Das Schneiderlied
(1753/1756)
Als einst ein Schneider wandern soll,
Weint' er und schrie er sehr:
»O Mutter, lebe ewig wohl,
Mich siehst du nimmermehr!«
Die Mutter weint' entsetzlich:
»Das laß ich nicht geschehen,
Du sollst mir nicht so plötzlich
Aus deiner Heimat gehen.«
»O Mutter, nein, ich muß von hier,
Ist das nicht jämmerlich!»
»Mein Büble, ich weiß Rat dafür,
Verstecken will ich dich.
In meinem Taubenschlag
Verberg ich dich, mein Kind,
Bis deine Wandertag
Gesund verflossen sind.«
Mein guter Schneider merkt' sich dies
Und tut als ging er fort,
Nahm traurig Abschied und verließ
Sich auf der Mutter Wort.
Doch abends nach der Glocke
Stellt' er sich wieder ein
Und kroch gleich einem Bocke
In Taubenschlag hinein.
Hier ging er auf die Wanderschaft
Im Schlage auf und ab
Und wartete, bis ihm zur Kraft
Die Mutter Nudeln gab.
Am Tag war er auf Reisen,
Und ach! in finstrer Nacht
Da hatt' er mit den Mäusen
Und Ratten manche Schlacht.
Einst hatte seine Schwester Streit
Nicht weit von seinem Haus,
Er hört, wie seine Schwester schreit,
Und guckt zum Schlag hinaus.
Mein Schneiderlein ergrimmte,
Macht eine Faust und droht:
»Wär ich nicht in der Fremde,
Ich schlüge dich zu Tod!«