Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Eine wahre Geschichte zur lehrreichen Unterhaltung armer Fräulein

Vierte Abteilung.

Buße.

Dreizehntes Kapitel

Der Besuch der Obristin. Die Fürstin besteigt mit dem Grafen den Ätna. Nächtliche Verwechselung. Die Meerfahrt. Der Prinz von Palagonien. Die Mineraliensammlung. Johannes und Hyolda

In dieser Zeit wurde die Herzogin von der alten Obristin, die sie nach Sizilien geführt hatte, sehr angenehm überrascht. Diese heitre alte Frau, die sich mit einem gewissen Stolze als die Schöpferin alles Glücks dieses Hauses ehren ließ, trat auch gewissermaßen herrschend darin auf, da selbst die Herzogin aus Ehrfurcht gegen sie manche ihrer gewohnten Beschäftigungen aussetzte. Die Obristin haßte das Schulehalten, das Bessern, ihr war alles so ganz recht, wie es in der Welt gegangen und wie es geht; keine Lustbarkeit war ihr burlesk genug, immer fügte sie noch etwas als höchste Spitze hinzu, und ihr kleidete manches, was einer jüngeren Frau nicht verziehen worden wäre. »Was sind das für junge Leute«, rief sie kurz nach ihrem Eintritte, »das lacht nicht, das springt nicht, das tanzt nicht; als ich in eurem Alter war, ritt ich noch die Treppengeländer herunter.« Besonders aber war ihr Dolores Gegenstand des Spottes, weil die sonst am meisten von allen in ihre Lustbarkeiten eingegangen und jetzt in manchen fremden Gedanken über ihren Mann vertieft, manches überhörte, wenigstens zu keiner Ausführung brachte. Sie hetzte alle ihre Kinder gegen sie auf, daß sie ihr keinen Augenblick Ruhe ließen, und wollte sich dann über die Not der guten Mutter, allen helfen zu wollen, halb krank lachen. Die Fürstin merkte bald ihre Laune, und obgleich viel betrübter in sich, hatte sie doch in ihrem mannigfaltigen Leben genug Herrschaft über sich gewonnen so etwas mit dem heißen Mantel der gezwungenen Lustbarkeit wohl zu bedecken; sie entzückte die Obristin, die sie Mutter nannte, indem sie ihren Willen immer vollständig ausführte. Da wurden alle die alten Pfänderspiele durchgespielt, welche die Obristin in ihrer Jugend gelernt hatte; ihre Hauptfreude war ein großes Küssen zu veranlassen; bald mußte einer in den Brunnen fallen, bald unzählige Sterne zählen. Zu solchem Sternzählen brachte sie auch nicht ohne Absicht, um sich an der Verlegenheit des regierenden Hauptes zu ergötzen, den Grafen und die Fürstin zusammen; aber sie dachte nicht, welche Flammen und welche Liebessterne sie in dem Herzen der armen Fürstin damit entzündete; noch nicht zufrieden mit diesem Spaße, brachte sie auch den Schreiber mit der Fürstin zusammen, indem er mehrere Ellen tief in einen Brunnen gefallen. Der arme Junge wurde so rot von diesen Küssen, daß ihn die Obristin den ganzen Abend damit neckte, er sei in seine Herrschaft verliebt; er hatte sich auf seiner Reise wirklich sehr verschönert und sah in seiner Bescheidenheit recht wohl aus. Bis in die Nacht mußte gesungen werden und dann hatte sie sicher das Bettzeug von einigen zusammennähen lassen, und frühmorgens war sie sicher schon zuerst auf und erweckte alle die Schläfer mit irgend einem Schrecknisse. Sie hatte in sich ganz unverändert die ganze Masse verwegener Lustigkeiten bewahrt, die sonst die deutschen Schlösser durchtobte, die sich alles erlaubte und alles vergab, und ein fröhliches Toben aller dem zierlichsten Witze der einzelnen vorzog, die jetzt meist als Erzähler oder Vorleser die eigentümliche Tätigkeit der andern einschlafen lassen. Sie hatte eine gewisse Härte in ihrer Art zu reden, war aber gegen alle Leidende sehr hülfreich; wo sich andre aus Ekel wegwendeten, da stand sie mit Klugheit und Ergebung bei; so sprach sie lachend von der Gebrechlichkeit ihres alten Mannes, aber sie pflegte seiner als Frau und Magd zugleich; ihm schrieb sie alle Tage in Knittelversen, was vorgegangen, und machte so eine Art lächerliche Zeitung, wozu jeder sich beeiferte irgend einen wunderlichen Zug zu liefern. Die Geschichte des Pfänderspiels schloß sie mit den Worten:

    Die Frau Fürstin und der Herr Graf
    Zählten die Sterne bis es zutraf,
    Die Frau Fürstin fand's immer noch nicht richtig,
    Sie wurde noch immer einen Stern ansichtig,
    Es schien ihr das Zählen gar sehr zu gefallen,
    Da ließ ich ihren Schreiber in den Brunnen fallen,
    Gar viele, viele Ellen tief,
    Daß er gar erbärmlich rief;
    Sie mußte mühsam hinaus ihn ziehen,
    Daß beiden von der Arbeit die Backen recht glühen.

Seit diesem Sternenzählen kränkelte die Fürstin; ihre wachsende Neigung zum Grafen und seine Unverständigkeit, die nicht zu erraten, kränkten sie tief. Die Obristin schrieb dies Übelbefinden dem sitzenden Leben zu, und ermahnte sie eine Fußreise nach dem Ätna zu machen; der Graf könne sie begleiten, während sie noch ein paar Tage recht vertraulich mit ihren beiden Pflegetöchtern zubringen wolle; sie wisse nicht, ob sie je wieder bei ihnen sein werde, da ihr Alter ihre Munterkeit mit überlegener Zahl endlich einmal schnell besiegen könne. Der Graf ergriff diesen Vorschlag mit Lust, die Fürstin war bereit; und so zog er mit ihr und dem Schreiber am nächsten Morgen aus. Wer kennt Siziliens Reize nicht, alle Reisebeschreiber alter und neuer Zeit erschöpfen sich in Lob: es ist der Lustgarten Europens, dessen vereinte Säfte darin zu den wunderbarsten Bäumen und Blumen treiben, der von Szylla und Charybdis gegen äußere Feinde bewacht, nur in seinem Innern einen jetzt fast beschwichtigten, einst aber furchtbar tobenden und zerstörenden Feind, den Ätna trägt, der unzähligmal die friedlichen Ölbäume mit seinen Feuerströmen bedeckt hat, während der Schnee in den Klüften seines Wipfels die Bewohner gegen die heiße Sonne kühlt. Abwechselnd zeigt die Insel die Spuren der ungeheueren Bevölkerung früherer Zeit: die großen Stadtmauern laufen durch öde Feldmarken, in den Überresten eines Theaters liegt zu weilen der ganze Rest einer Stadt, der es ehemals zum vorübergehenden Vergnügen erbaut war; dann trifft der Reisende auf so ungeheuere Zerstörung, daß er die Kühnheit eines Volkes bewundert, das sich mitten darin anzubauen wagt, und während der Arbeit, die so oft vergebens gewesen, wie bei einem Spiele alles absingt, was andre Völker träge, langsam und verdrossen sprechen. Die Sitten, die Gewohnheiten, die Beschränkungen der andern Welt erscheinen da, wo alles nach schnellem Genusse strebt, fast lächerlich, und so fühlte heimlich auch die Fürstin den Zwang, der sie von dem Grafen trennte, als ein junger Pater ihr in einem Kloster erzählte, wie leichtsinnig solche Übertretungen der Treue da abgebeichtet und für das Abbeten eines Rosenkranzes vergeben würden. Der Graf und der Schreiber waren inzwischen mit den tiefsten antiquarischen Nachforschungen über einige alte Inschriften in dem Kloster beschäftigt, aus denen die Fürstin, die sich wieder ins Freie sehnte, sie nur mit Mühe herausriß. Sie machten diese Reise in kleinen Tagemärschen zu Fuß; ihre Diener blieben in bestimmter Entfernung von ihnen, um nur im Notfalle ihnen nützlich zu werden; in jedem Wirtshause, wo sie aber verweilen wollten, war alles Bequeme und Erquickende im Überfluß voraus angeordnet; der Graf hatte sich in einen Zauberer verwandelt, der auf jeden Wink der Fürstin einen gedeckten Tisch, ein Ruhebett herbeischaffen konnte. Einige Tage solcher Reisen machen vertraulicher mit einander bekannt, als jahrelanger Umgang, es ist deswegen die Gewohnheit der Neuverheirateten in England sehr lobenswert aus der Kirche in die Welt ganz einsam mit einander zu fahren, um in ein paar Wochen mit dem ersten Vergnügen auch alle die störenden Gewohnheiten an einander kennen zu lernen, die sich sonst wohl verbergen und späterhin zu ungelegener Zeit hervortreten. Wie oft bedauerte die Fürstin, daß sie den Schreiber mitgenommen; es lag ihr in den wenigen Tagen ein langes Leben, überall behinderte er ihre Äußerungen, daß sie dadurch in einen wunderlich gereizten Zustand versetzt wurde. Sie schlief ungeachtet der Ermüdung wenig und nie sehr fest; die Träume hielten immer noch einen Laden auf, wo das Weltlicht störend in die alles vergessende Dunkelheit einblickte; besonders früh war sie an dem Morgen auf, wo sie auf den ersten Anhöhen des Ätna geschlafen hatten. Es schauderte ihr, als sie den fröhlich bebauten Bergrücken verließen, um durch ein Aschenmeer zu dringen, über welchem die Raubvögel wild seufzten; sie glaubte sich selbst in der Leidenschaftlichkeit bei ihrem Alter, das schon manches Haar ihr grau gefärbt hatte, darin zu erkennen und hinter sich in dem fröhlichen Grafen das reichbebaute Land; sie blieb lange stille. Einige Wolken lagerten sich um sie her; es wurde kalt, aber ihre Neigung glühte mit dem Fieber, das in ihr begann; sie ließ sich fast von dem Grafen tragen, so lehnte sie sich an ihn. Zufällig und sehr natürlich erzählte hier der Graf Petrarchs wunderbares Ereignis, als er mit großer Beschwerde einen hohen Berg bestiegen und in den »Bekenntnissen« des heiligen Augustinus mit überraschender Rührung die Worte aufgeschlagen habe: »Die Menschen gehen hin, die Höhen der Berge, die Wellen des Meeres, die gewaltigen Ströme, den weiten Umfang des Ozeans und die Kraft der Sterne zu bewundern, und verlassen sich selbst.« – Diese Geschichte machte einen tiefen Eindruck auf die Fürstin; sie wollte sich nicht verlassen, so schwor sie in sich und doch konnte sie nicht vom Grafen lassen, der Kopf ging ihr herum. Sie war so erschöpft, als sie durch die Schneegegend in die Nähe des Kraters kamen, daß sie einige Stärkungsmittel nehmen mußte; nachher als der Schreiber umherging allerlei Laven abzuschlagen, drängte sie sich mit vieler Kühnheit immer weiter vor, durch die schwarzen Steinmassen und den lockeren beschneiten Boden, bei den rauchenden Schornsteinen vorbei, nach dem Krater. Der Graf rief ihr zu, sie möchte sich doch in acht nehmen, und sprang ihr nach, sie aber fragte ihn heftig vorschreitend: »Sind Sie mein Freund, mein bester Freund?« – Der Graf begriff sie nicht; er glaubte, das starke Getränk habe sie in der dünnen Luft berauscht, sprang ganz zu ihr hin, hielt sie heftig und sagte bestürzt: »Und Sie glauben nicht an mich?« – Die Fürstin suchte sich loszureißen und flehete: »Lassen Sie mich, mit der Überzeugung, einziger Freund, will ich unten bei den erschlagenen Himmelsstürmern Ruhe suchen.« – In dem Augenblicke machte sie einen Versuch sich herabzustürzen, aber der Graf hielt sie kräftig und gefaßt, trug sie fort und sagte: »Gut, daß ich dabei war, das ist ganz die Art des Schwindels, wie ich gehört habe, aus Furcht vor dem Fallen stürzen sich die Schwindelnden meist hinab.« – Die Fürstin ließ sich jetzt ruhig hinunterführen; es war nur eine Anwandlung in ihr gewesen, diese Sterbelust, die sich wieder ganz in Zärtlichkeiten gegen den Grafen auflöste, der sie davon errettet, ausströmend in stillen Blicken zu ihm. Sie kamen spät und sehr ermüdet nach einem Wirtshause am Fuße des Berges, wo alles auf sie wartete; der Schreiber war ganz verschlossen, der Graf noch immer verwundert, die Fürstin fing an leichtsinnig beredter zu werden, seit dem gefährlichen Ereignisse, über das sie spottete. So verging das Abendessen, wobei sehr stark getrunken wurde, denn der Wein war vortrefflich und allesamt sehr durstig geworden; alle glühten von der scharfen Luft, die sie durchstrichen hatten. Der Schreiber verließ zuerst die Gesellschaft, um nicht durch sein Einschlafen das Lachen immer wieder zu erwecken. Bald stand auch die Fürstin auf; sie wankte von Müdigkeit und der Wirt und der Graf begleiteten sie bis vor ihr Schlafzimmer. Im Vorbeigehen sagte der Wirt: »Hier Herr Graf ist Ihr Zimmer.« – Die Fürstin drückte dem Grafen die Hand zum Nachtgruße, er drückte ihre Hand freundlich wieder, sie sang: »Nein dieses Tages Feuer nimmer, o nimmer vergeht!« Der Graf fiel ein: »Nein, dieser Töne Feier nimmer, o nimmer verweht.« So schieden sie. Der Graf ging in sein Zimmer, fand aber, daß sich der Schreiber aus Versehen schon darin festgelegt habe und fest eingeschlafen sei; ohne Verdruß machte er die Türe leise zu, und nahm dessen schlechteres Zimmer und Bett ein; es gab auf der Welt keinen wohlwollendern Mann gegen die Jugend.

Die Fürstin befand sich von der Anstrengung, von dem Wachen, von der Gemütsbewegung in einem fieberhaften Zustande; sie legte sich mit dem Vorsatze ins Bett, alles zu verschlafen, aber sie konnte es nicht aushalten, es quälte sie ein Gedanke wie ein eingebrannter Buchstabe, was der Graf jetzt von dem Vorfalle denken möchte. Sie mußte dem Grafen alles erklären; sie schlich in sein Zimmer, das ihr vom Wirte bezeichnet war. In der Dunkelheit konnte sie es nicht bemerken, daß sie ihn verfehlt hatte; der, den sie traf, beschwichtigte so bald ihren Mund, sie fühlte sich so ganz beglückt und sie ließ ihr Bild in einer goldnen Fassung dem Freunde zurück, daß er seines Traumes Gewißheit erkenne.

Am andern Morgen war sie sehr heiter, sie empfing den Grafen so vertraulich, daß dieser meinte, alles ängstlich Gezwungene, was ihn in den letzten Tagen an ihr geängstet, sei in dem Krampfe des vorigen Tages untergegangen. Der Schreiber, der sonst immer zuerst von allen wach war, und im Hause anordnete, kam diesmal später zum Vorschein und entschuldigte sich damit, daß er vor den Wanzen nicht ruhig habe schlafen können; der Graf vermied es ihm seine Zimmerwechselung vorzuhalten, um ihn nicht noch mehr zu beschämen, da er schon jetzt wegen der Verspätung sehr verlegen erschien. Die Rückreise wurde nach dem Wunsche der Fürstin sehr eilfertig im Wagen gemacht; der ausgezeichnete Punkt der Ätna, der sie immer zum ruhigen Ertragen aller Beschwerden angemahnt hatte, war nun erstiegen, sie hatte ihr Ziel erreicht. Befremdend war es ihr, während dieser Rückreise den Grafen ganz unverändert in jedem Blicke, in jedem Worte wie den Tag vorher zu finden, während sich in ihr alles vorhergehende Leben so froh erloschen zeigte; ununterbrochen war er beschäftigt, alles zu ordnen, was er seiner Frau an mancherlei Merkwürdigkeiten zusammengesucht hatte.

Der Graf und die Fürstin wurden auf dem Schlosse mit vielen Küssen empfangen; die Obristin war schon verreist, hatte aber noch ein Blatt Knittelverse für die Reisenden zurückgelassen.

Merkwürdig ist es, daß weder jetzt noch früher die Herzogin irgend etwas von der Leidenschaft der Fürstin bemerkte; teils war sie zuviel beschäftigt, teils zu unbekannt mit den verschiedenen Äußerungen der Liebe. Dem Blicke der Gräfin war diese Leidenschaft der Fürstin für ihren Mann nicht entgangen, aber ihr Zutrauen zu ihm blieb unwandelbar; sie glaubte es eine notwendige Buße für ihre frühere Verwirrung von ihren Besorgnissen niemand sagen zu dürfen; was er auch tun mochte, sie war nicht berechtigt ihm Vorwürfe zu machen. Mit hoher Festigkeit verschwieg sie jedem ihre Qual, als sie beide der Versuchung einer Reise sich so unbesorgt aussetzen sah; sie verschwieg es, als sie den Äußerungen der Fürstin zu entahnden meinte, daß sie mit ihrem Manne in enger Vertraulichkeit lebe. Gebet war ihr Trost; sie mochte nicht beichten, was ihrem Manne nachteilig, und damit ihr Beten nicht auffallend sein könnte den alles bemerkenden Kindern, so gewöhnte sie sich ein stilles Gebet an, das keinem hörbar, keinem sichtbar, durch die gewöhnlichen Beschäftigungen nicht gestört wurde, wobei sie sich nur zuweilen vertiefte, als habe sie geschlafen. Während dieses Gebets glaubte sie eines Morgens die Stimme des verstorbenen Bedienten zu hören, der sie ängstlich gerufen; sie ging verwundert nach dem Vorsaale, woher der Ton zu kommen schien, und sah eins ihrer Kinder, die kleine Magdalena, die sich über ein Treppengeländer übergelehnt hatte, und im Herabstürzen zu sein schien. Sie ergriff das Kind am Kleide und erhielt es mit leichter Mühe, und von diesem Augenblicke an durchdrang sie eine Zuversicht, daß Gott sie nicht verlasse, daß ihr Mann ihr nimmermehr untreu werde.

Doch erschütterte ein andrer Vorfall zwei Tage darauf ihr ganzes Gemüt. Bei einer Meerfahrt, die der Graf zu Ehren der Fürstin auf purpurnen Böten, mit Musik besetzt, von vergoldeten Rudern getrieben, an einem sonnigen stillen Tage veranstaltet hatte, wo sich jedes in Erzählungen vergangener Geschichten ausließ, zeigte der Graf der Fürstin den Ring der Apostel, in deren Mitte Christus, den Dolores noch immer an ihrem Finger trug. Die Fürstin erbat ihn sich; Dolores verwunderte sich, daß er diesmal von ihrem Finger ließ, da er sonst nur sehr schwer abzustreifen war. Die Fürstin glaubte in dem Ringe einen besondern Talisman für die Treue des Grafen zu erkennen; sie wünschte ihn vernichtet und gleich begünstigte ein Zufall ihren Wunsch: ein paar Kinder traten lebhaft nach einer Seite, das Boot schwankte, die Fürstin schrie auf, und der Ring schnellte aus ihrer Hand ins Meer. Die Gräfin war untröstlich, aber der Graf, der den Unfall nicht minder tief empfand, hatte mehr Gewalt über sich; er wollte nicht die verehrte Freundin durch Vorwürfe kränken; er bat seine Frau sehr zärtlich, dies kleine Zeichen ihrer Liebe nicht so zu beweinen, da ihnen so viel größere übrig blieben. Diese scheinbare Gleichgültigkeit deutete Dolores auf ein Erkalten seiner Liebe, so wie den Verlust des Ringes auf den Untergang ihrer glücklichen Ehe; aber in stiller Buße sagte sie davon kein Wort, nur mit heimlichen Gebeten suchte sie ihr Schicksal abzuwenden, das durch ein zutrauliches Wort mit ihrem Manne zu lösen war. O der späten unausbleiblichen Strafe aller Schuld!

Diese Fahrt, welche ein paar Tage dauerte, war mitten in der höchsten Lust, durch eine Verbindung aller Naturschönheit mit dem glücklichsten Himmel und seinen günstigsten Winden und schönsten Festen, voll trauriger Zeichen für die besorgte Dolores. – Sie fuhren in die tiefen Felsengrotten bei Favarotta; die Fürstin, der Graf und der Schreiber hatten Flinten geladen, und erhoben plötzlich ein verabredetes Getöse, welches die Tauben aus ihren Nestern aufschreckte, die in einer dichten leichten Wolke über ihnen schwebten; jetzt wurde Feuer unter sie gegeben, und es stürzten eine Menge tot und verwundet herab; die Hunde holten die gefallenen aus dem Wasser, und die Jagd wiederholte sich. Die Gräfin konnte kein Vergnügen stören; sie sah wie lebhaft die Jäger auf jeden Schuß sich freuten, aber immer rief es in ihr, was wird aus den Jungen im Neste; sie schwieg aber und sah ins klare Wasser, das durch die eigentümliche Beleuchtung der Höhle bis zum tiefsten Grunde alles durchscheinen ließ, als wäre es zu einer hellen Luft geworden, in der die Barke schwebte; da sah sie die wandernden Züge der geselligen kleinen Fische, ihr blitzschnelles Drehen, das drehende Fortbewegen der Seesterne, der Medusen sternartiges, formloses Nichts; wie Muscheln und Krabben gesellig bei einander lagen, halb in Moosen versteckt, größere Krabben trugen die kleineren mütterlich auf ihren Armen in Sicherheit, wenn zuweilen Delphinen an die Oberfläche rauschten. Aus dieser fremden Welt, die für das Schrecken der umgebenden entschädigen wollte, drangen plötzlich Sirenen hervor, schöne schwimmende Mädchen, die gar anmutig eine Einladung absangen:

            Auf der Erde ist es schwül,
            In den Wassern ist es kühl,
            Sonne, Mond und alle Sterne
            Stürzen sich hinein so gerne,
            Denn im Wasser wird's so klar,
            Wie's auf Erden traurig war.

            Ruhig schlaft ihr bei uns ein
            In der Wasser grünem Schein,
            Höret keine Kinder schrein,
            Fühlet keine Liebespein,
            Liebet ohne Eifersucht,
            Findet alles, was ihr sucht.

            Was verloren in dem Meer,
            Stehet da im Haus umher,
            Alter Zeiten Schätz und Kunst
            Brauchet ihr durch unsre Gunst,
            Jeder Sturm bringt neue Gäst
            Zu dem ew'gen Freudenfest.

            Wenn wir tanzen in dem Kreis,
            Wirbelt sich die Welle weiß,
            Wenn wir unten lustig sind,
            Stürmet über uns der Wind,
            Stürmt in unsrer Haare Glanz,
            Und das kühlet in dem Tanz.

Diese Fischermädchen, denn das waren diese Sirenen, hatte der wunderliche Prinz von Palagonien abgerichtet, gleichwie er sein ganzes Ländchen zu den abenteuerlichsten Effekten anordnete, die aber meist alle eine so gereizte Stimmung forderten, wie sie Dolores in diesen Tagen hegte, um nicht ihre ganze Wirkung zu verfehlen. – Oft sind diese Sirenen von den mutwilligen Sizilianern beschimpft und bekriegt worden, dann erfolgte gemeiniglich zuletzt ihre Flucht aufs Land, die mit den Schwimmgürteln und Federkleidern eben so lächerlich als beschwerlich ausfiel. Unsre Reisenden fügten sich aber ganz ernsthaft in diese Launen des wunderlichen Prinzen, sie hatten ihm ihre Ankunft gemeldet, sie wollten sein abenteuerliches Schloß beschauen; und taten gegen die Sirenen, als wenn sie sich aus Furcht vor ihnen ans Land zurück zögen. Dieser Landungsplatz gehörte schon zum Garten des Prinzen, sie sahen niemand bereit sie zu führen, aber aus einigen Bäumen, die zu ihrer Verwunderung umgedreht waren, so daß die krause Wurzel fein belaubt aufgerichtet stand, befahl ihnen eine Göttin, den Weg nach dem Schlosse einzuschlagen. Das Schloß dieses Prinzen ist allzu bekannt, um es weitläuftiger zu beschreiben, es hat unermeßliche Summen gekostet, um alles hervorzubringen, was gegen den Geschmack, gegen die Bequemlichkeit, gegen jede Art Kunstsinn verstößt. Keine Mauer ist gerade oder in einer bestimmten Krümmung, kein Fenster dem andern gleich; die schiefe Türe, die von der Mitte des Hauses wenig absteht, ist von den ekelhaftesten, in Marmor gehauenen Schimären umgeben; erst da bemerkt man, daß die ganze Mauer mit solchen Unwesen ordnungslos überzogen ist. Beim Eintritte erschrickt der Kunstliebende vor den schönen heiligen Bildern großer Meister, womit der Fußboden belegt ist, wogegen die Wände mit den Zerrbildern kleiner Kinder in kostbaren Rahmen prangen; alle Fensterscheiben sind aus zerbrochenen Stücken sehr beschwerlich zusammengelötet, und die Decke des Zimmers ist mit einem Gemische alter goldener Rahmen, Muscheln, Ordensbänder und Dokumente mit großen Wappen bedeckt; die prächtigen Stühle haben alle nur zwei Beine, und die Tische liegen alle umgekehrt. Das kostbare, aber in seiner Vermischung ganz ungenießbare Frühstück, war in einem künstlichen Pferdestalle unsern Reisenden bereitet, der freilich nie den Pferden eingeräumt worden; die herrlichsten Majolikagefäße als Krippen, die künstlichen Glasgitter als Heuraufen zeichneten ihn vor allen Zimmern im Schlosse aus. Hier ließen sich die Reisenden zum Ausruhen nieder, wenn sie gleich von den Speisen nichts anrühren mochten; weder Herr noch Diener war irgend zu erblicken, alle unterhielten sich über die Veranlassung, eine Grille, die einen andern Menschen auch wohl einen Augenblick hätte beschäftigen können, mit solchem Aufwande über sein ganzes Leben auszubreiten. Die Fürstin glaubte, er hätte sich durch diese Wunderlichkeiten auszeichnen wollen; was ihm auf dem gewohnten Wege andrer Menschen vielleicht nicht gelungen; es gehe ihm nicht ärger als gar manchem Dichter, manchem Fürsten. Der Graf meinte eine eigne Gedankenunzucht darin zu entdecken; er glaubte, daß ein Mensch allmählich in solcher heimlichen Lust alles Ekelhafte sich zu denken, weil es niemand in seiner Äußerung leiden würde, zu so einer fixierten Verdrehung alles Kunstsinns gelangen könne; »wunderten wir uns doch oft«, sagte er, »über unerklärliche leidenschaftliche Liebe zwischen ganz Ungleichartigen, die in ihrer Verbindung noch ärger wie dieser Palast erschrecken, aber keiner läßt sich träumen, welche geistige Zwischenglieder sie ganz natürlich verbinden; es ist nichts heiliger in der Welt als die Gedanken und nichts muß heiliger gehalten werden; manche Sünder erscheinen da schuldlos gegen die scheinbar guten und frommen Seelen, so entzieht ihnen auch der Heilige Geist ihre Kunstgaben nicht, während jene in sich aussterben und verarmen.« – Diese Äußerung des Grafen, ganz ohne Beziehung auf die Umgebenden, zog die Gräfin sich zu Gemüte; sie glaubte die Fürstin, deren frühere Verbindung mit ihrem Vater und anderen sie kannte, als jene öffentliche Sünderin zu erkennen, und sich in der heimlichen wieder zu finden; wie sie durch ihre Kinder von aller Äußerung ehemaliger Kunstanlage abgehalten, wie jene ihren ganzen Stolz in die Ausbildung ihres Talents gesetzt, das vermischte sich in ihrer tiefen Demütigung mit den Äußerungen des Grafen über die Austeilung des Heiligen Geistes; sie wollte ihre Tränen zurückhalten, aber die gewaltsame Wirkung dieser Verzweiflung an sich, in ihrem Innern zusammengepreßt, störte den ruhigen Zusammenhang des Äußeren mit dem Inneren; sie sank in einer Ohnmacht nieder. Der Graf schrieb es der ungewohnten Fahrt zu, und trug sie in den Garten. Erst nach einer Viertelstunde erwachte sie an der freien Luft in den Armen ihres Mannes, unter seinen Küssen und Tränen, die kühlend auf ihre Schläfe gefallen; die Kanarienvögel sangen über ihr in dem Rosengebüsche. Sie wußte nicht wie ihr geschehen, es war ihr wie beim Erwachen nach dem Hochzeitfeste, noch einmal so selig, denn der Graf war ihr so viel teurer; es schien ihr dasselbe und ein andres Leben, alle Besorgnisse dieser Tage wurden für eine Stunde von dem wunderlichen Schlosse beschworen. Der Graf drang aus Besorgnis wegen der Gräfin auf die Rückfahrt; den Kindern tat es sehr leid, sie erzählten ohne Aufhören von dem Schlosse; die Reise endete heitrer und traulicher, als das Ereignis mit dem Ringe erwarten ließ. Wer vermag es Ahndungen zu deuten?

Am Abende nach ihrer Rückkehr, wo in Gegenwart eines Mönchs aus dem nahen Franziskanerkloster, von dem Prinzen von Palagonien wieder gesprochen und verschieden gemutmaßt wurde, erregte er mit der Versicherung alle Rätsel lösen zu wollen, die allgemeine Aufmerksamkeit. »Habt ihr nie«, sagte er, »von dem alten Geschlechte der Stauffenberge in eurem Vaterlande gehört? Peter von Stauffenberg war der letzte und schönste seines Geschlechts im deutschen Lande, von ihm stammen die Prinzen von Palagonien.«

Die Fürstin fiel hier ein und erinnerte, daß freilich der echte männliche Stamm aus gültiger Ehe entsprossen, in Deutschland erloschen sei; daß aber eine Tochter Sigelindens, die ihm nach einer alten Fabelgeschichte von einer Meerfeie geboren sei, also wahrscheinlich ein Kind, das er von einer Meerfahrt mitgebracht, die Stammutter ihres Hauses wäre. – Der Mönch meinte, sie würde in Hinsicht dieser Verwandtschaft sehr begierig sein den Prinzen kennen zu lernen; die Fürstin aber versicherte, daß sie genug blödsinnige Vettern in ihrem Hause besäße, und der Mönch fuhr in seiner Geschichte fort: »Sie werden vielleicht nicht wissen, hohe Fürstin, wenn Sie gleich nach heutigem Welttone daran zweifeln, was die allgemeine Sage von diesem schönen Stauffenberge erzählt, der in aller Welt herum reiste, seine Schönheit und sein Geschick und ritterliche Tugend zu zeigen; ich will seine Geschichte ganz kurz erzählen. Kein Mann konnte ihn weder im Ernste noch im Scherze bestehen, den Frauen war er eben so gefährlich, aber allen ihren Blicken, Sendungen und Verführungen blieb er verschlossen, als hätte die Natur alle seine Lust zum Schrecken, zur Gewalt aufgezehrt, daß der Liebe nichts geblieben. Als sich aber einst die Tochter des Kaisers Otto, Helena mit Namen, bei einem feierlichen Gestech in ihn verliebte, der Kaiser sie ihm zur Gemahlin bot und er sie öffentlich ausschlug, da mußte er bei Ritterpflicht dem Kaiser bekennen, was ihn im ehelosen Stande halte. Der Ritter von Stauffenberg bekannte, daß er mit einer schönen Meerfeie seit Jahren verheiratet sei, deren Name Nixe, nachher allgemein für die Geister der Wasser gebraucht worden; ihr sei er mit seinem ritterlichen Handschlage verpflichtet, den er ihr einst bei seinem ersten Auszuge in die Fremde gegeben, als sie ihm Liebe und Schutz gegen alle Fährlichkeit seines Lebens zugesagt hätte. Wann er es wünsche und er allein sei, erscheine sie ihm in ewiger Jugend wie das erstemal, herrlich gekleidet aber mit nassen Haaren; sie wäre dann gefällig seinem Willen als einer ehelichen Frau gezieme und habe ihm ein Mädchen Sigelinde geboren; in allem öffentlichen Verkehre und was er denke und dichte, erscheine sie dagegen nie, aber sie flüstere ihm oft, wo er in Not sei, guten Ratschlag ein, und habe ihm erst den Morgen zugerufen, sich stumm zu stellen, was er aber aus Ritterpflicht unterlassen. Die Geistlichkeit erklärte die Meerfeie für einen Teufel, dem der Ritter entsagen müsse nach seiner ritterlichen Ehre, und der Kaiser schwor, daß er zum offenen Zeugnisse dieser Entsagung seine schöne Tochter Helena, die aus Liebe zu ihm sterbe, sogleich heiraten müsse. Der Ritter versicherte, daß die Meerfeie ihm heilig zugeschworen, er müsse nach dreien Tagen hinsterben, nachdem er die Treue zu ihr gebrochen; aber die Ritter riefen einmütig, daß solche Furcht vor dem Teufel keinem Ritter gezieme, der Leib und Leben dem Werke Gottes geweihet. Der Ritter fühlte sich überwiesen, die Verlobung mit Helena wurde gleich vollbracht; noch eine Nacht erbat er sich vor der festlichen Verheiratung. Als er allein war, da wünschte er zu sich die geliebte Frau; sie erschien, aber ihr fröhliches Auge war in Tränen erloschen, nicht bloß ihr Haar, ihr ganzes Kleid war genäßt; sie konnte kein Wort sprechen, als sie den Ritter an sich drückte. ›Ach weh, daß ich zu Ruhm gekommen, daß mich ein fürstlich Weib genommen‹, so rief der Ritter und die Meerfeie schluchzte, daß er ihr nicht mehr gefolgt sei; in dreien Tagen, da sei er tot und sie verfalle in der Liebe Bann. Die drei Tage solle er fröhlich genießen, am dritten Tage wolle sie ihm zeigen den Fuß, auf den er sie zuerst geküßt, daß jedermann ihn sehen könne zum Zeichen, daß sie kein Hirngespinst sei. Und da umfingen sie sich zum letzten Mal, und da sagte er: ›Ach Sterben ist nun mein Gewinn, weil ich nimmermehr bei dir bin.‹ Schon klang es im Schlosse von der verhaßten Hochzeitfeier; sie verschwand, Lärmen und Pracht, Wein und Liebkosungen machten ihn bald der Drohung wie eines Traums vergessen. Die Vermählung geschah feierlich; der alte Kaiser begrüßte die Neuvermählten am folgenden Morgen, wie sie Arm in Arm, von Freuden müde an einander eingeschlafen waren, und brachte ihnen kostbare Mäntel und Rüstung, fand aber die ganze Decke des Bettes mit so kostbaren Perlen gestickt, daß seine Geschenke davor ganz ärmlich erschienen. Diese Perlen waren die Tränen der verlassenen Meerfeie und der Ritter erkannte sie wohl beim Erwachen; wo aber kein Ausweg zu finden, da schreitet der Mutige vorwärts, und so verging auch der zweite Hochzeittag in Lust, und am andern Morgen fand er die Decke so reich mit Perlen besetzt, daß sie ihn fast erdrückte. Am dritten Hochzeittage endlich, als eben die Gäste scheiden wollten, da durchstieß etwas die Decke, über der das Brautbett gestanden; dem Ritter entfiel der hohe Pokal, er und alle Anwesenden erblickten einen wunderschönen Weiberfuß, wie ihn Helena wohl nicht zeigen konnte, so schön sie übrigens war. Allmählich befiederte sich das schöne Bein, – bald drang eine Seemöwe an der Stelle ins Zimmer, die es mit Jammergeschrei umkreiste, und sich dann durch das offene Fenster in den Rheinstrom stürzte, der immerdar nach dem Meere läuft. Der Ritter erkrankte während dieses Gesichts; alles floh, nur seine Helena blieb bei ihm, und wartete seiner bis er den Geist aufgegeben. Sie bauete ihm ein Denkmal: sein schönes Bild, wie er von den Fluten fortgerissen, mit seinem Ritterschwerte, das da wurzelt und grünt, von der Erde festgehalten wird. An diesem Denkmale wurde sie mit dem Beistande einer fremden Frau von einem Knaben entbunden, den sie nach dem Vater nannte; die unbekannte schöne Frau brachte ihr, statt einen Dank zu verlangen, mit vielen Tränen ein Töchterlein von zwei Jahren, Sigelinde: und bekannte ihr, daß es des Ritters Tochter von ihr sei, und da verschwand sie als ein Vogel und versank unten im Rhein. Helena hatte also zwei Kinder ihres Ritters, die sie in frommer Liebe erzog, die aber beide früh eine mächtige Lust zu einander zeigten, daß sie beide trennen mußte. Den Knaben nahm der Kaiser nach Sizilien und gab ihm dort den Titel eines Prinzen von Palagonien, die Tochter wurde bald darauf Eurem edlen Ahnherren vermählt.« – »War Euer Geschlecht mit Glück gesegnet?« fragte der Mönch die Fürstin zum Schlusse. Die Fürstin errötete und sprach: »Vor allen war es glücklich, bis ich bin eingetreten; mein entarteter Sohn, der sich einem wilden Leben ergab, verleugnete den Segen seines Hauses.« – Der Mönch fuhr fort: »Ganz anders erging es dem männlichen Stamme dieses Hauses in Sizilien; sein Unglück ist ein Irrgarten, jede Ehe war mit Mord bezeichnet; es ist keiner in dem Hause, der nicht entweder sich oder einen der Seinen umgebracht hat. Dem jetzigen Prinzen, der durch frühes Unglück seine Eltern verloren, dem Letzten seines Hauses, wurde in einer ängstlichen Erziehung eine so gewaltige Scheu vor den Menschen, vor jedem Unternehmen beigebracht, daß er nie zu etwas kam, sobald er etwas dabei tun sollte, und nie etwas annehmen mochte, was ein andrer für ihn tat; so verzögerte er in gewaltsamer Anstrengung seines Geistes jedes Unternehmen, bis es unmöglich auszuführen war. War eine Stelle eben besetzt, so wünschte er sie sich, die er vorher ausgeschlagen. Er liebte, und wurde geliebt, aber er konnte sich zu keinem Worte entschließen, dieses auszudrücken; seine Geliebte starb aus Gram darüber; ihre nachgelassenen Worte der Liebe zerrissen sein Herz. Er beschloß in sich seinen unglücklichen Stamm zu vertilgen, der nur Unglück erfahren und Unglück gebracht hatte! In stiller Verzweiflung zog er sich von allen Menschen zurück; aber seine Schönheit, sein Verstand zogen manche zu ihm, sein Reichtum brachte ihm vielen Zuspruch; so beschloß er mit seinem Reichtume etwas zu begründen, das die Leute von seiner Schönheit abschreckte, indem es ihm den Ruf des Wahnsinns gebe; so entstand der berufene Palast, der wohl eine Menge Neugierige für ein paar Stunden herbeizieht, aber sie alle sehr bald ermüdet und zurück weist. Als die Maurer diesen Palast bis zu der Höhe aufgerichtet hatten, daß er vom Meere gesehen werden konnte, da haben sie eines Morgens eine weibliche schöne Gestalt auf einer Klippe sitzen sehen, die mit grünen Augen auf den Bau geblickt, während sie ihr nasses Haar mit den Fingern durchzogen; ihr Haupt wurde dabei von Meervögeln mit klagendem Geschrei umkreiset. Als sie verwundert zu ihr hingeblickt, ist sie untergetaucht. Ob der Prinz dieses Meerweib gekannt, läßt sich nicht bestimmen; er habe sich nicht verwundert und gleich gesagt, ob es nicht sechs Uhr Morgens gewesen, welches sie alle bejaht. Nach einiger Zeit hat der Prinz ein paar Fischermädchen, die gut schwimmen konnten, im Singen unterrichten lassen, daß sie nahe bei dem Landungsplatze die Fremden als Sirenen begrüßen. Es ist ein Gerede unter den Menschen, daß er einen nächtlichen Umgang mit dem Meerweibe habe, wenigstens schifft er sich oft Nachts ganz allein, selbst wenn es stürmt, in einem Boote ein, fährt auf die Höhe, und kommt erst nach Sonnenaufgang zurück; ich weiß nichts davon, aber ein Schiffer, der ihm dies Boot in Ordnung hält, sagte in der Beichte, daß er einst zwei schöne Perlen darin gefunden, die er sich zugeeignet und für tausend Zechinen verkauft habe. Andre sagen, es sei die Sibylle von Marsalla, mit der er zu tun habe, gewiß ist dort der einzige Ort, wo er sich am Abende vor dem Johannisfeste in der bekannten Grotte einfindet, von dem wunderbaren Wasser trinkt, und in die schallende Höhle wunderbare fremde Worte ruft, die ihm eben so wunderbar beantwortet werden. Viele Menschen, die von Wundern nichts halten, sagen, daß er in geheimer Verbindung stehe mit der berufenen Tuneser Seeräuberkönigin Onanide, die alle Monat ihm einen Besuch ablegen soll; gewiß ist, daß an einem Tage im Monat, welchen der Mondenlauf bestimmt, sein Schloß nächtlich erleuchtet ist; aber keiner seiner Leute darf bleiben; er läßt sie hinaus, und zieht selbst die Zugbrücken auf. Nach jeder solchen Nacht schickt er in der ganzen Gegend Geschenke aus, meist fremde Sachen, die hier nie gesehen, die niemand brauchen kann. So sendete er im vorigen Monate große schöne Schränke in unser Kloster. Wir öffneten sie mit großer Neugierde; aber denken Sie sich, was wir in den Schiebekasten fanden: Felsstücke, sauber eingepackt auf Baumwolle gelegt; kein einziger kostbarer Stein war darunter.« – »Das wird eine Mineraliensammlung sein«, sagte der Graf, »die wäre mir willkommen, ich habe gerade darin am meisten nachzuholen und nachzulernen.« – Der Mönch versicherte, daß ihm diese Sammlung gegen irgend ein Geschenk, das zum Kirchendienste taugte, gern überlassen werde; der Graf wurde darüber sehr heiter und fast ungeduldig sie zu besitzen. Die Fürstin äußerte, daß die wunderbare geahndete Verbindung des Prinzen vielleicht eine Muse sei: ein gänzliches Ergeben an Studien, denn dies Geschenk sei gar zu wissenschaftlich für eine Meerfeie, oder für eine Seeräuberin. – »Nein«, sagte die Gräfin, die alles Allegorische haßte, was ihr eine geglaubte Wirklichkeit entrückte, »es ist gewiß eine Meerfeie, welche ihrem Freunde von den untergegangenen Schiffen alles Herrliche verehrt.« – Darüber verloren sich die andern in Wünschen nach diesen untergegangenen Schätzen; einer wollte Michael Angelos Zeichnungen zum Danke, ein andrer Hamiltons Vasen; die Fürstin aber meinte, wenn ihr niemand wiederschaffen könne, was an Kunstwerken in Feuer aufgegangen, von der Erde verschüttet sei, so möchte das Wasser immer seinen Teil behalten, manches solle nun einmal der Welt verloren gehen. Gleich den folgenden Tag fuhr der Graf mit einem schönen Altarbilde nach dem Kloster, das ihm ein junger Maler Grimm aus Deutschland zurückgelassen hatte; es stellte die Einsetzung des Abendmahles dar; die Köpfe der Apostel waren meist Gesichter seiner Bekannten im Schlosse. Die Mönche waren sehr erfreut über den Tausch, und der Graf ließ den Wagen voll Schränke, wie im Triumphe, mit Musik zu sich einfahren. Die Fürstin, die alles ergriff, was ihm Vergnügen machte, bat es sich aus, daß die Sammlung in ihrem Hause aufgestellt werde; der Schreiber, welcher gute Kenntnisse von den neueren mineralogischen Systemen hatte, solle sie in seinem Zimmer durchsehen und ordnen. Der Graf willfahrte ihr und lebte, in der Sammlung vertieft, halbe Tage in ihrer Nähe. Lächeln mußte er, als er auch in dieser Sammlung die Besorglichkeit des Prinzen vorscheinen sah; die giftigen Metallkalke waren alle schon im Äußeren des Schiebkastens mit dem Zeichen des Totenkopfes und der Knochen aller leichtsinnigen Neugierde, die sie unvorsichtig abreiben könnte, verwarnt.

Nach einiger Zeit wurde von Anselmo, dem Mönche, der die fabelhafte Geschichte des Prinzen nach sizilianischer abergläubischer Art vorgetragen hatte, die Nachricht gebracht, der Prinz wünsche die Fürstin zu sprechen, er hätte ihr etwas Geheimes zu eröffnen. Die Fürstin schlug es ihm aber für immer ab; seit sie sich in so heimliche Verbindung verstrickt hatte, mied sie alle heimliche, wahrsagende Menschen, Kartenleger, Zigeunerinnen, selbst die Sibyllenhöhle bei Marsalla. Bald darauf glaubte man den Prinzen in der Nähe verkleidet gesehen zu haben; der Graf wollte ihn deswegen besuchen, er verschob es aber so lange, bis es zu spät war. – Der Prinz schickte ihm nach einiger Zeit einen schön gemalten Stammbaum, der seine Verwandtschaft mit der Fürstin bewies. – Der Graf hörte zuweilen bei der Fürstin ein wunderliches ängstliches Geräusch – wohl dem, der im Bösen die geheime Warnung versteht, ihr schien es ein leerer Schrecken. Einmal stand die Gräfin dicht hinter ihr; sie hatte nichts kommen hören, weil sie über des Grafen Schulter lag, der vor den Mineralien saß und ordnete, kleine Zettel anklebte, und im Anschauen verloren war. Die Fürstin schrie auf; sie meinte, es wäre wieder jenes Geräusch, das sie umgebe, und der Graf strafte zärtlich seine Frau, wie sie so erschrecken könne; wirklich ist das Leisegehen eine Art Falschheit oder Bosheit, aber die Gräfin war laut aufgetreten, der Graf war nur in den Mineralien, die Fürstin in ihm vertieft. Aber ist es nicht bedeutend, wenn uns zufällig das Bekannte durch seine unerwartete geliebte Nähe erschreckt? Die Gräfin hing diesem Gedanken nach; ihr war, als hätte sie etwas sehr Ähnliches, was sie dort erblickt, in früherer Zeit gelesen; sie suchte unter ihren längst vergessenen deutschen Büchern nach, und fand im vierzigsten Teile von Wallers sämtlichen Schriften folgende Versuchungsgeschichte bei seinen mineralogischen Wanderungen, die wir als eine Darstellung Italiens hier auch wohl dulden mögen, wenn sie gleich unsre Geschichte unterbricht. Was ist uns denn in einer Geschichte wichtig, doch wohl nicht, wie sie auf einer wunderlichen Bahn Menschen aus der Wiege ins Grab zieht, nein die ewige Berührung in allem, wodurch jede Begebenheit zu unserer eigenen wird, in uns fortlebt, ein ewiges Zeugnis, daß alles Leben aus Einem stamme und zu Einem wiederkehre. Warum sind doch die Leser meist so ungeduldig, warum muß ich hier Ereignis auf Ereignis zusammendrängen und von der liebevollen Erziehung der Kinder, wie Dolores und Klelia sie ihnen geben, muß ich ganz schweigen, um mich nicht in unendlicher Betrachtung zu verlieren. Überschlagt nicht diese lehrreichen Verse.

Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland

Genua seh ich im Geist, so oft die unendlichen Wellen
Halten den Himmel im Arm, halten die taumelnde Welt;
Seh ich die klingenden Höhlen des nordischen Mohrenbasaltes,
Glaub ich die Erde gestützt auf den Armen der Höll;
Dann, dann sehne ich mich in deine hellschimmernde Arme
Weißer carrarischer Stein, kühlend die schwülige Luft,
Denk ich der Treppen und Hallen von schreienden Menschen durchlaufen
Keiner staunet dich an, jedem bist du vertraut.
Sage Vertraulichkeit mir, du innere treu mir gehegte,
Was zum Norden mich trieb, ach und du schweigest beschämt.
Meine Begleiter, die rufen sich Geister des Fingal im Echo,
Und ich denke mich fern, hin nach südlichem Land,
Liege am Felsen gestreckt mit zierlich gebundenem Tagbuch,
Und verlange vom Geist, daß er was Gutes bescher!
Fingal, das klinget schon wieder so hell, mir wird                 doch so trübe,
Frierend wähn ich mich alt, Jugend verlorene Zeit!
Dreht sich die Achse der Welt? Wie führt mich Petrarka zu Fingal,
War es doch gestern, ich mein, daß ich nach Genua kam.
Ja dort sah ich zuerst das Meer, das nun mehr mir grauet,
Weil es vom Vaterland mich, von den Freunden mich trennt;
Damals von der Bocchetta herab in des Frührots Gewühle
Sah ich die Hoffnung darauf, weichlich im schwebenden Bett,
Nicht am Anker gelehnt, nein sorgenlos schlummernd, sie dreht sich,
Daß die Schifflein so weiß, flogen wie Federn davon;
Lässig band sich vor mir die Göttin das goldene Strumpfband,
Zweifelnd, daß frühe so hoch steige der lüsterne Mensch.
Und so stehend und ziehend am Strumpfe sie lebte und schwebte
Wie ein Flämmelein hin über die spiegelnde Welt.
»Fiametta!« ich rief, mir schaudert, sie faßte mich selber,
Ja ein Mädchen mich faßt, lächelnd ins Auge mir                 sieht;
»Ich bin's!« sagte sie peitschend den buntgepuschelten Esel,
Daß aus dem ledernen Sack schwitzte der rötliche Wein:
»Esel, du kennst schon den Weg zum Markte der glänzenden Hauptstadt,
Mit Laternen zur Nacht stiegest du gestern erst hier.
Lieber, was willst du?« sie fragt, »du riefest mich eben bei Namen?«
Wenn sie nicht Blicke verstand, Worte, die wußt ich noch nicht!
Der Beschämung sich freuend, sie strich mir die triefenden Haare,
Tau und Mühe zugleich hatten die Stirne genetzt,
Wie ein Bursche der Schweiz ich schien ihr nieder zu wandeln,
Um zu suchen mein Glück und sie wollte mir wohl.
Als sie den Stein erblicket, den sorglich in Wissenschaftsliebe
Auf den Händen ich trug, daß der Anbruch nicht leid',
Rötlicher Feldspat es war mit köstlich großen Kristallen,
Wie er nirgends als dort schmücket den alten Granit;
Ei da lachte sie laut, und riß mir den Stein aus den Händen,
Warf ihn über den Weg, daß er zum Meere hinrollt,
Und dann spielte sie Ball, sich freuend meiner Verwirrung
Mit der Granate, die schnell kehrte zu ihr aus der Luft;
Nicht der schrecklichen eine, die rings viel Häuser zerschmettert,
Doch die feurige Frucht, mystisch als Apfel bekannt.
Und ich sprach ihr in Zeichen so zärtlich ich immer vermochte,
Küßte die innere Hand, warf dann mein Küßlein ihr zu.
Und sie verstand mich doch wohl? O Einverständnis der Völker,
Das aus Babylons Bau blieb der zerstreueten Welt,
Suchte doch jeder den Sack beim brennenden Turm und fragte,
Also blieb auch dies Wort »Sack« all den Sprachen gesamt. –
Ob der Esel auch eilte so schnell mit dem Sacke hernieder,
Doch die Liebe versteht jegliche Zeichen geschwind,
Die sie niemals gebraucht im Blick in guter Gebärde,
Sei es in südlicher Glut, sei es auf nordischem Eis.
Folgend dem trabenden Esel, sie blickte sich um so gelenkig,
Die Granate entfiel, und ich ergriff sie geschickt;
»Kühle vielliebliche Frucht, einst Göttern und                 Menschen verderblich,
Wohl du fielest auch mir, zauder ich, wo ich gehofft?«
Doch ich zögerte noch, gedenkend an Helena traurend,
An Proserpina dann, beide erscheinen mir eins
Mit der Eva, da wollt ich die Frucht verscharren der Zukunft,
Daß nur dies Heute, was mein, bleibe vom Frevel befreit,
Daß ich dem Zufall vermag zu treiben die Kerne in Äste,
Daß ich dem Zufall befehl, daß er die Blüte verweht.
Aber da mocht ich nicht wühlen im Boden voll zierlicher Kräuter,
Jegliches Moos noch so zart, drängte sich üppig zum Tag.
Zweiflend ging ich so hin, sie schwand mir, da stand ich am Meere,
Fern mich weckte ihr Ruf, daß ich nicht stürze hinein.
»Nein zu seicht ist die Küste, sie würde nicht bergen den Apfel,
Nur die Tiefe des Meers birgt ein unendlich Geschick.«
Also kam ich zum Meere und sahe die Fischer am Fischzug,
Springend durch kommende Well, ziehend ein                 bräunliches Netz,
Rot die Mützen erschienen wie Kämme von tauchenden Hähnen,
Fischer in Mänteln ganz braun, schrieen als jagten sie die.
Andere stießen halbnackt ins Meer die schwarze Felucke,
Trugen die Leute hinein, die nach Genua ziehn.
Ach da entschwand mir die Schöne hinter den grünenden Bergen,
Zweiflender stand ich nun da, alle dort gingen zu Schiff.
Auch mich trugen sie hin, ich dacht nur des Apfels des Bösen
Und des unendlichen Meers, das mich zum erstenmal trug.
Wie sie enthoben das Schiff, begann bei dem Schwanken und Schweben
Daß mir das Herz in der Brust, recht wie vom Heimweh zerfloß;
Durch die fließenden Felsen erscholl dann ein liebliches Singen
Ich verstopfte das Ohr, war vor Sirenen gewarnt.
Bald belehrte ich mich, es sang ein Weiblein im Schiffe,
Das im Mantel gehüllt deckte vier Knaben zugleich,
Wechselnd die Hände bewegt sie im Takt wie Flügel                 der Windmühl,
Und als Zigeunerin singt, wie sie Maria begrüßt;
Sagt die Geschick ihr voraus des heiligen Kinds, das sie anblickt,
Als es im Kripplein noch lag, Öchslein und Eslein es sahn;
Zeigt ihr den himmlischen Stern, dem Hirten und Könige folgen,
Alles das sah sie sogleich an den Augen des Herrn;
Auch das bittere Leiden, den Tod des Weltenerlösers,
Hebt er den Stein von der Gruft, von der Erde den Leib. –
Alles Verderben mir schwand, ich sahe das Böse versöhnet,
Statt zur Tiefe des Meers, warf ich den Kindern die Frucht,
Die begierig zugleich all griffen und fingen sie doch nicht,
Denn sie fiel in den Schoß, der sie alle gebar.
»Engel, versöhnt ihr das Herz, das tief arbeitende böse,
O so versöhnt auch die Frucht und vernichtet sie so.«
Dankend die Mutter sie nahm, hellsingend sie öffnet die Schale,
Nahm mit der Nadel heraus jeglichen einzelnen Kern:
Wie im Neste die Vöglein, also im Mantel die Kinder
Sperren die Schnäbel schon auf, ehe ihr Futter noch                 nah,
Also sie warten der Kerne mit offenem Munde zur Mutter
Und die Mutter verteilt gleich die kühlende Frucht.
Doch da tobte herab ein Sturm aus schwarzem Gewölke,
Weil es den Teufel verdroß, daß ich die Frucht ihm entwandt!
Wälze dich schäumendes Meer, ich habe die Frucht dir entzogen,
Nichts vermagst du allhier, schaue die Engel bei mir;
Stürze die Wellen auf Wellen, erhebe dich höher und höher,
Du erreichest uns nicht, höher treibst du uns nur.
Schon vorbei dem brandenden Leuchtturm schützt uns George,
Der in sicherem Port zähmet den Drachen sogleich! –
Liebliche Ruhe des Hafens nach wildem Gesause der Stürme,
Dann erst siehet man ein, wie es auf Erden so schön!
Wie von Neugier ergriffen, so heben sich übereinander
Grüßend der Straßen so viel, drüber erhebt sich Gebirg,
Höher noch Heldengetürm, da wachet der Festungen Reihe,
Schützet uns gegen den Nord und wir schweben im                 Süd.
Ei wie ist's? Ich glaubte zu schauen und werde beschauet,
Amphitheater erscheint hier die Erde gesamt:
Spiel ich ein Schauspiel euch vor, ihr bunten Türken und Mohren,
Daß ihr so laufet und schreit an dem Zirkus umher?
Kommen von Troja wir heim, am Ufer die Frauen und Kinder,
Kennen den Vater nicht mehr, freuen sich seiner denn doch?
Also befreundet ich wandle auf schwankendem Boden und zweifle,
Aber sie kennen mich bald, bald erkenne ich sie.
»Fingal« und »Fingal«, da rief's schon, muß ich erwachen in Schottland
Bin ich noch immer kein Held, bin ich noch immer im Traum?
Muß heimkehren zur Erdhütt, keinen der Menschen versteh ich,
Muß mir schlachten ein Lamm, rösten das lebende Stück,
Mehl von Hafer so rauch mir backen zum Brote im Pfännchen
Und des wilden Getränks nehmen viel tüchtige Schluck.
Wanderer Mond, ach du schreitest die stumpfen                 Berge hinunter,
Nimmer du brauchest ein Haus, dich zu stärken mit Wein;
Alle die Wolken, sie tränken dich froh mit schimmernden Säften,
Ja dein Überfluß fällt, tauend zur Erde herab,
Nimmer du achtest der gleichenden Berge und Gräser und Seen,
Denn im wechselnden Schein, du dich selber erfreust;
Siehe mein Leiden, o Mond, durch deine gerundete Scheibe,
Schmutzig ist Speise und Trank, was ich mir wünsche, das fehlt.

Die Gräfin las diese Verse mehrmals und gewann dadurch mehr Zutrauen zu dem Grafen in seinem Verhältnisse zur Fürstin. Wieviel edler ist er als Waller, dachte sie; zum erstenmal fühlte sie auch ein Bewußtsein, als sei ihr Fehler in ihren Kindern abgebüßt. Heiliger Gott, was hast du den Dichtern für Kraft verliehen in der Welt!

Der folgende Tag war der dreizehnte Geburtstag des frommen Johannes. Dolores wurde in der Erinnerung jener früheren Zeit wieder sehr gerührt, noch mehr aber durch die Abwesenheit dieses Sohnes, der sein Kloster in dem letzten Jahre nicht verlassen durfte; sie betete lange in der Schloßkapelle und es schien ihr, als wenn ihre Bitte ihn zu sehen, gewährt werden müßte. Wirklich trat Johannes mit zweien Ordensgeistlichen, kurz nach ihrer Zurückkunft ins Zimmer, in den Kreis ihrer Kinder, die beschäftigt waren, ihm die gewohnten Geburtstagsgeschenke, prächtige Blumensträuße mit schönen Bändern, Zeichnungen, Verse einzupacken, um ihm alles nach dem Kloster zu senden. Alle liefen mit Jubel auf ihn zu, besonders eine Schwester Hyolda, mit der er sonst eine besondere Vertraulichkeit gehalten; aber den ersten Kuß schon verhinderte die Verwunderung, wie er sich verändert habe. Er war nicht gewachsen, hatte aber in dem letzten Jahre seiner Abwesenheit seine männliche Bildung ganz beendigt; der Kirchendienst und die Frömmigkeit hatten die starre Heftigkeit in ihm vernichtet; er drückte niemand mehr an sein Herz, daß er aufschrie, und stieß keinen von sich, daß er weinte; mit einer anständigen Güte, die den Geschwistern als Kälte erschien, begrüßte er alle. Hyolda war untröstlich, sie weinte, daß er sie nicht mehr liebe, und verließ rasch das Zimmer. Johannes fragte nach dem Vater; der war aber schon sehr früh in Geschäften ausgeritten. Die Ordensgeistlichen hatten unterdessen der Mutter erzählt, daß Johannes durch seine frühe Reife in Kenntnissen, Sitte und Heiligkeit heute die Priesterweihe sich erworben habe; sie war entzückt über die Gnade des Himmels, die ihr ein so wunderbares Kind verliehen; sie schlichtete den Streit der Geschwister über ihn, indem sie allen anbefahl, ihn als ein geheiligtes Mitglied des Ordens mit ihren kindischen Grillen zu verschonen. Keines von den Kindern wußte recht zu begreifen, wie der Johannes, den sie alle so genau zu kennen glaubten, nun plötzlich etwas anderes geworden; er suchte ihnen alles in Liebe und Güte deutlich zu machen, fand aber noch weniger Berührungen wie sonst wenig Mitteilung mit ihnen, machte sich deswegen von ihnen los und schlich in den Garten zu seinen ehemaligen Anlagen. Mit Wehmut fühlte er da, daß sie alle wie ein fremdes Werk, wie eine ferne Zeit vor ihm lagen, und kam in solchen Gedanken an den Fluß Skamander, der den herzoglichen Garten durchschneidet, indem er sich über Felsen herabstürzt. Er setzte sich ans Ufer, und hörte an dem entgegengesetzten eine schöne Stimme, die ein Duett zwischen zwei Diskantstimmen, Mutter und Tochter, worin er sonst die eine der Mutter häufig mit Hyolda gesungen, mit wunderbarem Ausdrucke einsam anstimmte.

                DIE STIMME:

            Wald'ge Hügel, grüne Auen,
            Frühlingsheimat, heimlich Glück,
            Freude, endlich euch zu schauen,
            Freude strahlet ihr zurück.

Mit dem schönen Tenor, den er bekommen und im Kirchendienste ausgebildet hatte, sang er seine Gegenstrophe:

            Sieh wie dein befriedigt Lächeln
            Ziehet übern grünen Wald
            Und die Winde dich umfächeln,
            Alles dir entgegen schallt.

Jetzt schrie die Sängerin auf, und trat am andern Ufer aus dem Gebüsche hervor: es war Hyolda, sie erkannte ihn jetzt, grüßte und sang weiter:

            Wie der Frühling wieder waltet,
            Neugestaltet ist mein Glück.

    ER antwortend.

            Weiße Blüte sich entfaltet
            Hell in deiner Unschuld Blick.

    HYOLDA.

            Unschuld findet hier den Frieden.

    JOHANNES.

            Frieden finden hier die Müden.

    HYOLDA.

            Alle Wasser sanken nieder
            In der warmen stillen Flur,
            Ew'ge Feinde wurden Brüder
            In der himmlischen Natur.

    JOHANNES.

            Keiner kann sich mehr begreifen,
            Was ihn hielt in Stahl so fest,
            Nun sie leicht durch Wälder schweifen
            Baut die Taub im Helm ihr Nest.

    HYOLDA.

            Als wenn gar nichts wär geschehen,
            Sieht das neue Grün uns an.

    JOHANNES.

            Pfauen stolz die Farben drehen,
            Sehn die bunten Nelken an.

    HYOLDA.

            Diesen Baum hab ich gepflanzet,
            Diese Blumen rings gesät.

    JOHANNES.

            Die der Schmetterling umtanzet
            Und den Duft zum Himmel weht.

    HYOLDA.

            Unvergänglich ist Vertrauen.

    JOHANNES.

            Sehnsucht kennen nur die Frauen.

    HYOLDA.

            Blätter dringen zu dem Himmel,
            Worte dringen aus dem Mund,
            Sel'ge Fülle, froh Gewimmel,
            Grün ist Hoffnung, Freude bunt.

    JOHANNES.

            Wie die Farben nieder sinken
            Von dem Himmel tagelang,
            Alle Wesen froh sie trinken,
            Hoffnung such ich oben bang.

    HYOLDA.

            Und ich muß hier niedersinken,
            Hier an meiner Rasenbank,
            Betend zu dem Himmel winken:
            Bleibt der Vater denn noch lang?

    JOHANNES.

            Alte Priester, heil'ge Bäume,
            Alte Freunde, bleibt ihr stumm?

    HYOLDA.

            Hörst du nicht der Vögel Träume,
            Und der Bienen summ, summ, summ?

    JOHANNES.

            Nein, der Vater müßte kommen,
            Daß mich freute der Gesang,
            Bienenfleiß wär mir willkommen,
            Daß der Tag mir nicht so lang.

    HYOLDA.

            Mach uns beide nicht beklommen,
            Frühlingsluft macht schon so bang.

    BEIDE.

            Wie in den gewohnten Orten
            Mir des Vaters Bild noch weilt,
            Also mein ich, daß von dorten
            Er schon grüßend zu uns eilt,
            Süße Täuschung, schnell verschwunden
            Hast uns doch mit Lust umwunden.
    HYOLDA.

            Süße Täuschung wie im Bache,
            Ich dein Bild verdoppelt sah.

    JOHANNES.

            Schwimmend Auge, wache, wache,
            Wenn der Vater mir bald nah.

    HYOLDA.

            Wenn es doch recht bald geschähe,
            Sag es Kuckuck in dem Wald.

    BEIDE.

            Kuckuck rufend in der Nähe,
            Wie von Vaters Stimme schallt!
            Schmerzen wußt ich zu ertragen,
            Aber diese Freude nicht,
            Frühling hilf mir Freuden tragen,
            Daß mein Herz davon nicht bricht.

Wirklich hatte sich der Graf an der Seite des Johannes leise herangeschlichen und Kuckuck gerufen; er umarmte ihn bei diesen Worten und drückte ihn an sein Herz. Alle Kinder liebten ihn wunderbar; er war zu gleicher Zeit ihres gleichen und ihnen so überlegen, ging in alle ihre Freuden ein und wußte alle zu einer Hauptwirkung zu führen; mit stummer Freude küßte er den lang entbehrten Sohn. Wir müssen uns von einer leidenschaftlichen Bewegung der zärtlichen Hyolda jetzt nicht erschrecken lassen, sie hielt sich nicht am andern Ufer, sie sank in den Strom, um zu Vater und Bruder zu gelangen; sie konnte nicht schwimmen, aber ihre Sehnsucht und der Strom trugen sie dienend an eine tiefere Stelle aufs Land, als der Vater, der es zu spät bemerkte, sich eben ins Wasser stürzen wollte, sie heraus zu heben. Es war in dem ganzen Ereignis zu viel Schönes, zu viel Glück; er konnte ihr keinen Vorwurf machen. Nachdem sich alle dreie ihrer Vereinigung herzlich gefreut hatten, so schickte er Hyolda fort, um die Kleider zu wechseln; er selbst ging mit Johannes zu der Fürstin, die mit ihrer Würde, ihrer Annehmlichkeit diesen Sohn so wie die andern Kinder für sich einnahm, ihn auch durch das Geschenk einer herrlichen Madonna hoch beglückte. Er sprach gern mit ihr, und doch sehnte er sich nach dem Kloster zurück; was ihn erfreute, schien ihm ein vergänglicher Rausch gegen jene feste Ruhe seiner Seele, die ihn dort erfüllte. Jetzt wurde er zur Herzogin gerufen, die von einer Fahrt zurückgekommen, ihn mit Liebe empfing, mit Andacht hörte und aus innerster Seele zu ihm sprach. Sie gab ihm in dieser einsamen Stunde seine Erhebung über die Ereignisse der Welt zurück; sie sprachen mit einander viel Herrliches über die Stufen der geistigen Erhebung und über geistige Führung; sie verstanden einander ganz, und darum kann es einem anderen ohne Entheiligung nicht mitgeteilt werden. Glücklich die Seele, die ihr Bestimmtes gefunden. Am Schlusse ihres einsamen Gespräches wünschte Klelia, daß Johannes ihr eine Messe in ihrer Schloßkapelle lesen möchte. Er tat nach ihrem Wunsche; sie selbst spielte die prächtige Orgel, deren unerwarteter mächtiger Ton alle Bewohner des Schlosses, auch Dolores dahin zog. Johannes las mit hohem Sinne und Anstande; nie war eine Mutter seliger, als Dolores, kein Vater glücklicher als Karl; aber wie schmerzlich war der Abschied, als Johannes nun wieder für ein Jahr scheiden mußte. – »Wir sehen uns wieder, wer weiß wie!« rief ihm die Gräfin nach. Johannes ging ernst und ohne Umschauen aus der Türe. Der Schreiber begleitete ihn und seine beiden Ordensgeistlichen weiter als alle andern. Johannes erzählte ihm unbefangen den ganzen Tag, verweilte mit Rührung bei dem Vorfalle mit der Schwester, den dieser begierig ergriff, um daraus eine Geschichte zu bilden, wie er sie in seinem weltlichen Sinne lieber erlebt hätte. Wir wollen sie den Weltleuten zu Gefallen mitteilen.

Getrennte Liebe

 

            Zwei schöne liebe Kinder,
            Die hatten sich so lieb,
            Daß eines dem andern im Winter
            Mit Singen die Zeit vertrieb,
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Höret ihr immer den Doppelschall.

            Der Winter bauet Brücken,
            Sie beide hat vereint,
            Und jedes mit frohem Entzücken
            Die Brücke nun ewig meint;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Wohnten die Eltern getrennt im Tal.

            Der Frühling ist gekommen,
            Das Eis will nun aufgehn,
            Da werden sie beide beklommen,
            Die laulichen Winde wehn;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Stürzen die Bäche mit wildem Schall.

            Was hilft der helle Bogen,
            Womit der Fall entzückt,
            Von ihnen so liebreich erzogen,
            Zum erstenmal bunt geschmückt;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Höret sie klagen getrennt im Tal.

            Die Vögel über fliegen,
            Die Kinder traurig stehn,
            Und müssen sich einsam begnügen
            Einander von fern zu sehn;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Kreuzen die Schwalben mit lautem Schall.

            Sie möchten zusammen mit Singen,
            So wie der Vögel Brut,
            Den himmlischen Frühling verbringen,
            Das Scheiden so wehe tut;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Sehn sie sich endlich zum letztenmal.

            Der Knabe kriegt zur Freude
            Ein Röckchen wie ein Mann,
            Das Mädchen ein Kleidchen von Seide
            Nun gehet die Schule an;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Gehn sie zum Kloster bei Glockenschall.

            Sie sahn sich lang nicht wieder,
            Sie kannten sich nicht mehr,
            Das Mädchen mit vollem Mieder,
            Der Knabe ein Mönch schon wär;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Kamen und riefen sie sich im Tal.

            Das Mädchen ruft so helle,
            Der Knabe singt so tief;
            Verstehen sich endlich doch schnelle,
            Als alles im Hause schlief;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Springen im Mondschein die Fische all.

            Froh in der nächt'gen Frische,
            Sie kühlen sich im Fluß,
            Sie können nicht schwimmen wie Fische,
            Und suchen sich doch zum Kuß;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Reißen die Strudel sie fort mit Schall.

            Die Eltern hören singen
            Und schaun aus hohem Haus,
            Zwei Schwäne im Sternenschein ringen
            Zum Dampfe des Falls hinaus;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Hören sie Echo mit lautem Schall.

            Die Schwäne herrlich sangen
            Ihr letztes schönstes Lied,
            Und leuchtende Wölkchen hangen,
            Manch Engelein nieder sieht;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Schwebet wie Blüte ein süßer Schall.

            Der Mond sieht aus dem Bette
            Des glatten Falls empor,
            Die Nacht mit der Blumenkette
            Erhebet zu sich dies Chor;
            Diesseit und jenseit am Wasserfall
            Grünt es von Tränen nun überall.


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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