André Jeanbon Saint André

* 25.02.1749 in Montaubon/Tarne-et-Garonne
† 10.12.1813 in Mainz

Am 25.02.1749 wurde André Jeanbon als Sohn eines Walkmüllers in Montauban geboren. Von 1759 bis 1765 wurde er am Jesuitenkolleg seiner Geburtsstadt erzogen. Eigentlich wollte er Advokat werden, dieser Berufswunsch blieb ihm jedoch als Protestanten im vorrevolutionären Frankreich verwehrt. So ging er nach Bordeaux und wurde in den Jahren 1765 und 1766 als Steuermann auf Handelsschiffen ausgebildet.

Bis zum Jahre 1771 fuhr André Jeanbon weiterhin zur See und brachte es zunächst zum Leutnant und schließlich auch Kapitän der französischen Handelsmarine. Als sein Schiff in einem schweren Sturm vor der Insel St. Domingo unterging verlor er jedoch seine gesamten Ersparnisse.

Geprägt durch dieses Erlebnis studierte André Jeanbon im schweizerischen Lausanne zwischen 1771 und 1773 evangelische Theologie. Nach dem Studium wurde er im Alter von 24 Jahren Pfarrer in Lausanne. In dieser Zeit änderte er auch seinen Namen in Jeanbon Saint André. Nach einer längeren Pfarrtätigkeit in Castres kehrte er im Jahre 1788 in seine Heimatstadt Montauban zurück und übernahm die dortige Pfarrstelle.

Mit Ausbruch der Französischen Revolution begann Jeanbon Saint André sich auch politisch zu betätigen. So wurde er zum Präsidenten des Jakobinerklubs von Montauban gewählt. Anlässlich der Einführung der Verfassung hielt er eine Rede, die er unter dem Titel »Über die Berufung zur Freiheit und über die Verpflichtungen, die sie auferlegt« drucken ließ.

Am 06.09.1792 wurde er als Abgeordneter des Departements Lot in die Nationalversammlung gewählt. Er gehörte der Nationalversammlung bis 1795 an und war kurzzeitig, zwischen dem 11.07 und 25.07.1793, auch deren Präsident. Im Januar 1793 stimmte er in der Nationalversammlung für die Anwendung der Todesstrafe im Falle des ehemaligen Königs Louis XVI. und ließ seine Meinung unter dem Titel »Meinung über die Frage, ob Louis XVI. hingerichtet werden muß« erscheinen.

Politisch stand Jeanbon Saint-André den Ideen von Robespierre nahe. Vom Juni 1793 gehörte er als gewähltes Mitglied dem Comité de salut publicAusschuss der öffentlichen Wohlfahrt und der allgemeinen Verteidigung« kurz Wohlfahrtsausschuss genannt) an.

Durch die Rückschläge der Französischen Revolutionsarmee bei Mainz und Valencienne im Sommer 1793 führen Jeanbon Saint-André - zusammen mit dem Deputierten Prieur de la Marne - zur Armee in den Norden. Ihre Aufgabe war es, die Lage bei den Armee im Norden, in den Ardennen an Mosel und Rhein wieder zu stabilisieren. Es gelang Jeanbon innerhalb kürzester Zeit, die revolutionäre Energie auf die Soldaten zu übertragen. Im August des gleichen Jahres prangert er bei einem Zusammentreffen mit den französischen Generälen die Aufgabe des Angriffskriegs an. Später wetterte er auch im Konvent gegen die politisierenden Geister:

Ich glaube das man auf einige Zeit auf eure philosophischen Ideen verzichten und praktische Vergeltungsmaßnahmen anwenden muss - menschenfreundlicher Geist, der euch beseelt wird die Kühnheit der Gegner nur bestärken.

Durch den Wohlfahrtsausschuss wurde der ehemalige Handelsmarinekapitän zum Marinebeauftragten ernannt und nach Brest geschickt. Die Zustände bei der Flotte verlangen ein hartes Durchgreifen, so setzte er die bisherigen Admiräle Morard de Galles, Le Large und den Konteradmiral Landais ab und ernannte Villard de Joyeuse zum Konteradmiral.

Gemeinsam mit dem frisch ernannten Kontoradmiral Villard de Joyeuse leitete er Ende Mai/Anfang Juni 1794 eine Operation der französischen Flotte. Am Bord der »MONTAGNE« konnte er den Durchbruch und das Einlaufen eines US-Konvois in den von der Royal Navy belagerten Hafen von Brest ermöglichen. Bei diesem Kampfeinsatz wurde Saint-André verwundet.

Nach seiner Rückkehr von Brest wurde Jeanbon Saint-André Opfer der politisch unruhigen Zeiten. Er wurde auf Grund einer Denunziation verhaftet und vor Gericht gestellt, doch entlastete der Deputierte Barère ihn. Ausgerechnet ein englischer Rapport über den Wert der französischen Marinereformen entlastete den Marinebeauftragten. Die Engländer bezeichneten ihn in diesem Bericht als »l'âme de la marine francais«.

Nun schickte der Wohlfahrtsausschuss den Deputierten nach Toulon. Die royalistisch gesinnte Stadt wurde zuvor an die englische Flotte ausgeliefert.

Am 9. Thermidor befand sich Saint-André nicht in Paris. Diesem glücklichen Umstand verdankte der Parteigänger Robespierres, dass er dessen Schicksal - im Folge der Säuberungen - nicht teilte. Er wurde am 28.05.1795 verhaftet und kam ins Gefängnis »Collège des quatre nations« wo er mit dem Maler Jacques-Louis David zusammentraf. Bei dieser Gelegenheit wurde Jeanbon Saint-André durch David portraitiert. Vermutlich hat die Begegnung mit dem jakobinischen Kulturpolitiker und Künstler im Gefängnis dafür gesorgt, dass der unsichtig wirkende Jeanbon Saint-André gegenüber Künstlern aufgeschlossen wurde - was sich später noch während seiner Mainzer Zeit zeigen sollte.

Am 25.10.1795 endete die Gefängnishaft auf Grund einer Amnestie. Unmittelbar nach seiner Entlassung wurde Jeanbon Saint-André zum Generalkonsul in Algier ernannt. Zwei Jahre später übertrug man ihm die Aufgaben des Generalkonsuls in Smyrna. Dort wurde er am 09.09.1798 - nach Napoléons Landung in Ägypten - durch Truppen des osmanischen Reiches interniert und am 21.09.1798 nach Konstantinopel verlegt. Insgesamt war Saint-André bis zum 14.10.1801 interniert. Im Jahre 1840 erschien postum sein Bericht »Recit de mon captivité sr les bords de la Mer Noir«.

Er kehrte nach seiner Freilassung zunächst in seine Heimatstadt Montauban zurück. Durch die Vermittlung seines Freundes Charles Lacroix wurde ihm durch Napoléon, der inzwischen Erster Konsul geworden war, die Aufgabe eines Generalkommissars der vier linksrheinischen Départements und des Präfekten des Départements du Mont Tonnerre (Donnersberg) mit Sitz in Mainz übertragen.

Das Département Mont du Tonnerre bestand aus den Arrondissements Mainz, Kaiserslautern, Speyer und Zweibrücken. Nachdem es bereits mit Dekret vom 03.08.1802 eine Gleichstellung mit den innerfranzösischen Départements erhielt, erschien Mainz später auf der Liste der 36 wichtigsten Städte Frankreichs. Neben der wachsenden Bedeutung der Stadt durch den Ausbau der Festung plante Napoléon ach einen Kaiserpalast in der Stadt zu errichten.

Zunächst war der neue Präfekt in der Stadt nicht sehr beliebt. Hier sorgte auch sein Vorhaben, den vom preußischen Artilleriebeschuss schwer in Mitleidenschaft gezogenen, Mainzer Dom abzureißen zu lassen. Erst der neue, von Napoléon ernannte, Mainzer Bischof Joseph Ludwig Colmar konnte durch seine heftigen Proteste beim Präfekten Jeanbon Saint André den geplanten Abriss verhindern.

Im Laufe der Zeit gewann er jedoch durch seinen unermüdlichen sozialen Einsatz für Kranke und Arme sowie seinen Bemühungen um die Reformierung des Schulwesens bei der Mainzer Bevölkerung Ansehen und Anerkennung. Er führte einen bescheidenen Lebensstil und trat bei seiner Arbeit effizient auf. Kaiser Napoléon schätze Jeanbon Saint-André und bezeichnete ihn als »Musterbeispiel eines Präfekten«.

Zusammen mit Maire Macké setzte er sich für eine Wiederbelebung des Wirtschaftslebens in der Garnisonsstadt ein, das durch die Kriegsjahre praktisch zum Erliegen gekommen war. Es wurde die Chambre de Commerce eingerichtet; anlässlich des Besuches Kaiser Napoléons in Mainz 1804 erhielt die Stadt das Stapelrecht. Im Jahre 1809 konnte der Freihafen eröffnet werden. Es entstanden eine Zuckerraffinerie, eine Farbenfabrik sowie eine Baumwollweberei. Die wirtschaftliche Blüte war jedoch nur von kurzer Dauer, da sich die Festung Mainz - die östlichste Festung des Reichs am Rhein - den militärischen Bedürfnissen es Kaisers unterzuordnen hatte. Die Stadt war Truppenaufmarschplatz für die Kriege Napoléons in Deutschland.

Dennoch beflügelte er zum Beispiel den Ausbau des kulturellen Lebens in Mainz. Im Jahre 1803 wurde die Städtische Gemäldegalerie gegründet. Als Grundstock erhielt sie eine Zuweisung von 36 Gemälden aus der Sammlung des Musée central des Arts und bildete damit den Grundstock für das heutige Mainzer Landesmuseum. Die Bibliothek der Stadt Mainz wurde neu gegründet. Der gesamte Buchbesitz der 1798 aufgelösten Universität Mainz wurde der Bibliothek als Grundstock übergeben. Innenminister Jean-Baptiste Nonpère de Champagny formulierte es im Dekret vom 20.08.1805 »Bibliotheque de Mayence est mise á la disposition de la commune« - »Die Bibliothek von Mainz wird der Gemeinde übergeben« und nach mehr als 200 Jahren wird dieser Grundstock immer noch durch die Stadtbibliothek ausgebaut.

Die französische Verwaltung brachte auch eine Reform des Friedhofswesens in Mainz mit sich. Die über viele Jahrhunderte gepflegte Tradition Tote in der Nähe der Kirche beizusetzen wurde u.a. aus hygienischen Gründen verboten. Im Zuge dieser Verordnungen kaufte die Stadt das Gelände des ehemaligen Klosters Dahlheim für den Bau der außerstädtischen Grabanlage an. Am 30.05.1803 wurde unter Anwesenheit des Präfekten das neue Gräberfeld eröffnet.

Die von Jeanbon Saint-André angestoßenen Veränderungen innerhalb der Präfektur sind auch heute noch außerhalb von Mainz zu sehen. So geht auf ihn zum Beispiel der Anbau von Zuckerrohr in der Pfalz zurück. Unter ihm wurde auch der Straßenbau mit dem Bau der Route Charlemange, die über Ingelsheim nach Koblenz führte.

Im Jahre 1809 wurde er für seine Verdienste als Präfekt des Département Mont Tonnerre zum Grand notable de l'Empire mit gleichzeitiger Verleihung des Titels eines Barons ernannt.

Nach der Niederlage der französischen Armee bei Leipzig und Hanau im Herbst 1813 fluteten die Überlebenden Soldaten im schnellen Rückmarsch nach Frankreich zurück. Dabei verbreiteten sie auch Krankheiten, wie z. B. Typhus mit. Der »Thypus de Manyence« kostete etwa 16.000 Soldaten und 2.500 Mainzer Bürgern das Leben. Eines der Opfer war Jeanbon Saint-André, der am 10.12.1813 in Mainz verstarb. Er wurde auf dem Mainzer Hauptfriedhof beigesetzt, die Bürgerschaft stiftete ihm ein noch heute existierendes Grabmal.

Werke:

  • Sermon d'action de graces, prononcé dans une société de Protestans le dimanche 26 juillet, pour remercier Dieu de la fin des troubles de Paris, & de l'éloignement des troupes qui environnoient cette capitale, Montauban, 1789.
  • L'éducation nationale, impr. par ordre de la Convention nationale
  • Journal sommaire de la croisière de la flotte de la république, commandée par le contre-amiral Willaret, tenu jour par jour par le représentant du peuple Jean-Bon Saint-André, embarqué sur le vaisseau la montagne, imprimé par ordre de la Convention nationale, Paris 1793, 1794
  • Opinion et projet de décret, du citoyen Jean-Bon St.-André,... sur l'organisation de la marine française, impr. par ordre de la Convention nationale, Paris, 1793
  • Rapport des représentans du peuple, envoyés à Brest et auprès de l'armée navale par Jean-Bon Saint-André
  • Rapport fait au nom du comité de marine par Jean Bon Saint-André, membre du comité, imprimé par ordre de la convention nationale, Paris 1793
  • Rapport sur la trahison de Toulon, au nom du Comité de salut public par Jean-Bon Saint-André ; impr. par ordre de la Convention nationale
  • Recueil des arrêtés du citoyen Jean-Bon-Saint-André, représentant du peuple dans les départemens maritimes de la République, pendant la mission au Port la montagne, Paris, 1794
  • Réponse de Jean-Bon Saint-André, à la dénonciation des citoyens de la commune de Brest, impr. par ordre de la Convention nationale, Paris 1795

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