Anton Reiser. Ein psychologischer Roman.

von Karl Philipp Moritz

Erster Teil

Diese Arbeit machte ihm wegen ihrer ewigen Einförmigkeit sein Los am bittersten. Besonders, wenn manchmal seine Phantasie dabei nicht in Gang kommen wollte; war diese hingegen durch den schnellern Umlauf des Bluts einmal in Bewegung geraten, so flossen ihm oft die Stunden des Tages unvermerkt vorüber. Er verlor sich oft in entzückenden Aussichten. Zuweilen sang er seine Empfindungen, in Rezitativen von seiner eignen Melodie. Und wenn er sich besonders von der Arbeit ermüdet, seine Kräfte erschöpft und von seiner Lage gedrückt fühlte, mochte er sich am liebsten in religiösen Schwärmereien von ›Aufopferung, gänzlicher Hingebung‹ usw. verlieren, und der Ausdruck ›Opfersaltar‹ war ihm vorzüglich rührend, so daß er diesen in alle die kleinen Lieder und Rezitative von seiner Erfindung mit einwebte.

Die Unterhaltungen mit seinem Mitlehrburschen (dieser hieß August) fingen nun wieder an, einen neuen Reiz für ihn zu bekommen, und ihre Gespräche wurden vertraulich, da sie nun einander wieder gleich waren. Die Nächte, welche sie oft zusammen durchwachen mußten, machten ihre Freundschaft noch inniger. Am allervertraulichsten wurden sie aber, wenn sie zusammen in der sogenannten Trockenstube saßen. Dieses war ein in die Erde gemauertes, oben mit Backsteinen zugewölbtes Loch, worin gerade ein Mensch aufrecht stehen und ohngefähr zwei Menschen sitzen konnten. In dieses Loch wurde ein großes Kohlenbecken gesetzt und an den Wänden umher die mit Scheidewasser bestrichnen Hasenfelle aufgehangen, deren Haar hier weichgebeizt wurde, um nachher zu den feinern Hüten als Zutat gebraucht zu werden.

Vor diesem Kohlenbecken und in diesem Dunstkreise saßen Anton und August in dem halbunterirdischen Loche, in welches man mehr hineinkriechen als hineingehen mußte, und fühlten sich durch die Enge des Orts, der nur durch die Glut der Kohlen schwach erleuchtet wurde, und durch das Abgesonderte, Stille und Schauerliche dieses dunklen Gewölbes so fest zusammengeschlossen, daß ihre Herzen oft in wechselseitigen Ergießungen der Freundschaft überströmten. Hier entdeckten sie sich die innersten Gedanken ihrer Seele; hier brachten sie die seligsten Stunden zu.

Lobenstein war, wie der Herr von Fleischbein und alle seine Anhänger, ein Separatist, der sich nicht zu Kirche und Abendmahl hielt. Solange also die Freundschaft zwischen ihm und Anton gedauert hatte, war dieser fast gar in keine Kirche in Braunschweig gekommen. Jetzt nahm ihn August des Sonntags mit in die Kirche und sie gingen immer in andre, weil Anton ein Vergnügen daran fand, die verschiedenen Prediger nacheinander zu hören. –

Nun saßen Anton und August einmal um Mitternacht zusammen in der Trockenstube und sprachen über verschiedene Prediger, die sie gehört hatten, als der letztre dem Anton versprach, ihn künftigen Sonntag mit in die Brüdernkirche zu nehmen, wo er einen Prediger hören würde, der alles überträfe, was er sich denken und vorstellen könnte. Dieser Prediger hieß Paulmann, und August konnte nicht aufhören, zu erzählen, wie er oft durch die Predigten dieses Mannes erschüttert und bewegt sei. Nichts war für Anton reizender, als der Anblick eines öffentlichen Redners, der das Herz von Tausenden in seiner Hand hat. Er hörte aufmerksam auf das, was August ihm erzählte. Er sahe schon im Geist den Pastor Paulmann auf der Kanzel, er hörte ihn schon predigen. Sein einziger Wunsch war, daß es nur erst möchte Sonntag sein!

Der Sonntag kam heran. Anton stand früher wie gewöhnlich auf, verrichtete seine Geschäfte und kleidete sich an. Als geläutet wurde, hatte er schon eine Art von angenehmen Vorgefühl dessen, was er nun bald hören werde. Man ging zur Kirche. Die Straßen, welche nach der Brüdernkirche führten, waren voller Menschen, die stromweise hinzueilten. – Der Pastor Paulmann war eine Zeitlang krank gewesen und predigte nun zum ersten Male wieder: das war auch die Ursach, warum August nicht gleich zuerst mit Anton in diese Kirche gegangen war.

Als sie hereinkamen, konnten sie kaum noch ein Plätzchen der Kanzel gegenüber finden. Alle Bänke, die Gänge und Chöre waren voller Menschen, welche alle einer über den andern wegzusehen strebten. Die Kirche war ein altes gotisches Gebäude mit dicken Pfeilern, die das hohe Gewölbe unterstützten, und ungeheuren langen bogigten Fenstern, deren Scheiben so bemalt waren, daß sie nur ein schwaches Licht durchschimmern ließen.

So war die Kirche schon von Menschen erfüllt, ehe der Gottesdienst noch begann. Es herrschte eine feierliche Stille. Auf einmal ertönte die vollstimmige Orgel, und der ausbrechende Lobgesang einer solchen Menge von Menschen schien das Gewölbe zu erschüttern. Als der letzte Gesang zu Ende ging, waren aller Augen auf die Kanzel geheftet, und man bezeigte nicht minder Begierde, diesen fast angebeteten Prediger zu sehen, als zu hören.

Endlich trat er hervor und kniete auf den untersten Stufen der Kanzel, ehe er hinaufstieg. Dann erhob er sich wieder, und nun stand er da vor dem versammleten Volke. Ein Mann noch in der vollen Kraft seiner Jahre – sein Antlitz war bleich, sein Mund schien sich in ein sanftes Lächeln zu verziehen, seine Augen glänzten himmlische Andacht – er predigte schon, wie er da stand, mit seinen Mienen, mit seinen stillgefaltenen Händen.

Und nun, als er anhub, welche Stimme, welch ein Ausdruck! – Erst langsam und feierlich, und dann immer schneller und fortströmender: so wie er inniger in seine Materie eindrang, so fing das Feuer der Beredsamkeit in seinen Augen an zu blitzen, aus seiner Brust an zu atmen und bis in seine äußersten Fingerspitzen Funken zu sprühen. Alles war an ihm in Bewegung; sein Ausdruck durch Mienen, Stellung und Gebärden überschritt alle Regeln der Kunst und war doch natürlich, schön und unwiderstehlich mit sich fortreißend.

Da war kein Aufenthalt in dem mächtigen Erguß seiner Empfindungen und Gedanken; das künftige Wort war immer schon im Begriff hervorzubrechen, ehe das vorhergehende noch völlig ausgesprochen war; wie eine Welle die andere in der strömenden Flut verschlingt, so verlor sich jede neue Empfindung sogleich in der folgenden, und doch war diese immer nur eine lebhaftre Vergegenwärtigung der vorhergegangnen.

Seine Stimme war ein heller Tenor, der bei seiner Höhe eine ungewöhnliche Fülle hatte; es war der Klang eines reinen Metalls, welcher durch alle Nerven vibriert. Er sprach nach Anleitung des Evangeliums gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, gegen Üppigkeit und Verschwendung; und im höchsten Feuer der Begeisterung redete er zuletzt die üppige und schwelgerische Stadt, deren Einwohner größtenteils in dieser Kirche versammlet waren, mit Namen an; deckte ihre Sünden und Verbrechen auf; erinnerte sie an die Zeiten des Krieges, an die Belagerung der Stadt, an die allgemeine Gefahr zurück, wo die Not alle gleichmachte und brüderliche Eintracht herrschte; wo den üppigen Einwohnern, statt ihrer jetzo unter der Last der Schüsseln seufzenden Tische, Hunger und Teurung, statt ihrer Armbänder und Geschmeide Fesseln drohten. – Anton glaubte einen der Propheten zu hören, der im heiligen Eifer das Volk Israel strafte und die Stadt Jerusalem wegen ihrer Verbrechen schalt. –

Anton ging aus der Kirche nach Hause und sagte zu August kein Wort; aber er dachte von nun an, wo er ging und stund, nichts als den Pastor Paulmann. Von diesem träumete er des Nachts und sprach von ihm bei Tage; sein Bild, seine Miene und jede seiner Bewegungen hatten sich tief in Antons Seele eingeprägt. – Beim Wollekratzen in der Werkstatt und beim Hütewaschen beschäftigte er sich die ganze Woche über mit den entzückenden Gedanken an die Predigt des Pastor Paulmann und wiederholte sich jeden Ausdruck, der ihn erschüttert oder zu Tränen gerührt hatte, zu unzähligen Malen. Seine Einbildungskraft schuf sich dann die alte majestätische Kirche und die lauschende Menge und die Stimme des Predigers hinzu, welche itzt in seiner Phantasie noch weit himmlischer klang – er zählte Stunden und Minuten bis zum nächsten Sonntage.

Dieser kam; und ist je ein unauslöschlicher Eindruck auf Antons Seele gemacht worden, so war es die Predigt, die er an dem Tage hörte. – Die Anzahl von Menschen war womöglich noch größer als am vorigen Sonntage. – Vor der Predigt wurde ein kurzes Lied gesungen, worin die Worte des Psalms vorkommen:

›Herr, wer wird wohnen in deiner Hütte? wer wird bleiben auf deinem heiligen Berge?
›Wer ohne Wandel einhergehet und recht tut und redet die Wahrheit von Herzen.
›Wer mit seiner Zungen nicht verleumdet und seinem Nächsten kein Arges tut und seinen Nächsten nicht schmähet.
›Wer die Gottlosen nichts achtet und ehret die Gottesfürchtigen: Wer seinem Nächsten schwöret und hälts.
›Wer sein Geld nicht auf Wucher gibt und nimmt nicht Geschenk über den Unschuldigen. Wer das tut, der wird wohl bleiben.‹

Durch dies kurze und erschütternde Lied wurde man gleichsam voll Erwartung dessen, was da kommen sollte. Das Herz war zu großen und erhabnen Eindrücken vorbereitet, als der Pastor Paulmann mit feierlichem Ernst in seiner Miene, wie ganz in sich versenkt, auftrat und ohne Gebet und Eingang mit ausgestrecktem Arm zu reden anhub und sprach:

»Wer nicht Witwen und Waisen drückt; wer nicht heimlicher Verbrechen sich bewußt ist; wer seinen Nächsten nicht mit Wucher übervorteilet; wem kein Meineid die Seele belastet; der hebe voll Zutrauen seine Hände mit mir zu Gott empor und bete: Vater unser! usw.«

Und nun las er das Sonntagsevangelium von Johannes dem Täufer, wo dieser gefragt wird, ob er Christus sei: ›Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte, ich bin nicht Christus!‹ – Von diesen Worten nahm er Gelegenheit, vom Meineide zu predigen, und nachdem er die Worte des Evangeliums mit einer etwas gedämpften, feierlichern Stimme gelesen hatte, hub er nach einer Pause an:

     Weh dir, der du gewissenlos
     Gott, deinen Herrn, verleugnet!
     Was trägst du deine Stirne bloß,
     Die schwarzer Meineid zeichnet? –
     Mit dieser Stirne logst du Gott,
     Sein heilger Name war dir Spott,
     Wie tief bist du gefallen!
     Weh dir, vor Gottes Angesicht
     Trittst du – er kennet deiner nicht –
     Unglücklicher von allen,
     Die einer Mutter Brust gesäugt –
     Verzweifle nicht – vielleicht, vielleicht,
     Daß einst nach deiner Tränen Menge,
     Die Flamm in deinem Busen löscht
     Und Reue, mit der Jahre Länge,
     Die Schuld von deiner Seele wäscht.
     Der du die Freveltat begannst,
     O gib, wenn du noch weinen kannst,
     Die Hoffnung nicht verloren –
     Gott wendet noch sein Angesicht,
     Er will den Tod des Sünders nicht,
     Sein Mund hat es geschworen. –

Diese Worte, mit öftern Pausen und dem erhabensten Pathos gesprochen, taten eine unglaubliche Wirkung. – Man atmete, da sie geendigt waren, tiefer herauf, man wischte sich den Schweiß von der Stirn. – Und nun wurde die Natur des Meineides untersucht, seine Folgen in ein schreckliches und immer schrecklicher Licht gestellt. Der Donner rollte auf das Haupt des Meineidigen herab, das Verderben nahte sich ihm, wie ein gewappneter Mann, der Sünder erbebte in den innersten Tiefen seiner Seele – er rief: »Ihr Berge fallet über mich, und ihr Hügel bedecket mich!« – Der Meineidige erhielt keine Gnade, er wurde vor dem Zorn des Ewigen vernichtet. –

Hier schwieg er wie erschöpft – ein panisches Schrecken bemächtigte sich aller Zuhörer. – Anton rechnete in der Eile die Jahre seines Lebens hindurch, ob er sich nicht etwa eines Meineids schuldig gemacht habe.

Aber nun begann der Zuspruch – dem Verzweifelnden wurde Gnade und Verzeihung angekündigt – wenn er zehnfach büßte, was er Witwen und Waisen entrissen; wenn er sein ganzes Leben hindurch seine Schuld mit Tränen der Reue und guten Werken wieder abzuwaschen suchte.

Die Gnade wurde dem Verbrecher nicht so leicht gemacht; sie mußte durch Gebet und Tränen errungen werden. Und jetzt war es, als wolle er sie durch sein eignes Gebet und Tränen vor allem Volke vor Gott erringen, indem er sich selbst an die Stelle des seelenzerknirschten Sünders setzte. –

Dem Verzweifelnden wurde zugerufen: knie nieder in Staub und Asche, bis deine Knie wund sind, und sprich: ich habe gesündigt im Himmel und vor dir – und so fing sich ein jeder Periode an mit: ich habe gesündigt im Himmel und vor dir! und dann folgte nach der Reihe das Bekenntnis: Witwen und Waisen hab ich unterdrückt; dem Schwachen hab ich seine einzige Stütze, dem Hungrigen sein Brot genommen – so ging es durch das ganze Register der Freveltaten. – Und jeder Periode schloß sich dann: Herr, ist es möglich, daß ich noch Gnade finde! –

Alles zerschmolz nun in Wehmut und Tränen. – Der Refrain bei jedem Perioden tat eine unglaubliche Wirkung – es war, als wenn jedesmal die Empfindung einen neuen elektrischen Schlag erhielt, wodurch sie bis zum höchsten Grade verstärkt wurde. – Selbst die zuletzt erfolgende Erschöpfung, die Heiserkeit des Redners (es war, als schrie er zu Gott für die Sünden des Volks) trug zu der allgemeinen um sich greifenden Rührung bei, die diese Predigt verursachte; da war kein Kind, das nicht sympathetisch mitgeseufzt und mitgeweint hätte.

Drittehalb Stunden waren schon wie Minuten verflossen – plötzlich hielt er inne und schloß nach einer Pause mit denselben Versen, womit er begann. – Mit erschöpfter gedämpfter Stimme las er nun die öffentliche Beichte, das Sündenbekenntnis und die darauf erfolgende angekündigte Vergebung ab; darauf betete er für diejenigen, welche zum Abendmahl gehen wollten, worin er sich mit einschloß, und dann sprach er mit aufgehobenen Händen den Segen. – Der Abfall der Stimme bei diesem allen gegen den Ton, welcher in der Predigt herrschte, hatte viel Feierliches und Rührendes.

Anton ging nun nicht aus der Kirche, er mußte erst den Pastor Paulmann zum Abendmahl gehen sehen. – Alle Schritte desselben waren ihm nun heilig. Mit einer Art von Ehrfurcht trat er auf den Fleck, wo er wußte, daß der Pastor Paulmann gegangen war. – Was hätte er itzt darum gegeben, daß er schon zum Abendmahl hätte mitgehen dürfen! Er sahe nun den Pastor Paulmann zu Hause gehen, dessen Sohn, ein Knabe von neun Jahren, nebenherging. – Seine ganze Existenz hätte Anton darum gegeben, um dieser glückliche Sohn zu sein. – Wenn er nun den Pastor Paulmann sahe, wie er mit der Gemeine, die ihn von allen Seiten umwallte, über die Straße ging und immer von beiden Seiten denen, die ihn grüßten, freundlich dankte, so war es, als ob er um sein Haupt einen gewissen Schimmer erblickte und unter den übrigen Sterblichen ein übermenschliches Wesen dahin wandeln sahe – sein höchster Wunsch war, durch sein Hutabnehmen nur einen seiner Blicke auf sich zu ziehen – und als ihm das gelungen war, eilte er schnell nach Hause, um diesen Blick gleichsam in seinem Herzen zu bewahren.

Den folgenden Sonntag predigte der Pastor Paulmann des Mittags von der Liebe gegen die Brüder, und so seelenerschütternd seine Predigt wider den Meineid gewesen war, so sanftrührend war diese; die Worte flossen nun wie Honig von seinen Lippen, jede seiner Bewegungen war anders, sein ganzes Wesen schien sich nach dem Stoff, wovon er predigte, verändert zu haben. Und doch war hierbei nicht die mindeste Affektation. Es war ihm natürlich, sich mit allen seinen Gedanken und Empfindungen, die der Stoff seiner Rede veranlaßte, zu verweben.

Diesen Vormittag hatte Anton mit erstaunlich langer Weile dem andern Prediger dieser Kirche zugehört – er geriet ein paarmal in eine Art von Wut gegen ihn, da sich alles anließ, als ob er jetzt Amen sagen würde, und er dann von neuem in dem alten Tone wieder anfing. Jetzt war es mehr wie jemals Antons größte Qual, einer solchen langweiligen Predigt zuzuhören, da er sich nicht enthalten konnte, beständig Vergleichungen anzustellen, nachdem er sich einmal die Predigt des Pastor Paulmann als das höchste Ideal gedacht hatte, welches ihm von jedem andern unerreichbar schien.

Als die Vormittagspredigt vorbei war, so war die Reihe an dem Pastor Paulmann, die Einsegnung beim Abendmahl zu verrichten, welche Anton nun zum erstenmal von ihm hörte. – Und nun, in welcher ehrwürdigen Gestalt erschien er ihm itzt! Er stand im Hintergrunde der Kirche vor dem hohen Altare und sang die Worte: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich – mit einer so himmelerhebenden Stimme und einem so mächtigen Ausdruck, daß Anton sich in dem Augenblick in höhere Regionen verzückt glaubte – auch war ihm dies alles wie etwas, das hinter einem Vorhange, im Allerheiligsten geschahe, wozu sich sein Fuß nicht nahen durfte – wie beneidete er einen jeden, der zum Altar hinzutreten und aus den Händen des Pastor Paulmann das Abendmahl empfangen durfte! – Ein sehr junges Frauenzimmer, die schwarz gekleidet, mit blassen Wangen und einer Miene voll himmlischer Andacht zum Altar hinzutrat, machte zuerst auf Antons Herz einen Eindruck, den er bisher noch nicht gekannt hatte. Er hat dies junge Frauenzimmer nie wieder gesehen, aber ihr Bild ist nie in seiner Seele verloschen.

Nun hatte seine Phantasie ein neues Spiel. – Die Idee vom Abendmahl war jetzt diejenige, womit er zu Bette ging und aufstund, und womit er sich den ganzen Tag über, wenn er bei seiner Arbeit allein war, beschäftigte; dabei schwebte ihm immer der Pastor Paulmann im Sinne mit seiner sanften, schwellenden Stimme und seinem gen Himmel gehobnen Auge, das von mehr als irdischer Andacht erleuchtet schien. Zuweilen drängte sich denn auch in seiner Phantasie das Bild des schwarz gekleideten jungen Frauenzimmers mit der blassen Farbe und andachtsvollen Miene wieder vor.

Durch dies alles wurde seine Einbildungskraft so begeistert, daß er sich itzt für den glücklichsten Menschen unter der Sonne würde gehalten haben, wenn er den künftigen Sonntag hätte zum Abendmahl gehen dürfen. Er versprach sich eine so überirdische himmlische Tröstung beim Genuß des Abendmahls, daß er schon im voraus Freudentränen darüber vergoß; wobei er zugleich ein gewisses sanftes beruhigendes Mitleid mit sich selber empfand, das ihm nun alles Bittre und Unangenehme seiner Lage versüßte, wenn er bedachte, daß ihn doch als Hutmacherbursche einmal niemand dieses Trostes würde berauben können. Alle vierzehn Tage wenigstens nahm er sich dann vor, zum Abendmahl zu gehen, wenn er erst so weit wäre – und dann schlich sich ganz geheim in diesen Wunsch die Hoffnung mit ein, daß durch dies öftere Zumabendmahlgehen der Pastor Paulmann ihn vielleicht am Ende bemerken würde: und dieser Gedanke war es wohl vorzüglich, welcher bei ihm die unaussprechliche Süßigkeit in diese Vorstellungen brachte. So lag auch hier die Eitelkeit im Hinterhalt verborgen, wo sie mancher vielleicht am wenigsten vermutet hätte.

Das war ihm unmöglich zu glauben, daß er immer so, wie jetzt, würde verkannt und vernachlässiget werden. Gewissen romanhaften Ideen nach, die er sich in den Kopf gesetzt hatte, mußte es sich etwa einmal fügen, daß ein edler Mann, der auf der Straße ihm begegnete, etwas Auffallendes an ihm bemerkte und sich dann seiner annehme. – Eine gewisse schwermütige melancholische Miene, die er zu dem Ende annahm, glaubte er, würde am ersten diese Aufmerksamkeit erregen. – Darum affektierte er sie nun oft noch in höherm Grade, als sie ihm natürlich war. – Ja, oft war er schon beinahe im Begriff, wenn ihm die Physiognomie irgendeines vornehmen Mannes Zutrauen einflößte, ihn geradezu anzureden und ihm seine Umstände zu entdecken. – Der Gedanke schreckte ihn aber immer wieder zurück, daß ihn dieser vornehme Mann vielleicht für närrisch halten möchte.

Zuweilen sang er auch, wenn er auf der Straße ging, mit einer gewissen klagenden Stimme einige von den Liedern der Madam Guion, die er auswendig gelernt hatte, und worin er Anspielungen auf sein Schicksal zu finden glaubte; und dann dachte er, weil zuweilen in den Romanen durch ein solches klagendes Lied, das einer singt, Wunderdinge gewürkt werden, würde es auch ihm vielleicht gelingen, dadurch, daß er die Aufmerksamkeit irgendeines Menschenfreundes auf sich zöge, seinem Schicksal eine andere Wendung zu geben.

Für den Pastor Paulmann ging seine Ehrfurcht viel zu weit, als daß er es je hätte wagen sollen, ihn anzureden. – Wenn er nahe bei ihm stand, so überfiel ihn ein Schauder, als ob er sich in der Nähe eines Engels befände. –

Er konnte es sich entweder gar nicht denken oder suchte den Gedanken mit Fleiß zu vermeiden, daß dieser Pastor Paulmann wie andre Menschen aufstände und zu Bette ginge und alle natürliche Handlungen wie sie verrichtete. Sich ihn im Schlafrock und der Nachtmütze vorzustellen, war ihm ganz unmöglich – oder er flohe vielmehr vor diesem Gedanken, als wenn dadurch eine Lücke in seiner Seele wäre hervorgebracht worden. Besonders war ihm das Bild von der Nachtmütze ganz etwas Unausstehliches, sooft es ihm bei dem Pastor Paulmann einfiel; es war, als ob dadurch eine Disharmonie in alle seine übrigen Vorstellungen käme.

Nun fügte es sich aber einmal, daß Anton gerade in der Kirchtüre stand, als der Pastor Paulmann hereintrat und in plattdeutscher Sprache zu dem Küster sagte, daß sie nachher noch ein Kind zu taufen hätten.

Würkte je ein Kontrast lebhaft auf Antons Seele, so war es dieser – den Mann, welchen er sich nie anders als mit jenem feierlichen herzerschütternden Tone zu dem versammelten Volke redend gedacht hatte, zuerst plattdeutsch wie der simpelste Handwerksmann mit dem Küster über eine so feierliche Sache, als die Taufe war, sprechen zu hören; und das in einem Tone, der nichts weniger als feierlich war, und womit man einem sagen würde, er solle ja nicht vergessen, das Waschbecken zu bringen.

Durch diesen einzigen Vorfall wurde Antons Abgötterei gegen den Pastor Paulmann einigermaßen herabgestimmt. Er betete ihn etwas weniger an und liebte ihn desto mehr.

Indes hatte er sich sein Ideal von Glückseligkeit völlig von dem Pastor Paulmann abstrahiert. – Er konnte sich nichts Erhabeners und Reizenderes denken, als, wie der Pastor Paulmann, öffentlich vor dem Volke reden zu dürfen und alsdann so wie er manchmal gar die Stadt mit Namen anzureden. – Dies letzte hatte insbesondre für ihn etwas Großes und Pathetisches – so daß er sich oft ganze Tage über in seinen Gedanken beständig mit dieser Anrede beschäftigte – und sogar, wann er etwa, um Bier zu holen, über die Straßen ging und ein paar Jungen sich balgen sahe, nicht unterlassen konnte, im Geiste die Worte des Pastor Paulmann zu wiederholen und die ruchlose Stadt vor ihrem Verderben zu warnen, wobei er zugleich den Arm drohend in die Höhe hob. – Wo er ging und stand, harangierte er in Gedanken für sich selber, und wenn er dann in recht heftigen Affekt geriet, so hielt er die Predigt gegen den Meineid.

So schwebte er eine Zeitlang in diesen angenehmen Phantasien hin, die ihn das Wollekratzen in der kalten Stube, das Hütewaschen im Eise und den Mangel des Schlafs, wenn er oft mehrere Nächte hindurch wachen mußte, fast ganz vergessen ließen. – Die Stunden entflohen ihm zuweilen während der Arbeit wie Minuten, wenn es ihm gelang, sich in den Charakter eines öffentlichen Redners hinein zu phantasieren.

Allein, sei es nun, daß diese unnatürliche Überspannung seiner Seelenkräfte oder die für seine Jahre zu große Anstrengung seines Körpers zur Arbeit ihn zuletzt niederwerfen mußte – er ward gefährlich krank. Seine Pflege war nicht die beste. Er phantasierte im Fieber und lag oft ganze Tage lang allein, ohne daß sich jemand um ihn bekümmerte.

Endlich arbeitete doch seine gute Natur sich durch: er ward wiederhergestellt. – Eine gewisse Trägheit und Niedergeschlagenheit blieb aber demohngeachtet von dieser Krankheit zurück – und der menschenfreundliche Herr Lobenstein hätte ihm beinahe durch eine seiner sanften Ermahnungen ein tödliches Rezidiv verursacht.

Es war eines Abends in der Dämmerung, da Lobenstein in einem dunklen abgelegenen Gemache sich eines warmen Kräuterbades bediente, wobei ihm Anton zur Hand sein mußte. Da er nun in diesem Bade schwitzte und große Angst ausstund, so sagte er zu Anton mit einer Stimme, die ihm durch Mark und Beine drang: Anton! Anton! hüte dich vor der Hölle! – und dabei sah er starr in eine Ecke hin. –

Anton zitterte bei diesen Worten, ein plötzlicher Schauder lief ihm durch den ganzen Körper. Alle Schrecken des Todes überfielen ihn – denn er zweifelte nicht im geringsten, daß Lobenstein in diesem Augenblick eine Erscheinung gehabt habe, wodurch ihm Antons Tod angedeutet sei; und das habe ihn zu dem fürchterlichen Ausruf: Hüte, ach! hüte dich vor der Hölle! bewogen.

Lobenstein stieg nach diesem Ausruf plötzlich aus dem Bade, und Anton mußte ihn zu seiner Kammer leuchten. Mit bebenden Knien ging er vor ihm her: und Lobenstein schien ihm blasser als der Tod auszusehen, da er von ihm wegging.

Ist nun je mit wahrer Andacht und Heftigkeit zu Gott gebetet worden, so geschahe es itzt von Anton, sobald er allein war; er warf sich in einem Verschlag bei der Werkstätte nicht auf die Knie, sondern aufs Angesicht nieder und flehte zu Gott und bat ihn, wie ein Missetäter, über den schon der Stab gebrochen ist, um sein Leben – nur um eine Frist zur Bekehrung, wenn er ja sterben solle – denn ihm fiel ein, daß er mehr als zwanzigmal auf der Straße gelaufen, gesprungen und mutwillig gelacht hatte – und nun lagen alle die Qualen der Hölle auf ihm, welche er dafür ewig würde erdulden müssen. – Hüte, ach hüte dich vor der Hölle! gellte noch immer in seinen Ohren, als ob ein Geist aus dem Grabe ihm diese Worte zugerufen hätte – und er fuhr fort eine volle Stunde nacheinander zu beten und würde die ganze Nacht nicht aufgehört haben, wenn er keine Linderung seiner Angst verspürt hätte; – aber so wie seine Brust einen ängstlichen Seufzer nach dem andern ausstieß und endlich seine Tränen flossen, schien es ihm, als sei ihm von Gott Erhörung seiner Bitte gewährt – der nun lieber, wie dort bei den Niniviten, einen Propheten wolle zuschanden werden lassen, als daß er eine Seele verderben ließe. – Anton hatte sein Fieber weggebetet, worin er wahrscheinlich wieder zurückgefallen sein würde, wenn seine empörten Geister nicht diesen Ausweg gefunden hätten. – So heilt oft eine Schwärmerei, eine Tollheit die andere – die Teufel werden ausgetrieben durch Beelzebub.

Anton wurde nach dieser Ermattung durch einen ruhigen Schlaf erquickt und stand am andern Morgen wieder gesund auf – aber der Gedanke an den Tod erwachte wieder mit ihm – höchstens glaubte er, sei ihm eine kleine Frist zur Bekehrung gegeben, und nun müsse er sehr eilen, wenn er noch seine Seele retten wolle.

Das tat er denn auch, so sehr er konnte; er betete des Tages unzähligemal in einem Winkel auf seinen Knien und erträumete sich zuletzt dadurch eine feste Überzeugung von der göttlichen Gnade und eine solche Heiterkeit der Seele, daß er sich oft schon im Himmel glaubte und sich nun manchmal den Tod wünschte, ehe er wieder von diesem guten Wege abkommen möchte.

Aber es konnte nicht fehlen, daß bei allen diesen Ausschweifungen seiner Phantasie die Natur ihren Zeitpunkt wahrnahm, wo sie wieder zurückkehrte – und dann die natürliche Liebe zum Leben um des Lebens willen in Antons Seele wieder erwachte. – Dann war ihm freilich der Gedanke an seinen bevorstehenden Tod sehr etwas Trauriges und Unangenehmes, und er betrachtete diese Augenblicke als solche, wo er wieder aus der göttlichen Gnade gefallen sei, und geriet darüber in neue Angst, weil es ihm nicht möglich war, die Stimme der Natur in sich zu unterdrücken.

Jetzt empfand er doppelt alle die traurigen Folgen des Aberglaubens, der ihm von seiner frühesten Kindheit an eingeflößet war – seine Leiden konnte man im eigentlichen Verstande die Leiden der Einbildungskraft nennen – sie waren für ihn doch würkliche Leiden, sie raubten ihm die Freuden seiner Jugend. –

Von seiner Mutter wußte er, es sei ein sicheres Zeichen des nahen Todes, wenn einem beim Waschen die Hände nicht mehr rauchen – nun sahe er sich sterben, so oft er sich die Hände wusch. – Er hatte gehört, wenn ein Hund im Hause mit der Schnauze zur Erde gekehrt heule, so wittre er den Tod eines Menschen; – nun prophezeite ihm jedes Hundegeheul seinen Tod. – Wenn sogar ein Huhn wie ein Hahn krähete, so war das ein untrügliches Zeichen, daß bald jemand im Hause sterben würde – und nun ging hier gerade ein solches unglückweissagendes Huhn auf dem Hofe herum, welches beständig auf eine unnatürliche Weise wie ein Hahn krähte. – Für Anton klang keine Totenglocke so fürchterlich als dieses Krähen; und dieses Huhn hat ihm mehr trübe Stunden in seinem Leben gemacht als irgendeine Widerwärtigkeit, die er sonst erlitten hat.

Oft schöpfte er wieder Trost und Hoffnung zum Leben, wenn das Huhn einige Tage schwieg – sobald es sich dann wieder hören ließ, waren alle seine schönen Hoffnungen und Entwürfe plötzlich gescheitert.


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