Briefe auf einer Reise durch Deutschland und der Schweiz im Sommer 1808.

von Charlotte von Ahlefeld.

Vierzehnter Brief

Neufchatel, den 24. Juli.

Wir brachten gestern Abends noch einige Stunden sehr angenehm in dem Hause des Professor F. zu, wo außer seiner Frau sein Bruder und noch ein Herr, dessen Namen ich vergessen habe, beitrug, die Unterhaltung lebhaft und witzig zu machen.

Es ist einer der größten und reinsten Genüsse des Lebens, mit klugen und gebildeten Menschen einen Tausch der Ideen zu treffen, der den Kreis unserer Begriffe erweitert, den Verstand bereichert, und uns über das tödtende jedes Besser in uns in den Schlummer wiegende Einerlei gewöhnlicher Gesellschaften erhebt. Wir sprachen viel über die Entbehrlichkeit oder Nichtentbehrlichkeit einzelner Sinne — über Taubstumme, Blindgebohrne und die Arten, sie zu unterrichten; und endlich auch über Kakerlaken und Tretins, worüber ich ich viel Belehrendes und Merkwürdiges hörte. Zuletzt sang die Professorin E. einige Lieder von Schiller mit einer samften, und doch kraftvollen Stimme, die den Ausdruck des innigsten Gefühls in die oft so gehaltvollen Worte zu legen wußte. Die letztern Strophen des kleinen Liedes der Thekla im Wallenstein verfehlen, wenn sie gut vorgetragen werden, gewiß nicht die Wirkung der vollsten Wehmuth, der Resignation und stillen Beschränkung in auch bittere Nothwendigkeiten des Schicksals, indem sie durch ihren Inhalt:

Ich habe genossen das irdische Glück,
Ich habe gelebt und geliebt!

die Geschichte so manches Herzens aussprechen, das nichts mehr in der Welt besitzt, als diese heilig gehaltene Erinnerung einer schönen Vergangenheit.

Heute sehr früh verließen wir Bern. Aber der Himmel war trübe umzogen, und von allen Seiten begränzte dichter Nebel die Aussicht in die schöne Gegend. Nur die Hoffnung, in einiger Zeit wieder nach Bern zurück zu kehren, konnte mich über dies Mißgeschick trösten. Gegen Mittag kamen wir in ein kleines Dorf, wo sich sogleich ein Schiffer fand, uns auf die Petersinsel überzusetzen, die sich aus dem klaren reinen, von lachenden Ufern umgebenen Bielersee erhob. Wir langten glücklich an, und mit einem gemischten Gefühl von Ehrfurcht, Neugierde und Freude über die herrliche Natur rings um mich her betrat ich dies kleine merkwürdige Eiland, das im Jahr 1765 J.J. Rousseau eine so freundliche Freistätte gewährte, bis die Regierung zu Bern sich mit seinem Schicksal verschworen zu haben schien, und ihm aus diesem lieblichen Asyl wieder vertrieb.

Sein Zimmer ist unverändert in der Gestalt erhalten worden, in der er es bewohnte. Es hatte für mich etwas düsteres, und ob ich gleich sehr darauf vorbereitet war, nur die höchste Einfachheit zu erwarten, so glaubte ich doch, sie mit etwas mehr Zierlichkeit verbunden zu sehn. Aber es war das simple Zimmer eines Bauern, dumpf und finster, nur mit einem Fenster versehen, das auch nur einen beschränkten Theil der göttlichen Aussichten dieser kleinen Insel zeigt.

Die ganze Petersinsel hat nur eine Viertelstunde im Umfang, und dennoch lag in diesem engen Raum, selbst in den düsteren vier Mauern dieses öden Zimmers für Rousseau alles, was er bedurfte, was er wünschte, um die Welt und ihre Verfolgungen zu vergessen. Wenn man den Hügel ersteigt, an dessen Fuß das kleine häßliche Haus gebaut ist, das ihm zur Wohnung diente, eröffnet sich eine höchst malerische Ansicht der Gegend, die der schöne See mit seinen grünlich blauen Wellen umspühlt. Der Jura bildet das nördliche Ufer, und wenn man von seinen blauen duftigen Gipfeln das Auge herab sinken läßt bis zu dem Saum seines waldigten Gewandes, so erblickt man Biel, die Dörfer Vigneule, Douanne etc. und eine Menge Landhäuser in den Weinbergen, die die sich an ihn anlehnen. Auf einer anderen Seite sieht man über die schöne Fläche des Sees Neuveville, Landeron und das Schloß St. Johannis, auch Erlach, den alten Stammsitz der berühmten Familie dieses Namens. Die Petersinsel ist ein Eigenthum des Berner Krankenhauses. Ein Salon auf einen der anmuthigsten Plätze unter hohen, ehrwürdigen Eichen dienet großen Tanzgesellschaften, die zuweilen, und besonders in der Zeit der Weinlese hierher kommen, zum Ballsaal.

Wir ruderten, nachdem wir einige Stunden dort zugebracht hatten, nach Erlach hinüber, wo uns der Wagen erwartete, und von da fuhren wir, jedoch leider! unter beständigem Regen, hierher nach Neufchatel. Doch müssen wir es immer als eine Gunst des Zufalls preisen, daß uns auf der Petersinsel die Sonne schien, weil ihre Beleuchtung dieser Gegend eine eigene Glorie gab. Freilich hätten wir auch am schönen Neufchateler See einen heitern Himmel höchst nöthig gehabt, um seine reizenden Ufer kennen zu lernen; aber — man muß genügsam seyn, und auch die einzelnen Gaben dankbar hinnehmen, die das ernste Schicksal uns gönnt.


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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