Lied eines alten Juden

Wer bist du denn, der Meer und Land
Despotisch sein nennt, dessen Hand
In Ketten unsre Hände schließt?
Wer bist du denn, du stolzer Christ?

Gehört der Jude nicht, wie du,
Dem großen, weisen Gärtner zu,
Der will, dass Blumen gleich um ihn
Religionen keimen, blühn?

Nicht mich beklag' ich: wessen Haar
So silbern ist, dem winkt die Schar
Der Väter schon, sein nahes Los
Ist, sanft zu ruhn in Abrams Schoß.

Nur unsrer Jugend jammert's mich;
O niemals, niemals drängt sie sich
Bis zu der Weisheit Altar vor:
Ihr schließt ihr ja des Tempels Tor.

Zwar tadelt ihr den Julian1,
Doch tut ihr mehr, als er getan;
Ihr hebet euch zu stolzen Höhn,
Wir müssen in dem Tale stehn.

Zum Rechnen habt ihr uns verdammt;
Von dem, was Tugenden entflammt,
Wodurch der Geist sich schwingen lernt,
Von dem habt ihr uns stets entfernt.

Und wenn der Jude, wie der Christ,
Vom Geiz verführet, sich vergisst;
Dann schimpfet ihr und spuckt uns an:
Das schmerzt mich so, mich alten Mann!

Den ihr als einen Gott verehrt,
Der hat euch das wohl nicht gelehrt,
Denn Liebe nur war sein Gebot,
Die war sein Leben und sein Tod.


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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