Der tote Gast

von Heinrich Zschokke

Kapitel 21

Ende gut alles gut

Noch zufriedener und fröhlicher aber wurden sie, da allesamt an demselben Tage des Abends beim Nachtessen saßen, und ein Wagen rasch durch die Straßen rollte und plötzlich vor dem Hause hielt. Friederike, horchend, sprang auf und rief: »Waldrich!« Er war's. Alles eilte ihm entgegen. Vater Bantes schloß ihn zum Willkommen herzlicher, denn jemals, in seine Arme. – Da hatte man sich nun tausend Dinge zu fragen und zu antworten und wieder zu fragen. Vater Bantes machte endlich dem Lärmen ein Ende und pflanzte den Kommandanten auf den gewohnten Platz zu sich an den Tisch. Da aber ging das lebhafte, freudige Geschwätz von neuem an. »Und denken Sie nur,« rief Herr Bantes, »denken Sie nur, Schätzchen, Hauptmännchen, wir haben den Teufelskerl, den toten Gast und dergleichen leibhaftig in Herbesheim, leibhaftig im Hause hier gehabt. Was sagen Sie dazu? Ja, was sagen Sie dazu, er hatte schon wieder seine drei Bräute binnen kaum vierundzwanzig Stunden aufgefischt; da war voran das Mädchen Friederike dort, dann Bürgermeisters Minchen, und zum dritten die Jungfer Wiesel bei der Putzmacherin. Wir haben uns hier alle in der Stadt gefürchtet wie die kleinen Kinder und dergleichen.«

Der Kommandant lachte hell auf und sagte: »Ich aber habe mit ihm heut im Posthause von Odernberg zu Mittag gespeist. Sie werden doch den Herrn von Hahn meinen, denk' ich, und keinen anderen?«

Herr Bantes lächelte ärgerlich. »Herr von Hahn hin, Herr von Hahn her! Sei er gewesen, wer er wolle, er war der tote Gast wie er leibt und lebt, und der bekommt meine Friederike nicht, auch wenn's der Herr von Hahn wäre und dergleichen. Denn ich möchte nicht erleben, daß ich einen kalten Schauer bekäme, so oft ich meinen Schwiegersohn erblicken würde. Ist es der Sohn meines Freundes wirklich gewesen, desto schlimmer für ihn, denn er sah bestimmt aus, wie Sie den toten Gast beschrieben haben.«

»Ah!« rief der Hauptmann, »daran ist er sehr unschuldig. Als ich jenen Abend die alte Sage vom toten Gaste in der Wintergesellschaft erzählen mußte und sein Äußeres beschreiben sollte, fand ich in der Eile zu meiner Figur kein Original als eben unseren Herrn von Hahn. Der gerade fiel mir ein, weil er mir gerade damals doppelt zuwider war. Als ich diesen Sommer mit meiner Kompanie nach Herbesheim verlegt und auf dem Marsch hierher nur wenige Meilen von der Residenz entfernt war, machte ich unterwegs einen kleinen Abstecher dahin. An der Wirtstafel im ›König von Portugal‹ fiel mir unter vielen Gästen, die da zu Mittag speisten, die über Gebühr lange Gestalt des Herrn von Hahn auf, die um eine Kopflänge über alle Sterblichen hinwegragte, zugleich sein schwarzes Haar, sein erdfahles Gesicht und die schwarze Kleidung dazu. Ich vernahm, er sei der Sohn des berühmten Bankiers. Er war mir damals seht gleichgültig, aber ich konnte doch die Gestalt nicht vergessen; und noch weniger vergessen konnt' ich sie, da er mir aufhörte gleichgültig zu sein, weil er – Sie erlauben mir doch, es zu sagen? – weil ich wußte, daß er um Fräulein Friederike warb.«

»Donner!« rief Herr Bantes lachend aus und rieb sich und klopfte sich die Stirn, »Phantasiestreich eines Nebenbuhlers! Weiter nichts! Daß das keinem in Sinn kommen mußte, selbst dem allwissenden klugen Bürgermeister und seiner Polizei nicht! Hätte ich nicht, sobald ich den Herrn von Hahn sah, gleich darauffallen sollen, daß der schelmische Kommandant ihn wahrscheinlich gekannt und aus ihm den toten Gast geschnitzelt habe? Wir Alten bleiben doch einfältige Kinder und dergleichen bis ins graue Haar. – Aber, Herr Kommandant, Sie sind an den fatalen Geschichten schuld. Der junge Hahn wird entsetzlich aufgebracht sein; wird wettern und fluchen, wie man ihn hier behandelt habe; wir mich einen alten Hans Kaspar heißen und dergleichen.«

»Nichts weniger, Papa, als das!« sagte Waldrich. »Vielmehr, er ist sehr mit der Wendung der Dinge und dem Gange des Schicksals zufrieden. Freundlich empfiehlt er sich durch mich Ihnen, der Mama und Fräulein Friederike. Er und ich sind heute wirklich Freunde geworden. Denn wir haben uns einander alle Geheimnisse der Herzen gebeichtet. Anfangs, da wir beide im Posthause allein bei Tische saßen und unsere Suppe verzehrten, ging es unter uns trocken zu. Er war finster und still, ob er mich gleich nicht kannte. Ich war finster und still, eben weil ich ihn kannte und glaubte, er sei auf der Bräutigamsfahrt nach Herbesheim. Zufällig, als wir aus Höflichkeit einige Worte über Tische wechselten, vernahm ich nun, daß er von Herbesheim komme und heimreise. Da brannte mich eine verzeihliche Neugier, mehr zu erfahren. Natürlich konnte ich nun nicht leugnen, ich sei in Herbesheim wohl bekannt, sei der Stadtkommandant. Aha, rief er lachend und reichte mir über den Tisch die Hand, mein glücklicher Nebenbuhler, dem ich für sein Glück noch dankbar sein muß! – Da war die Bekanntschaft gemacht und die Offenherzigkeit an der Tagesordnung. Denken Sie, Papa, er behauptet, Fräulein Friederike selbst habe ihm erklärt, sie sei schon mit mir versprochen, und habe ihn gebeten, sie und mich nicht unglücklich zu machen. Und er hingegen habe dem Fräulein die Hand geküßt und gesagt: er habe zwar unbedingt dem Willen seines alten Vaters gehorchen, nach Herbesheim reisen und um das Fräulein werben müssen; doch sei es ihm damit nur halber Ernst und in ihm sogar Hoffnung gewesen, alles durch sein Betragen rückgängig zu machen. Denn er habe schon in der Residenz eine geheime Liebe, die Tochter eines dortigen Professors, der aber außer seinen Geistesschätzen wenig irdische besitze, was dem alten Bankier Hahn ein Ärgernis und Greuel wäre. Der alte Herr hätte ihm also, unter Strafe der Enterbung, alle Gedanken an das arme Professormädchen untersagt; der junge Herr habe seiner Geliebten Treue gelobt und sei fest entschlossen, sie nach dem Tode seines Vaters dennoch zu heiraten.«

»Was?« rief Herr Bantes erstaunt. »Und du, Friederike, hast das alles von ihm selbst gewußt? – Kinder, es will mir zu Sinnen kommen, ihr habt mich alle zum besten. Warum hast du mir davon keine Silbe, keinen Buchstaben gesagt?«

Friederike küßte die Hand ihres Vaters und sagte: »Besinnen Sie sich wohl, Väterchen, und machen Sie Ihrer Friederike keine Vorwürfe. Wissen Sie wohl, als ich so froh von meiner Unterhaltung mit Herrn Hahn zu Ihnen kam, und Ihnen sein Lob verkündigte, und Ihnen alles haarklein erzählen wollte, wie böse Sie geworden sind? Wissen Sie, wie Sie mir zu reden verboten und mir zur Belohnung meines stummen Gehorsams versprachen, den Waldrich da drüben für Herrn von Hahn auszuwechseln? Wissen Sie noch?«

»So? Hab' ich das getan? – Es geht doch in der Welt nichts über den Gehorsam, wenn man sich damit ein Vorteilchen machen will!«

»Mußt' ich denn nicht gehorchen? Drohten Sie nicht, die liebe Mutter und mich in den Keller sperren zu wollen, wenn...«

»Ganz gut, du Plappermaul! Rücke mir nicht noch meine Sünden vor. Da du aber doch mit dem jungen Hahn, weißt du's, ohne mein Vorwissen geplappert hast, konntest du ihm nicht gleich damals sagen, welches wunderliche Vorurteil gegen ihn aufgekommen sei? Er wäre gewiß imstande gewesen, uns sogleich anders zu belehren. Wenigstens hättest du ihm einen anständigen Grund und dergleichen sagen sollen, warum wir uns so und nicht anders gegen ihn betrugen?«

»Das habe ich getan. Sobald er vernahm, bei mir im Herzen sei kein Kämmerchen mehr zu vermieten, freute er sich und erzählte mir das gleiche Geschichtchen von seinem Herzen. Ein anständigerer Grund zur Trennung ließ sich nicht finden. Sie wissen ja, wir, Mama und ich, hatten ihn zum Essen eingeladen, allein...«

»Schweig! – Kommandantchen, weitererzählt! Er war also gar nicht zornig auf uns? Was muß er auch von uns ehrlichen Herbesheimern denken! Glaubte er nicht, wir wären samt und sonders am Adventstag Narren geworden und dergleichen?«

Waldrich antwortete: »Ungefähr so etwas Ähnliches glaubte er wirklich. Das Benehmen der Leute in Herbesheim mußte ihm aufgefallen sein, denn er erzählte mir drollige Auftritte von der allgemeinen Furchtsamkeit. Als er aber durch den Amtsbürgermeister die Sage von dem toten Gaste und zugleich erfahren hatte, daß man ihm die unverdiente Ehre erweise, ihn für einen Hofkavalier des vor zweihundert Jahren hochselig verstorbenen Winterkönigs zu halten, kam ihm alles noch toller vor, und er belustigte sich an dem Ärgernis und dem Schrecken weidlich, das er mit seiner Person unschuldigerweise verursacht hatte.«

»Und woran Sie mir Ihrer gottlosen Erzählung«, rief Friederike, allein schuld sind, Herr Kommandant; daß Sie's nur nicht vergessen! Wer wußte denn vor dem ersten Wintergesellschaftsabend, wie der tote Gast ausgesehen habe? Am folgenden Tage sagten sich's schon alle Kinder auf der Gasse wieder.«

»Nun, ich war ehrlich genug, dem Herrn von Hahn meine Sünde zu bekennen, sobald mir nach einem viertelstündigen Lachen der Gebrauch der Stimme wiederkam. Daß mir närrischerweise eben seine Figur bei der Erzählung vorgeschwebt hatte, war verzeihlich. Doch ließ ich mir damals eher den Einsturz des Himmels, als eine solche Wirkung meiner unschuldigen Historie träumen. Herr von Hahn lachte aus Leibeskräften mit mir. Er erzählte mir nun dagegen, daß er, um die aufgeklärten Herbesheimer noch mehr zu ängstigen und in ihrem frommen Glauben zu besteifen, allerlei Schwänke getrieben. Einen verliebten Polizeidiener zu plagen, habe er dessen Braut bei einer Putzmacherin besucht; um seinen erschrockenen Kreuzwirt noch mehr in Furcht und Erstaunen zu setzen, habe er vorgegeben, früh ins Bett zu gehen und am anderen Tage abreisen zu wollen, habe aber in der Dunkelheit des Abends durch seinen Bedienten den Reisekoffer zum Tor hinaustragen lassen, den Spaziergang bis zum nächsten Dorfe zu Fuße bei Mondschein gemacht und dort bis zur nächsten Poststation Fuhre genommen, nachdem er ausgeschlafen. Genug, nicht leicht in der Welt haben zwei Menschen das unauslöschliche Gelächter der Homerischen Götter über Vulkans Geschäftigkeit im Olymp so treu nachgelacht, als wir beide in unserem Gelächter über die Geschäftigkeit der Herbesheimer mit dem toten Gaste. Bei einer Flasche Champagner schlossen wir zwei versöhnten Nebenbuhler unseren Freundschaftsbund, und schieden später voneinander, als wir anfangs dachten, da wie noch bei der Suppe gesessen hatten.«

Vater Bantes schien, trotzdem er zu Waldrichs ferneren Erzählungen lächelte, mit sich selbst im Kriege zu sein. Verdruß und Frohsinn waren in seinen Mienen wunderlich vermischt zu sehen. Friederike schmeichelte ihm zärtlicher, denn sie sah wohl, was in ihm vorging, und küßte ihm die Falten von der Stirn weg, so oft sie sich zeigen wollten.

»Kinder,« sagte Herr Bantes, »da seht ihr nun, welche Schleppe von Narrheiten und Albernheiten der Aberglaube hinter sich zieht. Und sogar ich alter Philosoph habe noch die Schellenkappe aufsetzen und mittraben müssen. Möchte mich gern schämen, aber find' es doch auch lächerlich, sich seiner armen menschlichen Natur geradeswegs zu schämen. Also bleibt's dabei: dünke sich keiner hoch, fest, stark auf den Füßen, sondern sehe sich lieber vor, daß er nicht falle. Mama, laß eine Bowle Punsch machen, damit wir froh werden mit unserm Kommandanten. Ich sage Wir, das soll heißen: nur meiner Wenigkeit; denn du, Mama, hast einen vollständigen Sieg der Aufklärung davongetragen und bist froh; und dir, Friederike, sieht man es auch wohl an, daß du dem Waldrich da gegenüber nicht gar bekümmert bist, denn du hast einen vollständigen Sieg für deine Liebe davongetragen.«

Die Mama reichte dem Kommandanten mit gütigem, wahrhaft mütterlichem Lächeln die Hand und sagte: »Haben Sie das letzte Wort des Papa recht verstanden?«

»Nein,« sagte der Kommandant verlegen und errötend, »aber ich möchte beinahe verwegen genug werden, es zu verstehen.«

»Mama, laß eine Bowle Punsch anrichten; laß alles Geschwätz und dergleichen beiseite. Wir müssen uns die verwünschte Geschichte aus dem Gedächtnisse mit Punsch wegbeizen. – Auch der Stärkste und Mutigste, der schon mehr als ein Dutzend Kugeln um seine Ohren pfeifen hörte, hat einmal seine Reißausminute; auch der Weltumsegler, der sich in den fremdesten Ländern und Meeren nicht verirrte, kann einmal auf einem Spaziergange den rechten Weg verfehlen; auch die andächtigste, reinste Himmelsbraut im Kloster hat einmal einen Augenblick wie jede Evenstochter: auch der gescheiteste Mann unterm Monde hat einmal seinen Tag, wo Hans Ballhorn verständiger ist als er.«

»Fangen Sie doch an, Papa,« rief Friederike schmeichelnd, »und reden Sie von etwas anderem! Zum Beispiel – fangen Sie doch von etwas anderem an.«

»Apropos, Kommandantchen,« fuhr Herr Bantes fort, »wissen Sie, daß ich Sie verkauft habe? Um den Preis, mir den toten Gast vom Halse zu schaffen, habe ich Sie da an Friederiken verkauft. Nehmen Sie's mir nicht übel, daß ich so mir nichts dir nichts in Ihrer Abwesenheit über Sie disponierte. Als ehemaliger Vormund glaubte ich mir so etwas herausnehmen zu dürfen. Da, Friederike, nimm ihn. Seid glücklich zusammen.«

Beide sprangen auf und fielen sich um den Hals.

»Halt!« rief er. »Waldrich, aber fort mit der Uniform.«

»Sie muß fort!« sagte der Kommandant mit Freudentränen in den Augen.

»Und Abschied genommen vom Militär! Denn Friederike wohnt bei ihren Eltern, und ich habe Sie ihr, aber nicht sie Ihnen geschenkt. Also...«

»Morgen fordere ich den Abschied, Papa!«

»Kinder!« rief Bantes, indem er sich unter den lebhaften Umarmungen der jungen Leute Luft machte, »eure Freude hat etwas Würgendes und dergleichen an sich; Mama, bringe den Punsch!«


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