Briefe auf einer Reise durch Deutschland und der Schweiz im Sommer 1808.

von Charlotte von Ahlefeld.

Zwölfter Brief

Solothurn, den 22. Juli
früh 11 Uhr

Wir fuhren gegen gestern gegen Abend bis nach Oberndorf, das am Fuß des Jura liegt. Hier stiegen wir aus, und klimmten nicht ohne Anstrengung und große Ermüdung den oft sehr steilen Felsenpfad hinauf auf den sogenannten Weißenstein. Ein Bach, der von oben herab rauscht, bildet mit seinem klaren Kraftfall unzählige Wasserfälle, deren schäumender Sturz die Luft in seiner Nähe wohlthätig erfrischte. Wir hatten erhofft, daß der Anblick der untergehenden Sonne uns reichlich für alle Beschwerden entschädigen würde; aber sie war schneller gewesen, als wir, und erst mit der Dämmerung erreichten wir das Ziel unser Wallfahrt, die einsame Sennenhütte, in die wir gastfreundlich aufgenommen wurden.

Freilich fanden wir dort nichts, was der, durch gute Gasthöfe verwöhnte Reisende bedarf, oder wenigsten wünscht – nicht einmal jenen Grad von Reinlichkeit, den ich von Schweizerbewohnern unbedingt erwartete. Aber die Bekanntschaft der Tochter des Hauses war schon allein der Mühe werth, den Jura erstiegen zu haben. Sie erschien uns allen wie das Ideal eines Bauernmädchens, das irgend eine artige Idylle belebt, und gerade so, wie Thümmel in seinen Reisen in das südliche Frankreich die kleine naive Margot schildert; nur war sie weniger hübsch, und – nicht mehr dreizehn Jahre alt. Aber ihre Natürlichkeit, ihre Neugierde und der sichere Takt in ihrer Lustigkeit, der ihr nie die Gränzlinie des feinsten Anstands überschreiben ließ, machte sie der Margot vollkommen ähnlich.

Die Ungewohnheit, die französische Sprache von Leuten geringen Standes sprechen zu hören, giebt diesen, in den Augen des aus Norden kommenden Reisenden immer einen Anstrich von Zierlichkeit. Baettelie, so hieß dies frohe Kind der Natur, war ganz allerliebst, wenn sie französisch sprach; aber selbst ihr schlechtes, verdorbenes Deutsch stand ihr gut, da beständig in ihrer Rede eine ganz eigene Grazie und Treuherzigkeit lag. Mit großer Gutmüthigkeit ließ sie in dem ärmlichen Kamin unseres Zimmers wärmende Flammen empor lodern, da es auf diesem nackten, vor jeder rauhen Luft unbeschützten Berggipfel Morgens und Abends sehr kalt ist. Alsdann trug sie ihr Nidli auf, was ich zum erstenmal versuchte. Ob ich gleich den Milchspeisen keineswegs hold bin, so würde es mir doch ganz gut geschmeckt haben, wenn es nicht bei einem hohen Grad von Fettigkeit etwas unbeschreiblich sättigendes hätte.

Baettelie leistete uns Gesellschaft bei unserem sehr frugalen Abendessen, und sorgte mit inniger Gefälligkeit und mit wahrer Theilnahme für uns, wobeis ei mit Fragen uns immer näher rückte, und uns durch manche kindliche Bemerkung der unverwahrloseten Unschuld ergötze. Neugierig und verwundert betrachte sie unsere Kleider und Sachen, und vorzüglich merkwürdig kam ihr ein simples, weißes Morgenkleid vor, welches ich trug. Sie betrachtete es von allen Seiten, frug sehr ernsthaft, wie man das Zeug heiße und wo das Kleid verfertigt sei, und erstaunte über die kleinen Falten der Garnirung beinahe eben so sehr, als ich über die Alpen erstaunte.

Ebels vortreffliches Werk: Anweisung, die Schweiz mit Nutzen zu bereisen hatte uns schon im Voraus auf dein sehr schlechtes Nachtquartier gefaßt gemacht. Doch hält diese Sennenhütte weit mehr, als er verspricht, denn er bereitet die Reisenden vor, statt bequemer Zimmer und Betten blos auf dem Heuboden ein dürftiges Unterkommen für die Nacht zu finden. Seitdem er aber dies schrieb, müssen sich die Umstände dieser Hüttenbewohner verbessert haben. denn als wir völlig resignirt von der Aussicht eines Strohlagers sprachen und es uns anzuweisen baten, versicherte Baettelie mit einer Mischung von Empfindlichkeit und Stolz, die ihr gar artig stand, daß dies keineswegs nöthig sey. Sie führte uns in ein Schlafgemach, wo vier Betten standen. Schon die Nothwendigkeit, alle drei in demselben Zimmer schlafen zu müssen, hatte ein etwas unbehagliches, aber als Baettelie mit vieler Gleichgültigkeit, und als wenn es unmöglich sey, eine Einwendung dagegen zu machen, erzählte, daß das vierte Bett einer ihrer Brüder mit unserm Lohnlaquaien theilen würde, drehte diese naive Zumuthung unsere etwas beklommene Situation völlig ins Lächerliche, und wir legten uns sammt und sonders mit großer Decenz ganz angezogen, und mit ausgelöschten Lichtern nieder, worauf die beiden Schlafkaneraden sich denn auch im Dunkel der Nacht einfanden, mit großem Geräusch ihre Kleider abwarfen, und bald nachher durch ihr fürchterliches Schnarchen bewiesen, daß ihnen Morpheus günstiger sey, als mir.

Früh halb drei Uhr wurden wir gerufen, um den Aufgang der Sonne nicht zu versäumen. Wir mußten noch einen höheren Berggipfel ersteigen, um die Aussicht in ihrer ganzen Weite zu genießen. Es war sehr kühl und naß. Ein starker Thau, der beinahe dem Reife glich, machte den Weg durch das ziemlich hohe Gras äußerst beschwerlich. Unser Führer und Baettelies Vater hatten Holz und Kohlen mitgenommen, und zündeten ein sehr wohlthätiges Feuer an — aber — der Himmel wollte unser Mühseeligkeiten nicht ganz belohnen, denn die Sonne gieng hinter Wolken auf, und nur einmal röthelte eine ihrer hervorbrechenden, schnell wieder verlöschenden Blicke himmlisch die lange Reihe der fern liegenden Gletscher, und vor allen die Jungfrau, die ihr schönes Haupt hoch über die übrigen erhob, und mit einer wahrhaften Glorie der Verklärung geschmückt war. Auf der Tiefe, die wir in einem weiten Umkreis überblickten, ruhten weiße Nebelgewölke, die wie ein wogendes Meer sich bewegten, als die Sonne endlich sichtbar ward — die aber erst dann sich völlig zerstreuten, als wir schon wieder herunter giengen.


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