Napoleon in Moskau

Auf dem Rittersaal im Kremel, Ruriks thurmgeschmücktem Schloss,
Sass Napoleon und dachte jener.Zeit, die jüngst verfloss;
Schrieb an Kaiset Alexander, bot zum Frieden ihm die Hand,
Bei dem Licht, das durch die Fenster schien von Moskaus Brand.

Draussen wälzt in weitem Kreise sich ein Meer von Flammengluth,
Wie ein Drache schwimmt Entsetzen auf der sturmemporten Fluth;
Mehr denn hundert Tempel wanken, mürbe durch den Feuerstrahl;
Selbst der Himmel glüht, es schmilzet seiner Sterne Zahl.

Näher wälzt der Brand sich, näher, schlingt sich um den Kremel dicht,
Und Napoleon bemerkt es, die Gefahr nur sieht er nicht.
Ihn ergreift die Pracht des Anblicks. Aber weisst du, was erdenkt?
Kennest da des Sinnens Tiefen, drin er sich versenkt?

Doch Neapels stolzer Konig und Eugen, der tapfre Held,
Stürzen durch des Saales Pforte, jeder ihm zu Füssen fällt.
In Beschwörungen und Flehen zeigt ihr treuer Eifer sich:
"Feuer droht, der Kremel brennet — Kaiser, rette dich!"

Um sich blickt der Weltgebieter, unverändert im Gesicht;
Ruhe thront auf hoher Stirne, Gluth ans tiefem Auge bricht.
Milde spricht er: „Waffenbruder! noch ist die Gefahr nicht gross;
Sicher wohn' ich« wie im Louvre, in des Kremels Schooss."

Auf nun stand er, ging ans Fenster, legte stumm darauf die Hand;
Die erhitzten Scheiben bebten, heiss die Mauer wie ein Brand.
Da ergriff der Held den Degen, nahm den Hut, der nahe hing,
Sprach: „Nun ist es Zeit", und langsam aus der Burg er ging.

Und ihm folgten seine Fürsten; doch welch Schauspiel war im Thor!
Feuer oben, Feuer unten, Feuer bis zur Wolk' empor.
Rettung nicht; die Erde brennet, und die Luft brennt blutigroth;
Jeder Athemzug Vernichtung, jeder Schritt ein Tod.

Nimmersatte, gier'ge Flammen halten treulich Wacht umher,
Bund die weite Burg umkreisend, wie ein grausenhaftes Heer;
Zornig beissen sie einander, kämpfen, drängen sich mit Neid;
Jede will zuerst verschlingen ihn, den Held der Zeit.

Doch Napoleon die Krieger ruhig schliesst an seine Brust;
Und sein Wort klingt durch die Flammen wie Gesang voll Siegeslust:
"Haben doch vereint gesieget ihr und ich, und ich und ihr,
Lasst vereint mit gleicher Stärke nun uns sterben hier!"

Und' ein Mann von Riesengrösse tritt aus des Gewölbes Baum
Leis' einher, das bleiche Antlitz hüllet halb des Mantels Saum.
Eine fenerrothe Feder auf der Zobelmütze weht;
Durch die klare Nacht sein Auge wie ein Blitzstrahl geht.

Also spricht er: „Kaiserkönig! hier erreicht dich nicht der Tod;
Folg mir — folgt, wohin ich führe aus dem Brand, der euch bedroht!" —
Bahn sich mit den Armen machend schreitet kräftig er einher;
Hinter ihm zusammen wieder fliesst das Feuermeer.

Und sie gingen, und die hörten Pfeiler stürzen mit Gekrach;
Flammen breiten sich zum Boden, Flammen wölben sich zum Dach.
Doch — trotz ihrer Wuth verletzen sie Napoleon kein Haar;
Bald mit seinen Kämpfern stand er, wo kein Feuer war.

Und er sprach: „Da edler Fremdling! Rettung wurde mir durch dich;
Nenne Namen mir and Wohnung, und ich lohne kaiserlich."
Drauf der Fremde: „Deinen bösen Genius erkenn´ in mir;
Lohn für das ist mir geworden, was ich that an dir."

"Ueber alle Welt hin fuhrst du wie ein leuchtend Meteor;
Glücklicher war nicht Augustus, grösser Cäsar nicht zuvor.
Mehr, als Sterblichen gebühret, selbstbewusster Macht ist dein,
Und dn lebst vielleicht im Wahne schon ein Gott zu sein."

"Glaubst du, dass ich dir vergonne mit des Sieges Ehrenkranz
Zu den Sternen anfzuschweben als ein Gott im Feuerglanz?
Nein, die Blüthen deines Ruhmes sollen Blatt für Blatt verwehn;
Mensch nur bist du, fallen sollst du — sterbend dann vergehn."

Er verschwand. —Der Kaiser schwinget auf das Streitross sich hinauf,
Will sich stürzen in die Flammen, doch er hemmte seinen Lauf;
Denn ein Trugbild neuer Siege, frischer Lorbern Blüthenschein,
Hielt sein Äug' in Zauber, wiegte seine Seele ein.

Tag nun ward es, und der Kaiser reitet nach Petrowsky hin,
Und der Geist und seine Warnung schwanden bald ihm aus dem Sinn.
Doch derselbe Geist befreit' ihn, das Gerücht erzählt es so,
Als er drauf zum letzten Male focht bei Waterloo.


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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