Villers Brief an die Gräfinn Fanny von Beauharnois enthaltend eine Nachricht von den Begebenheiten, die zu Lübeck an dem Tage, Donnerstag den 6ten November 1806 und folgenden vorgefallen sind

Nachschrift.

An die Leser!

Der Verfasser hat in den vorstehenden Berichte treu geschildert, was er gesehen hat. Einer Nation, die so großmüthig denkt und eine so lange Reihe glänzender Thaten aufzuweisen hat, wie die seinige, muß eine ungeschminkte Darstellung einer einfachen Thatsache sich vorzüglich empfehlen. Durchdrungen von Liebe für sein Vaterland und voll glühenden Eifers für die Ehre des französischen Ramens glaubt er einige von den Pflichten, die ihm diese beiden Gefühle vorschreiben, bereits erfüllt zu haben. Sollten in dem entworfenen Gemälde die Farbene in wenig düster erscheinen, so vergesse man nicht, daß eine von höchst traurigen Erscheinungen begleitete Begebenheit geschildert und an einem einzelnen Beispiele klar gezeigt werden sollte, wie eine freie und neutrale Stadt unschuldig mishandelt worden, und daß so viele Greuelscenen, welche unter den Augen des Verfassers vorfielen, sein Gemüth in eine unbeschreibliche WEhmuth versetzt hatten. Dieser in einer solchen Stimmung und für einen solchen Zweck geschriebene Brief sollte unter einigen wenigen theilnehmenden Menschen, für die er bestimmt war, auf immer verborgen bleiben. Hätte der Verfasser ein eigentlich geschichtliches Werk liefern wollen, so würd’ er sich das Vergnügen nicht haben versagen können eine Menge Züge der Wohlthätigkeit, der Menschlichkeit und Seelengröße aufzudecken, die mitten unter den wildesten Auftritten sich offenbarten. Er würde zum Beispiel erzählt haben, daß ein junger Soldat von dem 94sten Regiment sich in ein Haus stürzte, das er bedroht sah, und theils bittend; theils mit Gewalt die Ueberlgesinnten davon entfernte. Und als der Herr des Hauses ihm mit gerührter Dankbarkeit seine Hand voll Gold zur Belohnung entgegenstreckte, wies er sie liebreich und mit edlem Stolz von sich, sprechend: »Nicht um Gold zu erhalten übt ein Franzos eine schöne Handlung aus.« Ueberhaupt weiß der Verfasser besser als irgend einer, wie wenig die Leiden, die Lübeck betroffen, u vermeiden gewesen; er legt sogar gern das freimüthige Bekenntniß ab, daß unter demselben Umständen jede andere Armee, als die französische, ungleich größere Gewaltthätigkeiten ausgeübt und zahlreichere Greuel sich gestattet haben würde. Aber trotz dieses aufrichtigen Geständnisses fügt er sich gelassen in das Schicksal, daß eine Skizze, die er zu einem Privatgebrauch entworfen hatte, wider seine Erwartung allgemein bekannt geworden, indem er hierin eine Folge der Verfügungen der Vorsehung zu erblicken glaubt, die die Alten unter dem Sinnbild der himmlischen Nemesis vorstellen, und denen selbst diejenigen, welche nicht daran glauben, wider ihr Wissen zum Spiel und zum Werkzeuge dienen.

Zudem kann der Briefsteller, nachdem er mit ruhiger Besonnenheit sein Schreiben noch einmal durchgelesen hat, nicht die geringste Uebertreibung in demselben entdecken und sein Gewissen giebt ihn das Zeugniß, daß er auch kein einziges Wort zurücknehmen dürfe. Die Bülletins der großen Armee haben in ihrer ausdrucksvollen Kürze gestanden: »die Stadt Lübeck habe bedeutend gelitten«; sie haben sie angeführt, wenn sie mit Einem Worte und durch Ein Beispiel das schreckliche Schicksal bezeichnen wollten, das eine feindliche Stadt — Königsberg — die man zu vertheidigen gewillt war, zu erwarten hätte. Der Verfasser des Schreibens hat blos den ommentar zu diesem officiellen Text geliefert. Und denkt man an die mächtige Erschütterung, die eine plötzliche Stockung aller göttlichen und menschlichen Gesetze in einer Stadt erregen mußte, die bis dahin im Schooß des Friedens gelebt hatte und sich durch einen Ueberfall mit einem Mahl der freien Willkühr von 50000 Soldaten preisgegeben sah, die ganz erhitzt vom Kampf eindrangen, so wird der Vorwurf der Uebertreibung, den man dem Verfasser machen möchte, von selbst wegfallen.

»Aber was können doch, wird man sagen, mitten unter den unabwendbaren Uebeln eines Krieges, worin Ströme von Menschenblut geflossen sind, einige Gewaltthätigkeiten in Betracht kommen, die nicht zu vermeiden satanden; was liegt an dem Leben einiger Bürger, wenn man an Einem Tage ganze Schaaren von Kriegern auf dem Schlachtfelde hinstürzen sieht?« — Diese Art der Ansicht würde sich besser empfehlen, wenn man nur die Köpfe zu zählen brauchte und die Menschen blos nach arithmetischen Verhältnissen zu betrachten hätte. Aber die Sache verhält sich ganz anders. Der Mensch ist ein wesentlich moralisches Wesen, und aus ihrem noralischen Gesichtspunkt werden alle Ereignisse, die ihn betreffen, beurtheilt und empfunden. Diese Vorstellung bestimmt den wahren Charakter des Menschen, diese erhebt ihn weit über die ganze übrige animalische Schöpfung. Dieselbe Begebenheit macht auf uns einen ganz verschiedenen Eindruck, je nachdem sie erfolgen mußte oder nicht erfolgen mußte. Wir sind mit einem sehr zarten Gefühl begabt, (wenn es nicht durch böse Grundsätze oder eine schlechte Erziehung abgestumpft worden ist) welches uns das Recht vom Recht bald unterscheiden lehrt;mit einem göttlichen Organ, welches unsern Geist erleuchtet und eben so genau als unser Auge das Licht von der Finsterniß unterscheidet, das, was seyn muß, von dem, was nicht seyn muß, zu unterscheiden vermag.

Was der Ordnung und der Gerechtigkeit gemäß sich zutragen muzß, erträgt man, so niederschlagend es auch seyn mag, mit Muth und Gelassenheit: was aber nicht nothwendig erfolgen muß, was jede moralische Ordnung und jede Billigkeit verletzt, ergreift die Seele mit Unmuth und Unwillen. Man fühlt, daß der heilige Charakter des Menschen entweihet, daß das ewige Gesetz verletzt, mit Füßen getreten worden ist. Es ist nicht sowohl die Zerstörung eines Individuums, was schmerzt und empört; es ist vielmehr die Zerstörung eines Grundgesetzes, eines menschlichen Gefühls. Kurz, der Mensch kann sich nicht gelassen fügen in das, was ungerecht ist, in das, was nicht seyn soll — dies liegt in seinem Wesen. Man bewundert den Tod jener 300 Spartaner bei Thermopylä; man versucht den Tod eines Phocion, eines Calas, eines Malesherbes.

Seit mehr als einem Jahrhundert bahnt sich Europa zu der Ordnung der Dinge den Weg, den Montesqieu eingeleitet hat, wo die Macht der Heere den Zweck unserer bürgerlichen Gesellschaften umkehren würde (S. Geit der Gesetze Kap. 17. Buch 13). Es thut daher Noth, mehr als jemals und durch alle denkbare Mittel die Sitten der Krieger milder zu stimmen; es ist Pflicht eines jeden denkenden Menschen, denen seiner Mitbrüder, die für die Vertheidigung oder den Ruhm ihres Vaterlandes die Waffen tragen, nachdrücklich ans Herz zu legen, wie sehr es ihre edle Bestimmung schände, wenn sie eben diese Waffen zur Unterdrückung der waffenlosen Schwäche anwenden. Woher kommt’s, daß man heut zu Tage den Krieg nicht mehr so führt, wie ihn die Hunnen, wie ihn die Vandalen führten? daß man die Frauenspersonen nicht mehr gefangen fortschleppt, nachdem man die Männer zuvor hat über die Klinge springen lassen? Dies ist eine Folge der allgemein verbreiteten Aufklärung und Ausbildung des Geistes, dies rührt daher, daß Philosophen, Publicisten und Geschichtsschreiber sich mit ihrer ganzen Macht gegen solche Frevelthaten erhoben; daher, daß sie der Vernunft gegen die Leidenschaften, und gegen die blinde und hzügellose Stärke ihre kräftige Stimme geliehen haben. Durch sie, durch sie allein ist ein menschlicheres Völkerrecht gegründet worden; man hat selbst mitten im Kriege wildere Sitten erblickt: es hat sich eine Masse von Meinungen im europäischen Publikum gebildet, die fähig sind, die Ungerechtigkeit zu zügeln und der Barbarei Schranken zu setzen.

Am 1. Febr. 1808


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