EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Johann Heinrich Daniel Zschokke

* 22.03.1771 in Magdeburg
† 27.06.1848 in Aarau/Kt. Aargau

Johann Heinrich Daniel Zschokke (1771-1848) war ein preußisch-schweizerischer Schriftsteller und Politiker in der Schweiz.
Johann Heinrich Daniel Zschokke (1771-1848)

Geboren wurde Johann Heinrich Daniel Zschokke am 22.03.1771 in Magdeburg als Sohn des Altmeisters der Magdeburger Tuchinnung. Im Siebenjährigen Kriege verdiente dieser sich mit der Lieferung von Uniformtuch an die preußische Armee ein beträchtliches Vermögen.

Als der Knabe sieben Wochen alt war verstarb die Mutter. Der Vater ließ ihn unbeaufsichtigt, meinte aber Fähigkeiten eines Gelehrten an ihm zu erkennen. Nach dem Tode des Vaters im Jahre 1779 bemühte sich ein Onkel um die weitere Erziehung des junge Heinrich Zschokke.

Erst nachdem er im Alter von 14 Jahren in die Obhut des Rektors des Altstädtischen Gymnasiums Elias Caspar Reichard (1714-1791) gegeben wurde, .erschloss sich in dessen Bibliothek eine unbegrenzte aber auch unsortierte Masse des Wissens. So schrieb er einmal über jene Zeit:

»Heut Swedenborg, morgen Spinoza, Albertus Magnus und die flagella daemonum neben Plutarch und Plato, und Lohenstein und Broke, neben Ossian, Shakespeare und Schiller.«

Er ging auf dem Pädagogium am Kloster Unser Lieben Frauen sowie des altstädtischen Gymnasiums.

Am 22.01.1788 verließ der junge Mann erstmals seine Vaterstadt Magdeburg und ging nach Schwerin. Dort fand er beim Hofbuchdrucker Bärensprung eine Anstellung und entwarf mit ihm den Plan einer «Monatschrift für Meklenburg«. Dort wurde der junge Mann auf Initiative des Barons von Schlabrendorff, einem Theaterleiter aus Prenzlau, auch Theaterdichter einer Wandertruppe, die er bis zum Herbst 1790 begleitete. Er zog in jenen Jahren von Prenzlau in der Uckermark bis nach Landsberg an die Warthe.

Er stutzte, wie er später selbst erzählte, heroische Tragödien um die Schleppe des Talars kürzer und gab altväterlichen Dramen modigen Schnitt. In abgebrauchten Stücken setzte Zschokke neue Flicken, wie es die Schauspieler forderten. Er schrieb selbst auch einige Saus- und Grausstücke und reimte Prologe und Epiloge.

Zu Ostern des Jahres 1790 begann Zschokke das Studium der Theologie an der Universität Frankfurt/Oder. Zugleich besuchte er auch juristische und philosophische Vorlesungen. Dort promovierte er im Jahre 1792. Auch während seiner Studienzeit verfasste Heinrich Zschokke zahlreiche Stücke. Eines dieser Saus- und Grausstücke aus dem Jahre 1790 war »Graf Monaldeschi oder Männerbund und Weiberwut«, dem bis zum Jahre 1804 noch sieben weitere Dramen folgen sollten. Im Jahre 1793 konnte er mit dem Räuberroman »Abällino, der große Bandit« und anschließend »Alamontade, der Galeerensklave« (1803) weitere Erfolge feiern. Er zog sich auch von den üblichen Studentenleben zurück und schloss mit wenigen Freundschaft, die sich eher zu geistigen Wettstreit trafen.

Nach Abschluss seines Studiums im Jahre 1792, er bestand rasch hintereinander das Examen in Philosophie an der Universität Frankfurt und in Küstrin das theologische Examen, war er noch bis 1795 als Privatdozent an der Universität Frankfurt/Oder tätig. Auch in jenen Jahren verfasste er zahlreiche neue Stücke.

Doch der preußischen Obrigkeit war der junge Gelehrte und Schriftsteller suspekt, besonders nach seinem 1795 erschienen Roman »Die Männer der Finsternis«. Zudem fiel er auch wgen seiner Opposition gegen die Religionspolitik Wöllners auf und so lehnte man seinen Antrag auf eine Anstellung als Professor für Geschichte entsprechend ab. So verließ er in Mai 1795 Frankfurt an der Oder.

Er reiste über Berlin, Leipzig Bayreuth, wo er durch eine Krankheit länger aufgehalten wurde, Nürnberg und Stuttgart. In all jenen Städten wurde er als Verfasser des »Abellino« gefeiert.

Im Herbst des Jahres 1795 bereiste Zschokke zunächst die Schweiz. Es vollzog sich ein Wandel in der Persönlichkeit des Schriftstellers, der sich von einem preußischen Untertanen und unbedenklichen Pseudoromantiker zu einem freien Schweizer Bürger und engagierten Volksschriftsteller wandelte. Schon bei seinem ersten Aufenthalt in Zürich lernte er Pestalozzi und den Dichter des Liedes »Freut Euch des Lebens« Johann Martin Usteri kennen. Er traf auch mit Caspar Hirzel ebenso wie den Historiker Johann Jakob Hottinger und Leonhard Meister kennen. Mit den Politikern Rengger und Stapfer knüpfte er erste Kontakte.

Von Bern aus unternahm er noch eine Reise mit Ernst Oelsner nach Paris. Doch weder die Bekanntschaft mit Sieyes noch Isnard konnten ihn nicht beeinflussen. Erst ein Zusammentreffen mit dem schlesischen Grafen Gustav von Schlabrendorff ließen ihn aus seinem republikanischen Träumen erwachen und er verließ die Stadt. Statt irgendwelcher Aufzeichnungen an die »Stätte der Täuschungen« nahm er nur einige Handzeichnungen der Kunstschätze mit sich. Im Juni 1796 war er wieder zurück in seiner neuen Wahlheimat und ging dann von Bern nach Graubünden.

Heinrich Zschokke fand als Leiter einer Erziehungsanstalt in Schloss Reichnau im Graubündischen eine Anstellung. Als Pädagoge setzte er sich für die Verbesserung des Schulwesens ein und wurde zugleich zunehmend politisch aktiv. Der Pädagoge erwarb das Bürgerrecht im Kanton Graubünden. In dieser Position verstand er es auch als Vermittler unterschiedlicher politischer Interessen aufzutreten. Da er sich mit der neuen Heimat eng verbunden fühlte, schlug er auch einen Ruf als außerordentlicher Professor an die Universität Frankfurt/Oder zu gehen, aus.

Im März 1798 besetzten französische Revolutionstruppen die Schweiz und gründeten die Helvetische Republik. Zschokke unterstützte in jener Zeit diejenigen patriotischen Kräfte in Gaubünden, die sich für einen Anschluss des Kantons an die neue Republik aussprachen. Am 01.08.1798 fand eine Volksabstimmung statt, die jedoch die Gegner des Anschlusses gewannen und der Pädagoge Heinrich Zschokke wurde durch seine politischen Gegner bedroht. Am 10.08.1798 floh er nach Aarau. Das Graubündener Bürgerrecht wurde ihm entzogen und zugleich lobte man ein Kopfgeld auf ihn aus. Erst nachdem im Jahre 1801 die Gegner des Anschlusses abgesetzt wurden konnte Zschokke das Graubündener Bürgerrecht zurückerhalten. Graubünden trat der Helvetischen Republik bei.

Heinrich Zschokke, der geborene Preuße und überzeugten Schweizer, setzte sich nun für die Schweiz ein. In zahlreichen Ämtern wirkte er für die Helvetische Regierung in Luzern. Er gehörte in dieser Zeit zu den engsten Mitarbeitern des Ministers für Wissenschaften, Künste, Gebäude und Straßen - seinem alten Bekannten - Philipp Albert Stapfer, der ein modernes dreigliedriges Schulsystem in der Schweiz einführen wollte. So war er von November 1798 für sechs Monate Leiter des »Buereaus für Nationalkultur« und anschließend für mehrere Monate Distriktskommissär in Stans. Ab September 1799 war er als Regierungskommissär in drei verschiedenen Kantonen unterwegs. Zunächst war er im Auftrag der Regierung vom September 1799 bis Februar 1800 in Kanton Waldstätten, dann von Mai bis September 1800 im Kanton Tessin und schließlich bis November 1801 im Kanton Basel. Als im Streit zwischen Föderalisten und Unitarier die Förderalisten die Oberhand gewannen, entschloss sich Zschokke den Dienst im Kultusministerium zu quittieren. Er selbst galt eher als Anhänger der Schweizer Union.

In jener Zeit überlegte der ehemalige preußische Offizier und Schriftsteller Heinrich von Kleist sich in der Schweiz als freier Bauer niederzulassen. Er schloss mit Zschokke, Ludwig Wieland - den Sohn von Christoph Martin Wieland - und Heinrich Gessner - Sohn des Züricher Idyllendichters - Freundschaft. Als Kleist erstmals das Stück »Die Familie Schroffenstein« vortrug, ernteten dessen grausige Verworren- und Verworfenheiten das Gelächter der Zuhörer. Der Kupferstich »La cruche cassée« aus Zschokkes Wohnung verleitete die Freunde zu einem literarischen Wettstreit aus dem später Kleists Stück »Der zerbrochene Krug« entstand. Auf der anderen Seite schuf Zschokke jedoch mit der Figur des Poeten Roderich in seinem im Jahre 1803 veröffentlichten Roman »Alamontade, der Galeerensklave« das erste literarische Portrait des Heinrich von Kleist.

Im Februar 1803 hatte Kaiser Napoléon durch die Mediationsakte der zerrütteten Schweiz einen dauerhaften Frieden gebracht. Das neugeschaffene Kanton Aargau wurde aus Teilen der katholischen Grafschaft Baden und freien Ämtern sowie der aus dem österreichischen Frickthal und dem protestantischen Untertanengebiet Alt-Berns gebildet. Von der neuen Regierung wurde der Herausgeber des »Schweizerboten« zu kantonalen Beamtungen herangezogen. Die Aargauer Regierung ernannte ihn im Jahre 1804 zum Oberforst- und Bergrat. Diese neue berufliche Tätigkeit kam seinem Interesse für die Naturwissenschaften sehr entgegen. Er verfasste ein zweibändiges Handbuch für Forstbeamte und reorganisierte zugleich die Forstverwaltung innerhalb seines Kantons grundlegend. Er galt als fortschrittlicher und wegbereitender Beamter.

Der Pädagoge ließ sich mit seiner Familie im Kanton Aargau nieder und lebte zum Teil auch im Schloss Biberstein. Seit dem Jahre 1818 lebte er in der Villa Blumenhalde, die von ihm selbst entworfen wurde.

Im Jahre 1815 wurde Johann Heinrich Daniel Zschokke in den Großen Rat des Kantons Aargau gewählt. Er stand als parteiloses Ratsmitglied den liberalen Kräften nahe und nahm während der Restaurationszeit mehrmals das Amt eines Tagsatzungsabgeordneten für den Aargau wahr. Mit der Mediationsakte des Jahres 1803 war die Tagsatzung bis zum Jahre 1848 eine Versammlung aus Vertretern der einzelnen Kantone der Schweizer Eidgenossenschaft.

Heinrich Zschokke war auch Herausgeber zahlreicher Zeitungen. Unter anderem des »Schweizerboten«. Als er im Jahre 1829 durch die Zensur gezwungen werden sollte, den Verfasser eines anonymen Artikels preiszugeben, entschloss er sich von allen Staatsämtern zurückzutreten. Er behielt nur sein - durch Wahl des Volkes übertragenes - Mandat.

Als Präsident der Helvetischen Gesellschaft setzte er sich offen für eine reformierte Schweiz im liberalen Sinne ein. Schon seit ihrer Gründung im Jahre 1761 verfolgte diese Gesellschaft republikanische Tugenden und religiöse Toleranz. Hier entstand auch die Idee einer Schweiz, die sowohl konfessions- und Kantonsgrenzen überwinden sollte. Als die Liberalen 1830 die Macht im Kanton übernommen hatten, konnte er eine Stärkung der Volksrechte in der neuen Kantonsverfassung erreichen. Im Jahre 1833 wurde Zschokke Abgesandter an der Tagsatzung und wirkte an der Schaffung eines modernen Bundesstaates mit.

Im Aargauer Klosterstreit setzte er sich für die Aufhebung aller Klöster ein. Mit Annahme der Badener Artikel stellte die überwiegend durch reformierte Liberale dominierte Aargauer Kantonsregierung im Jahre 1835 die Kloster unter staatliche Verwaltung, verbot die Aufnahme von Novizen und schloss die Klosterschulen. Die im Jahre 1831 beschlossene Kantonssatzung sah eine Totalrevision innerhalb von 10 Jahren vor und auch der im Jahre 1840 verabschiedete Verfassungsentwurf unterschied sich kaum von ihrem Vorgänger und wurde durch eine Volksabstimmung abgelehnt. Es kam durch einen umstrittenen Tagsatzungsbeschluss zur Aufhebung aller Klöster im Kanton Aargau. Erst im Jahre 1843 fand man einen Kompromiss wonach die Frauenklöster wieder geöffnet jedoch die Männerklöster geschlossen blieben. Im Jahre 1847 entluden sich diese Spannungen im Sonderbundkrieg, dessen Folge die Gründung der modernen Schweiz war.

Für seine mehrbändige Geschichte Bayerns beabsichtigte man ihm in München die Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften sowie einen Adelstitel zu verleihen. Beides lehnte er, der republikanisch-liberal gesinnte Schriftsteller jedoch ab. Das Ehrenbürgerrecht seiner Vaterstadt Magdeburg erhielt er im Jahre 1830 verliehen.

Heinrich Zschokke heiratete im Jahre 1805 Nanny Nüsperli. Das Paar schenkte zwölf Kindern das Leben. Sein Sohn Oliver wurde Ingenieur während Theodor als Naturforscher Berühmtheit erlangte und der Pfarrer Emil Zschokke auch als Schriftsteller tätig wurde. Der Zoologe Friedrich Zschokke und der Bauingenieur Richard Zschokke waren seine Enkelkinder.

Heinrich Zschokke starb am 27.06.1848 in seiner Wahlheimat Aarau. Am gleichen Tag stimmte die Schweizer Tagsatzung für die neue Schweizer Bundesverfassung.

Werke:

  • Graf Monaldeschi oder Männerbund und Weiberwut, 1790
  • Die schwarzen Brüder, 1791-1795
  • Abällino, der große Bandit, 1793
  • Die Männer der Finsternis, 1795
  • Die drey ewigen Bünde im hohen Rhätien - Historische Skizze, 1798
  • Kampf und Untergang der schweizerischen Berg- und Waldkantone, 1801
  • Alamontade, der Galeerensklave, 1803
  • Historische Denkwürdigkeiten der helvetischen Staatsumwälzung. Gesammelt und herausgegeben von Heinrich Zschokke., 1803
  • Hans Dampf in allen Gassen, 1814
  • Das Goldmacherdorf, 1817
  • Geschichte des Freystaats der drey Bünde im hohen Rhätien., 1817
  • Das Abenteuer in der Neujahrsnacht, 1818
  • Bayerische Geschichte, 1821-1828
  • Der Flüchtling im Jura, 1822
  • Kriegerische Abenteuer eines Friedfertigen, 1822
  • Der Feldwebel, 1823
  • Der Friedhof von Aarau, 1823
  • Des Schweizerlands Geschichte für das Schweizervolk, 1853 (zusammen mit Zschokke, Emil)
  • Der Aufruhr von Stans - Geschichte von Kampf und Untergang der Schweizerischen Berg- und Waldkantone, 1830
  • Die klassischen Stellen der Schweiz, 1836 ff.
  • Eine Selbstschau, 1842

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