Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands

Die neue Romantik

Platen

Es ist eine gewöhnliche Erscheinung in der Literatur, daß neue Töne, welche krankhafte Verstimmung oder tief erlebte Not irgendwo stark angeschlagen, von andern unter ganz verschiedenen Bedingungen, absichtlich oder unbewußt, als eigene Erfahrung aufgegriffen und mit gewissem Behagen ästhetisch ausgebildet werden. Und so finden wir auch die innere Ungenüge, die Kleists Poesie und Leben zerstörte, bei Platen als den eigentlichen Zweck und Glanzpunkt seiner Dichtungen wieder.

August Graf von Pleten (1796–1835) schweifte, wie Kleist, unbefriedigt von Land zu Land. Von Unmut über persönliche Verhältnisse, wie es scheint, aus der Heimat vertrieben, flüchtete er schon früh nach Italien. Allein in Florenz lernte er, »mehr und mehr Zukunft im Herzen, nur der kalten Mitwelt entsagen«. Rom mit seinen stolzen Villen, unverwelklichen Alleen und ewig plätschernden Springbrunnen scheint ihm »wie auf der Seele zu lasten«. Vergebens flieht er immer weiter; in Kalabrien, in dem heiteren Neapel, in dem prächtigen Palermo wieder, nach kurzer Rast, schon wieder melancholisch, erinnert er somit an den Mann im Märchen, der, um den Hauskobold loszuwerden, seine Wohnung hinter sich verbrennt, unter dem geretteten Hausgerät aber den Kobold unversehens mit fortträgt. – Endlich, in immer wachsender Reizbarkeit, fast schon ein Sterbender, von der Cholerafurcht von Stadt zu Stadt gejagt, endigt er durch eine eigenmächtige Selbstkur, womit er der Seuche zu begegnen meint, in Syrakus sein unerfreuliches Leben.

So augenfällig aber dieser Lebenslauf dem Kleistschen gleicht – auch Platen war ursprünglich Offizier und mehr oder minder Autodidakt –, so durchaus verschieden ist doch bei beiden der innere Gehalt dieses Lebens. Während wir bei Kleist den Schatten des finstern Dämons nur unwillkürlich seine poetischen Gestalten verdüstern sehen, stellt Platen seinen Schmerz als ein Kunstwerk öffentlich aus, und was dort nur als verhaltener Schrei erschütternd ausbricht, wird hier mit allerlei Variationen künstlich in Noten gesetzt. Sehr natürlich; denn bei Kleist handelt es sich überall um Dinge, die gar wohl ein Menschenleben aus seinen Angeln heben können: um Vaterland, Ehre und eine ungeheuere, in sich selbst zusammenstürzende Zeit – bei Platen aber, wenn wir tiefer auf den Grund sehen, nur um kleinliche Interessen verletzten Autorstolzes.

Seinen Unmut haucht er in zahllosen, oft rührenden Weisen aus:

»Wem Leben Leiden ist, und Leiden Leben,Der mag nach mir, was ich empfand, empfinden;Wer augenblicks sah jedes Glück verschwinden,Sobald er nur begann darnach zu streben;

Wer je sich in ein Labyrinth begeben,Aus dem der Ausgang nimmermehr zu finden,Wen Liebe darum nur gesucht zu binden,Um der Verzweiflung dann ihn hinzugeben;

Wer jeden Blitz beschwor, ihn zu zerstören,
Und jeden Strom, daß er hinweg ihn spüle
Mit allen Qualen, die sein Herz empören,

Und wer den Toten ihre harten PfühleMißgönnt, wo Liebe nicht mehr kann betören,Der kennt mich ganz, und fühlet was ich fühle.«

Dieser Unmut steigert sich häufig bis zur ungeduldigen Todeslust:

»Soll ich ewig plagen mich und placken?Näht mir endlich meinen Leichenlaken!Wer nicht kriechen will und hündisch wedeln,Bette früh sich bei den Totenschädeln.

A und O von dieses Lebens Psalter,Trübe Jugend sind's, und trübes Alter.Solchen Tanz, ich daur ihn nimmermehr aus,Fiedler Tod, o spiel uns doch den Kehraus!«

Aber während Kleist, wo er auch immer umherschweifte, mit aller Glut der Seele sich nach Deutschland zurücksehnte und nur dessen Schmach und Unglück sein treues Herz zernagte, freut sich Platen, am fremden Strande fremde Lüfte atmen zu können, fern von der Heimat,

»Wo mir zerrissen sind die letzten Bande,Wo Haß und Undank edle Liebe lohnen,Wie bin ich satt von meinem Vaterlande!«

Wir fragen mit Recht endlich ungeduldig nach dem Entsetzlichen, das einen jungen Dichter ereilen konnte, der, unabhängig, nach Herzenslust soeben das schöne Italien durchzog? Der Dichter selbst läßt uns nicht lange im Zweifel darüber. Wir begegnen nämlich zunächst mit fast schreckhaftem Erstaunen einem bis dahin wohl noch niemals so bloßgestellten, monströsen Selbstgefühl, das uns bei aller Teilnahme, die wir keinem Unglücklichen versagen möchten, oft in seinen schönsten Gedichten unwillkürlich verstimmt. – Aus vielem hier nur einiges. So sagt er von seiner »verhängnisvollen Gabel«: »Es freut mich wenigstens, dieses Lustspiel als eine Art von deutschem Muster in dieser Gattung hingestellt zu haben, an welchem die Ästhetiker, was das Wesen des Komischen betrifft, lange Zeit lernen können.« – Er schreibt ferner sich selbst folgende Grabschrift:

»Ich war ein Dichter, und empfand die SchlägeDer bösen Zeit, in welcher ich entsprossen;Doch schon als Jüngling hab ich Ruhm genossen,Und auf die Sprache drückt ich mein Gepräge.

Die Kunst zu lernen war ich nie zu träge,
Drum hab ich neue Bahnen aufgeschlossen,
In Reim und Rhythmus meinen Geist ergossen,
Die dauernd sind, wofern ich recht erwäge.

Gesänge formt ich aus verschiednen Stoffen,
Lustspiele sind und Märchen mir gelungen
In einem Stil, den keiner übertroffen:

Der ich der Ode zweiten Preis errungen,Und im Sonett des Lebens Schmerz und Hoffen,Und diesen Vers für meine Gruft gesungen.«

– – – – –

»Es werden Spätre meinen Geist in Eden
Beschwören und entschuldigen und sagen:
Er dachte groß, wie konnt er kleinlich reden?«

Dieser Mißton wird keineswegs gelöst, wenn er auch später, mit sophistischer Auslegung, sagt:

»Wie? mich selbst je hätt ich gelobt? Wo? Wann? Es entdeckte
Irgend ein Mensch jemals eitle Gedanken in mir?
Nicht mich selber, ich rühmte den Genius, welcher besucht' mich,
Nicht mein sterbliches, mein flüchtiges, irdisches Nichts!
Weil ich bescheiden und still mich selbst für viel zu gering hielt,
Staunt ich in meinem Gemüt über den göttlichen Gast.«

Es konnte nicht fehlen, dieses maßlose Selbstgefühl, wozu ihn weder Talent noch Gesinnung berechtigten, das demnach in der erträumten Bedeutung nie anerkannt werden konnte und daher sich überall verkannt und verletzt wähnte, wurde der Dämon, der den nervenschwachen Poeten fieberhaft durchs Leben stachelte. Darum entsagt er voll Bitterkeit dem undankbaren Vaterlande:

»Es war ein allzu jugendlich Beginnen,
Daß ich, wie Joseph, meinen Traum verkündet;
Draus hat sich mir der Brüder Neid entsponnen,
Die gern mich würfen in den tiefsten Bronnen.

Doch bis hierher, zu weit entferntem Strande,
Kann Lieb und Haß den Dichter nicht beschreien!
Hier mag er weilen, unzerstreut vom Tande,
Vom Wirrwarr deutscher Klatschereien;

Er konnte hier, in einem Zauberlande,
Die bange Brust von jedem Schmerz befreien:
Es steht bei dir, ihm vorzuziehn Lappalien,
Du nordisch Volk, ihn aber schützt Italien!«

Und anderswo:

»Wann einst der Unfug dieser LügengeisterJedwedes Maß phantastisch überschritten,Dann werdet ihr, wiewohl zu spät, mich bittenUnd rufen dann die Kunst und ihren Meister:

O würde jener wieder uns gesendet,
Der uns den Pfad des Äthers wollte zeigen,
Doch seine Seele hat sich abgewendet!

Nie wird er mehr die Alpen übersteigen,Und sein Geschäft ist unter uns vollendet!Ja, meine ganze Rache sei das Schweigen!«

Allein es blieb nicht bei dieser stolzen Rache. – Arnim vergleicht irgendwo die bösen Launen, die so trübsinnig über den Gemütern hängen, mit den schweizerischen Schneelawinen; ein vorüberfliegender Vogel, ein zu laut ausgesprochenes Wort, und sie stürzen verschüttend Über Freund und Feind hernieder. So brachte auch hier ein kleines, gegen Platen gerichtetes Xenion Immermanns, das Heine in seine Reisebilder aufgenommen:

»Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen,Essen sie zu viel, die Armen, und vomieren dann Gaselen«,

plötzlich jene geistige Krankheit des empfindlichen Dichters zum völligen Ausbruch. Immermann schien die Sache längst wieder vergessen zu haben, denn er ehrte Platens später erschienene Gedichte und suchte sogar in persönlichen Verkehr mit ihm zu treten. Da schrieb dieser seinen Oedipus, ein Lustspiel, worin Immermann als Nimmermann, einem größtenteils unverdienten, jedenfalls unwürdigen Spotte preisgegeben wird. Allerdings ist der ganz persönliche Streit hier ins Allgemeine gezogen, indem er als Krieg der poetischen Wahrheit gegen das verkehrte Treiben der damaligen Tragödien überhaupt sich geltend macht, und Immermann gleichsam nur beiläufig der Repräsentant aller wirklichen oder eingebildeten Misere sein soll. Aber die gallbittere Gereiztheit hat alles gelb gefärbt, und läßt nirgend jenen unbefangenen Humor aufkommen, der z.B. in Tiecks Komödien die Schlechtigkeit, weil er uns heiter über sie hebt, vernichtet und die Gegner zu Tod lacht. Im Oedip vielmehr wird alles, was damals in der Heimat berühmt war, bei Namen genannt: Raupach, »der schmiert ein Trauerspiel im Katzenjammer«, Houwald, »ein alter Mensch, doch ähnlich einem jungen, ein Abc-Schütz von gereiften Jahren«, Heine, »der Menschen Allerunverschämtester, dessen Küsse Knoblauchsgeruch absondern« usw. Ja, zuletzt bricht der verletzte Autorstolz in fast wahnsinnige Begeisterung des Hasses aus, indem er den Verstand zu Nimmermann sagen läßt:

»Und kraft der Vollmacht, welche mir die Kunst verlieh,Und kraft des Scherzes, welchen ich bemeistere,Der unter meinen Händen fast erhaben klingt,Als wär's der Andacht hoher Ernst, und kraft der KraftZerstör ich dich, und gebe dich dem Nichts anheim!Zwar wäre dich vernichten eine kleine Tat;Allein gesalbt zum Stellvertreter hab ich dichDer ganzen tollen Dichterlingsgenossenschaft,Die auf dem Hackbrett Fieberträume phantasiert,Und unsre deutsche Heldensprache ganz entweiht;Ja, gleich wie Nero wünscht ich euch nur ein Gehirn,Durch einen einz'gen Witzeshieb zu spalten es,Um aller Welt zu zeigen eine taube Nuß,Mit ungenießbar'm Floskelmoder angefüllt.Verstumme, schneide lieber dir die Zunge weg,Die längst zum Ärger dient Vernünftigen!An deiner Rechten haue dir den Daumen ab,Mitsamt dem Fingerpaare, das die Feder führt:An Geist ein Krüppel, werde bald es körperlich!«

Worauf Nimmermann vom Publikum mit den Worten abgeführt wird:

»Lieber, komm! Ich führe jetzt,Um Muße dir zu schaffen, dich an jenen Ort,Den Briten Bedlam heißen, Deutsche Narrenhaus.«

Aber der Haß ist ein trockener, bleicher, häßlicher Gesell, der sich in schönem Festgewande nur um so widerlicher ausnimmt. Und wie denn die Kunst überhaupt das Besondere hat, daß sie nächst Gott allein in gesundem Herzen wohnen mag, so hat auch hier der ungezügelte Hochmut sich mit ihr nicht recht vertragen wollen und unseren Poeten, bei all seinem bewunderungswürdigen Formensinn, doch eigentlich nur zu einem negativen Dichter gemacht, der die besten Kräfte ruhelos in parodistischer Polemik verbrauchen mußte.

Mit gerechter Entrüstung dagegen ist die Verdächtigung unsittlicher Verirrungen zurückzuweisen, die erst von Ludwig Robert leise angedeutet und dann durch Heine hämisch weiter ausgesponnen wurde, weil Platen in seinen Sonetten, nach dem Vorgange Shakespeares, die männliche Schönheit gefeiert. Er steht hier, wie überall, rein und fern von aller modernen Lüsternheit – an sich schon die schlagendste, tatsächliche Widerlegung, wenn er auch in seinen »Lebensregeln« nicht selber gesagt hätte: »Fliehe die Wollust, die nicht allein den Körper, sondern auch den Geist schwächt. Beweise, daß du Herr deiner selbst bist. Halte alle sinnliche Liebe, sobald sie von der geistigen gesondert ist, für unerlaubt, des Menschen unwürdig. Suche deine geistige und sinnliche Natur so viel möglich in Harmonie zu bringen. Veredle deine Sinnlichkeit.« – Überhaupt erscheint Platen, außer dem fatalen Bereiche seines Hauskobolds, durchaus als ein Gemäßigter, der sich zwischen den Dingen fast überall ein gewisses juste milieu einzurichten weiß. Seine Liebe schwingt sich nur selten über das unter den Poeten einmal konventionelle Verliebtsein hinaus; ja das formenselige Gekose seiner Gedichte erinnert häufig an die gute alte Zeit der Gleimschen Tändeleien, die nur, anstatt des damaligen Schlafrocks, hier den persischen Kaftan oder eine Toga mit stolzem Faltenwurfe umgeschlagen haben. Sagt er doch bezeichnend selbst:

»Aus edlen Dichtern einen Vers zu singen,Gestreckt ins Gras, wo laute Quellen schäumen,An Rosenhecken, unter LindenbäumenDas Leben unbesorgt dahinzubringen:

Im Mai die Stirn mit jungem Laub zu krönen,
Die lauen Nächte, bis es wieder taget,
Durch Weingenuß und Liebe zu verschönen:

Dies ist, und wenn mich auch darob verklagetEin Sittenrichter, der es will verpönen,Das einzige, was meinem Sinn behaget.«

Eine ähnliche Mitte hält auch seine politische Gesinnung. Von den großen Begebenheiten seiner Zeit, von der französischen Julirevolution (Ode an Karl den Zehnten) und dem Unglück Polens (Polenlieder) nicht unberührt, entflammt das letztere seinen Zorn gegen Rußland, der aber, z.B. im »Reich der Geister«, häufig schon wieder in krankhaften Haß umschlägt. Vorzüglich als Bollwerk gegen den barbarischen Osten wünscht er, nicht ohne Sympathien für das neue Frankreich, einen deutschen Kaiser sowie eine freie Entfaltung des geistigen und Volkslebens in Deutschland, und Preußen soll den Banner dieser Freiheit erheben (»An einen deutschen Staat«). Aber, noch ganz verschieden von seinen Nachfolgern in der politischen Poesie, will er jene Freiheit keineswegs zerstörungswütig und gewaltsam über den Trümmern aller Geschichte aufpflanzen, er redet vielmehr den König von Bayern an:

»Allein wie sehr du Wünsche des Tags verstehst,
Nicht horchst Du blindlings jedem Geräusch, Du nimmst
Das Zepter, jenem Joseph ungleich,
Nicht in die weltliche Faust der Neuerung.

Ehrfurcht erweckt, was Väter getan, in Dir,Du fühlst verjährter Zeiten Bedeutsamkeit,Ins Wappenschild uralter SitteFügst Du die Rosen der jüngsten Freiheit.«

Noch weniger mochte er die beliebte Schere einer alles planierenden Gleichheit:

»Konnt ich doch sonst mich auferbaun,Den lust'gen Lauf der Welt beschaun,Nun hör ich die politischen SchellenMir ewig vor den Ohren gellen,Das Kleinste seh ich zu höchst sich schwingen,Als wolle der Staat die Welt verschlingen! –

Doch was die Zeit uns auch verspricht,Natur! versiege du nur nicht!Du Mächtige, Mannigfache, Reiche,Versinke nicht ins flache Gleiche!Doch du hast niemals mit beschworenDen Aberwitz beschränkter Toren,

Du strebtest nie, daß eins wie's andre,
Und gönnst, daß jeder in Frieden wandre;
Den Weisen hüllst du in dein Licht,
Und gibst dem Schaf ein Schafsgesicht;
Der Mittelmäßigkeit Gewühle
Reibst du zu Staub auf deiner Mühle,
Und rufest, zu schalten weit und breit,
Das Große hervor von Zeit zu Zeit.«

Dieselbe etwas nüchterne Wählichkeit zeigt endlich auch sein religiöser Standpunkt. Er hat zwar eine Christnacht, ein Osterlied usw. gedichtet; aber wie vornehm und marmorkalt ist das alles gegen Novalis' geistliche Lieder! Man sieht wohl, er strebt auch in diesem Reiche nach einem leidlich befriedigenden Gleichgewicht, in der Schwebe zwischen den extremen Meinungen; nur daß ihm hier, wo es am wenigsten auf ein formales Zurechtlegen ankommt, die Lösung auch am wenigsten gelingen konnte. Es ist im Grunde doch nur eine gemachte Vernunftreligion mit halb christlicher, halb pantheistischer Färbung. Doch lassen wir ihn auch hier für sich selbst sprechen: »Deine Religion« – sagt er in seinen Lebensregeln – »sei die der Vernünftigen. Sie bestehe im Glauben an die große, alles durchdringende Seele, deren Körper wir die Welt nennen; im Glauben an eine Vorsehung, deren lenkende Gegenwart alle Vorfälle deines Lebens dir unverkennbar beweisen.« – »Denke aber deshalb nicht verpflichtet zu sein, dasjenige als wahr anzunehmen, was dir von den Menschen überliefert worden. Sobald du einmal die Vernunft unterdrücken mußt, so hat dein Glaube weder bestimmtes Ziel, noch Grenze.« – »Die Vorsehung zu glauben, die du niemals körperlich erkennen kannst, ist der Beschränktheit deiner menschlichen Natur angemessen; aber denke nicht, Gott könne fordern, daß du Dinge anerkennst, die dem gesunden Verstande widersprechen, den er dir gab, durch den du ihm angehörst.« – »Droht ein Unfall dich in die tiefe Schwermut der Verzweiflung hinabzustoßen: ermanne dich an deiner göttlichen Natur. Was könnte den zu Boden schlagen, dessen Wille frei ist und keinem unterworfen?« – Seltsam! die Freiheit des menschlichen Willens soll also überall genügend sein und dennoch eine Vorsehung alle Vorfälle unseres Lebens lenken. Wir sollen nichts anerkennen, was dem gesunden Verstande widerspricht, und doch eine höhere Leitung annehmen, die wir körperlich (das heißt doch wohl mit unserem irdischen Verstande) niemals zu erkennen imstande sind; wir sollen also gleichsam dem Verstand glauben; wir sollen nur unserer Vernunft folgen, und doch soll, nach einer andern Lebensregel, diese Vernunft, ein Ausfluß des Weltgeistes, zuweilen irren können, weil sie auf eine unbegreifliche Weise mit dem Körper vereinigt und von ihm beschränkt sei. – In der Tat, ein solches juste milieu zwischen lauter Widersprüchen wäre das Allerunbegreiflichste, und Platen hat gar nicht unrecht, http://www.zeno.org/Literatur/K/Eichendorff-W+Bd.+3-0886.pngwenn er weiterhin sich selbst die Regel stellt: »Sogenannte Religionsstreite führe niemals, und breche das Gespräch ab, sobald man dir Gelegenheit dazu geben möchte.«

Bei dieser konfusen Nüchternheit ist wenigstens das konsequent, daß er auch im Christentum kein übersinnliches Geheimnis, sondern nur eine ganz löbliche Sittenanstalt, und in Christus nur »den Mann der Weisheit erkennt, den die Welt dankbar den Erlöser nannte«. »Ehre im Christentum«, sagt er, »die Reinheit seiner Moral und alles, was geehrt zu werden verdient. Ehre in seinem Stifter, was dir bei einem Platon oder Mark Aurel Bewunderung ablockt, und noch mehr als dies. Er fühlte mehr, was das schwache Menschengeschlecht zumeist bedürfe – feste Bestimmung seiner schwankenden Meinungen, untrügliche Aussichten. Er glaubte sich berechtigt und berufen, dasjenige im Namen der Gottheit selbst zu verkündigen als gewiß und unfehlbar, was er in seiner großen Seele für wahr und unumstößlich hielt; nämlich daß alles Gute gute, alles Böse aber endlich böse Früchte erzeugen müsse. Gewiß wurden viele jener Dogmata, die späterhin seine Jünger und deren Nachfolger ausbreiteten, niemals von ihm beabsichtigt.«

Dasselbe ungefähr, was er hier mit dürren Worten sagt, hat er gleichzeitig (1817) in dem Schwanke: »Die neuen Propheten« poetisch dargestellt. Zwei Verstorbene: ein Orthodoxer, als »Arme Seele«, den Canisius in der Hand, mit schäbigem Rock und samtener Mütze und einem Skapulier am Hals, und ein »Nationaler«, mit englischem Frack und Tituskopf, treffen an der Himmelstür zusammen, hinter der sich Sankt Peter versteckt hat, um ihr Gespräch zu belauschen und darnach ihre Würdigkeit zu erkennen. Die sehr dumme »Arme Seele« möchte nun nur für einen einzigen Tag der Teufel sein, um in dem wärmsten und größten Ofen die Philosophen zu braten. Sie will im Himmel die gute alte Zeit wieder einrichten und erblickt die Welt nur

»als ein großes Theater,In der obersten Loge den heiligen Vater,Wir Priester bewegen an Schnuren und KettenAuf der Bühne die Laien als Marionetten;Das Geheimste sogar, wir entziffern's leichtDurchs Sakrament der Ohrenbeicht;Loyolas Schar treibt wiederumDie Knaben in ihr Kollegium;Das Land durchzieht mit geistlichem KrameDie Krüdener als Aposteldame;Wie Manna regnen Stiftungen, Pfründen,Man fordert zehn Prozent für die Sünden,Man eilt, den bettelnden Mönchen die WägenMit Kälbern, Geflügel und Schmalz zu belegen;Viel Klosterbrüder sieht man wallenMit Testamenten in ihren Krallen« usw.

Der Nationale dagegen, dem

»Der Hader der Partein befleckteDie Seele nie, die den Pöbel verachtetUnd nach erhabnerm Ziele trachtet«,

vergleicht die katholischen Heiligen, sehr zu deren Nachteil, mit den menschheitbeglückenden Heidengöttern; die Dogmatik ist ihm eine ebenso heilige als abgeschmackte Nuß, die niemand knackt, Priesterkniff der Pfeiler der Kirche. Er selbst aber glaubt ein Leben,

»das alles belebt,Einen Geist, der durch alle Geister strebt,Von allem Edeln, allem Wahren,Von allem Großen und Wunderbaren,Von allem, was unsern Busen schwellt,Ein Ideal auf dem Gipfel der Welt.Und seh ich die Morgensonn erwachen,Wenn der Frühling kommt, wenn die Gärten lachen,Die Herde weidet, die Schwalben bauen,Und ich wandle dahin auf den bunten Auen,Wo das Hageröschen am wilden Stocke,Wo der Thymian blüht und die Maienglocke,Da zeigt mir der Teppich des reichen GefildesDen Abdruck jenes unendlichen Bildes.Und ist das Abendrot spät verschwundenUnd nahen die stillen, die traulichen Stunden,Und ich schaue hinaus, wie der Himmel glüht,Wenn die Weltensaat dem Auge blüht,Und wie sie im ewig geschloßnen KreiseVollenden die weite, gewaltige Reise,Da fühl ich noch mächtiger deine Spur,Erhabene Seele der großen Natur!«

Dabei bringt er Bücher mit, um den Himmel aufzuklären:

»Schon seh ich im Geist, was diese SchriftenFür Leute bekehren und Nutzen stiften:Der heilige Augustin liest hinfürNur das Système de la Nature,Ignatius läßt den frommen Verein,Studiert sich in die Pucelle hinein;« usw.

So werden beide Himmelskandidaten – und zwar, wie man sieht, ziemlich frivol – lächerlich gemacht, beide heißt Sankt Peter zuletzt in des Teufels Namen sich fortpacken, und das Ganze endet also, ohne Andeutung einer höheren Vermittelung der Gegensätze, abermals in vornehmer Neutralität. Doch fühlt man überall die heimliche Sympathie des Dichters für den Nationalen heraus, ein Gefühl, das durch andere Äußerungen hinreichend bestätigt wird. Oder wer erkennt jenen englischen Frack mit dem Tituskopf nicht wieder, wenn Platen in Palermo ausruft:

»Aus jenen schönen Stirnen keimtNie ein Gedank empor:Auf jede hat ein Brett geleimtDer schnöde Pfaftenchor.Es hält ein ganzes Volk in Schach,Wer's täglich dreist beleugt« –

wenn er dann in Rom sagt:

»Gern vermißt sei, neben dem Heidengrabstein,
Was so streng Rom jedem Verirrten weigert:
Jenes Jenseits, das des Apostel goldner
Schlüssel nur auftut.

Führt mich dorthin lieber, und sei's die Hölle,Wo der Vorwelt würdigen Seelen Raum ward,Wo Homer singt und der lorbeermüdeSophokles ausruht.«

oder wenn er, in seltsamer Resignation, dem Poeten ein allzu bescheiden Teil vindiziert:

»Mögt an des Heilands Seite dereinst ihr sitzen in Glorie,Oder den Gott anschaun, der sich entschleiert vor euch!Dichtern genügt das geringere Glück, auf Erden zu wandeln:Möcht ich im Munde des Volks gehn von Geschlecht zu Geschlecht!«

Wir sind hier absichtlich ausführlicher gewesen, um deutlich zu machen, wie bei Platen schon die Romantik vom Geheimnisvollen zum Gemeinfaßlichen, vom Glauben zur Negation sich wieder zurückwandte. Die natürliche Folge davon war, daß dieselbe, nachdem sie Zweck und angeborene Waffen einmal verwechselt hatte, diese nun auch bald zerstörend gegen sich selber kehren mußte. So sehen wir damals schon mehrere an sich romantische und doch die romantische Richtung verspottende Komödien auftauchen, wie des witzigen und trockenen Ludwig Roberts »Cassius und Phantasus« u.a. Und so ist auch in Platens Oedipus der Krieg gegen die Romantik offen ausgebrochen, wo er, alle bisherigen Sympathien und Intentionen umkehrend, in der Schlußparabase ausruft:

»Auch faselt mir nicht von der Ritterlichkeit altdeutscher und christlicher Dichtkunst,Denn es bleibt sich Natur stets gleich und bewirkt durch Christen und Heiden dasselbe. – –Nicht schreitet zurück deshalb, krankhaftDem Gewesenen hold, das lange vermorscht!Abwendet das Ohr paradoxem Geschwätz,Seid Männer und steht, mit dem Fuß vorwärts,Unerschütterlich fest, sucht Wahres und lachtDes romantischen Quarks,Und erquickt das Gemüt an der Schönheit!«

Das sind die ersten Trommelwirbel zum Geschwindmarsch des modernen Fortschritts oder, was ziemlich gleichbedeutend, zum Rückzug der Romantiker; denn die Stich- und Kommandowörter hatten sich eins nach dem andern so rasch verwandelt, daß nun wieder Rückschritt hieß, was eben erst unter ihnen vorwärts geheißen. Die protestantische Gesinnung, von dem jugendlichen Aufschwung einer begeisterten Zeit unversehens überrascht und verblüfft, erblickte, da sie allmählich wieder zur Besinnung kam, sich mit staunendem Entsetzen unter katholischen Fahnen und dünkte sich nun nicht wenig damit, reformatorisch gegen einen selbstgemachten und erträumten Katholizismus zu rebellieren. Von jetzt ab sehen wir daher dort ein Zelt nach dem andern abbrechen und heimlich Übergangsbrücken schlagen zur neuesten Literatur, und es macht fast den Eindruck wie die plötzliche Stille eines verlassenen Kriegslagers, wo es noch vor kurzem so bunt gewimmelt und fröhlich von Welteroberungen geklungen.


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03