Christianus Carolus Henricus van der Aa
* 25.08.1718 in Zwolle
† 23.09.1793 in Haarlem
Christianus Carolus Henricus van der Aa zählte zu den angesehenen lutherischen Geistlichen der Republik der Vereinigten Niederlande im 18. Jahrhundert. Über seinen Dienst als Prediger hinaus gewann er als langjähriger Sekretär der 1752 gegründeten Hollandsche Maatschappij van Wetenschappen eine geachtete Stellung im gelehrten Leben Haarlems. In seiner Person verbanden sich kirchliches Amt, schriftstellerische Tätigkeit und ein lebhaftes Interesse an den wissenschaftlichen Bestrebungen seiner Zeit.1
Herkunft und Ausbildung
Christianus Carolus Henricus van der Aa wurde am 25.08.1718 in Zwolle geboren. Er war ein Sohn des lutherischen Predigers Balduinus van der Aa, der später in Leiden starb. Als Mutter wird in einzelnen späteren Darstellungen Anna Maria Zollikofer genannt; sicher abgesichert ist in den herangezogenen Standardartikeln vor allem seine Herkunft aus einem lutherischen Pfarrhaus.2
Die Herkunft aus einem geistlichen Milieu prägte seinen Lebensweg früh und wies ihm den Weg zur Theologie.
Studium in Leiden und Jena
Van der Aa studierte zunächst in Leiden und wechselte 1737 nach Jena, wo er seine theologischen Studien vollendete. Für sein späteres Profil ist bemerkenswert, dass er sich nach einer neueren Darstellung schon in Leiden bei Willem Jacob ’s Gravesande (1688–1742) mit Naturstudien befasste. Bereits hier zeigt sich also jene Verbindung von Theologie und Gelehrsamkeit, die sein weiteres Wirken kennzeichnen sollte.3
Die ersten Jahre im geistlichen Amt
Am 22. März 1739 trat van der Aa seine erste Pfarrstelle bei der lutherischen Gemeinde in Alkmaar an. Zweimal lehnte er sodann einen Ruf nach Gouda ab, bevor er am 12.08.1742 nach Haarlem wechselte. Dort blieb er bis zu seinem Tod im Amt. Am 16. Oktober 1742 heiratete er Catharina Koopman aus Amsterdam.4
Prediger in Haarlem
In Haarlem versah van der Aa mehr als fünf Jahrzehnte den Dienst als lutherischer Prediger. Die biographische Überlieferung rühmt ihn als einen beliebten Prediger und einen befähigten, zugleich nicht engherzigen Theologen. Sein Ansehen beschränkte sich nicht auf die Kanzel, sondern reichte weit in das geistige Leben der Stadt hinein.
Als 1792 sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum gefeiert wurde, prägte man ihm zu Ehren eine silberne Gedenkmedaille mit seinem Brustbild. Der Stempelschneider war Johann Georg Holtzhey (1729–1808). Diese Auszeichnung veranschaulicht den Rang, den van der Aa in Haarlem einnahm. 5
Die Hollandsche Maatschappij van Wetenschappen
Eine besondere Stellung gewann van der Aa durch seine Tätigkeit für die Hollandsche Maatschappij van Wetenschappen (Holländische Gesellschaft der Wissenschaften),, die 1752 in Haarlem gegründet wurde. Die älteren biographischen Artikel schreiben ihm an ihrer Entstehung einen bedeutenden Anteil zu; zugleich wurde er in der Gründungsphase zum Sekretär bestellt und übte dieses Amt über Jahrzehnte aus. 1778 trug er zudem wesentlich zur Einführung des Oeconomischen Zweigs der Gesellschaft bei.6
Im unmittelbaren Umfeld der Gründung begegnet van der Aa mehreren Persönlichkeiten, die sich auch für EPOCHE NAPOLEON als eigene biographische Artikel für die niederländische Aufklärung anbieten. Die neuere KHMW-Forschung zählt ihn zusammen mit Cornelis Ascanius van Sypesteyn V (1723–1783), Jan Engelman (1709/10–1782) und Jan Noppen (1706–1764) zu den »werkelijke stichters« der Gesellschaft. In der zweiten Sitzung trat zudem der Haarlemer Mediziner Pieter Sannié (1705–1769) hinzu. Damit wirkte van der Aa nicht isoliert, sondern in einem engeren Kreis von Theologen, Medizinern und naturkundlich interessierten Gelehrten.7
In der Funktion als Sekretär wirkte er als Vermittler zwischen Theologie, Naturforschung und bürgerlicher Öffentlichkeit. So verschloss sich der Theologe nicht den Fragestellungen der naturwissenschaftlichen Aufklärung indem er Beiträge zur Naturgeschichte betreute und selbst als Autor auftrat. Im Jahre 1798 erschienen diese Schriften postum.
Bereits 1772 ließ die Holländische Gesellschaft der Wissenschaften sein Porträt von dem Stecher Jacob Houbraken nach einer Miniatur von Marinkelle gravieren, was auf seine Bedeutung im gelehrten Milieu der Stadt hinweist.
Gelehrte Beziehungen und Streitfragen
Zu van der Aas frühem gelehrten Umfeld gehörte auch ein konfliktreicher Kontakt zu Cornelis Nozeman (1721–1786). Die neuere Gesellschaftsgeschichte hält fest, dass Nozeman als möglicher Mitbegründer in Betracht kam, jedoch nach einem heftigen publizistischen Streit mit van der Aa nicht in die erste Mitgliedergruppe aufgenommen wurde. Der Konflikt drehte sich um Fragen der Theodizee und um die leibnizische Lehre von der besten aller möglichen Welten.8
Direkt nachweisbar sind außerdem mehrere Briefe von Frans Hemsterhuis (1721–1790) an van der Aa. In der edierten Korrespondenz sind Schreiben vom 13. April 1775, 13. Dezember 1776, 23. Mai 1777 und 21. Juni 1777 verzeichnet; sie betreffen Angelegenheiten der Hollandschen Gesellschaft und zeigen van der Aa als festen Ansprechpartner im gelehrten Betrieb. Auch ein Brief des Leidener Mediziners Hieronymus David Gaubius (1704/05–1780) an van der Aa vom 28. August 1760 ist ausdrücklich belegt.9
Ehe und Familie
Aus der Ehe mit Catharina Koopman ging der spätere Jurist und Schriftsteller Pierre Jean-Baptiste Charles van der Aa hervor. Die Literatur überliefert für ihn abweichende Geburtsjahre, nämlich 1766 und 1770; das Todesjahr 1812 ist hingegen gesichert. Nach 1768 schloss van der Aa eine zweite Ehe mit Anna Maria Dangirad.10
Schriften
Neben seinem Predigtamt trat van der Aa früh als Verfasser gedruckter Schriften hervor. Seine Veröffentlichungen kreisen vor allem um Gebet, Frömmigkeit, Predigt, christliche Lebensführung und die Auslegung biblischer Texte. Damit steht er in der Tradition einer gelehrten, zugleich praktisch-erbaulichen protestantischen Literatur des 18. Jahrhunderts.11
Früh machte er mit den „Verhandelingen over den aart van het gebed, in 32 bedestonden“ (Haarlem 1747, 2. Auflage 1793) auf sich aufmerksam, worin er das Wesen des Gebets in einer Folge von 32 Andachten entfaltet und praktische Frömmigkeit mit theologischer Reflexion verbindet. Es folgten unter anderem die „Een-en-twintig Predikatiën over gewigtige onderwerpen“ (Haarlem 1748, 2. Auflage 1784), eine Sammlung von einundzwanzig Predigten zu „wichtigen“ Themen, die seine Stellung als geschätzter Kanzelredner innerhalb der lutherischen Gemeinde der Stadt festigten.
Charakteristisch für seine späteren Schriften ist die wiederkehrende Leitmetapher des Menschen als Ebenbild Gottes: In Werken wie „De Mensch als Gods beeld beschouwd“ (1769), „De vereischte van ware godsvrucht, om Gods beeld op aarde te wezen“ (1792) und „’s Menschen ingang tot heerlijkheid, om in het toekomende leven Gods beeld in volkomenheid te wezen“ (3 Bände, Haarlem 1792) entfaltet er ein Frömmigkeits- und Ethikprogramm, das die moralische und geistliche Vervollkommnung des Menschen in diesem und im zukünftigen Leben betont.
Neben diesen systematisch-erbaulichen Schriften veröffentlichte er auch Gelegenheitspredigten und Festansprachen, etwa eine „Leerrede“ zur Bestätigung eines Kollegen (über II. Korinther 5,20, 1784), eine Ansprache im lutherischen Waisenhaus anlässlich dessen fünfzigjährigen Jubiläums 1789 sowie eine Predigt über II. Petrus 1,12–14, mit der er 1792 seines eigenen fünfzigjährigen Predigtdienstes in Haarlem gedachte.
Tod und Nachwirkung
Christianus Carolus Henricus van der Aa starb in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1793 in Haarlem. Dort hatte er seit 1742 als Prediger gewirkt und sich zugleich im gelehrten Leben der Stadt einen bleibenden Namen erworben. Die älteren Nachschlagewerke bewahren das Bild eines hochgeschätzten Predigers, eines befähigten Theologen und eines Mannes, der in seinen verschiedenen Ämtern geachtet und beliebt gewesen sei.12
Werk:
- Verhandelingen over den aart van het gebed, in 32 bedestonden [Abhandlungen über das Wesen des Gebets, in 32 Gebetsstunden]. Haarlem 1747, 4°. – 2. Aufl. ebd. 1793, 8°.
- Een-en-twintig Predikatien over gewigtige onderwerpen [Einundzwanzig Predigten über bedeutsame Themen]. Haarlem 1748, 4°. – 2. Aufl. ebd. 1784, 8°.
- Onderzoek der hoofdoogmerken van onzen Heer J.C., in eenige der voornaamste gevallen zijns levens [Untersuchung der Hauptabsichten unseres Herrn J. C. in einigen der wichtigsten Begebenheiten seines Lebens]. Haarlem 1755, 8°. – 2. Aufl. ebd. 1793.
- Vier Predikatien gehouden te Schiedam, bij gelegenheid van de oprigting dier gemeente [Vier Predigten, gehalten in Schiedam anlässlich der Gründung jener Gemeinde]. Haarlem 1758, 8°. – 2. Aufl. ebd. 1793.
- De Mensch als Gods beeld beschouwd [Der Mensch als Ebenbild Gottes betrachtet]. Haarlem 1769, 8°.
- Leerrede over II. Cor. V. vs. 20: ter bevestiging van Ds. P. A. Hulsbeek [Lehrpredigt über 2 Kor. 5,20: zur Einführung von Pfarrer P. A. Hulsbeek]. Haarlem 1784.
- Aanspraak in het Luthersche Weeshuis te Haarlem, den 20. Januarij 1789 [Ansprache im Lutherischen Waisenhaus zu Haarlem, 20. Januar 1789, anlässlich des fünfzigsten Jahrestages dieses Gotteshauses]. 1789.
- De vereischte van ware godsvrucht, om Gods beeld op aarde te wezen [Das Erfordernis wahrer Frömmigkeit, um Gottes Ebenbild auf Erden zu sein]. Haarlem 1792.
- 's Menschen ingang tot heerlijkheid, om in het toekomende leven Gods beeld in volkomenheid te wezen [Des Menschen Eingang zur Herrlichkeit, um im künftigen Leben Gottes Ebenbild in Vollkommenheit zu sein]. 3 Bde. Haarlem 1792.
- Leerrede over II Petri I. vs. 12–14, ter gedachtenis van zijnen 50jarigen Predikdienst bij de gemeente te Haarlem [Lehrpredigt über 2 Petr. 1,12–14, zur Erinnerung an den 50-jährigen Predigtdienst in der Gemeinde zu Haarlem]. 1792.
- Vorwort zu: Johann Gustav Reinbeck, Regeln für eine vernünftige und erbauliche Predigt.
- A.J. van der Aa, „Christianus Carolus Henricus van der Aa“, in Biographisch woordenboek der Nederlanden, Bd. 1 (Haarlem: J.J. van Brederode, 1852), 1–3; P.J. Blok und P.C. Molhuysen, Hg., „Aa, Christianus Carolus Henricus van der“, in Nieuw Nederlandsch biografisch woordenboek, Bd. 1 (Leiden: A.W. Sijthoff, 1911), Sp. 2–3.↩
- Van der Aa, „Christianus Carolus Henricus van der Aa“, 1; Blok und Molhuysen, „Aa, Christianus Carolus Henricus van der“, Sp. 2. ↩
- Blok und Molhuysen, „Aa, Christianus Carolus Henricus van der“, Sp. 2; Willem B. Drees, Waarom Deo et Patriae? Geloof én wetenschap in de eerste jaren van de Hollandsche Maatschappij, Haarlemse Voordrachten 83 (Haarlem: Koninklijke Hollandsche Maatschappij der Wetenschappen, 2024), 22–23; zu ’s Gravesande siehe auch den Eintrag im Biografisch Portaal. ↩
- Blok und Molhuysen, „Aa, Christianus Carolus Henricus van der“, Sp. 2. ↩
- Van der Aa, „Christianus Carolus Henricus van der Aa“, 2; Blok und Molhuysen, „Aa, Christianus Carolus Henricus van der“, Sp. 2; „Holtzhey, Johann Georg“, Biografisch Portaal van Nederland. ↩
- Van der Aa, „Christianus Carolus Henricus van der Aa“, 2; Blok und Molhuysen, „Aa, Christianus Carolus Henricus van der“, Sp. 2. ↩
- Drees, Waarom Deo et Patriae?, 22–24, 27–33; zu Sannié außerdem die DBNL-Studie über die Lektüre von Pieter Teyler van der Hulst. ↩
- Drees, Waarom Deo et Patriae?, 20–21 und 64–72. ↩
- François Hemsterhuis, Briefwisseling met overige correspondenten, hg. von Jacob van Sluis, unter Mitarbeit von Gerrit van der Meer (Berltsum, 2017), Briefe 12.68, 12.79, 12.89 und 12.90; Huib J. Zuidervaart und Rob H. van Gent, „A Bare Outpost of Learned European Culture on the Edge of the Jungles of Java: Johan Maurits Mohr (1716–1775) and the Emergence of Instrumental and Institutional Science in Dutch Colonial Indonesia“, Isis 95, Nr. 1 (2004): 1–33. ↩
- Blok und Molhuysen, „Aa, Christianus Carolus Henricus van der“, Sp. 2; „Aa, Pierre Jean Baptiste Charles van der“, Biografisch Portaal van Nederland; Blok und Molhuysen, „Aa, Pierre Jean Baptiste Charles van der“, in Nieuw Nederlandsch biografisch woordenboek, Bd. 1. ↩
- Van der Aa, „Christianus Carolus Henricus van der Aa“, 2–3; Blok und Molhuysen, „Aa, Christianus Carolus Henricus van der“, Sp. 2–3. ↩
- Van der Aa, „Christianus Carolus Henricus van der Aa“, 1–2; Blok und Molhuysen, „Aa, Christianus Carolus Henricus van der“, Sp. 2. ↩
- Van der Aa, „Christianus Carolus Henricus van der Aa“, 2–3.