Briefe auf einer Reise durch Deutschland und der Schweiz im Sommer 1808.

von Charlotte von Ahlefeld.

Zweiter Brief

Cassel, den 5. Juli.

Durch die Haide und den trockenen Sandbecken um Hannover haben uns gute Pferde und rasche Postillione schnell in schönre, fruchtbarere Gegenden hinüber geführt, und ich bin froh, daß wir nun den unbedeutenden Theil unserer Reise hinter uns haben, und vor uns nichts als helle winkende Aussichten in eine reichere Natur. Doch, um nicht ungerecht zu seyn, muß ich bemerken, daß der Wege durch jenes, nicht vom Himmel begünstigte Land wenigstens in einer Rücksicht interessant ist. Denn das Streben des Fleißes, der kargen Erde wenigstens ein freundlicheres Lächeln abzugewinnen, als ihr eigenthümlich ist, ruft hie und da grünende Pflanzungen hervor, die wie kleine Inseln in einem öden Meere erscheinen und das Auge erquicken, nachdem es nur allzulange auf düsterem Moor und dürrer Halde verweilen mußte. An diesen mühsam errungenen Schatten eines Anbaus, den man unter anderen Himmelsstrichen erdärmlich nennen würde, reihen sich hier so manche Vorstellungen von unermüdeter Ausdauer und Thätigkeit, daß mir jedes dieser Urbargenachten Felder wie ein ehrwürdiges Denkmahl frommer Geduld erschien.

Ueberhaupt, dünkt mir, verdient die Lüneburger Haide, so unwirthlich sie auch ist, nicht die allgemeinen Klagen der Reisenden, die sie als das non plus ultra einer wüsten Gegend verschrieen haben. Sie hat doch noch einige Vorzüge vor den Sandflächen, die wie ein zweites Arabien im Brandenburgischen sich ausstrecken, und jeden, dessen Wagen langsam dort in dem tiefen Gleise der Landstraßen dahin schleicht, der verhüllenden Staubwolken fast ersticken. Die Haide bietet doch wenigstens dem ermüdeten Blick einen Schimmer von Grün, und eine Blüthe dar, die auf das geheime, obwohl schwache Leben ihres Bodens deutet, und die Farbe der Hoffnung ist nicht gänzlich von ihr gewichen. Erscheint sie hier auch marter, als irgend wo in einer kränkelnden, verkrüppelten Vegetation, so läßt sich doch ihr Daseyn nicht ganz ableugnen, während dort eine ewige Hülle von Sand, den nur der Wind belebt, selbst dem genügsamen Grashalm die dürftige Nahrung verweigert.

Sobald man Hannover einige Meilen in Rücken hat, hebt eine bedeutendere Gegend an. Der Weg führt durch ein weites Thal, an dessen Gränzen Hügel und Berge sich an einander reihen. Nahe bei Göttingen dehnt sich eine weite sorgsam kultivirte Fläche aus, und zwei Meilen weiter wird die Ansicht von beiden Seiten feierlich und romantischer, je mehr die Berge sich erhöhen, die Münden in ihre Mitten nehmen. Die Werra und Fulda, die sich da vereinigen, um die Weser zu bilden, verschönern die schon an sich schöne Lage dieses kleinen Orts ungemein, und ich hätte mir Zeit und völlig ungetrübtes Wetter gewünscht, um nicht im flüchtigen Vorübereilen, sondern in aller Ruhe das Genusses jeden Reiz dieser reichen Landschaft auffassen zu können. Leider war der Tag umwölkt und neblich. Dies gab dem Ganzen ein schwermüthiges Ansehn, als mir wohl that. Die dunklen, waldigen Gipfel der Berge erfodern durchaus Sonnenschein, wenn sie sich nicht düster darstellen sollen. Der Schatten, den sie in die tiefen Thäler werfen, kann nur durch einen hellen Himmel gemildert werden, aber dieselbe Macht erhabener Größe, die bei einem finsteren Horizont hier in dem Gemüth' eine feierliche Melancholie erweckt, muß bei einer heiterern Beleuchtung es mit Entzücken und fröhlicher Bewunderung erfüllen.

Hier von Cassel aus machten wir eine Spazierfahrt nach Napoleonshöhe und besahen dort, was man uns zeigen wollte. Die Löwenburg ahnt sehr täuschend von außen die Ruine eines, Jarhunderte hindurch der Zeit trotzenden, und endlich doch von ihrem Riesenarmen überwundenen Ritterschlosses nach, und gern hätte ich mir meine gewaltsam erzwungene Illusion erhalten und mit dem Gedanken es betreten, daß es wirklich ein Ueberbleibsel der grauen Vorzeit sey. Aber unser Führer zerstörte grausam diese ohneden nicht starke Täuschung in mir, indem er sehr oft wiederholte, daß vor sechzehn Jahren hier noch kein Stein auf dem andern gestanden hätte! Auch erinnerte die innere Einrichtung nur allzu oft an ihre neue Entstehung, denn nicht die hochgewölbten Hallen der Ritterwelt empfingen uns im ernsten Halbdunkel eines durch dicke Mauern sich mühsam einstehlenden Lichts, sondern kleine, niedrige Gemächer, durch die eine spätere Baukunst den Raum zu ersparen suchte, mit dem die großherzigen Ritter nicht geizten. Auch stammen die daselbst aufbewahrten Schränke, Kisten und übrigen Möbles größtentheils nur aus dem Anfang des vorigen, und dem Ende  des vorhergehenden Jahrhunderts ab, und keineswegs aus der alten trotstvollen Ritterzeit.

Ich kann mir nicht helfen - - und es ist auch nur meine individuelle Ansicht, die natürlicherweise nicht von der mindesten Wichtigkeit ist, und die aus einer unüberwindlichen Abneigung gegen erkünstelte Ruinen hervor geht - aber die Löwenburg kam mir vor wie eine naseweise Soubrette, die die Kleider ihrer Gebieterin angezogen hat, und die Dame von Welt und guten Ton vorstellen will. Die Kleider machen es nicht aus, so wenig wie der kecke Muth - und so auch hier. Drohend trat das Bild einer grauen Vergangenheit vor meine Seele und blickte zürnend auf die vergebliche Nachahmung ihrer stillen Einfalt und Größe, wie ein edler Greis mit  Unwillen den Jüngling betrachten würde, der durch die Hülfe der Kunst sein Silberhaar und seine Runzeln nachgeahmt hätte, um damit spottend auf einer Maskerade einher zu gehen.

Ein Bücherschrank, mit einem Schwall von Ritterromanen aus der neueren Litteratur besetzt, schien eine Entschuldigung des Erbauers gegen die vorigen Jahrhunderte bildlich darzustellen. Er hatte ja unbarmherzig die Beschränktheit des damaligen Geschmacks an das Licht der jetzigen, aufgeklärten Zeit gezogen - billig wars, daß er für die Nachwelt auch Beweise einer vielleicht noch größeren Geschmacklosigkeit in diesen unreifen Früchten der letzteren Jahzehnte sammelte, unter denen nur wenige des Aufbewahrens werth sind. Was mich aber für jede getäuschte Erwartung, und für jedes innerliche Mißbehagen entschädigte: war die weite lachende Aussicht von oben herab, die in unermeßlicher Entfernung von blauen, duftigen Bergen beschränkt wird. Ich hätte Tage lang auf dieser Stelle verweilen mögen, um mich immer genauer mit der reichen Mannigfaltigkeit der blühenden Strecke Landes bekannt zu machen, die man da zu seinen Füßen erblickt. Wir stiegen hernach die Treppen hinauf, die zu dem kupfernen Herkules führen, der, gestützt auf seine Keule, herab in das Thal schaut. Aber als ich vierhundert zwei und dreißig Stufen erreicht hatte, verlohr ich die Lust, höher zu steigen, und setzte mich wieder auf die mit Moos bewachsene Treppe, gedankenvoll die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleichend. War es meine Fantasie, die Bilder der Schwermuth aus dem schwarzen Schatten der Tannenwälder hervor rief, die unter mir sich ausbreiteten, oder sprach der Unbestand alles Irdischen mich zu laut aus den feuchten, verfallenden Grotten an, die - zum Theil mit zertrümmerten Statuen geschmückt - die Spuren langer Vernachlässigung tragen - - genug, das die Ganze erregt mit keinen frohen Eindruck, und ich hütete meine Blicke, daß sie nicht allzulange rechts und links verweilten, sondern ließ sie lieber geradeaus in der schönen Ferne umher schweifen, die so ahnungsvoll und feierlich in ihrer weiten Ausdehnung vor mir lag, daß sich leicht das Nahe darüber vergessen ließ. Die Partheien des Gartens, die das Schloß umgeben, sind sehr anziehend, theils wegen der Schönheit der herrlichen, kraftvollen Bäume, die ihren Schatten dort in reicher Fülle ergießen: theils durch das frische Grün der sammetartigen Rasenplätze, das von breiten Wegen kunstlos durchschnitten wird.


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