Die Familie Schroffenstein

2. Aufzug

3. Szene

Platz vor den Toren von Warwand.

AGNES tritt in Hast auf.
Zu Hülfe! Zu Hülfe!

JOHANN ergreift sie.
So höre mich doch, Mädchen!
Es folgt dir ja kein Feind, ich liebe dich,
Ach, lieben! Ich vergöttre dich!

AGNES.
Fort, Ungeheuer, bist du nicht aus Rossitz?

JOHANN.
Wie kann ich furchtbar sein? Sieh mich doch an,
Ich zittre selbst vor Wollust und vor Schmerz
Mit meinen Armen dich, mein ganzes Maß
Von Glück und Jammer zu umschließen.

AGNES.
Was willst du, Rasender, von mir?

JOHANN.
Nichts weiter.
Mir bist du tot, und einer Leiche gleich,
Mit kaltem Schauer drück ich dich ans Herz.

AGNES.
Schützt mich, ihr Himmlischen, vor seiner Wut!

JOHANN.
Sieh, Mädchen, morgen lieg ich in dem Grabe,
Ein Jüngling, ich – nicht wahr das tut dir weh?
Nun, einem Sterbenden schlägst du nichts ab,
Den Abschiedskuß gib mir.

Er küßt sie.

AGNES.
Errettet mich,
Ihr Heiligen!

JOHANN.
– Ja, rette du mich, Heil'ge!
Es hat das Leben mich wie eine Schlange,
Mit Gliedern, zahnlos, ekelhaft, umwunden.
Es schauert mich, es zu berühren. – Da,
Nimm diesen Dolch. –

AGNES.
Zu Hülfe! Mörder! Hülfe!

JOHANN streng.
Nimm diesen Dolch, sag ich. – Hast du nicht einen
Mir schon ins Herz gedrückt?

AGNES.
Entsetzlicher!

Sie sinkt besinnungslos zusammen.

JOHANN sanft.
Nimm diesen Dolch, Geliebte – Denn mit Wollust,
Wie deinem Kusse sich die Lippe reicht,
Reich ich die Brust dem Stoß von deiner Hand.

JERONIMUS tritt mit Reisigen aus dem Tore.
Hier war das Angstgeschrei – – Unglücklicher!
Welch eine Tat – Sie ist verwundet – Teufel!
Mit deinem Leben sollst du's büßen.

Er verwundet Johann; der fällt. Jeronimus faßt Agnes auf.

Agnes! Agnes!
Ich sehe keine Wunde. – Lebst du, Agnes?

Sylvester und Gertrude treten aus dem Tore.

SYLVESTER.
Es war Jeronimus' Entsetzensstimme,
Nicht Agnes. – – O mein Gott!

Er wendet sich schmerzvoll.

GERTRUDE.
O meine Tochter,
Mein einzig Kind, mein letztes. –

JERONIMUS.
Schafft nur Hülfe,
Ermordet ist sie nicht.

GERTRUDE.
Sie rührt sich – horch?
Sie atmet – ja sie lebt, sie lebt!

SYLVESTER.
Lebt sie?
Und unverwundet?

JERONIMUS.
Eben war's noch Zeit,
Er zückte schon den Dolch auf sie, da hieb
Ich den Unwürd'gen nieder.

GERTRUDE.
Ist er nicht
Aus Rossitz?

JERONIMUS.
Frage nicht, du machst mich schamrot, – ja.

SYLVESTER.
Gib mir die Hand, Jerome, wir verstehn
Uns.

JERONIMUS.
Wir verstehn uns.

GERTRUDE.
Sie erwacht, o seht,
Sie schlägt die Augen auf, sie sieht mich an. –

AGNES.
Bin ich von dem Entsetzlichen erlöst?

GERTRUDE.
Hier liegt er tot am Boden, fasse dich.

AGNES.
Getötet? Und um mich? Ach, es ist gräßlich. –

GERTRUDE.
Jerome hat den Mörder hingestreckt.

AGNES.
Er folgte mir weit her aus dem Gebirge,
– Mich faßte das Entsetzen gleich, als ich
Von weitem nur ihn in das Auge faßte.
Ich eilte – doch ihn trieb die Mordsucht schneller
Als mich die Angst – und hier ergriff er mich.

SYLVESTER.
Und zückt' er gleich den Dolch? Und sprach er nicht?
Kannst du dich dessen nicht entsinnen mehr?

AGNES.
So kaum – denn vor sein fürchterliches Antlitz
Entflohn mir alle Sinne fast. Er sprach,
– Gott weiß, mir schien's fast, wie im Wahnsinn – sprach
Von Liebe, daß er mich vergöttre – nannte
Bald eine Heil'ge mich, bald eine Leiche.
Dann zog er plötzlich jenen Dolch, und bittend,
Ich möchte, ich, ihn töten, zückt' er ihn
Auf mich. –

SYLVESTER.
Lebt er denn noch? Er scheint verwundet bloß,
Sein Aug ist offen.

Zu den Leuten.

Tragt ihn in das Schloß,
Und ruft den Wundarzt.

Sie tragen ihn fort.

Einer komme wieder
Und bring mir Nachricht.

GERTRUDE.
Aber, meine Tochter,
Wie konntest du so einsam und so weit
Dich ins Gebirge wagen?

AGNES.
Zürne nicht,
Es war mein Lieblingsweg.

GERTRUDE.
Und noch so lange
Dich zu verweilen!

AGNES.
Einen Ritter traf
Ich, der mich aufhielt.

GERTRUDE.
Einen Ritter? Sieh
Wie du in die Gefahr dich wagst! Kann's wohl
Ein andrer sein, fast, als ein Rossitzscher?

AGNES.
– Glaubst du, es sei ein Rossitzscher?

JERONIMUS.
Ich weiß,
Daß Ottokar oft ins Gebirge geht.

AGNES.
Meinst du den – ?

JERONIMUS.
Ruperts ältsten Sohn.
– Kennst du ihn nicht?

AGNES.
Ich hab ihn nie gesehen.

JERONIMUS.
Ich habe sichre Proben doch, daß er
Dich kennt?

AGNES.
Mich?

GERTRUDE.
Unsre Agnes? Und woher?

JERONIMUS.
Wenn ich nicht irre, sah ich einen Schleier,
Den du zu tragen pflegst, in seiner Hand.

AGNES verbirgt ihr Haupt an die Brust ihrer Mutter.

Ach, Mutter. –

GERTRUDE.
O um Gotteswillen, Agnes,
Sei doch auf deiner Hut. – Er kann dich mit
Dem Apfel, den er dir vom Baume pflückt,
Vergiften.

JERONIMUS.
Nun, das möcht ich fast nicht fürchten –
Vielmehr – Allein wer darf der Schlange traun.
Er hat beim Nachtmahl ihr den Tod geschworen.

AGNES.
Mir?
Den Tod?

JERONIMUS.
Ich hab es selbst gehört.

GERTRUDE.
Nun sieh,
Ich werde wie ein Kind dich hüten müssen.
Du darfst nicht aus den Mauern dieser Burg,
Darfst nicht von deiner Mutter Seite gehn.

EIN DIENER tritt auf.
Gestrenger Herr, der Mörder ist nicht tot.
Der Wundarzt sagt, die Wunde sei nur leicht.

SYLVESTER.
Ist er sich sein bewußt?

EIN DIENER.
Herr, es wird keiner klug
Aus ihm. Denn er spricht ungehobelt Zeug,
Wild durcheinander, wie im Wahnwitz fast.

JERONIMUS.
Es ist Verstellung offenbar.

SYLVESTER.
Kennst du
Den Menschen?

JERONIMUS.
Weiß nur so viel, daß sein Namen
Johann, und er ein unecht Kind des Rupert,
– Daß er den Ritterdienst in Rossitz lernte,
Und gestern früh das Schwert empfangen hat.

SYLVESTER.
Das Schwert empfangen, gestern erst – und heute
Wahnsinnig – sagtest du nicht auch, er habe
Beim Abendmahl den Racheschwur geleistet?

JERONIMUS.
Wie alle Diener Ruperts, so auch er.

SYLVESTER.
Jeronimus, mir wird ein böser Zweifel
Fast zur Gewißheit, fast. – Ich hätt's entschuldigt,
Daß sie Verdacht auf mich geworfen, daß
Sie Rache mir geschworen, daß sie Fehde
Mir angekündigt – ja hätten sie
Im Krieg mein Haus verbrannt, mein Weib und Kind
Im Krieg erschlagen, noch wollt ich's entschuld'gen.
Doch daß sie mir den Meuchelmörder senden,
– Wenn's so ist –

GERTRUDE.
Ist's denn noch ein Zweifel? Haben
Sie uns nicht selbst die Probe schon gegeben?

SYLVESTER.
Du meinst an Philipp –?

GERTRUDE.
Endlich siehst du's ein!
Du hast mir's nie geglaubt, hast die Vermutung,
Gewißheit, wollt ich sagen, stets ein Deuteln
Der Weiber nur genannt, die, weil sie's einmal
Aus Zufall treffen, nie zu fehlen wähnen.
Nun weißt du's besser. – Nun, ich könnte dir
Wohl mehr noch sagen, das dir nicht geahndet. –

SYLVESTER.
Mehr noch?

GERTRUDE.
Du wirst dich deines Fiebers vor
Zwei Jahren noch erinnern. Als du der
Genesung nahtest, schickte dir Eustache
Ein Fläschchen eingemachten Ananas.

SYLVESTER.
Ganz recht, durch eine Reutersfrau aus Rossitz.

GERTRUDE.
Ich bat dich unter falschem Vorwand, nicht
Von dem Geschenke zu genießen, setzte
Dir selbst ein Fläschchen vor aus eignem Vorrat
Mit eingemachtem Pfirsich – aber du
Bestandst darauf, verschmähtest meine Pfirsich,
Nahmst von der Ananas, und plötzlich folgte
Ein heftiges Erbrechen. –

SYLVESTER.
Das ist seltsam;
Denn ich besinne mich noch eines Umstands –
– Ganz recht. Die Katze war mir übers Fläschchen
Mit Ananas gekommen, und ich ließ
Von Agnes mir den Pfirsich reichen. – Nicht?
Sprich, Agnes.

AGNES.
Ja, so ist es.

SYLVESTER.
Ei, so hätte
Sich seltsam ja das Blatt gewendet. Denn
Die Ananas hat doch der Katze nicht
Geschadet, aber mir dein Pfirsich, den
Du selbst mir zubereitet – ?

GERTRUDE.
– Drehen freilich
Läßt alles sich. –

SYLVESTER.
Meinst du? Nun sieh, das mein
Ich auch, und habe recht, wenn ich auf das,
Was du mir drehst, nicht achte. – Nun, genug.
Ich will mit Ernst, daß du von Philipp schweigst.
Er sei vergiftet oder nicht, er soll
Gestorben sein und weiter nichts. Ich will's.

JERONIMUS.
Du solltst, Sylvester, doch den Augenblick
Der jetzt dir günstig scheinet, nützen. Ist
Der Totschlag Peters ein Betrug, wie es
Fast sein muß, so ist auch Johann darin
Verwebt.

SYLVESTER.
Betrug? Wie wär das möglich?

JERONIMUS.
Ei möglich wär es wohl, daß Ruperts Sohn,
Der doch ermordet sein soll, bloß gestorben,
Und daß, von der Gelegenheit gereizt,
Den Erbvertrag zu seinem Glück zu lenken,
Der Vater es verstanden, deiner Leute,
Die just vielleicht in dem Gebirge waren,
In ihrer Unschuld so sich zu bedienen,
Daß es der Welt erscheint, als hätten wirklich
Sie ihn ermordet – um mit diesem Scheine
Des Rechts sodann den Frieden aufzukünden,
Den Stamm von Warwand auszurotten, dann
Das Erbvermächtnis sich zu nehmen.

SYLVESTER.
– Aber
Du sagtest ja, der eine meiner Leute
Hätt's in dem Tode noch bekannt, er wäre
Von mir gedungen zu dem Mord. –

Stillschweigen.

JERONIMUS.
Der Mann, den ich gesprochen, hatte nur
Von dem Gefolterten ein Wort gehört.

SYLVESTER.
Das war?

JERONIMUS.
Sylvester.

Stillschweigen.

Hast du denn die Leute,
Die sogenannten Mörder nicht vermißt?
Von ihren Hinterlaßnen müßte sich
Doch mancherlei erforschen lassen.

SYLVESTER zu den Leuten.
Rufe
Den Hauptmann einer her!

JERONIMUS.
Von wem ich doch
Den meisten Aufschluß hoffe, ist Johann.

SYLVESTER.
's ist auch kein sichrer.

JERONIMUS.
Wie? Wenn er es nicht
Gestehen will, macht man's wie die von Rossitz,
Und wirft ihn auf die Folter.

SYLVESTER.
Nun? Und wenn
Er dann gesteht, daß Rupert ihn gedungen?

JERONIMUS.
So ist's heraus, so ist's am Tage. –

SYLVESTER.
So?
Dann freilich bin ich auch ein Mörder.

Stillschweigen.

JERONIMUS.
Aus diesem Wirrwarr finde sich ein Pfaffe!
Ich kann es nicht.

SYLVESTER.
Ich bin dir wohl ein Rätsel?
Nicht wahr? Nun tröste dich, Gott ist es mir.

JERONIMUS.
Sag kurz, was willst du tun?

SYLVESTER.
Das beste wär
Noch immer, wenn ich Rupert sprechen könnte.

JERONIMUS.
– 's ist ein gewagter Schritt. Bei seiner Rede
Am Sarge Peters schien kein menschliches,
Kein göttliches Gesetz ihm heilig, das
Dich schützt.

SYLVESTER.
Es wäre zu versuchen. Denn
Es wagt ein Mensch oft den abscheulichen
Gedanken, der sich vor der Tat entsetzt.

JERONIMUS.
Er hat dir heut das Beispiel nicht gegeben.

SYLVESTER.
Auch diese Untat, wenn sie häßlich gleich,
Doch ist's noch zu verzeihn, Jeronimus.
Denn schwer war er gereizt. – Auf jeden Fall
Ist mein Gesuch so unerwarteter;
Und öfters tut ein Mensch, was man kaum hofft,
Weil man's kaum hofft.

JERONIMUS.
Es ist ein blinder Griff,
Man kann es treffen.

SYLVESTER.
Ich will's wagen. Reite
Nach Rossitz, fordre sicheres Geleit,
Ich denke, du hast nichts zu fürchten.

JERONIMUS.
– Nein;
Ich will's versuchen.

Ab ins Tor.

SYLVESTER.
So leb wohl.

GERTRUDE.
Leb wohl,
Und kehre bald mit Trost zu uns zurück.

Sylvester, Gertrude und Agnes folgen.

AGNES hebt im Abgehen den Dolch auf.
Es gibt keinen. –

GERTRUDE erschrocken.
Den Dolch – er ist vergiftet, Agnes, kann
Vergiftet sein. – Wirf gleich, sogleich ihn fort.

Agnes legt ihn nieder.

Du sollst mit deinen Händen nichts ergreifen,
Nichts fassen, nichts berühren, das ich nicht
Mit eignen Händen selbst vorher geprüft.


Alle ab. Der Vorhang fällt.


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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