Briefe auf einer Reise durch Deutschland und der Schweiz im Sommer 1808.

von Charlotte von Ahlefeld.

Zwanzigster Brief

Chamouny, den 3. August.

Heute früh um sechs Uhr bestieg ich meinen Maulesel, um so weit wie möglich auf seinem treuen Rücken den Montevert zu erklimmen. Aber nur eine Stunde bis zum Chemin des Crystaliers dauerte das Vergnügen, in aller Ruhe und Gemächlichkeit die immer reiner werdende Bergluft einzuathmen — von dort an mußte ich zu Fuß mein Heil weiter versuchen. Auf der Hälfte des Wegs ist eine Quelle, die Caillet heißt, wo die Wanderer sich auszuruhen und zu erfrischen pflegten.

Der Weg, der auf den Gipfel führt, ist sehr steil; doch belohnt die wudnervolle Aussicht oben, wenn man ihn endlich erreicht hat, für jede ausgestandene Beschwerde, und die balsamische, über alle Beschreibung erquickende Luft ersetzt schnell die verschwundenen Kräfte wieder. Man sieht zu seinen Füßen, das Eismeer, als wäre wirklich eine wogende Fluth mitten im höchsten Aufruhr ihres Innern erstarrt. Doch das Wort Meer verbindet den unzertrennlichen Begriff des Gränzenlosen und des Unendlichen mit sich, und für ein Auge, das wirklich auf seiner Unermeßlichkeit geruht hat, scheint hier die Benennung Eismeer nicht ganz richtig gewählt zu seyn, denn überall deuten steile Felsenzinnen seine nahen Gränzen an. Liebliche Alpenrosen sprossen am Abhang, der hinunter führt, und ihr frisches, mit rothen Blüthen durchwebtes Grün faßt den großen Granitblock freundlich ein, der unter dem Namen: der Stein der Engländer, bekannt ist. Zwei Britten nämlich Pocock und Windham, waren die ersten, die 1741 in das Innere dieses verborgenen Thals eindrangen und seine seltenen, wiewohl rauhen Schönheiten entdeckten und der Welt bekannt machten. An diesem Steine ruheten sie, ihr Mittagsmahl haltend, von den Anstrengungen ihres gefahrvollen Unternehmens aus, und die dankbare Nachwelt, die seitdem ihren Spuren folgte, nennt ihn noch immer Pierres des anglois.

Rechts, jenseits des Eismeeres, steht die aiguille de charmoz mit ihren schroffen, unzugänglichen Spitzen da, wie ein Bollwerk des Himmels. An sie schließt sich l’aiguille du geaut, le tacul, le grand et le petit jorasse, l’aiguille du moius, l’aiguille de dru, l’aiguille verte und l’aiguille de bouchard. Links schließen die grotesken Formen des dent du midi, der aiguilles rouges, und des Mont Breveu die ungehheuer weite und einzige Aussicht, die man vor dem kleinen Hause hat, mit dessen Erbauung der französische Resident in Genf, Herr Desportes, sich sehr um die Reisenden verdient gemacht hat. Denn oft wird man auf dieser unwirthbaren Höhe von üblen Wetter überrascht, wogegen dieses einfache Haus mit seinem wärmenden Kamin einen so willkommenen Zufluchtsort bietet.

Nachdem wir uns ein wenig ausgeruht hatten, stiegen wir in die glatten Bahnen des Eismeers hinab, und durchwanderten einen Theil desselben, mit Schauer in die tiefen grünlichen Spalten blickend, die unermeßliche Abgründe ahnden lassen. Ich pflückte mehrere Alpenröschen dicht bei den gefrorenen Wogen, die wie fröhliche Bilder des Lebens einen Kontrast mit der starren Todeskälte der Natur darstellten, die hier ihren ewigen Wohnsitz aufgeschlagen hat. Auch sah ich da die Zirbeltanne (pinus cembra), deren Frucht man essen kann.

Wir tranken von einem kleinen Bach, der seine crystallenen Wellen durch das Eismeer rollt. Nie habe ich vorher Wasser von dieser Klarheit und Milde getrunken. Seine Kälte erfrischte, ohne dem Gefühl unangenehm zu seyn, und schon der Anblick seiner unbeschreiblichen Lauterkeit erquickte.

Als wir wieder in das Haus zurückkehrten, verzehrten wir unsern mitgebrachten Vorrath von Lebensmitteln — denn das Haus selbst gewährt nur vier Wände, Stühle, Tische, und einen Kamin, welches jedoch unbezahlbare Schätze in dieser grauenvollen oft stürmischen Einsamkeit sind. Ich kletterte auf einen großeen Felsenblock, der in einiger Entfernung über dem Hause liegt, und indem die unbeschreibliche Größe und Leblosigkeit der Naturscenen um mich her meine Fantasie sonderbar aufregte, beschäftigte sich mein Herz doch inniger, als jemals mit denen, die mir am theuersten auf Erden sind, und mit denen ich gern diese stillen, feierlichen Minuten getheilt hätte.

Zu Dir, Caroline! mit der ich das reine Glück einer frohen Kindheit genossen habe, zu Dir, der späterhin in jeder Lage meines Lebens mein Innerstes im vollsten, wärmsten Vertrauen offen lag, zu Dir schweben meine Gedanken verlangend hin, und ich hätte die mächtigsten Flügel des Lämmergeiers leihen mögen, der in hoher Luft über mir hinsauste, um Dich herbei zu holen, und um mich an Deinem Erstaunen zu weiden, das dem meinigen geglichen hätte. Aber auch neuere Eindrücke und andere Erinnerungen, als die an die Freundschaft, die mit uns aufgewachsen ist, traten vor mein bewegtes Gemüth und schwellten meine Brust mit Seufzern der Sehnsucht. Ich zog die Alpenrosen hervor, um sie in meiner Brieftasche aufzubewahren. Die schönste hatte ich mir erwählt, sie als ein Pfand des Andenkens in die Ferne zu senden — aber schon senkte sie verwelkend ihr Haupt, als könne sie die Trennung von der öden Stätte, die sie hervorbrachte, nicht überleben. Unwillkührlich erweckte dieser Anblick die nachfolgenden Worte in mir, die ich niederschrieb, und die ich Dir mittheile, weil ich die Nachsicht kenne, mit der Dein Herz auch die leisesten Aufwallungen meines Gefühls hinnimmt.

An eine Alpenrose.

Aufgeblüht in ölden Wüstenelen,
An des Eismeers schauerlichem Rand,
Brach ich dich, der Freundschaft dich zu weihen,
Dich zu senden in ein fernes Land.

Und du trauerst? — Deine zarte Blüthe,
Die am Fels der Heimath frisch und schön,
In des Purpurs lichtem Feuer glühte,
Neigt so früh sich, schmachtend zu vergehn?

Ach du fühlst nicht, welchem schönen Loose
Sich dein stilles Leben einst enthüllte!
Denn entrissen deiner Mutter Schooße
Wird dein Schicksal herrlich erst erfüllt.

Theure Hände werden dich berühren,
Süße Athem wird dich rein umwehn —
Flüstere dann von meiner Treue Schwüren,
Die mit dir dahin nach Norden gehen.

Wir steigen einen sehr steilen, beschwerlichen Weg hinunter, um die Quelle des Arveiron zu sehen, der unter den Eisgewölben des Gletschers des bois sich hervodrängt und unter fürchterlichem Rauschen sich über Eis und Felsentrümmern seinen Weg bahnt.

Der Gletscher des bois hat seinen Namen von einem kleinen Dörfchen, das zu seinen Füßen liegt. Mit seinem Gipfel fängt sich das Eismeer an In der tiefen Stille dieser gleichsam erstarrten Natur, die der wärmste Sonnenblick nicht zu schmelzen vermag, giebt jeder Laut, den man vernimmt, eine Art von wundervollem Schrecken, da hier ein ewiges Schweigen zu herrschen scheint. Um so schauerlicher bringt das dumpfe Krachen der Gletscher aus der Ferne ins Ohr, die oft mit donnerndem Getöse zerspringen, oder einen Theil ihrer Eislasten in die Tiefe stürzen, und in ihrem Fall Felsen und Steine mitnehmen, die in ihrem Wege liegen. In der Nähe des Eismeeres hörten wir sehr oft dies fürchterliche Geräusch, das wie ein ferner Donner die ernste Stille unterbrach, und nahe an der Quelle des Arveiron sah ich einen Theil des Eisgewölbes einstürzen, unter dem er hervorströmt; aber ich sah es nur, denn das damit verbandene Krachen wurde hier von dem wüthenden Toben des Flusses verschlungen, der, wie von einem heftigen Orkan gepeitscht, schäumend und rauschend dahinstürzt, um sich in geringer Entfernung mit den Fluthen der Arve zu vereinigen.

Wir fanden in einem Walde nicht weit vom des bois eine char-à-banc, die uns nach Chamouny zurückbrachte. Mehrere Menschen hatten sich bei derselben versammelt, um bei unserm Einsteigen noch irgend eine kleine Bitte zu wagen. Auch zwei Albinos oder Kakerlaken standen da und waren sehr bemüht, uns auf ihre ganze Häßlichkeit aufmerksam zu machen. So widerlich auch der Anblick ihrer rothen, vor jedem Lichtstrahl zuckend sich verschießenden Augen und ihres schneewießen Haares ist, das die rosenrothe Haut ihrer Köpfe unangenehm hervorschimmern läßt: so scheine sie mir doch noch eine Stufe höher auf der Leiter der Menschheit zu stehen, als die an Stumpfsinn noch unter die Thiere herabgesunkenen Cretins, denen nur ein unverständliches Lallen statt der Sprache, und blos thierische Begierden statt der Gefühle gegeben ward, und die mit stieren, nichtsagenden Blicken und mit ungeheuern Kröpfen belastet oft in der Sonne ausgestreckt am Wege liegen, als wollten sie der Natur hohnsprechen, die in diesem sonderbaren Lande zuweilen so freigiebig gegen Berge und Thäler, und so karg gegen die menschliche Bildung war.


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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