An Bodmer

undatiert aus dem Jahre 1751

Bey Durchlesung Ihres Schreibens finde ich daß ich auf einige Punkte noch nicht geantworte habe, die ich nicht vorbey gehen darf. [1]

Der hauptsächlichste betrifft meinen Herrmann. So rüde er noch seyn mag, so habe ich doch in der Erfindung oder dem Dessein dieser Schilderey dafür gesorgt, daß ich die unartigen Fehler des Herrn von Schonaich vermied. Dieser Herr scheint die alten Scriptores, die diese Geschichte beschreiben, nicht mit Sorgfalt gelesen zu haben. Er hat auch gar keine richtige Notiz von dem damaligen Zustande Deutschlands; er setzt prächtige Städte hinein, giebt den Königen einen großen Hofstaat etc. die Religion, die er den Deutschen gibt, taugt auch nichts. Er setzt die Grenzen der Völker oft unrecht; er giebt Thusnelden, die Segesthens Tochter ist, einen andern Vater u.s.w. Ich fand im Tacitus daß Herrmann die Thusnelde entführt habe. Weil dieses einen Helden, den ich (aus einem gewissen Gesichtspunkt) vollkommen bilden wollte, unanständig wäre, so tournierte ich diesen Umstand, daß Jedermann die Entführung des Herrmanns für rechtmäßig erklären muß. Eben so ist die Zwischenfabel, von der durch den Varus violirten Prinzessin ganz und gar historisch wahr. Doch alles dieses ist Ew. H. E. vollkommen bekannt; Dero Einsicht in die alte Geschichte Deutschlands wird Sie auch in meinem Embryon von einer Epopee vielleicht Fehler wider die Geschichte, Geographie etc. finden lassen.

Können Sie mir nicht einige Nachrichten von Herrn von Bar geben, der die Epitres diverses gemacht hat; ich schätze diese Briefe ungemein hoch. — Wird Herr Klopstock immer in Copenhagen bleiben? Der König sollte ihm die Erlaubniß geben, bey Ihnen in Zürich zu wohnen. Ich wünschte, daß alle die, welche die Tugend und die schönen Wissenschaften vorzüglich lieben, bey Ihnen seyn könnten. Was für eine Academie würde das werden. Da wollten wir einen bessern Tempel dem Geschmack aufbauen als Voltaire. Warum trennet doch die Vorsehung edle und ähnliche Herzen und zerstreuet sie unter kleine Geister. Ich weiß wenig hierauf zu antworten, aber —

»Was der im Olympus beschließt, verehr’ ich im Staube.« Ich liebe die Erzählung ungemein und die Esopischen Fabeln sehr wenig. Herr Gellert gefällt mir in jenen gar sehr, wie auch Hagedorn, ob er gleich zuweilen gar zu sehr Lafontainisiert. Der Dichter muß das Herz so delikat haben als den Geschmack. In größern epischen Erzählungen muß mich der Dichter in bestädnigem Affekt erhalten und aus einem in den andern führen, wenn er mir gefallen soll. Er muß mir immer was Neues sagen; ich vergesse alsdannm daß ich auf der Erde bin, ich glaube in einem von den Intermediis des Epikur zu seyn und will lauter Neues sehen. In diesem Stück hat mir Klopstock unendlich viel Satsfaktion gegeben, der den Homer und Virgil, so viel ich weiß, am allerwenigsten nachgeahmt. Tasso hat diese beiden scalvisch nachgeahmt, ja ausgeschrieben. Milton, der außer Homer, bis auf Klopstock, der größte Espit createur war, hat doch den Griechen nicht selten nachgeahmt, aber wie mich dünkt, verschönert. In der Messiade ist alles neu und erhabener, als alles was vor ihr geschrieben worden. Es gibt Leute, welche zweifeln, ob Klopstock sich in der außerordentlichen Höhe erhalten werde, in die er sich geschwungen. So denken die fliegenden Fische, die kaum eine Seite im Messias lesen können und gleich wieder in ihre einheimische Tiefe herabsinken.

Wie steht es mit der deutschen Gesellschaft in Göttingen? Sie scheinet, wie mir dünket, weder warm noch kalt zu seyn, und hiket auf beyden Seiten. Solche Gesellschaften mögen nicht ohne Nutzen seyn, aber ob sie große Dichter bilden und aus Versemachern oder auch aus beaux esprits, Genices machen können, zweifle ich. Wir haben verchiedne Dichter von denen die Worte Voltaire’s gelten.

Ils sont comptés encore, au rang des beaux esprits,
Mais eclus du rang des Genies.

Diese letztern sind die, von denen Sie (ich glaube in der Abhandlung von Wunderbaren) sagen, daß sie den Engeln am nächsten kommen. Ich glaube unter den empfindenden Wesen eine Scala, von Gott zum öden Nichts, und daß alle diese Leiter steigen. Dieser fruchtbare Lehrsatz giebt der Dichtkunst die größten Vortheile, und Herr Klopstock hat sich ihn sehr zu Nurz gemacht.


[1] Es handelt sich um einen Briefanfang, dessen Abfassung nicht genau datiert werden konnte. Es ist aber davon auszugehen, dass er noch im Jahre 1751 geschrieben wurd.


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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