An Bodmer

vom 29.10.1751

Tübingen, den 29. October 1751.

So groß die Idee war, die ich von Dero edlem und leutseligen Charakter, und der Liebe, die Sie zu allen Freunden der schönen Künste tragen, gefaßt hatte; so konnte ich mir dochj nicht schmeicheln, daß sie meine Zuschrift und die Versuche, die ich Ihnen gesandt habe, einer so gütigen Aufnahme würdigen würden, als Sie mir durch Dero so verbindliche Antwort zu erkennen geben. Die Mühe, die ich an den Herrmann gewandt habe, ist mehr als zu sehr belohnt, da er mir den Beyfall eines Mannes verschafftm den alle wahren Kenner des guten Geschmacks als den vollkommensten Richter der Werke des Geistes verehren, Indessen bin ich weit entfernt mir Dero so gütiges Urtheil zuzueignen. Ich sehe die Absicht, mit welcher Sie mich ermuntern; und die Bemühungen, die ich anwenden werde, sollen zeugen, wie ein wichtiges Ziel Dero Beyfall in meinen Augen ist. Mein Herrmann ist die Frucht einer gewissen Jugendhitze, ein übereiltes Werk, das den Früchten im Gewächshause gleicht. Sie werden es ihm nur allzusehr angemerkt haben, daß es an einem richtigen Grundrisse fehlt. Ich war zu ungeduldig und zu ungeschickt einen zu machen, und da ich dem Maler in der Fabel des Herrn Gellerts gleiche, so will ich meinen Kriegsgott ausstreichen. Ueberhaupt habe ich einen etwas ungeschickten Helden gewählt. Dasjenige, was wir aus den römischen und griechischen Geschichtsschreibern wissen, macht ihn sehr unfähig den Helden einer Epopee abzugeben; sein Ende ist hierzu zu tragisch. Ich überlasse dieses unvollkommene Gedicht Ihnen völlig. Es ist mir genug, daß Sie einiges Schöne darin gefunden haben; dieses ist mir so viel, als der Beyfall der ganzen kritischen Welt; das beste wird seyn, es der Vergessenheit zu übergeben; so lange wir noch Klopstock, Smidte, Kleiste u.s.w. haben, so würde man nicht merken, daß ich zugegen wäre.

Ich erwarte den Noah und Jakob und Rahel mit großem Verlangen. Wie glücklich bin ich, daß der Frühling meines Lebens in eine Zeit fällt, wo die Wissenschaften in voller Blüthe sind! J. H. halten unser Zeitalter vor das goldene Alter der schönen Wissenschaften; wer wird Ihnen nicht beystimmen? es müßte denn der Herr Gottsched seyn. Der Geist der die Alten beseelte, lebt in vielen unserer Landsleute wieder auf, und wir sind bereits fähig alle abendländischen Völker herauszufodern, uns in ihren Schoos solche Nachahmer und Uebertreffer der Alten zu zeigen, als wir besitzen. Ich kann mich nicht genug wundern, daß Herr Gottsched, bey all seiner vorgegebenen weitläufigen Kenntnis im Reich der Wissenschaften, so still zu deren Werken ist, die Deutschland unsterbliche Ehre bringen. Woran mag es doch liegen? Warum tadelt man an Kleist, was man an Homer bewundert? Warum ist, was im Virgil schön ist, im Messias häßlich oder ausschweifend? Warum bewundert man Horazen, und schweigt von Langen? Dieses sind mir Räthsel.

Ich nehme mir die Freyheit I. H. um einige nähere Nachrichten von Herrn Klopstock zu bitten. Ich bin unter seinen größten Bewunderern. Ich finde das Lob des Herrn Cramers zu klein für ihn; er ist mehr als Milton. Wenn ich über die vier größten Heldendichter, so weit sie mir bekannt sind, denke, so finde ich eine große Aehnlichkeit im Verhältnis des Hmer zum Virgil, und des Milton zu Klopstock. — Alle vier sind bewundernswerth, allein ich kann mich nicht enthalten, den römischen und deutschen Virgil jenen beyden Homeren vorzuziehen. Scaligers Vergleichung Homers und Virgils dünkt mich mehrentheils richtig, und ich glaube daß Milton, (ob durch die große Aehnlichkeit des Genies, oder durch eine willkührliche Nachahmung) fast in alle Fehler des Griechen gefallen ist. Homer ist wie der Rhodische Coloß, Virgil wie die Venus des Praxiteles. Homer ist ein ungemeiner Maler, aber vielleicht drückt er die Natur nur gar zu sehr aus. Ich finde in ihm nicht allemahl diese Wahl des Schönsten, unter mehreren Schönen, die ich im Virgil bewundere. Kurz jener ist erstaunenswürdiger, dieser schöner und reizender. Eben dieses gilt von Milton. Er wird ungemein von unserm Klopstock übertroffen. Bey ihm ist das Ganze größer und majestätischer; das Wunderbare natürlicher, glaubwürdiger, anständiger; die Charaktere besser ausgebildet, abwechselnder und rührender; die Erfindung wahrscheinlicher, scharfsinniger, neuer, interessanter. Doch man müßte ein Buch schrieben, wenn man den Messias preisen wollte.

Ihr Hochedelgeb. Befehlen mir, mich zu entdecken. Ich thue es ohne Furcht, daß mir die Eröffnung meiner Umstände die Gewogenheit rauben könnte, mit der Sie mich beehrt haben. Ich bin eines Predigers Sohn aus Biberach, ohnweit dem Federsee. Ich halte mich seit einiger Zeit hier in Tübingen auf, und bin entschlossen künftiges Jahr nach Sachsen zurückzukehren, wo ich schon drey Jahre zugebracht, um mich, wenn es der Vorsehung gefällt, dem academischen Leben zu widmen.

Ich bin us.w.

Christoph Martin Wieland

 


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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