Die Familie Schroffenstein

5. Aufzug

1. Szene

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Innere einer Höhle. Es wird Nacht, Agnes mit einem Hute, in zwei Kleidern. Das Überkleid ist vorne mit Schleifen zugebunden. Barnabe. Beide stehen schüchtern an einer Seite des Vordergrundes.

AGNES.
Hättst du mir früher das gesagt! Ich fühle
Mich sehr beängstigt, möchte lieber, daß
Ich nicht gefolgt dir wäre. – Geh noch einmal
Hinaus, du Liebe, vor den Eingang, sieh,
Ob niemand sich der Höhle nähert.

BARNABE die in den Hintergrund gegangen ist.
Von
Den beiden Rittern seh ich nichts.

AGNES mit einem Seufzer.
Ach Gott!
Hab Dank für deine Nachricht.

BARNABE.
Aber von
Dem schönen Jüngling seh ich auch nichts.

AGNES.
Siehst
Du wirklich nichts? Du kennst ihn doch?

BARNABE.
Wie mich.

AGNES.
So sieh nur scharf hin auf den Weg.

BARNABE.
Es wird
Sehr finster schon im Tal, aus allen Häusern
Seh ich schon Lichter schimmern und Kamine.

AGNES.
Die Lichter schon? So ist's mir unbegreiflich.

BARNABE.
Wenn einer käm, ich könnt es hören, so
Geheimnis-still geht's um die Höhen.

 

 

AGNES.
Ach, nun ist's doch umsonst. Ich will nur lieber
Heimkehren. Komm. Begleite mich.

BARNABE.
Still! Still!
Ich hör ein Rauschen – wieder. – – Ach, es war
Ein Windstoß, der vom Wasserfalle kam.

AGNES.
War's auch gewiß vom Wasserfalle nur?

BARNABE.
Da regt sich etwas Dunkles doch im Nebel. –

AGNES.
Ist's einer? Sind es zwei?

BARNABE.
Ich kann es nicht
Genau erkennen. Aber menschliche
Gestalten sind es – – Ah!

Beide Mädchen fahren zurück. Ottokar tritt auf, und fliegt in Agnes' Arme.

OTTOKAR.
O Dank, Gott! Dank für deiner Engel Obhut!
So lebst du Mädchen?

AGNES.
Ob ich lebe?

OTTOKAR.
Zittre
Doch nicht, bin ich nicht Ottokar?

AGNES.
Es ist
So seltsam alles heute mir verdächtig,
Der fremde Bote, dann dein spät Erscheinen,
Nun diese Frage. – Auch die beiden Ritter,
Die schon den ganzen Tag um diese Höhle
Geschlichen sind.

OTTOKAR.
Zwei Ritter?

AGNES.
Die sogar
Nach mir gefragt.

OTTOKAR.
Gefragt? Und wen?

AGNES.
Dies Mädchen,
Die es gestanden, daß sie ins Gebirg
Mich rufe.

OTTOKAR zu Barnabe.
Unglückliche!

AGNES.
Was sind denn das
Für Ritter?

 

OTTOKAR zu Barnabe.
Wissen sie, daß Agnes hier
In dieser Höhle?

BARNABE.
Das hab ich nicht gestanden.

AGNES.
Du scheinst beängstigt, Ottokar, ich werd
Es doppelt. Kennst du denn die Ritter?

OTTOKAR steht in Gedanken.

AGNES.
Sind sie –
– Sie sind doch nicht aus Rossitz? Sind doch nicht
Geschickt nach mir? Sind keine Mörder doch?

OTTOKAR mit einem plötzlich heitern Spiel.
Du weißt ja, alles ist gelöst, das ganze
Geheimnis klar, dein Vater ist unschuldig. –

AGNES.
So wär es wahr – ?

OTTOKAR.
Bei diesem Mädchen fand
Ich Peters Finger, Peter ist ertrunken,
Ermordet nicht. – Doch künftig mehr. Laß uns
Die schöne Stunde innig fassen. Möge
Die Trauer schwatzen, und die Langeweile,
Das Glück ist stumm.

Er drückt sie an seine Brust.

 

Wir machen diese Nacht
Zu einem Fest der Liebe, willst du? Komm.

Er zieht sie auf einen Sitz.

In kurzem, ist der Irrtum aufgedeckt,
Sind nur die Väter erst versöhnt, darf ich
Dich öffentlich als meine Braut begrüßen.
– Mit diesem Kuß verlobe ich mich dir.

Er steht auf, zu Barnabe heimlich.

Du stellst dich an den Eingang, hörst du? Siehst
Du irgend jemand nahen, so rufst du gleich.
Noch eins. Wir werden hier die Kleider wechseln,
In einer Viertelstunde führst du Agnes
In Männerkleidern heim. Und sollte man
Uns überraschen, tust du's gleich. – Nun geh.

Barnabe geht in den Hintergrund. Ottokar kehrt zu Agnes zurück.

 

AGNES.
Wo geht das Mädchen hin?

OTTOKAR setzt sich.
A
ch! Agnes! Agnes!
Welch eine Zukunft öffnet ihre Pforte!
Du wirst mein Weib, mein Weib! weißt du denn auch
Wie groß das Maß von Glück?

AGNES lächelnd.
Du wirst es lehren.

OTTOKAR.
Ich werd es! O du Glückliche! Der Tag,
Die Nacht vielmehr ist nicht mehr fern. Es kommt, du weißt,
Den Liebenden das Licht nur in der Nacht.
Errötest du?

AGNES.
So wenig schützt das Dunkel?

OTTOKAR.
Nur vor dem Auge, Törin, doch ich seh's
Mit meiner Wange, daß du glühst. – Ach, Agnes!
Wenn erst das Wort gesprochen ist, das dein
Gefühl, jetzt eine Sünde, heiligt – – Erst
Im Schwarm der Gäste, die mit Blicken uns
Wie Wespen folgen, tret ich zu dir, sprichst
Du zwei beklemmte Worte, wendest dann
Viel schwatzend zu dem Nachbar dich. Ich zürne
Der Spröden nicht, ich weiß es besser wohl.
Denn wenn ein Gast, der von dem Feste scheidet,
Die Türe zuschließt, fliegt, wo du auch seist,
Ein Blick zu mir herüber, der mich tröstet.
Wenn dann der letzte auch geschieden, nur
Die Väter und die Mütter noch beisammen –
– »Nun, gute Nacht, ihr Kinder!« – Lächelnd küssen
Sie dich, und küssen mich – wir wenden uns,
Und eine ganze Dienerschaft mit Kerzen
Will folgen. »Eine Kerze ist genug,
Ihr Leute«, ruf ich, und die nehm ich selber,
Ergreife deine, diese Hand,

Er küßt sie.

 

– Und langsam steigen wir die Treppe, stumm,
Als wär uns kein Gedanke in der Brust,
Daß nur das Rauschen sich von deinem Kleide,
Noch in den weiten Hallen hören läßt.
Dann – – Schläfst du, Agnes?

 

AGNES.
– Schlafen?

OTTOKAR.
Weil du plötzlich
So still – Nun weiter. Leise öffne ich
Die Türe, schließe leise sie, als wär
Es mir verboten. Denn es schauert stets
Der Mensch, wo man als Kind es ihm gelehrt.
Wir setzen uns. Ich ziehe sanft dich nieder,
Mit meinen Armen stark umspann ich dich,
Und alle Liebe sprech ich aus mit einem,
Mit diesem Kuß.

Er geht schnell in den Hintergrund; zu Barnabe heimlich.

So sahst du niemand noch?

BARNABE.
Es schien mir kürzlich fast, als schlichen zwei
Gestalten um den Berg.

Ottokar kehrt schnell zurück.

AGNES.Was sprichst du dennMit jenem Mädchen stets?

OTTOKAR hat sich wieder gesetzt.
Wo blieb ich stehen?
Ja, bei dem Kuß. – Dann kühner wird die Liebe,
Und weil du mein bist – bist du denn nicht mein?
So nehm ich dir den Hut vom Haupte,

Er tut's.

störeDer Locken steife Ordnung,

 

Er tut's.

drücke kühn
Das Tuch hinweg,

Er tut's.

du lispelst leis: o löscheDas Licht! Und plötzlich, tief verhüllend, webtDie Nacht den Schleier um die heil'ge Liebe,Wie jetzt.

 

BARNABE aus dem Hintergrunde.
O Ritter! Ritter!

AGNES sieht sich ängstlich um.

OTTOKAR fällt ihr ins Wort.
Nun entwallt
Gleich einem frühling-angeschwellten Strom
Die Regung ohne Maß und Ordnung – schnell
Lös ich die Schleife, schnell noch eine,

Er tut's.

streife dann
Die fremde Hülle leicht dir ab.

Er tut's.

 

AGNES.
O Ottokar,
Was machst du?

Sie fällt ihm um den Hals.

OTTOKAR an dem Überkleide beschäftigt.
Ein Gehülfe der Natur
Stell ich sie wieder her. Denn wozu noch
Das Unergründliche geheimnisvoll
Verschleiern? Alles Schöne, liebe Agnes,
Braucht keinen andern Schleier, als den eignen,
Denn der ist freilich selbst die Schönheit.

BARNABE.
Ritter! Ritter!
Geschwind!

OTTOKAR schnell auf, zu Barnabe.
Was gibt's?

BARNABE.
Der eine ging zweimal
Ganz nah vorbei, ganz langsam.

OTTOKAR.
Hat er dich gesehn?

BARNABE.
Ich fürcht es fast.

Ottokar kehrt zurück.

 

AGNES die aufgestanden ist.Was rief das Mädchen dennSo ängstlich?

OTTOKAR.
Es ist nichts.

AGNES.
Es ist etwas.

OTTOKAR.
Zwei Bauern ja, sie irrten sich. – Du frierst,
Nimm diesen Mantel um.

Er hängt ihr seinen Mantel um.

AGNES.
Du bist ja seltsam.

OTTOKAR.
So, so. Nun setze dich.

AGNES setzt sich.
Ich möchte lieber gehn.

OTTOKAR der vor ihr steht.
Wer würde glauben, daß der grobe Mantel
So Zartes deckte, als ein Mädchenleib!
Drück ich dir noch den Helm auf deine Locken,
Mach ich auch Weiber mir zu Nebenbuhlern.

BARNABE kommt zurück, eilig.

Sie kommen! Ritter! Sie kommen!

Ottokar wirft schnell Agnes' Oberkleid über, und setzt ihren Hut auf.

AGNES.Wer soll denn kommen? – Ottokar, was machst du?

 

OTTOKAR im Ankleiden beschäftigt.
Mein Vater kommt. –

AGNES.
O Jesus!

Will sinken.

OTTOKAR faßt sie.
Ruhig. Niemand
Fügt dir ein Leid, wenn ohn ein Wort zu reden,
Du dreist und kühn in deiner Männertracht
Hinaus zur Höhle gehst. Ich bleibe. – Nein,
Erwidre nichts, ich bleib. Es ist nur für
Den ersten Anfall.

Rupert und Santing erscheinen.

Sprecht kein Wort und geht sogleich.

Die Mädchen gehen.

RUPERT tritt Agnes in den Weg.
Wer bist du? Rede!

OTTOKAR tritt vor, mit verstellter Stimme.
Sucht ihr Agnes? Hier bin ich.
Wenn ihr aus Warwand seid, so führt mich heim.

RUPERT während die Mädchen nun abgehen.
Ich fördre dein Gespenst zu deinem Vater!

Er ersticht Ottokar, der fällt ohne Laut.
Pause.

RUPERT betrachtet starr die Leiche.
Santing! Santing! – Ich glaube, sie ist tot.

SANTING.
Die Schlange hat ein zähes Leben. Doch
Beschwör ich's fast. Das Schwert steckt ihr im Busen.

RUPERT fährt sich mit der Hand übers Gesicht.
Warum denn tat ich's, Santing? Kann ich es
Doch gar nicht finden im Gedächtnis. –

SANTING.
Ei,
Es ist ja Agnes.

 

 

RUPERT.
Agnes, ja, ganz recht,
Die tat mir Böses, mir viel Böses, o
Ich weiß es wohl. – – Was war es schon?

SANTING.
Ich weiß
Nicht, wie du's meinst. Das Mädchen selber hat
Nichts Böses dir getan.

RUPERT.
Nichts Böses? Santing!
Warum denn hätt ich sie gemordet? Sage
Mir schnell, ich bitte dich, womit sie mich
Beleidigt, sag's recht hämisch – Basiliske,
Sieh mich nicht an, sprich, Teufel, sprich, und weißt
Du nichts, so lüg es!

SANTING.
Bist du denn verrückt?
Das Mädchen ist Sylvesters Tochter.

RUPERT.
So,
Sylvesters. – Ja, Sylvesters, der mir Petern
Ermordet hat. –

SANTING.
Den Herold und Johann.

RUPERT.
Johann, ganz recht, und der mich so infam
Belogen hat, daß ich es werden mußte.

Er zieht das Schwert aus dem Busen Ottokars.

Rechtmäßig war's –
Gezücht der Otter!

Er stößt den Körper mit dem Fuße.

SANTING an dem Eingang.
Welch eine seltsame Erscheinung, Herr!
Ein Zug mit Fackeln, gleich dem Jägerheer,
Zieht still von Warwand an den Höhn herab.

RUPERT.
Sie sind, wie's scheint, nach Rossitz auf dem Wege.

SANTING.
Das Ding ist sehr verdächtig.

RUPERT.
Denkst du an
Sylvester?

SANTING.
Herr, ich gebe keine Nuß
Für eine andre Meinung. Laß uns schnell
Heimkehren, in zwei Augenblicken wär's
Nicht möglich mehr.

 

 

RUPERT.
Wenn Ottokar nur ihnen
Nicht in die Hände fällt. – Ging er nicht aus
Der Höhle, als wir kamen?

SANTING.
Und vermutlich
Nach Haus; so finden wir ihn auf dem Wege. Komm!

Beide ab.
Agnes und Barnabe lassen sich am Eingange sehen.

AGNES.
Die Schreckensnacht! Entsetzlich ist der Anblick!
Ein Leichenzug mit Kerzen, wie ein Traum
Im Fieber! Weit das ganze Tal erleuchtet
Vom blutig-roten Licht der Fackeln. Jetzt
Durch dieses Heer von Geistern geh ich nicht
Zu Hause. Wenn die Höhle leer ist, wie
Du sagst –

BARNABE.
Soeben gingen die zwei Ritter
Heraus.

AGNES.
So wäre Ottokar noch hier?
Ottokar! – – Ottokar!

OTTOKAR mit matter Stimme.
Agnes!

AGNES.
Wo bist du? – Ein Schwert – im Busen – Heiland!
Heiland der Welt! Mein Ottokar!

Sie fällt über ihn.

OTTOKAR.
Es ist –
Gelungen. – Flieh!

Er stirbt.

 

BARNABE.
O Jammer! Gott des Himmels!
Mein Fräulein! Sie ist sinnlos! Keine Hülfe!
Ermanne dich, mein Fräulein! – Gott! Die Fackeln!
Sie nahen! Fort, Unglückliche! Entflieh!

Ab.
Sylvester und Theistiner treten auf; eine Fackel folgt.

SYLVESTER.Der Zug soll halten!

 

Zu Theistiner.

Ist es diese Höhle?

THEISTINER.
Ja, Herr, von dieser sprach Johann, und darf
Man seiner Rede traun, so finden wir
Am sichersten das Fräulein hier.

SYLVESTER.
Die Fackel vor!

THEISTINER.
Wenn ich nicht irre, seh ich Ottokar –
Dort liegt auch Agnes!

SYLVESTER.
Am Boden! Gott der Welt!
Ein Schwert im Busen meiner Agnes!

AGNES richtet sich auf.

Wer ruft?

SYLVESTER.
Die Hölle ruft dich, Mörder!

Er ersticht sie.

AGNES.
Ach!

Sie stirbt.
Sylvester läßt sich auf ein Knie neben der Leiche Ottokars nieder.

THEISTINER nach einer Pause.
Mein bester Herr, verweile nicht in diesem
Verderblich dumpfen Schmerz! Erhebe dich!
Wir brauchen Kraft, und einem Kinderlosen
Zerreißt der Schreckensanblick das Gebein.

SYLVESTER.
Laß einen Augenblick mich ruhn. Es regt
Sich sehr gewaltig die Natur im Menschen,
Und will, daß man, gleich einem einz'gen Gotte,
Ihr einzig diene, wo sie uns erscheint.
Mich hat ein großer Sturm gefaßt, er beugt
Mein wankend Leben tief zur Gruft. Wenn es
Nicht reißt, so steh ich schrecklich wieder auf,
Ist der gewaltsam erste Anfall nur
Vorüber.

THEISTINER.
Doch das Zögern ist uns sehr
Gefährlich – – Komm! Ergreif den Augenblick!
Er wird so günstig niemals wiederkehren.
Gebeut die Rache und wir wettern wie
Die Würgeengel über Rossitz hin!

SYLVESTER.
Des Lebens Güter sind in weiter Ferne,
Wenn ein Verlust so nah, wie diese Leiche,
Und niemals ein Gewinst kann mir ersetzen,
Was mir auf dieser Nummer fehlgeschlagen.
Sie blühte wie die Ernte meines Lebens,
Die nun ein frecher Fußtritt mir zertreten,
Und darben werd ich jetzt, von fremden Müttern
Ein fremdes Kind zum Almos mir erflehen.

THEISTINER.
Sylvester, hör mich! Säume länger nicht!

SYLVESTER.
Ja, du hast recht! es bleibt die ganze Zukunft
Der Trauer, dieser Augenblick gehört
Der Rache. Einmal doch in meinem Leben
Dürst ich nach Blut, und kostbar ist die Stimmung.
Komm schnell zum Zuge.

Man hört draußen ein Geschrei: Holla! Herein! Holla!

THEISTINER.
Was bedeutet das?

Rupert und Santing werden von Rittern Sylvesters gefangen aufgeführt.

EIN RITTER.
Ein guter Fund, Sylvester! Diese saubern
Zwei Herren, im Gesträuche hat ein Knappe,
Der von dem Pferd gestiegen, sie gefunden.

THEISTINER.
Sylvester! Hilf mir sehn, ich bitte dich!
Er ist's! Leibhaftig! Rupert! Und der Santing.

SYLVESTER zieht sein Schwert.
Rupert!

THEISTINER.
Sein Teufel ist ein Beutelschneider,
Und führt in eigener Person den Sünder
In seiner Henker Hände.

SYLVESTER.
O gefangen!
Warum gefangen? Gott der Gerechtigkeit!
Sprich deutlich mit dem Menschen, daß er's weiß
Auch, was er soll!

RUPERT erblickt Agnes' Leiche.
Mein Sohn! Mein Sohn! Ermordet!
Zu meinem Sohne laßt mich, meinem Sohne!

Er will sich losreißen, die Ritter halten ihn.

SYLVESTER.
Er trägt sein eigen schneidend Schwert im Busen

Er steckt ein.

Laßt ihn zu seinem Sohne.

 

 

RUPERT stürzt über Agnes' Leichnam hin.

Ottokar!

GERTRUDE tritt auf.
Ein Reuter flog durch Warwand, schreiend, Agnes
Sei tot gefunden in der Höhle. Ritter,
Ihr Männer! Ist es wahr? Wo ist sie? Wo?

Sie stürzt über Ottokars Leichnam.

O heil'ge Mutter Gottes! O mein Kind!
Du Leben meines Lebens!

EUSTACHE tritt auf.
Seid ihr Männer,
So laßt ein Weib unangerührt hindurch,
Gebeut's, Sylvester, ich, die Mutter des
Erschlagnen, will zu meines Sohnes Leiche.

SYLVESTER.
Der Schmerz ist frei. Geh hin zu deinem Sohn.

EUSTACHE.
Wo ist er? – Jesus! Deine Tochter auch? –
Sie sind vermählt.

Sylvester wendet sich. Eustache läßt sich auf ein Knie vor Agnes' Leiche nieder.
Sylvius, von Johann geführt, treten auf. Der letzte mit Zeichen der Verrückung.

SYLVIUS.
Wohin führst du mich, Knabe?

JOHANN.
Ins Elend, Alter, denn ich bin die Torheit.
Sei nur getrost! Es ist der rechte Weg.

SYLVIUS.
Weh! Weh! Im Wald die Blindheit, und ihr Hüter
Der Wahnsinn! Führe heim mich, Knabe, heim!

JOHANN.
Ins Glück? Es geht nicht, Alter. 's ist inwendig
Verriegelt. Komm. Wir müssen vorwärts.

SYLVIUS.
Müssen wir?
So mögen sich die Himmlischen erbarmen.
Wohlan. Ich folge dir.

JOHANN.
Heißa lustig!
Wir sind am Ziele.

SYLVIUS.
Am Ziele schon? Bei meinem
Erschlagnen Kindeskind? Wo ist's?

JOHANN.
Wär ich blind,
Ich könnt es riechen, denn die Leiche stinkt schon.
Wir wollen uns dran niedersetzen, komm,
Wie Geier ums Aas.

Er setzt sich bei Ottokars Leiche.

SYLVIUS.
Er raset. Weh! Hört denn
Kein menschlich Ohr den Jammer eines Greises,
Der blind in pfadelosen Wäldern irrt?

JOHANN.
Sei mir nicht bös, ich mein es gut mit dir.
Gib deine Hand, ich führe dich zu Agnes.

SYLVIUS.
Ist es noch weit?
JOHANN.
Ein Pfeilschuß. Beuge dich.
SYLVIUS indem er die Leiche betastet.
Ein Schwert – im Busen – einer Leiche. –

JOHANN.
Höre, Alter,
Das nenn ich schauerlich. Das Mädchen war
So gut, und o so schön.

SYLVIUS.
Das ist nicht Agnes!
– Das wäre Agnes, Knabe? Agnes' Kleid,
Nicht Agnes! Nein bei meinem ew'gen Leben,
Das ist nicht Agnes!

JOHANN die Leiche betastend.
A
h! Der Skorpion!
's ist Ottokar!

SYLVESTER.
Ottokar!

GERTRUDE.
So wahr ich Mutter, das ist meine Tochter
Nicht.

Sie steht auf.

SYLVESTER.
Fackeln her! – Nein, wahrlich, nein! Das ist
Nicht Agnes!

EUSTACHE die herbeigeeilt.
Agnes! Ottokar! Was soll
Ich glauben –? O ich Unheilsmutter! Doppelt
Die Leiche meines Sohnes! Ottokar!

SYLVESTER.
Dein Sohn in meiner Agnes Kleidern?
Wer denn ist die Leiche in der Männertracht?
Ist es denn – Nein, es ist doch nicht – ?

 

 

SYLVIUS.
Sylvester!
Wo ist denn Agnes' Leiche? Führ mich zu ihr.

SYLVESTER.
Unglücklicher! Sie ist ja nicht ermordet?

JOHANN.
Das ist ein Narr. Komm, Alter, komm. Dort ist
Noch eine Leich, ich hoffe, die wird's sein.

SYLVIUS.
Noch eine Leiche? Knabe! Sind wir denn
In einem Beinhaus?

JOHANN.
Lustig, Alter!
Sie ist's! 's ist Agnes!

SYLVESTER bedeckt sich das Gesicht.
Agnes!

JOHANN.
Faß ihr ins Gesicht,
Es muß wie fliegender Sommer sein.

Zu Rupert.

 

Du Scheusal! Fort!

RUPERT richtet sich halb auf.
Bleibt fern, ich bitt euch. – Sehr gefährlich ist's,
Der Ohnmacht eines Rasenden zu spotten.
Ist er in Fesseln gleich geschlagen, kann
Er euch den Speichel noch ins Antlitz spein,
Der seine Pest euch einimpft. Geht, und laßt
Die Leiche mindstens mir von Ottokar.

JOHANN.
Du toller Hund! Geh gleich fort! Ottokar
Ist dort – komm, Alter, glaub mir, hier ist Agnes.

SYLVIUS.
O meine Agnes! O mein Kindeskind!

EUSTACHE.
O meine Tochter! Welch ein Irrtum! Gott!

RUPERT sieht Agnes' Leiche genauer an, steht auf, geht schnell zur Leiche Ottokars, und wendet sich mit Bewegung des Entsetzens.
Höllisch Gesicht! Was äffst du mich?

Er sieht die Leiche wieder an.

Ein Teufel
Blöckt mir die Zung heraus.

Er sieht sie wieder an und fährt mit den Händen in seinen Haaren.

Ich selbst! Ich selbst!
Zweimal die Brust durchbohrt! Zweimal die Brust.

URSULA tritt auf.
Hier ist der Kindesfinger!

Sie wirft einen Kindesfinger in die Mitte der Bühne und verschwindet.

ALLE.
Was war das? Welche seltsame Erscheinung?

EUSTACHE.
Ein Kindesfinger?

Sie sucht ihn auf.

RUPERT.
Fehlte Petern nicht
Der kleine Finger an der linken Hand?

SYLVESTER.
Dem Peter? Dem erschlagnen Knaben? Fangt
Das Weib mir, führet mir das Weib zurück!

Einige Ritter ab.

EUSTACHE.
Wenn eine Mutter kennt, was sie gebar,
So ist es Peters Finger.

RUPERT.
Peters Finger?

EUSTACHE.
Er ist's! Er ist's! An dieser Blatternarbe,
Der einzigen auf seinem ganzen Leib,
Erkenn ich es! Er ist es!

RUPERT.
Unbegreiflich!

URSULA wird aufgeführt.
Gnade! Gnade! Gnade!

SYLVESTER.
Wie kamst du, Weib, zu diesem Finger?

URSULA.
Gnade!
Das Kind, dem ich ihn abgeschnitten, ist
Ermordet nicht, war ein ertrunkenes,
Das ich selbst leblos fand.

RUPERT.
Ertrunken?

SYLVESTER.
Und warum schnittst du ihm den Finger ab?

URSULA.
Ich wollt ihn unter meine Schwelle legen,
Er wehrt dem Teufel. Gnade! Wenn's dein Sohn ist,
Wie meine Tochter sagt, ich wußt es nicht.

RUPERT.
Dich fand ich aber bei der Leiche nicht.
Ich fand zwei Reisige aus Warwand.

URSULA.
Die kamen später zu dem Kind als ich,
Ihm auch den rechten Finger abzulösen.

Rupert bedeckt sich das Gesicht.

JOHANN tritt vor Ursula.
Was willst du, alte Hexe?

URSULA.
's ist abgetan, mein Püppchen.
Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen.

JOHANN.
Versehen? Ein Versehen? Schade! Schade!
Die arme Agnes! Und der Ottokar!

RUPERT.
Johann! Mein Knäblein! Schweige still, dein Wort
Ist schneidend wie ein Messer.

JOHANN.
Seid nicht böse.
Papa hat es nicht gern getan, Papa
Wird es nicht mehr tun. Seid nicht böse.

RUPERT.
Sylvester! Dir hab ich ein Kind genommen,
Und biete einen Freund dir zum Ersatz.

Pause.

Sylvester! Selbst bin ich ein Kinderloser!

Pause.

Sylvester! Deines Kindes Blut komm überMich – kannst du besser nicht verzeihn, als ich?

Sylvester reicht ihm mit abgewandtem Gesicht die Hand; Eustache und Gertrude umarmen sich.

JOHANN.Bringt Wein her! Lustig! Wein! Das ist ein Spaß zumTotlachen! Wein! Der Teufel hatt im Schlaf die beidenMit Kohlen die Gesichter angeschmiert,Nun kennen sie sich wieder. Schurken! Wein!Wir wollen eins drauf trinken!

URSULA.
Gott sei Dank!
So seid ihr nun versöhnt.

RUPERT.
Du hast den Knoten
Geschürzt, du hast ihn auch gelöst. Tritt ab.

JOHANN.
Geh, alte Hexe, geh. Du spielst gut aus der Tasche,
Ich bin zufrieden mit dem Kunststück. Geh.

Der Vorhang fällt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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