Briefe auf einer Reise durch Deutschland und der Schweiz im Sommer 1808.

von Charlotte von Ahlefeld.

Neunter Brief

Crotzingen, den 19. Juli.

Wir haben heute Morgen schon ziemlich früh den Freiburger Münster besehen. Ein heftiges Gewitter üernahm die Mühe, uns aufzuwecken. Hier in den Bergen hallt der Donner, von manchen Echo verdoppelt, schauerlich wieder. Schon gestern Abend empfanden wir die Heftigekeit der hiesigen Gewitter, als es plötzlich mit einem schrecklichen Geprassel in der Stadt nicht weit von unserm Gasthof einschlug, jedoch ohne zu zünden.

Unser Wirth, ein freundlicher Alter, sorgte mit seiner klugen, unverheirateten Schwester nach ächt patriarchalischer Sitte nicht blos für unseres Leibes Nahrung und Nothdurft, sondern auch für unsere Unterhaltung, indem beide während unseres Abendessens herein kamen und sich plaudernd beiuns niederließen. Bei ihnen, wo das Gespräch wirklich unterrichtend war, liebe ich diese Sitte, die aber bei andern Wirthen den Reisenden bald lästig fallen würde.

Der Münster ist ein schönes altes Gebäude, und verwahrt noch viele Denkmähler frommen Glaubens und aufopfernder Andacht in kostbaren Meßgewändern, silbernen und goldenen, mit Perlen und Edelsteinen besetzten Monstranzen, Altargefäßen u.s.w. Es war gerade Messe, daher konnten wir leider die Gemälde der vielen Altäre, so wie die Grabmähler, die immer für mich ein besonderes Interesse haben, nur im flüchtigen Vorübergehen sehn. Sie schienen sehr einer näheren Betrachtung würdig.

Der Weg von Freiburg hierher nach Crotzingen, wo wir einige Stunden ausruhen, führt durch himmlische Gegenden. Berge thürmen sich links oft in fünffachen Reihen über einander, und große Dörfer liegen, im Grün halb versteckt, zu ihren Füßen, mit allen Kennzeichen ländlichen Wohlstandes ausgeschmückt. Ueberall zeigen Kruzifixe und Heiligenbilder von den religiösen Sinne des Landes – leider sieht man aber hier an der Straße beinahe eben so viele Galgen als Kreuze mit dem Bildes des Erlösers. Kleine Betkapellen stehen allenthalben am Wege, und es war mir oft ein rührender Anblick, sie mit Blumenkränzen behangen zu sehn. Wer weiß, welcher leise Wunsch, nach Gewährung schmachtend, diese Blumen pflückte . welche stumme Bitte sich durch die bescheiden ausdrückte, oder auch welche bange Sorge nach Linderung lechzte, als diese Kränze im Stillen gewunden wurden. – Frommer Glaube – wer könnte anders, als gutmüthig über Dich lächeln? Reine Quelle des Glücks, oder wenigstens der Ergebung — — wenn ich es doch vermöchte, Dich auch in meine Brust zu leiten.

Auf einem der Berge erblickt man noch die Ueberbleibsel der alten Burg der Herren von Staufen. Rechts verschmilzt eine ferne, nur durch leise, nebliche Umrisse angedeutete Bergreihe sanft mit dem Azur des Horizonts, und schöne Dörfer und Flecken wechseln an beiden Seiten mit vollen Kornfeldern ab.

Basel, Abends.

Endlich, endlich ist es Schweizer-Boden, den wir betreten. Hier in dem Gasthof zu den drei Königen ergreife ich die Feder, um fort zu fahren. Dicht an dem Fenster, wo ich Dir schreibe, rauscht der Rhein in schneller Eile vorüber, noch in jugendlicher Reinheit, klarer und grüner, wie ich ihn bei Mainz gesehen habe. Lange habe ich schon hinunter geblickt in den raschen Tanz seiner Wellen, und allerhand hinab geworfen, um es schwermüthig, mit rastloser Schnelligkeit, wie einen Gedanken des Augenblicks vorüberwallen zu sehn. Ach wir Menschen sind eben so flüchtig dahin gerissene Erscheinungen im Strome der Zeit, wie die Blumen und Papiere, die ich in den Wogen des Rheins Preis gab. Wir werden auch vom Strudel des Lebens ergriffen und schwinden hin, und gehen unter. –

Unser weg fuhr fot reich und mannischfaltig zu bleiben, bis bei der Annäherung von Basel sich die Gegend noch unendlich erweitert und der Rhein zum Vorschein kommt, sie noch zu verschönern. O wie war er mir nicht so willkommen, der stolze, königliche Fluß! Mein Auge hatte sich längst nach Wasser, als dem einzigen gesehnt, was dem schönen Strich Landes fehlt, durch den wir kamen. Denn wir begegneten nur hie und da einem unbedeutenden kleinen Bach, der mir nicht gnügen wollte, hier, wo ein so überschwänglicher Reichthum der Natur in waldbekränzten Höhen und fruchtbaren Thälern herrscht.


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