Felix Anton Blau

* 15.02.1754 in Walldürn
† 23.12.1798 in Mainz

Am 15.02.1754 wurde Felix Anton Blau im kurmainzischen Wallfahrtsort Walldürn geboren. Sein Vater war Bäcker, verbrachte im Schatten der Wallfahrtskirche St. Georg, wo jährlich die Wallfahrt des Blutwunders von Walldürn gedacht wird, seine Kinder- und Jugendjahre.

Felix Anton Blau geht in die Residenzstadt Mainz um dort Theologie zu studieren. Schon als Student entwickelte sich bei dem jungen Mann eine kritische Haltung gegenüber den Lehren der katholischen Kirche. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war es nicht ungewöhnlich, dass katholische Geistliche sich zu kritischen Geistern entwickelten. So lass der Student Blau die Schriften Immanuel Kants und wendete sich gegen die Intoleranz und Elemente eines mittelalterlichen Aberglaubens, die auch am Vorabend der Französischen Revolution, das alltägliche Kirchenleben bestimmten.

Nach seinem Studium wurde Blau im Mai 1779 zum Priester geweiht und zum Kaplan an St. Agatha in Aschaffenburg berufen. In der kurfürstlichen Sommerresidenz schrieb der, bereits in der Studienzeit kritische Kirchenmann, seine Dissertation »Über die Grundregeln des katholischen Glaubens«. Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal, der sich als aufgeklärter Kurfürst gab, maßregelte ihn und lies ihn die Dissertationsschrift widerrufen.

Erthal hatte während seiner Amtszeit den bildungspolitischen Nachholbedarf der katholischen Universitäten erkannt und damit begonnen, die Mainzer Universität zu reformieren. So berief er aufgeklärte Wissenschaftler, wie z.B. den Weltreisenden Georg Forster (1754-1794) oder den Anatomen Thomas Samuel Soemmering an seine Bildungseinrichtung. Im Jahre 1781 erhielt Blau einen Lehrstuhl für theoretische Philosophie und bekam zwei Jahre später die Professor für Dogmatik. Er übernahm ab dem Jahre 1785 die Leitung des Priesterseminars.

Doch schnell stieß sein freier Führungsstil im Seminar auf Kritik. So warf man ihm vor, dass die Seminaristen - durch ihn toleriert - sogenannte »gefährliche« Schriften lesen durften. Zu diesen verbotenen Schriften gehörten auch die Werke des Königsberger Philosophen Immanuel Kants, der von Blau geschätzt wurde. Insbesondere der Aufsatz »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« aus dem Jahre 1784 dürfte bei dem einen oder anderen Denunzianten die Sorge um das Seelenheil der Studenten geführt haben. Im Oktober 1788 verlor Blau sein Amt am Priesterseminar.

Im gleichen Jahr noch veröffentlichte er seine Schrift gegen den Aberglauben, wo er mit dem kirchlichen frömmelnden Wunderwesen ins Gericht ging.

Im Jahre 1789, nachdem in Frankreich die Revolution ausgebrochen ist und in Lüttich der Bischof durch aufgebrachte Bürger vertrieben wurde, endete in Mainz die Gedankenfreiheit. Erthal, ergriffen von panischer Angst vor einem Volksaufstand, ließ Briefe erbrechen und Vorlesungen an seiner Universität im Namen der Inneren Sicherheit überwachen.

Zusammen mit Anton Joseph Dorsch (1758-1819) veröffentlichte Felix Anton Blau zu Beginn des Jahres 1789 in Frankfurt anonym eine Schrift zur Verbesserung des äußeren Gottesdienstes. Die Verfasser forderten, das »mehr Ordnung und Licht« unters Volk zu bringen sei. Das Mainzer Vikariat forderte Blau, in Unkenntnis seiner Urheberschaft, auf ein Gutachten zu dieser Schrift zu erstellen. Dieses fiel naturgemäß günstig aus. Über dieses Possenspiel schrieb Blau am 03.07.1789 an seinen Freund Philipp Joseph Brunner in Tiefenbach bei Bruchsal:

Der Herr Weihbischof ließ mir sagen, daß er mir mein Votum sehr übel nehme. Was begehren sie denn Gutachten, die Despoten, wenn sie bestimmen wollen, was man sagen soll!

Im Jahre 1791 veröffentlichte Blau ebenfalls anonym »Die kritische Geschichte der kirchlichen Unfehlbarkeit«. In dieser Schrift stellte er die kirchlichen Privilegien der Gegenwart mit den Zielen der Urchristen gegenüber und der christliche Unfehlbarkeitsbeweis ist für ihn nichts anderes als eine Methode zur Zementierung orthodoxer Machtansprüche:

Alle diese schändlichen Eingriffe in die Rechte der Vernunft und die Vorschriften des Evangeliums hören auf einmal auf, wenn der Grundsatz der Unfehlbarkeit aufgegeben wird.

Blau gehörte mehreren Zirkeln und geheimen Gesellschaften an. Sein bester Freund war immer noch Dorsch, mit dem er das gleiche Haus bewohnte. Dorsch verließ im Jahre 1791 Mainz und siedelte sich in Straßburg an. Auch mit Georg Forster fanden regelmäßige Zusammenkünfte statt. Es war die Zeit in der auch die kurfürstliche Inquisition auf Professor Blau aufmerksam wurde. Man vermutete inzwischen Blau hinter den beiden anonym erschienen Werken.

Nach der Kanonade von Valny am 20.09.1792 wandelte sich das Kriegsglück. Die ungeübten revolutionären Truppen marschierten ins linksrheinische Deutschland ein und besetzten bereits am 21.10.1792 Mainz. Kurfürst  Friedrich Karl von Erthal sowie der Adel und französische Emigranten verließen Mainz beim Anrücken der blau-weiß-roten Trikolore fluchtartig.

Im Mainzer Schloss konstituierte sich sofort die »Gesellschaft der Freunde der Freyheit und Gleichheit«. Professor Blau befand sich zunächst in einem inneren Konflikt, den der Theologe Benedikt Werkmeister im Jahre 1809 so beschrieb:

[Blau] liebte Aufklärung und Freiheit, und wünschte auch ihre Verbreitung, aber nicht durch revolutionäre Mittel.

Dorsch, der sich in seiner Straßburger Zeit zu einer führenden Persönlichkeit der deutschen Emigranten entwickelte, überzeugte Blau und gemeinsam agitierten die Freunde innerhalb und außerhalb der »Gesellschaft der Freunde der Freyheit und Gleichheit« für einen politischen Wandel. Blau verschickte Flugschriften und schrieb Artikel für den »Patrioten« - einer Wochenzeitschrift – in denen er die Vorzüge der neuen Freiheit pries.

Als im Februar und März 1793 in den französisch besetzten Gebieten im Mainzer Umland Deputierte für den rheinisch-deutschen Nationalkonvent – dem ersten demokratischen Parlament auf deutschen Boden – gewählt wurden, kandidierte er erfolgreich für Badenheim.

Am 17.03.1793 trat morgens um 9 Uhr das Plenum des rheinisch-deutschen Nationalkonvents im Deutschordenshaus zu Mainz erstmalig zusammen. Das Plenum tagte öffentlich und die radikale Fraktion der »Jakobiner«, der auch Blau angehörte, stellt 40 der 130 Abgeordneten. Der Abgeordnete Blau nahm im Konvent jedoch meistens gemäßigte, vermittelnde Positionen ein. Jede Gewalt gegenüber Andersdenkenden lehnte er vehement ab, oder aber half mit taktischen Geschick derartige Maßnahmen zu vertagen. Zu diesen Fragen gehörte auch, wie man mit dem Besitz der - geflohenen - Gegner der Republik umzugehen habe. So ist im Parlamentsprotokoll vom22.03.1793 hierzu folgende Bemerkung Blaus notiert:

Ihr Vermögen unter den Schutz der Nat[ion] zu bringen und nach geschlossenem Frieden darüber zu disponieren, ob sie es erhalten sollen oder nicht. Wir handeln ungerecht, wenn wir mehr tun als die Sicher[heit] erlaubt.

Am 23.03.1793 beantragte der Konvent, die wenige Tage zuvor ausgerufene Rheinische Republik an die französische Mutterrepublik anzugliedern. Der Konvent nahm den Antrag eine Woche später einstimmig an und man entsandte eine Delegation mit Georg Forster an den Pariser Nationalkonvent um dort den Wunsch der Mainzer vorzubringen. Doch kam diese Entscheidung zu spät, inzwischen hatten preußische Truppen ihren Ring um die Stadt Mainz enger zusammengezogen. Bei der Kapitulation am 23.07.1793 umfasste das Gebiet der Mainzer Republik nur noch das städtische Territorium.

Blau, der Ende März aus Mainz flüchtete, versuchte sich nach Straßburg durchzuschlagen. Er wurde jedoch bei Oppenheim von preußischen Soldaten gefangen genommen. So erwähnte Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach dieses Ereignis frohlockend in einem Brief aus seinem Quartier.

Für Blau begann nun eine Passionszeit, die bereits im preußischen Lager begann und sich in unmenschlicher Weise fortsetzte. So sollte eine Eskorte die Gefangenen nach Königstein im Taunus bringen, wo sich ein kurmainzisches Gefängnis befand, doch zunächst wurde er nach Frankfurt gebracht, wo er den Misshandlungen des Pöbels ausgesetzt wurde, wo nach Berichten des Wörrstädter Arztes Georg Ludwig Koeler, die Gefangenen »stundenlang einen Regen von Steinen, Kot und gefliessentlich herbeigebrachten Eiern aushalten« und traten schließlich »in ihr eigenes Blut«. Danach verschwand Blau für fast zwei Jahre in die Festung Königstein. Bei einem Verhör durch einen Beauftragten des Kurfürsten von Mainz bekennt er sich freimütig zu seinen Überzeugungen:

Ich bin ein Mitglied des Mainzer Freiheits-Klubs, habe auch den Eid der Freiheit abgeleistet, um dadurch meiner Intention gemäß Gutes zu stiften.

Blau trat während seiner Inhaftierung aus der Kirche aus und befreite sich somit endgültig aus seiner geistigen Gefangenschaft.

Zunächst waren die Haftbedingungen in Königstein mittelalterlich, sodass die Tuberkulose bei Blau erneut ausbrach. Erst später gestattet ihm der Festungskommandant zu schreiben. Blau übersetzt die Fabeln des Äsop und entwickelte seine eigene Philosophie weiter. Unter dem Einfluss des Kantischen Denkens begann Blau ein Werk über eine von Dogmen freie und aufgeklärte Religion, die der moralischen Bildung der Menschen diente, zu verfassen.

Erst am 12.02.1795 wurde Felix Anton Blau aus der Festungshaft entlassen und emigrierte sogleich nach Paris wo er zahlreiche andere Freiheitsfreunde aus seiner Mainzer Zeit wiedertraf. Dazu gehörte sein alter Freund Dorsch, aber auch der Publizist und Jurist Georg Friedrich Rebmann oder der Kieler Professor Friedrich Cramer.

Zusammen mit Dorsch und Johannes Nimis gab er von Januar 1796 bis Sommer 1797 den »Pariser Zuschauer« heraus. Das Direktorium erlaubte nicht nur die Publikation sondern abonnierte 3.000 Exemplare zur Verteilung in den neuen deutschsprachigen Departements Frankreichs. Das Blatt lag auf der gemäßigten Linie des Direktoriums und befürwortete ebenfalls eine Rückgewinnung der linksrheinischen Gebiete.

Auch fühlte Blau sich eher vom bürgerlich-gemäßigten Kurs des Direktoriums angesprochen als von den radikalen Forderungen der Jakobiner, deren Herrschaft mit dem Sturz Maximilian de Robespierres endete.

Da Blau seinen Lebensunterhalt als Zeitungsmacher nicht alleine bestreiten konnte, arbeitete er nebenher noch als Bibliothekar, dann im Bildungs- und Justizwesen und schrieb noch an einem neuen Werk. So beschäftigte ihn die Rolle der Moral in einer Demokratie. So sehr er die Trennung von Kirche und Staat befürwortete, so sehr ist ihm auch die damit einhergehende staatliche Verantwortung für eine moralische Bildung der Staatsbürger bewusst gewesen.

Im Jahre 1797 erschien seine Schrift »Kritik der seit der Revolution in Frankreich gemachten Religionsverordnungen«.

Durch den französischen Sieg über Österreich fällt im Jahre 1797 mit dem Frieden von Campo Formio das linke Rheinufer – und damit auch Mainz – an Frankreich. Mainz wird nun Hauptstadt des Departements Donnersberg und bleibt es bis die Franzosen es nach der Niederlage Kaiser Napoléon I.. im Jahre 1814 verlassen werden.

Blau hoffte seine Ideale einer neuen moralischen Religion erfüllen zu können und ging zurück nach Mainz. Sein alter Besitz war zwischenzeitlich geplündert und seine Bibliothek »verstümmelt« worden. Für ihn ist Freiheit ohne Moral eine unvorstellbare Kombination. Er schrieb am 31.03.1798 an seinen Freund Werkmeister:

Die papistische Religion muss nach der französischen Verfassung, wo sie hinkommt, zu Grunde gehen. Nur wäre jetzt zu wünschen, dass ein Unterricht in der Vernunftreligion sogleich an ihre Stelle gesetzt würde.

Zunächst fand Blau eine Anstellung als Richter am Kriminaltribunal des Departements. Er bewarb sich jedoch erfolgreich als Bibliothekar an der aus der Universität hervorgegangenen Zentralschule in Mainz. Zugleich verschlechterte sich sein Gesundheitszustand rasch, die seit seiner Haft in Königstein massiv angegriffen war, durch eine Lungenentzündung. Am 23.12.1798 - dem 3. Nivôse des VII. Jahres der Republik - verstarb Blau in Mainz. Das Sterbehaus liegt heute in der Wiligisstraße 8. Konsequenterweise hatte Blau auf die katholischen Sterbesakramente verzichtet. Er wurde bei eisiger Kälte am 26.12.1798 im Alter von nur 44 Jahren feierlich beigesetzt.

Den Leichenzug führten Studenten und Professoren an. Diesen folgte ein Trauerwagen mit dem Sarg, worüber die Trikolore ausgebreitet und mit dem Schriftzug »Durch Großmut besiegte er seine Feinde«. Acht junge Frauen mit Zypressenzweigen in den Händen, gaben dem Wagen Geleit. Politische Weggefährten und Freunde schritten hinter dem Wagen und beklagten das Ableben und gedachten voller Bewunderung seines mutigen Lebens.

In der heutigen demokratischen deutschen Tradition ist Felix Anton Blau jedoch so gut vergessen, ein Bildnis von ihm ist nicht überliefert.

Werke:

  • De regula fidei catholicae, 1780
  • Beiträge zur Verbesserung des äußeren Gottesdienstes in der Catholischen Kirche, 1789 (anonym zusammen mit Andreas Joseph Dorsch)
  • Kritische Geschichte der kirchlichen Unfehlbarkeit zur Beförderung einer freien Prüfung des Katholicismus, Frankfurt 1791 (anonym)
  • Theses selectae de sacramentis, 1791
  • Programma de vera notione libertatis humanae. Moguntiae. Crass. 1784
  • Über die moralische Bildung des Menschen, 1795
  • Kritik der seit der Revolution in Frankreich gemachten Religionsverordnungen, Straßburg, 1797

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