Briefe auf einer Reise durch Deutschland und der Schweiz im Sommer 1808.

von Charlotte von Ahlefeld.

Neunzehnter Brief

Chamouny, den 2. August.

Aus der tiefen Einsamkeit dieses abgeschiedenen Thals, das den höchsten Berg der alten Welt in seinem Schooße trägt, schreibe ich Dir diese Zeilen, meine Geliebte! Hier unter den ewig sich erneuernden Wundern der Natur, und von ihrer schauerlichen Größe ergriffen, ruft Dich meine Sehnsucht oft aus der treumenden Ferne herbei, um den seltenen Genuß mit Dir zu theilen, in welchem ich schwelge. — Aber nur auf den Schwingen der Fantasie kannst Du mir folgen — — und nur in matten Federzügen vermag ich, Dir das Ungeheuere dieser nackten Felsenmassen zu schildern, deren Anblick erschütter, als hätte ein offenes Grab jene alte bekannte Erde, auf der wir wandelten, verschulungen, um eine neue, furchtbar schöne Welt vor uns aufzuthun.

Nachdem ich gestern früh noch die ubeschreibliche Freude gehabt hatte, Briefe zu erhalten, verließen wir das reizende Genf, und reisten auf einem vortrefflichen, ebenen Wege zwischen zwei Reihen sehr hoher und sehr grotesk geformter Berge über Bonneville nach St. Martin, wo wir die Nacht blieben. Bonneville ist ein ein kleines Städtchen in Savoyen an der Arve, und am südlichen Fuß des Molé gelegen, der seinen Kalksteingipfel kühn und mächtig in das Blau der Lüfte empor streckt und en leisen Wunsch in der Brust des Vorüberreisenden erregt, ihn ersteigen zu können. Aber es würde ein Zeitraum von vielen Jahren dazu gehören, um jeden schönen, merkwürdigen Punkt dieses ausgezeichneten Landes zu besuchen, und — — wie so manche herrliche Erscheinung des Lebnes, darf man auch hier nur im Vorübereilen die Schönheiten der Natur begrüßen, die uns von allen Seiten winken.

Von Bonneville führt der Weg über Clüse, das höchst romantisch und wild von steilen Felsen eingeschlossen ist, durch welche die Arve sich drängt. Einen störenden Kontrast zwischend er majestätitschen Gegend bilden die Menschen in Savoyen, die ich fast allgemein, und besonders in Clüse, sehr häßlich gefunden habe. Man möchte hier, wo die Natur das ganze Füllhorn ihrer Reize und Größe geleert zu haben scheint, mit Recht erwarten, daß sie auch das edelste ihrer Schöpfung, den Menschen, nicht vergessen haben würde. Aber mit stiefmütterlicher Kargheit hat sie ihm hier alles vorenthalten, was freundlich das Auge bestechen könnte, und niemals sind mir vorher so widerliche Gestalten im Leben begegnet. Die Frauen übertreffen an Häßlichkeit noch die Männer, da sie meistentheils einen, oder ein paar Kröpfe noch vor ihnen voraus haben.

Da der Mensch für den Menschen doch immer einer der interessantesten Gegenstände bleibt, so macht es einen großen Theil meiner Freude auf Reisen aus, mich mit den Physionomieen der Einwohner bekannt zu machen, und von diesen tief in meinem Innern auf Nationalkarakter, Sitten und Bildung zu schließen. Das knospende Leben kleiner Kinder, das den Grabe zuwelkende der Greise, die zwischen beiden schwebende, rasche, genußreiche, blühende Jugend, an die sich das kraftvolle, sinnige männliche Alter anschließt — wie viel Stoff giebt nicht der Anblick dieser verschiedenen Stufen auf der Leiter, die uns empor zum Gipfel des Lebens und wider herunter führt, dem Geist zu ernsten Betrachtungen! — Hier aber erwacht nur Mitleid, keine höhere Theilnahme in dem Herzen des Reisenden, der seinen Blick unmuthsvoll und traurig von diesen ekel erregenden Geschöpfen wegwendet, um ihn der leblosen Natur zuzukehren, die in der Glorie einer himmlischen Schönheit lächelt.

Heute Morgen ritten wir auf Maulthieren nach Chede, einen kleinen Dorfe, ohngefähr drei Stunden von St. Martin entfernt. Zum erstenmal in meinem Leben mahte ich die Bekanntschaft dieser nützlichen, mit einer stillen Langsamkeit ausgestatteten Thiere, welche ohne zu schwindenln, die steilsten Höhen erklimmen, und dicht an unermeßlichen Abgründen mit einem Gleichmuth dahin schreiten, zu dem das zagende menschliche Herz sich selten erheben kann.

Wir steigen ab, um die Cascade de Chede zu besehen. Es war der erste Wasserfall von Bedeutung, der mir in der Schweiz begegnete, obgleich schon vorher, ehe wir nach St. Martin kamen, einige von gewaltigen Höhe herabbrausende Bäche mich sehr erfreuten, besonders der eine, der sich auf spitzen Felsenzacken so zersplitterte, daß er in Staub aufgelöst niedersäuselte. Die Cascade de Chede übertraf aber alle vorhergehenden weit. Man sieht — ihr gegenüberstehend — den grün bewachsenen Gipfel eines hohen Berges. Durch die Bäume und Gebüsche, die ihn bedecken, ragt nur hie und da ein großer Granitblock hervor, und zwischen diesen drängt sich ein breiter, klarer Wasserstrahl heraus, der in einiger Entfernung von seinem ersten Erscheinen an einer hervorstehenden Felsenspitze sich tosend bricht, und nun in Staub aufgelöset, aus dem die Sonne Regenbogen bildete, sich wieder sammelt, um als ein kleiner Fluß durch sein Felsenbette zürnend und donnernd hinab ins Thal zu rauschen. Man sagte mir, daß er aus einem kleinen See gleiches Namens entspringt, in dessen ruhiger Fläche bei hellem Wetter die Häupter des Montblanc und seiner erhabenen Nachbaren wie aus einem Spiegel in stiller Klarheit hervorstrahlen sollen.

Die Arve mit ihren weißlichen, rasch vorüber schäumenden Wellen blieb uns während unseres fortgesetzten Rittes über Servoz hierher nach Chamouny immer zur Seite, und oft erblickte ich sie durch die Höhe, in der ich über ihr war, ganz klein scheinend, in einer beinahe Schwindel erregenden Tiefe, an deren schmalem Rande ruhig und gleichgültig mein Maulthier mit sicherem Schritte mich hintrug. Verschiedenemale trat der Montblanc mit einigen seiner Gefährten glänzend aus dem Wolkenmeere, daß ihn umwogte, aber schnell verschwand er wieder, wenn die Dünste des himmels sich von neuem verhüllend auf seinem Gipfel lagerten.

In Servoz, wo wir frühstückten, sah ich am Wege den Grabstein, den man dort über den zerschmetterten Gebeinen des jungen Eschen aus Eutin errichtet hat, welcher am 7ten August 1800 auf dem Mont Buet zwischen einer Eisspalte seinen Tod fand. Man hat die Grabshrift mit Warnungen vor Unvorsichtigkeiten an Reisende begleitet, die hier in der Nähe grauenerweckender Abgründe und den Einsturz drohender Felsenmassen eine verdoppelte Wirkung thun.

Der Eingang in das eigentliche Chamouny-Thal ist herrlich, und wird durch die immer näher hervortretenden Gletscher noch wunderbarer und überraschender.

Zuerst zeigt sich der Gletscher Taronay dem erstaunten Auge. Ob er gleich nur klein ist, so verstärkte doch die Neuheit dieses Anblicks den Eindruck sehr, den er auf mich machte, bis der Gletscher Boffon — bei weitem schöner und erhabener — als ein neues und größerers Wunder mir erschien. Wir ritten, so weit sich es thun ließ, hinauf und stiegen dann zu Fuß höher empor, bis wir von seinen Eismassen und seinen prächtigen Eispyramiden uns umringt sahen.

Lange saß ich da und staunte das Blitzen seines Glanzes an, das doppelt hell und blendend durch die Umgebung eines finsteren Tannenwaldes wurde, der diesen Gletscher umkränzt und sich von ihm hinab ins Thal zieht. Ein paar häßliche Savoyarden stranden lauernd uns gegen über, der eine mit einer Flasche Milch, die er uns anbot, der andere mit einem Glas, worin er Eiswasser und Eis zur Abkühlung von dem Bossen geholt hatte. Mir ekelte vor ihnen, aber als sie endlich mit dem mißvergnügten Ausdruck der getäuschten Hoffnung in ihren Gesichtern wegschlichen, gab ich ihnen doch etwas, so widerlich sie auch waren, wofür sie mir in ihren Patois aufs herzlicheste dankten.

Wir stiegen zu Fuß wieder herunter, weil unsere Maulesel einstweilen voraus ins Dorf geführt worden waren. Körperlich nicht wenig ermüdet, aber geistig gleichsam neu belebt durch die Fülle so mannichfaltiger Eindrücke kamen wir endlich gegen Abend hier in Chamouny an, wo wir in dem Wirthshaus der Gebrüder Terraz eine Aufnahme fanden, mit der wir alle Ursach hatten, zufrieden zu sein.


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