Die Familie Schroffenstein

1. Aufzug

1. Szene

Rossitz. Das Innere einer Kapelle. Es steht ein Sarg in der Mitte, um ihn herum Rupert, Eustache, Ottokar, Jeronimus, Ritter, Geistliche, das Hofgesinde, und ein Chor von Jünglingen und Mädchen. Die Messe ist soeben beendigt.

CHOR DER MÄDCHEN mit Musik.
Niedersteigen,
Glanzumstrahlet,
Himmelshöhen zur Erd herab,
Sah ein Frühling
Einen Engel.
Nieder trat ihn ein frecher Fuß.

CHOR DER JÜNGLINGE.
Dessen Thron die weiten Räume decken,
Dessen Reich die Sterne Grenzen stecken,
Dessen Willen wollen wir vollstrecken,
Rache! Rache! Rache! schwören wir.

CHOR DER MÄDCHEN.
Aus dem Staube
Aufwärts blickt' er
Milde zürnend den Frechen an;
Bat, ein Kindlein,
Bat um Liebe.
Mörders Stahl gab die Antwort ihm.

CHOR DER JÜNGLINGE wie oben.

CHOR DER MÄDCHEN.
Nun im Sarge,
Ausgelitten,
Faltet blutige Händlein er,
Gnade betend
Seinem Feinde.
Trotzig stehet der Feind und schweigt.

 

CHOR DER JÜNGLINGE wie oben.

Während die Musik zu Ende geht, nähert sich die Familie und ihr Gefolge dem Altar.

RUPERT.
Ich schwöre Rache! Rache! auf die Hostie,
Dem Haus Sylvesters, Grafen Schroffenstein.

Er empfängt das Abendmahl.

Die Reihe ist an dir, mein Sohn.

 

OTTOKAR.
Mein Herz
Trägt wie mit Schwingen deinen Fluch zu Gott,
Ich schwöre Rache, so wie du.

RUPERT.
Den Namen,
Mein Sohn, den Namen nenne.

OTTOKAR.
Rache schwör ich,
Sylvestern Schroffenstein!

RUPERT.
Nein irre nicht.
Ein Fluch, wie unsrer, kömmt vor Gottes Ohr
Und jedes Wort bewaffnet er mit Blitzen.
Drum wäge sie gewissenhaft. – Sprich nicht
Sylvester, sprich sein ganzes Haus, so hast
Du's sichrer.

OTTOKAR.
Rache! schwör ich, Rache!
Dem Mörderhaus Sylvesters.

Er empfängt das Abendmahl.

RUPERT.
Eustache,
Die Reihe ist an dir.

EUSTACHE.
Verschone mich,
Ich bin ein Weib –

RUPERT.
Und Mutter auch des Toten.

EUSTACHE.
O Gott! Wie soll ein Weib sich rächen?

RUPERT.
In Gedanken. Würge
Sie betend.

Sie empfängt das Abendmahl.
Rupert führt Eustache in den Vordergrund.
Alle folgen.

 

 

RUPERT.
Ich weiß, Eustache, Männer sind die Rächer –
Ihr seid die Klageweiber der Natur.
Doch nichts mehr von Natur.
Ein hold ergötzend Märchen ist's der Kindheit,
Der Menschheit von den Dichtern, ihren Ammen,
Erzählt. Vertrauen, Unschuld, Treue, Liebe,
Religion, der Götter Furcht sind wie
Die Tiere, welche reden. – Selbst das Band,
Das heilige, der Blutsverwandtschaft riß,
Und Vettern, Kinder eines Vaters, zielen,
Mit Dolchen zielen sie auf ihre Brüste.
Ja sieh, die letzte Menschenregung für
Das Wesen in der Wiege ist erloschen.
Man spricht von Wölfen, welche Kinder säugten,
Von Löwen, die das Einzige der Mutter
Verschonten. – Ich erwarte, daß ein Bär
An Oheims Stelle tritt für Ottokar.
Und weil doch alles sich gewandelt, Menschen
Mit Tieren die Natur gewechselt, wechsle
Denn auch das Weib die ihrige – verdränge
Das Kleinod Liebe, das nicht üblich ist,
Aus ihrem Herzen, um die Folie,
Den Haß, hineinzusetzen.
Wir
Indessen tun's in unsrer Art. Ich biete
Euch, meine Lehensmänner, auf, mir schnell
Von Mann und Weib und Kind, und was nur irgend
Sein Leben lieb hat, eine Schar zu bilden.
Denn nicht ein ehrlich offner Krieg, ich denke,
Nur eine Jagd wird's werden, wie nach Schlangen.
Wir wollen bloß das Felsenloch verkeilen,
Mit Dampfe sie in ihrem Nest ersticken,
– Die Leichen liegen lassen, daß von fernher
Gestank die Gattung schreckt, und keine wieder
In einem Erdenalter dort ein Ei legt.

 

 

EUSTACHE.
O Rupert, mäß'ge dich! Es hat der frech
Beleidigte den Nachteil, daß die Tat
Ihm die Besinnung selbst der Rache raubt,
Und daß in seiner eignen Brust ein Freund
Des Feindes aufsteht wider ihn, die Wut –
Wenn dir ein Garn Sylvester stellt, du läufst
In deiner Wunde blindem Schmerzgefühl
Hinein. – Könntst du nicht prüfen mindestens
Vorher, aufschieben noch die Fehde. – Ich
Will nicht den Arm der Rache binden, leiten
Nur will ich ihn, daß er so sichrer treffe.

RUPERT.
So, meinst du, soll ich warten, Peters Tod
Nicht rächen, bis ich Ottokars, bis ich
Auch deinen noch zu rächen hab – Aldöbern!
Geh hin nach Warwand, künd'ge ihm den Frieden auf.
– Doch sag's ihm nicht so sanft, wie ich, hörst du?
Nicht mit so dürren Worten – Sag daß ich
Gesonnen sei, an seines Schlosses Stelle
Ein Hochgericht zu bauen. – Nein, ich bitte,
Du mußt so matt nicht reden – Sag, ich dürste
Nach sein und seines Kindes Blute, hörst du?
Und seines Kindes Blute.

Er bedeckt sich das Gesicht;
Ab, mit Gefolge, außer Ottokar und Jeronimus.

JERONIMUS.
Ein Wort, Graf Ottokar.

OTTOKAR.
Bist du's, Jerome?
Willkommen! Wie du siehst, sind wir geschäftig,
Und kaum wird mir die Zeit noch bleiben, mir
Die Rüstung anzupassen. – Nun, was gibt's?

JERONIMUS.
Ich komm aus Warwand.

OTTOKAR.
So? Aus Warwand? Nun?

JERONIMUS.
Bei meinem Eid, ich nehme ihre Sache.

OTTOKAR.
Sylvesters? Du?

JERONIMUS.
Denn nie ward eine Fehde
So tollkühn rasch, so frevelhaft leichtsinnig
Beschlossen, als die eur'.

OTTOKAR.
Erkläre dich.

JERONIMUS.
Ich denke, das Erklären ist an dir.
Ich habe hier in diesen Bänken wie
Ein Narr gestanden,
Dem ein Schwarzkünstler Faxen vormacht.

OTTOKAR.
Wie?
Du wüßtest nichts?

JERONIMUS.
Du hörst, ich sage dir,
Ich komm aus Warwand, wo Sylvester, den
Ihr einen Kindermörder scheltet,
Die Mücken klatscht, die um sein Mädchen summen.

OTTOKAR.
Ja so, das war es. – Allerdings, man weiß,
Du giltst dem Hause viel, sie haben dich
Stets ihren Freund genannt, so solltest du
Wohl unterrichtet sein von ihren Wegen.
Man spricht, du freitest um die Tochter – Nun,
Ich sah sie nie, doch des Gerüchtes Stimme
Rühmt ihre Schönheit! Wohl. So ist der Preis
Es wert. –

JERONIMUS.
Wie meinst du das?

OTTOKAR.
Ich meine, weil –

JERONIMUS.
Laß gut sein, kann es selbst mir übersetzen.
Du meinest, weil ein seltner Fisch sich zeigt
Der doch zum Unglück bloß vom Aas sich nährt,
So schlüg ich meine Ritterehre tot,
Und hing' die Leich an meiner Lüste Angel
Als Köder auf –

OTTOKAR.
Ja, gradheraus, Jerome!
Es gab uns Gott das seltne Glück, daß wir
Der Feinde Schar leichtfaßlich, unzweideutig,
Wie eine runde Zahl erkennen. Warwand,
In diesem Worte liegt's, wie Gift in einer Büchse;
Und weil's jetzt drängt, und eben nicht die Zeit,
Zu mäkeln, ein zweideutig Körnchen Saft
Mit Müh herauszuklauben, nun so machen
Wir's kurz, und sagen, du gehörst zu Warwand.

JERONIMUS.
Bei meinem Eid, da habt ihr recht. Niemals
War eine Wahl mir zwischen euch und ihnen;
Doch muß ich mich entscheiden, auf der Stelle
Tu ich's, wenn so die Sachen stehn. Ja sieh,
Ich spreng auf alle Schlösser im Gebirg,
Empöre jedes Herz, bewaffne, wo
Ich's finde, das Gefühl des Rechts, den frech
Verleumdeten zu rächen.

OTTOKAR.
Das Gefühl
Des Rechts! O du Falschmünzer der Gefühle!
Nicht einen wird ihr blanker Schein betrügen;
Am Klange werden sie es hören, an
Die Tür zur Warnung deine Worte nageln. –
Das Rechtgefühl! Als ob's ein andres noch
In einer andern Brust, als dieses, gäbe!
Denkst du, daß ich, wenn ich ihn schuldlos glaubte,
Nicht selbst dem eignen Vater gegenüber
Auf seine Seite treten würde? Nun,
Du Tor, wie könnt ich denn dies Schwert, dies gestern
Empfangne, dies der Rache auf sein Haupt
Geweihte, so mit Wollust tragen? – Doch
Nichts mehr davon, das kannst du nicht verstehn.
Zum Schlusse – wir, wir hätten, denk ich, nun
Einander wohl nichts mehr zu sagen?

JERONIMUS.
– Nein.

OTTOKAR.
Leb wohl!

JERONIMUS.
Ottokar!
Was meinst du? Sieh, du schlägst mir ins Gesicht,
Und ich, ich bitte dich mit mir zu reden –
Was meinst du, bin ich nicht ein Schurke?

OTTOKAR.
Willst
Du's wissen, stell dich nur an diesen Sarg.

Ottokar ab. Jeronimus kämpft mit sich, will ihm nach, erblickt dann den Kirchenvogt.

 

 

JERONIMUS.
He, Alter!

KIRCHENVOGT.
Herr!

JERONIMUS.
Du kennst mich?

KIRCHENVOGT.
Warst du schon
In dieser Kirche?

JERONIMUS.
Nein.

KIRCHENVOGT.
Ei, Herr, wie kann
Ein Kirchenvogt die Namen aller kennen,
Die außerhalb der Kirche?

JERONIMUS.
Du hast recht.
Ich bin auf Reisen, hab hier angesprochen,
Und finde alles voller Leid und Trauer.
Unglaublich dünkt's mich, was die Leute reden,
Es hab der Oheim dieses Kind erschlagen.
Du bist ein Mann doch, den man zu dem Pöbel
Nicht zählt, und der wohl hie und da ein Wort
Von höhrer Hand erhorchen mag. Nun, wenn's
Beliebt, so teil mir, was du wissen magst,
Fein ordentlich und nach der Reihe mit.

KIRCHENVOGT.
Seht, Herr, das tu ich gern. Seit alten Zeiten
Gibt's zwischen unsern beiden Grafenhäusern,
Von Rossitz und von Warwand einen Erbvertrag,
Kraft dessen nach dem gänzlichen Aussterben
Des einen Stamms, der gänzliche Besitztum
Desselben an den andern fallen sollte.

JERONIMUS.
Zur Sache, Alter! das gehört zur Sache nicht.

KIRCHENVOGT.
Ei, Herr, der Erbvertrag gehört zur Sache.
Denn das ist just als sagtest du, der Apfel
Gehöre nicht zum Sündenfall.

JERONIMUS.
Nun denn,
So sprich.

KIRCHENVOGT.
Ich sprech! Als unser jetz'ger Herr
An die Regierung treten sollte, ward
Er plötzlich krank. Er lag zwei Tage lang
In Ohnmacht; alles hielt ihn schon für tot,
Und Graf Sylvester griff als Erbe schon
Zur Hinterlassenschaft, als wiederum
Der gute Herr lebendig ward. Nun hätt
Der Tod in Warwand keine größre Trauer
Erwecken können, als die böse Nachricht.

JERONIMUS.
Wer hat dir das gesagt?

KIRCHENVOGT.
Herr, zwanzig Jahre sind's,
Kann's nicht beschwören mehr.

JERONIMUS.
Sprich weiter.

KIRCHENVOGT.
Herr,
Ich spreche weiter. Seit der Zeit hat der
Sylvester stets nach unsrer Grafschaft her
Geschielt, wie eine Katze nach dem Knochen,
An dem der Hund nagt.

JERONIMUS.
Tat er das!

KIRCHENVOGT.
Sooft
Ein Junker unserm Herrn geboren ward,
Soll er, spricht man, erblaßt sein.

JERONIMUS.
Wirklich?

KIRCHENVOGT.
Nun,
Weil alles Warten und Gedulden doch
Vergebens war, und die zwei Knaben wie
Die Pappeln blühten, nahm er kurz die Axt,
Und fällte vorderhand den einen hier,
Den jüngsten, von neun Jahren, der im Sarg.

JERONIMUS.
Nun das erzähl, wie ist das zugegangen?

KIRCHENVOGT.
Herr, ich erzähl's dir ja. Denk dir, du seist
Graf Rupert, unser Herr, und gingst an einem Abend
Spazieren, weit von Rossitz, ins Gebirg;
Nun denke dir, du fändest plötzlich dort
Dein Kind, erschlagen, neben ihm zwei Männer
Mit blut'gen Messern, Männer, sag ich dir
Aus Warwand. Wütend zögst du drauf das Schwert
Und machtst sie beide nieder.

JERONIMUS.
Tat Rupert das? 

KIRCHENVOGT.
Der eine, Herr, blieb noch am Leben, und
Der hat's gestanden.

JERONIMUS.
Gestanden?

KIRCHENVOGT.
Ja, Herr, er hat's rein h'raus gestanden.

JERONIMUS.
Was
Hat er gestanden?

KIRCHENVOGT.
Daß sein Herr Sylvester
Zum Morde ihn gedungen und bezahlt.

JERONIMUS.
Hast du's gehört? Aus seinem Munde?

KIRCHENVOGT.
Herr,
Ich hab's gehört aus seinem Munde, und die ganze
Gemeinde.

JERONIMUS.
Höllisch ist's! – Erzähl's genau.
Sprich, wie gestand er's?

KIRCHENVOGT.
Auf der Folter.

JERONIMUS.
Auf
Der Folter? Sag mir seine Worte.

KIRCHENVOGT.
Herr,
Die hab ich nicht genau gehöret, außer eins.
Denn ein Getümmel war auf unserm Markte,
Wo er gefoltert ward, daß man sein Brüllen
Kaum hören konnte.

JERONIMUS.
Außer eins, sprachst du;
Nenn mir das eine Wort, das du gehört.

KIRCHENVOGT.
Das eine Wort, Herr, war: Sylvester.

JERONIMUS.
Sylvester! – – Nun, und was war's weiter?

KIRCHENVOGT.
Herr, weiter war es nichts. Denn bald darauf,
Als er's gestanden hatt, verblich er.

JERONIMUS.
So?
Und weiter weißt du nichts?

KIRCHENVOGT.
Herr nichts.

Jeronimus bleibt in Gedanken stehn.

EIN DIENER tritt auf.
War nicht
Graf Rupert hier?

JERONIMUS.
Suchst du ihn? Ich geh mit dir.

Alle ab.
Ottokar und Johann treten von der andern Seite auf.

OTTOKAR.
Wie kamst du denn zu diesem Schleier? Er
Ist's, ist's wahrhaftig – Sprich – Und so in Tränen?
Warum denn so in Tränen? So erhitzt?
Hat dich die Mutter Gottes so begeistert,
Vor der du knietest?

JOHANN.
Gnäd'ger Herr – als ich
Vorbeiging an dem Bilde, riß es mich
Gewaltsam zu sich nieder. –

OTTOKAR.
Und der Schleier?
Wie kamst du denn zu diesem Schleier, sprich?

JOHANN.
Ich sag dir ja, ich fand ihn.

OTTOKAR.
Wo?

JOHANN.
Im Tale
Zum heil'gen Kreuz.

OTTOKAR.
Und kennst nicht die Person,
Die ihn verloren?

JOHANN.
– Nein.

OTTOKAR.
Gut. Es tut nichts.
Ist einerlei. – Und weil er dir nichts nützet,
Nimm diesen Ring, und laß den Schleier mir.

JOHANN.
Den Schleier – ? Gnäd'ger Herr, was denkst du? Soll
Ich das Gefundene an dich verhandeln?

OTTOKAR.
Nun, wie du willst. Ich war dir immer gut,
Und will's dir schon so lohnen, wie du's wünschest.

Er küßt ihn, und will gehen.

JOHANN.
Mein bester Herr – O nicht – o nimm mir alles,
Mein Leben, wenn du willst. –

OTTOKAR.
Du bist ja seltsam.

JOHANN.
Du nähmst das Leben mir mit diesem Schleier.
Denn einer heiligen Reliquie gleich
Bewahrt er mir das Angedenken an
Den Augenblick, wo segensreich, heilbringend,
Ein Gott ins Leben mich, ins ew'ge führte.

 

OTTOKAR.
Wahrhaftig? – Also fandst du ihn wohl nicht?
Er ward dir wohl geschenkt? Ward er? Nun sprich.

JOHANN.
Fünf Wochen sind's – nein, morgen sind's fünf Wochen,
Als sein gesamt berittnes Jagdgefolge
Dein Vater in die Forsten führte. Gleich
Vom Platz, wie ein gekrümmtes Fischbein, flog
Das ganze Roßgewimmel ab ins Feld.
Mein Pferd, ein ungebändigt tückisches,
Von Hörnerklang, und Peitschenschall, und Hund-
Geklaff verwildert, eilt ein eilendes
Vorüber nach dem andern, streckt das Haupt
Vor deines Vaters Roß schon an der Spitze –
Gewaltig drück ich in die Zügel; doch,
Als hätt's ein Sporn getroffen, nun erst greift
Es aus, und aus dem Zuge, wie der Pfeil
Aus seinem Bogen, fliegt's dahin – Rechts um
In einer Wildbahn reiß ich es, bergan;
Und weil ich meinen Blicken auf dem Fuß
Muß folgen, eh ich, was ich sehe, wahr
Kann nehmen, stürz ich, Roß und Reiter, schon
Hinab in einen Strom. –

OTTOKAR.
Nun, Gott sei Dank,
Daß ich auf trocknem Land dich vor mir sehe.
Wer rettete dich denn?

JOHANN.
Wer, fragst du? Ach,
Daß ich mit einem Wort es nennen soll!
– Ich kann's dir nicht so sagen, wie ich's meine,
Es war ein nackend Mädchen.

OTTOKAR.
Wie? Nackend?

JOHANN.
Strahlenrein, wie eine Göttin
Hervorgeht aus dem Bade. Zwar ich sah
Sie fliehend nur in ihrer Schöne – Denn
Als mir das Licht der Augen wiederkehrte,
Verhüllte sie sich. –

OTTOKAR.
Nun?

JOHANN.
Ach, doch ein Engel
Schien sie, als sie verhüllt nun zu mir trat;
Denn das Geschäft der Engel tat sie, hob
Zuerst mich Hingesunknen – löste dann
Von Haupt und Nacken schnell den Schleier, mir
Das Blut, das strömende, zu stillen.

OTTOKAR.
O!
Du Glücklicher!

JOHANN.
Still saß ich, rührte nicht ein Glied,
Wie eine Taub in Kindeshand.

OTTOKAR.
Und sprach sie nicht?

JOHANN.
Mit Tönen wie aus Glocken – fragte, stets
Geschäftig, wer ich sei? woher ich komme?
– Erschrak dann lebhaft, als sie hört', ich sei
Aus Rossitz.

OTTOKAR.
Wie? Warum denn das?

JOHANN.
Gott weiß.
Doch hastig fördernd das Geschäft, ließ sie
Den Schleier mir, und schwand.

OTTOKAR.
Und sagte sie
Dir ihren Namen nicht?

JOHANN.
Dazu war sie
Durch Bitten nicht, nicht durch Beschwören zu
Bewegen.

OTTOKAR.
Nein, das tut sie nicht.

JOHANN.
Wie? kennst
Du sie?

OTTOKAR.
Ob ich sie kenne? Glaubst du Tor,
Die Sonne scheine dir allein?

JOHANN.
Wie meinst
Du das – ? Und kennst auch ihren Namen?

OTTOKAR.
Nein,
Beruh'ge dich. Den sagt sie mir sowenig
Wie dir, und droht mit ihrem Zorne, wenn
Wir unbescheiden ihn erforschen sollten.
Drum laß uns tun, wie sie es will. Es sollen
Geheimnisse der Engel Menschen nicht
Ergründen. Laß – ja laß uns lieber, wie
Wir es mit Engeln tun, sie taufen. Möge
Die Ähnliche der Mutter Gottes auch
Maria heißen – uns nur, du verstehst;
Und nennst du im Gespräch mir diesen Namen,
So weiß ich, wen du meinst. Ich habe lange
Mir einen solchen Freund gewünscht. Es sind
So wenig Seelen in dem Hause, die
Wie deine, zartbesaitet,
Vom Atem tönen.
Und weil uns nun der Schwur der Rache fort
Ins wilde Kriegsgetümmel treibt, so laß
Uns brüderlich zusammenhalten; kämpfe
Du stets an meiner Seite.

JOHANN.
– Gegen wen?

OTTOKAR.
Das fragst du hier an dieser Leiche? Gegen
Sylvesters frevelhaftes Haus.

JOHANN.
O Gott,
Laß ihn die Engellästrung nicht entgelten!

OTTOKAR.
Was? Bist du rasend?

JOHANN.
Ottokar – Ich muß
Ein schreckliches Bekenntnis dir vollenden –
Es muß heraus aus dieser Brust – denn gleich
Den Geistern ohne Rast und Ruhe, die
Kein Sarg, kein Riegel, kein Gewölbe bändigt,
So mein Geheimnis. –

OTTOKAR.
Du erschreckst mich, rede!

JOHANN.
Nur dir, nur dir darf ich's vertraun – Denn hier
Auf dieser Burg – mir kommt es vor, ich sei
In einem Götzentempel, sei, ein Christ,
Umringt von Wilden, die mit gräßlichen
Gebärden mich, den Haaresträubenden,
Zu ihrem blut'gen Fratzenbilde reißen –
– Du hast ein menschliches Gesicht, zu dir,
Wie zu dem Weißen unter Mohren, wende
Ich mich – Denn niemand, bei Gefahr des Lebens,
Darf außer dir des Gottes Namen wissen,
Der mich entzückt. –

OTTOKAR.
O Gott! – Doch meine Ahndung?

JOHANN.
Sie ist es.

OTTOKAR erschrocken.
Wer?

JOHANN.
Du hast's geahndet.

OTTOKAR.
Was
Hab ich geahndet? Sagt ich denn ein Wort?
Kann ein Vermuten denn nicht trügen? Mienen
Sind schlechte Rätsel, die auf vieles passen,
Und übereilt hast du die Auflösung.
Nicht wahr, das Mädchen, dessen Schleier hier,
Ist Agnes nicht, nicht Agnes Schroffenstein?

JOHANN.
Ich sag dir ja, sie ist es.

OTTOKAR.
O mein Gott!

JOHANN.
Als sie auf den Bericht, ich sei aus Rossitz,
Schnell fortging, folgt ich ihr von weitem
Bis Warwand fast, wo mir's ein Mann nicht einmal,
Nein zehenmal bekräftigte.

OTTOKAR.
O laß
An deiner Brust mich ruhn, mein lieber Freund.

Er lehnt sich auf Johannes Schulter.
Jeronimus tritt auf.

JERONIMUS.
Ich soll
Mich sinngeändert vor dir zeigen, soll
Die schlechte Meinung dir benehmen, dir,
Wenn's möglich, eine beßre abgewinnen,
– Gott weiß, das ist ein peinliches Geschäft.
Laß gut sein, Ottokar. Du kannst mir's glauben,
Ich wußte nichts von allem, was geschehn.

Pause; da Ottokar nicht aufsieht.

Wenn du's nicht glaubst, ei nun, so laß es bleiben.
Ich hab nicht Lust mich vor dir weiß zu brennen.
Kannst du's verschmerzen, so mich zu verkennen,
Bei Gott so kann ich das verschmerzen.

OTTOKAR zerstreut.
Wie sagst du, Jeronimus?

JERONIMUS.
Ich weiß, was dich so zäh macht in dem Argwohn.
's ist wahr, und niemals werd ich's leugnen, ja,
Ich hatt das Mädel mir zum Weib erkoren.
Doch eh ich je mit Mördern mich verschwägre,
Zerbreche mir die Henkershand das Wappen.

OTTOKAR fällt Jeronimus plötzlich um den Hals.

JERONIMUS.
Was ist dir, Ottokar? Was hat so plötzlich
Dich und so tief bewegt?

OTTOKAR.
Gib deine Hand,
Verziehn sei alles.

JERONIMUS.
– Tränen? Warum Tränen?

OTTOKAR.
Laß mich, ich muß hinaus ins Freie.

Ottokar schnell ab; die andern folgen.


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