott,
Ihm lehrt die Raupe nicht Unsterblichkeit.
O wachet auf, ihr Städter! Öffnet euch
Den Freuden der begeisternden Natur,
Und schmeckt die Wollust des Allmächtigen,
Die Wollust, eine Welt beglückt zu seh´n!


[1] Zwei kleine Ortschaften [Berg und Heslach] eine Viertelstunde von Stuttgart gelegen. In dem Kirchofe der ersten lag der einzige Sohn der Frau Gräfin begraben.


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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