EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Wilhelm Ludwig Deichmann

* 03.08.1798 in Rodenberg/Dreister
† 23.11.1876 in Mehlen bei Bonn

Wilhelm Ludwig Deichmann (1798-1876) gehörte als Kölner Bankier zu den Finanziers des wirtschaftlichen Aufschwungs im Rgeinland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Wilhelm Ludwig Deichmann (1798-1876)

Wilhelm Ludwig Deichmann wurde am 03.08.1798 in Rodenberg/Dreister als Sohn des Bürgermeisters und Amtrichters Konrad Deichmann (1769-1838) und seiner Frau Amalie Lang (1774-1861). Getauft wurde er am 11.08.1798.

Schon im Alter von 15 Jahren nahm der junge Deichmann an den Befreiungskriegen gegen Kaiser Napoléon teil.

Im Jahre 1815 begann er eine dreijährige kaufmännische Ausbildung in Bremen. Nach seiner Lehre fand er im Jahre 1818 eine Anstellung im Kölner Handels- und Bankhaus Abraham Schaaffhausen (1756-1824). Dort fiel der junge Kaufmann Deichmann schnell durch seine Tüchtigkeit auf und nach dem Tod Schaaffhausens beauftragte dessen Nachfolger Louis Mertens (1782-1842) ihm immer öfter mit Angelegenheiten der Geschäftsführung. Während Mertens die Führung des Bankhauses oblag, geriet es in eine gefährlich wirtschaftliche Stagnation.

Am 26.05.1830 heiratete Deichmann die Tochter des Firmengründers Elisabeth Jacobine Eleonore, genannt Lilla, Schaaffhausen und bereits am 01.03.1830 übernahm er zugleich die Gesamtleitung des im Jahre 1790 gegründeten Bankhauses endgültig.

In den nächsten Jahren fuhr Deichmann den Waren- und Speditionsgeschäfte deutlich zurück und konzentrierte sich auf das Bankhaus. Er setzte seinen Schwerpunkt auf die Unterstützung der neu entstehenden westdeutschen Industrie. So erreichte der Umsatz des Bankhauses im Jahre 1847 einen Umsatz von 50 Millionen Talern. Im Jahre 1841 hatte sich Deichmann an der Gründung der Rheinischen »Zeitung für Handel, Politik und Gewerbe« beteiligt.

Im Jahre 1848 musste Deichmann fast selbst mit dem Bankhaus in Insolvenz gehen. Innerhalb von zwei Jahren war das Kölner Bankhaus von mehr als 40 Konkursen betroffen und hohe Immobilienbestände sowie ein bedrohter Großkredit eins Bauspekulanten und hohe Ausleihungen an die aufstrebende Industrie strapazierten die Existenz des Bankhauses. Am 29.03.1848 war Deichmann gezwungen, da auf Grund der europäischen Revolutionen zahlreiche Geldmittel abgezogen und der Zufluss neuer Geldmittel ausblieben, sogar die Zahlungsunfähigkeit mitzuteilen. In der Bilanz vom 06.05.1848 fehlten dem Geldinstitut zwar liquide Mittel doch die vorhandenen Vermögenswerte überstiegen die Schulden. Nur durch private Mittel hätte das Bankhaus vor dem Konkurs gerettet werden können.

Vielmehr nutzte man die Gelegenheit und wandelte die bisherige Privatbank zur ersten Aktienkreditbank Preußens um, ohne das dem Institut das Recht zur Notenausgabe mitgegeben wurde. Am 01.11.1848 nahm der A. Schaaffhausensche Bankverein, ausgestattet mit einer Garantie des preußischen Staates, seine Arbeit unter der Leitung von Wilhelm Ludwig Deichmann zusammen mit seinem Schwiegersohn Victor Wendelstadt (1819-1884) und des staatlich bestellten Direktor Gustav Mevissen (1815-1899) auf. Im Jahre 1858 schied Deichmann nach der erfolgreichen Konsolidierung der Bank als Direktor aus.

Dies gab ihm die Möglichkeit im Alter von sechzig Jahren noch einmal neu anzufangen und so gründete er Anfang 1858 zusammen mit Adolph von Rath (1832-1907), den Sohn eines Schwagers, das Bankhaus Deichmann und Co in der Kölner Trankgasse. Er nahm einen Teil der Handels- und Industriekunden des Bankvereins mit in die neue Firma. So förderte das stark ausgeweitete Kontokurrentgeschäft die expandierenden Aktiengesellschaften in der westdeutschen Schwerindustrie und des Bergbaus. Zugleich nutzte er diese Stellung für den Ausbau des Gründungs- und Emissionsgeschäftes. So löste er in den 1860er Jahren durch Emissionen häufig ungeliebte kurzfristige Kredite und durch Anleihen ab. So war das Bankhaus im Jahre 1862 maßgeblich auch am Aufbau des Lokomotivbauers Oscar Henschel & Sohn beteiligt. Später begleitete das Bankhaus Deichmann & Co. Unternehmen auch beim Börsengang. Zu Beginn der frühen 1870er Jahre blieb das Bankhaus Deichmann & Co. auch auf einige Aktienpakete der Neuemissionen sitzen.

Als im Jahre 1870 die Deutsche Bank AG gegründet wurde, war auch die Privatbank Deichmann & Co. durch Adolph von Rath daran beteiligt.

Deichmannselbst verstand sich als Bankier und nicht als Pfandleiher. So war ihm persönliches Vertrauen in die Führung wesentlich wichtiger als Sicherheiten. Er pflegte eine sehr enge Freundschaft zu dem Essener Unternehmer Alfred Krupp und engagierte sich sehr stark an dem wachsenden Unternehmen. So hatte die Bewahrung der Eigenständigkeit für den Essener Unternehmen große Priorität und die Finanzierungsfragen standen nicht in Mittelpunkt seines unternehmerischen Denkens und Handelns. So hatte Deichmann bei mancher gewagten Kreditaufnahme einen Anteil von 35 Prozent am Bankkredit des Unternehmens. Bei einem wirtschaftlichen Absturz des Krupp-Unternehmens hätte es auch für das Bankhaus von Wilhelm Ludwig Deichmann schwerwiegende Folgen. Aber die Freundschaft beider Unternehmer zahlte sich aus und so half Krupp dem Bankhaus während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 durch hohe Einlagen die Liquidität der Bank zu sichern.

Bereits im Jahre 1836 hatte Deichmann in Mehlen bei Bonn ein repräsentatives Landgut erworben. Es bot einen herrlichen Blick auf das Siebengebirge und die Mehlener Aue wurde mehr und mehr zum Mittelpunkt der wachsenden Familie. Er fuhr stets mit der Kutsche von Bonn nach Köln und nutzte nach dem Bau der Eisenbahn seinen Einfluss um in der Nähe seines Wohnortes einen Haltepunkt zu errichten. Auch entwickelte sich die Villa Deichmann zu einem Mittelpunkt für Musiker, Maler, Dichter aber auch Diplomaten und Professoren aber auch Vertreter aus Wirtschaft und Politik. So waren sowohl der spätere Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) und seine Gemahlin Augusta zu Gast in Mehlen. Prinzessin Augusta und »Lilla« Deichmann sind seit ihrer Zeit im Weimarer Mädchen-Pensionat miteinander befreundet.

Wilhelm Ludwig Deichmann starb am 23.11.1876 auf seinem Landsitz. Seine letzte Ruhestätte fand der Unternehmer und Bankier auf dem Melatenfriedhof in Köln.

Seine Söhne Theodor (1837-1895), Otto (1838-1911) und Wilhelm Deichmann (1841-1919) führten das Bankhaus Deichmann & Co. weiter während sein ältester Sohn Adolf Deichmann (1831-1907) in London Bankier wurde und sich somit nicht um die deutschen Geschäfte kümmerte. Erst während der großen Weltwirtschaftskrise musste das Bankhaus im Jahre 1931 Konkurs anmelden.

Letzte Änderung der Seite: 16. 08. 2017 - 23:08