Geschichte des Lützowschen Freikorps

von Johann Friedrich Gottfried Eiselen

Kitzen und die Reiterei

Frisch auf, frisch auf mit raschen Flug!
Frei vor Dir liegt die Welt;
Wie auch des Feindes List und Trug
Uns rings umgattert hält.
Steig, edles Roß, und bäume Dich,
Dort winkt der Eichenkranz!
Streich aus, streich aus, und trage mich
Zum lust’gen Schwertertanz.

Doch in den Lüften, unbesiegt,
Geht frischer Reitersmuth!
Was unter ihm im Staube liegt,
Engt nicht des freie Blut.
Weit hinter ihm liegt Sorg und Noth,
Und Weib, und Kind, und Heerd,
Vor ihm nur Freiheit oder Tod,
Und neben ihm das Schwert.

So geht’s zum lust’gen Hochzeitsfest,
Der Brautkranz ist der Preis;
Und wer das Liebchen warten läßt,
Den bannt der freie Kreis.
Die Ehre ist der Hochzeitsgast,
Das Vaterland die Braut;
Wer sie recht brünstiglich umfaßt,
Den hat der Tod getraut.

Gar süß mag solch ein Schlummer sein
In solcher Liebesnacht;
In Liebchens Armen schläftst Du ein,
Getreu von ihr bewacht.
Und wenn der Eiche grünes Holz
Die neuen Blätter schwellt,
So weckt sie Dich mit freud’gen Stolz,
Zur ew’gen Freiheitswelt.

Drum, wie sie fällt und wie sie steigt,
Des Schicksals rasche Bahn,
Wohin das Glück der Schlachten neigt:
< Wir schauen’s ruhig an.
Für deutsche Freiheit woll’n wir stehn!
Sei’s nun in Grabes Schooß,
Sei’s oben auf des Sieges Höh’n;
Wir preisen unser Loos.

Und wenn uns Gott den Sieg gewährt,
Was hilft euch euer Spott?
Ja! Gottes Arm führt unser Schwert,
Und unser Schild ist Gott! –
Schon stürmt es mächtig rings umher,
Drum edler Hengst, frisch auf!
Und wenn die Welt voll Teufel wär‘,
Dein Weg geht mitten drauf.

Der Major von Lützow brannte vor Verlangen, seine Reiterschaar, die sich inzwischen um 60 Mann vermehrt hatte, und diesem Verlange vollkommen entsprach, auf eine würdige Weise zu beschäftigen. Er beschloß daher um so mehr, sich in den Rücken des Feindes zu werfen, als schon ein Theil seiner Mannschaft kühne und glückliche Streitereien jenseits der Elbe gemacht hatte. Mit 400 Mann, auf deren Tüchtigkeit er rechnen konnte, begann er am 29. Mai seinen Zug von Stendal aus, und suchte das Baireuthische zu gewinnen. Die Absicht war kühn, aber nicht verwegen, wenn auf einen nahen Anschluß Oestreichs an die Verbündeten gerechnet werden konnte, aber vielleicht war es verwegen, auf die Voraussetzung eines solchen Anschlusses einen Plan zu bauen. Die Verbindung mit allen Truppen, auf die man sich hätte stützen können, und vorzugsweise mit dem Corps, mußte aufgegeben, und dagegen des Feindes Communication auf mehreren Punkte durchschnitten werden. Der Gewinn war möglicherweise groß, aber noch weit größer die Gefahr. Trat Oestrreich nicht bei, und konnte man sich was wahrscheinlich war, in jener entfernten Gegend nicht behaupten, so blieb nichts anders übrig, als auf einem leicht vom Feinde abzuschneidenden Umwege durch den Thüringerwald und Harz nach der Altmark zurückzukehren.

Nach manchen Fährlichkeiten, indem man mehrmals auf Feinde stieß, denen man sich durch Klugheit und Wachsamkeit glücklich entzog, und nachdem man allerlei Beute gemacht hatte, erreichte man am 6. Juni das Voigtland, und schickte eine Abtheilung Reiterei mit 300 Mann Fußvolk, die man auf dem Marsche zum Uebertritte bewogen, bis nach Hof vor. Aber schon am 6. Juni soll dem Major von Lützow auf dem Marsche Nachricht von dem am 4. Abgeschlossenen Waffenstillstande zugekommen sein. Den Bedingungen desselben gemäß, mußte er sich anschicken, über die Demarkationslinie der kriegführenden Theile zurückzukehren, und wenn er daher auch sein Unternehmen in gewissen Sinne als vereitelt ansehen konnte, so hätte er doch den Beweis geführt, daß es ihm nicht an Kühnheit, Entschlossenheit und Thätigkeit fehle, und daß man es dreist wagen dürfe, seiner Schaar die Lösung einer schwierigen Aufgabe anzuvertrauen. Inzwischen sollte sich der verwegene Haufe seines Streifzuges nicht erfreuen. Nur der kleinere Theil vereinigte sich wieder mit dem Corps, der größere ging zu Grunde. Was von dem traurigen Schicksale desselben bekannt ist und in der mehrmals erwähnten Schrift nach gelesen werden kann, beantwortet nicht alle Fragen, die sich in Beziehung darauf aufwerfen lassen, und ist nicht geeignet die Handlungsweise des Anführers ganz zu rechtfertigen. Schon am 6. Soll er von dem Abschlusse des Waffenstillstandes gehört haben, und am 9. Erhält er durch den baierschen Commandanten der Stadt Hof die officielle Anzeige davon, und schloß mit ihm ein vorläufiges Uebereinkommen wegen Einstellung der Feindseligkeiten. War er aber mit dem Abschlusse des Waffenstillstandes bekannt, und damit bekannt sein mußte er am 9., auch wenn ihm deshalb keine Anzeige gemacht worden wäre, da er sich in einer Gegend befand, wo sich viele feindliche Truppen hin und herbewegten, und wohin sich offenbar die Nachricht davon auf den verschiedensten Wegen verbreitete; so war es der Klugheit angemessen, einen Schauplatz so schnell, wie möglich, zu verlassen, wo es nicht an unangenehmen Collisionen und Reibungen fehlen konnte. Statt dessen aber bleibt er noch bis zum 15. In Plauen, läßt also 6 Tage ganz ungenutzt verstreichen, also eine Zeit, die ihn auf dem nächsten Wege bis an die Elbe hätte gelangen lassen können. Er bricht erst auf, nachdem er auf seine Anfrage, von Dresden aus, ein Schreiben des sächsischen Generallieutenants von Gersdorf mit der öffentlichen Anzeige vom Abschlusse des Waffenstillstandes erhält. Dieses Zögern konnte als eine Art von Trotz oder Hohn erscheinen, und den Feind beleidigen, den zu reizen man um so mehr vermeiden mußte, als es bekannt genug war, mit welcher Erbitterung er sich schon über das Freicorps geäußert hatte, und als die Bedingungen des Waffenstillstandes vorschrieben, daß die beiderseitigen Truppen sich am 12. Hinter der Demarcationslinie befinden sollten. Diese Bestimmung fand zwar ohne Zweifel auf die Corps keine Anwendung, die von den verbündeten Heeren getrennt sich am linken Elbufer befanden, aber es ging doch daraus hervor, daß dieselben ihren Aufenthalt nicht unnöthigerweise verlängern durften. – Uebrigens hatte der Major von Lützow einen sächsischen Officier, als Marschcommissär bei sich. In Gera erbat er sich von dem dort commandirenden französischen Obersten auch einen von seinen Truppen, erhielt aber eine abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, daß der sächsische genüge. Hier könnte man wieder fragen, warum ließ er sich nicht sogleich einen französischen Officer zur Begleitung geben, wenn er ihn für nothwendig hielt, und warum ging er den französischen Obersten darum an, wenn das Gegentheil der Fall war. – Am 17. Gegen Abend erreichte die Truppe das Dorf Kitzen am Floßgraben, nur 2 Meilen von Leipzig und bezog hier ein Bivouack. Württembergische Kavallerie zeigte sich in der Nähe, und von ihrem Oberste erfuhr der Major von Lützow, daß der Herzog von Padua, der damals die Truppen in Leipzig commandirte, ihn auffordern ließ, Halt zu machen, weil er ihm Officiere senden werde, seinen Weitermarsch zu leiten. Der Major von Lützow zeigte sich dazu bereit, sandte auch den Lieutenant von Kropf an den Herzog, und tauschte mit dem württembergischen Obersten von Becker das Ehrenwort, daß sie ihren Truppen keine Feindseligkeiten erlauben wollten. Daß dieses Versprechen keine blos allgemeine Sicherheitsmaßregel sein sollte, sondern auf Seiten des Majors von Lützow aus einem Verdachte hervorging, man könnte etwas Feindliches gegen ihn beabsichtigen, dürfte daraus erhellen, daß er seine Reiter sogleich aufsitzen ließ, als ihm das Heranrücken noch mehrerer Truppen gemeldet wurde, und den württembergischen General Norman, den er an der Spitze dieser Truppen fand, veranlaßte, auf sein Ehrenwort zu erklären, daß er nur Befehl habe, das nächste Dorf zu besetzen. Inzwischen scheint weder jenes Versprechen, noch diese Versicherung denselben beruhigt zu haben, da er den General Fournier, der ihm als Befehlshaber der ganzen feindlichen Truppenabtheilung genannt worden war, aufsuchte, und ihn aufforderte, mit seinen Truppen Halt zu machen, bis alle nöthigen Verabredungen wegen des weiteren Marsches getroffen sein würden. Daß der Major von Lützow zu allen Schritten, die er that Grund haben mußte, ist anzunehmen, aber aus dem ganzen Vorgange, wie man ihn immer erzählt hat, geht er nicht hinreichend hervor. Daß französische Truppen damals in Sachsen hin und herzogen, war zu natürlich. Der Waffenstillstand machte eine neue Verlegung derselben nothwendig. Wie konnte also der Major von Lützow Verdacht daraus schöpfen? Eben so wenig aber war us der an ihn gerichteten Aufforderung des Herzogs von Padua ein hinreichender Grund zum Verdachte herzunehmen. Es müssen also um diesen zu erklären, noch andere Umstände angenommen werden, welche nicht bekannt geworden sind. Daß er nicht aus der Luft gegriffen war, geht aus der Antwort hervor, welche der General Fournier dem Major von Lützow gab: L’armistice pour tout le monde, excepté pour vous! – Der Major von Lützow wandte schnell sein Pferd und erreichte noch glücklich die Spitze seiner Husaren, ehe die württembergischen Reiter, die zur Seite der Lützowschen Schaar, neben der Chaussee einherzogen. Der Feind war mit einer so großen Truppenzahl gegenwärtig, man schlug sie auf 5000 Man an, daß an einen Kampf, von welchem nur ein einigermaßen günstiges Resultat erwartet werden durfte, nicht zu denken war, und es kann deshalb wohl, ohne Scheu vor dem Vorwurf der Feigheit, die Frage aufgeworfen werden, ob es nicht der Klugheit gemäß gewesen wäre, die Waffen zu strecken. War für die Reiterschaar etwas durch Unterhandlungen zu erlangen, so, sollte man meinen, würde es sich eher haben erlangen lassen, wenn sie beisammen blieben und durch ihre strenge Beobachtung des Waffenstillstandes das Unrecht des Feindes in ein grelles Licht setzte. Daß sie sich mit den Waffen vertheidigte oder ihr Heil in der Flucht suchte, konnte die Meinung entstehen lassen, als vertraue sie ihrem Rechte nicht ganz. Indeß wollen wir gern zugeben, da die Umstände zu sehr zur That drängten, als daß eine ruhige Ueberlegung möglich gewesen wäre, daß der bösliche Ueberfall des Feindes auch den ruhigsten erboßten und in Wuth bringen konnte, und daß man von denen nichts Gutes erwartete, die eines solchen Ueberfalls fähig waren, auch wenn man nur auf sein gutes Recht vertraut hätte.

Die Ulanen-Schwadron, nebst den Kosacken rettete sich glücklich, und auch der Major von Lützow entkam zu Fuß, vereinigte sich mit einem Haufen seiner Leute, welche das laute Getümmel und die hereingebrochene Dunkelheit beschützt hatten, und erreichte später die Elbe und das jenseitige Ufer. Bei dem Corps war einige Reiterei zurückgeblieben gewesen, die sich unter der Anführung des Rittmeisters Fischer bedeutend vermehrt hatte. Es fehlte also nicht an einer Reiterei und da sich die Ulanen-Schwadron bald wieder einstellte, und viele Einzelne, die bei Kitzen dem Tode und der Gefangenschaft entgangen, oder auf ihrem Transporte nach Frankreich entflohen waren, dem Corps wieder zueilten, so sah dies seinen Reiterhaufen in nicht gar langer Zeit in seiner früheren Stärke. Inzwischen hat man behauptet, daß ihm das Unglück bei Kitzen eine Wunde schlug, die niemals ganz wieder verharschte. Manche der thätigsten, die ihm angehört hatten, blieben in der Gefangenschaft, oder kehrten, obwohl gerettet, nicht wieder zu ihm zurück. Die alten treuen Cameraden vermißten einander, man meinte auch wohl, das Unglück sei nicht ganz unverschuldet über die Reiterschaar gekommen, kurz die frühere Frische und Muthigkeit wurde von ihr vermißt.

Körner sank, von einem Säbelhiebe schwer verwundet, bei jenem Ueberfalle vom Pferde, entging aber durch seine kräftige Natur dem Tode, und durch ein günstiges Geschick der Gefangenschaft. In Erinnerung an den Augenblick, der ihn für immer der irdischen Lust und Trübsal zu entreißen drohte, dichtete er jenes schöne Lied: die Wunde brennt; -- die bleichen Lippen beben. Wir fürchten nicht, getadelt zu werden, wenn wir es hier einrücken.

Die wunde brennt, -- die bleichen Lippen beben. –
Ich fühl’s an meines Herzens matterm Schlage,
Hier steh ich an den Marken meiner Tage –
Gott, wie Du willst! Dir hab‘ ich mich ergeben. –

Viel goldne Bilder sah‘ ich nun mich schweben;
Das schöne Traumbild wird zur Todtenklage. –
Muth! Muth! – Was ich so treu im Herzen trage;
Das muß ja doch dort ewig mit mir leben! –

Und was ich hier als Heiligthum erkannte,
Wofür ich rasch und jugendlich entbrannte,
Ob ich’s nun Freiheit oder Leibe nannte:

Als leichten Seraph seh‘ ich’s vor mir stehen; --
Und wie die Sinne langsam mir vergehen,
Trägt mich ein Hauch zu morgenrothen Höhen.

An diese Episode möge sich eine andere anschließen, die uns einen Theil des Lützowschen Fußvolks auf einen kühnen, aber wohlberechneten Zuge erblicken läßt, der zwar nicht so unglücklich, wie jener Reiterzug endigte, aber doch darin mit ihm Aehnlichkeit hatte, daß er durch den Waffenstillstand um seinen Erfolg betrogen wurde.


Letzte Änderung der Seite: 15. 08. 2021 - 15:08

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