Kinder- und Hausmärchen [1812-1815]

von Jacob und Wilhelm Grimm

2. Band [1815]

65. Die drei Faulen

Ein König hatte drei Söhne, die waren ihm alle gleich lieb, und er wußte nicht, welchen er zum König nach seinem Tode bestimmen sollte. Als die Zeit kam daß er sterben wollte, rief er sie vor sich und sprach: »Liebe Kinder, ich habe etwas bei mir bedacht, das will ich euch sagen: welcher von euch der Faulste ist, der soll nach mir König werden.« Da sprach der älteste: »Vater, so gehört das Reich mir, denn ich bin so faul, wenn ich liege und will schlafen, und es fällt mir ein Tropfen in die Augen, so mag ich sie nicht zuthun, damit ich einschlafe.« Der zweite sprach: »Vater, das Reich gehört mir, denn ich bin so faul, wenn ich beim Feuer sitze mich zu wärmen, so ließ ich mir eher die Fersen verbrennen, eh' ich die Beine zurückzöge.« Der dritte sprach: »Vater, das Reich ist mein, denn ich bin so faul, sollt' ich aufgehenkt werden und hätte den Strick schon um den Hals, und einer gäb' mir ein scharf Messer in die Hand, damit ich den Strick zerschneiden dürfte, so ließ ich mich eher henken, eh' ich meine Hand aufhübe zum Strick.« Wie der Vater das hörte: sprach er: »Du sollst der König seyn.«

65. Die drei Faulen

Schimpf und Ernst Cap. 243. Die Gesta Romanor. (deutsche Ausg. Cap. 3. lat. Cap. 91.) haben das Märchen auch, doch so, daß der, welcher sich lieber verbrennen will, der erste ist; welcher sich lieber will aufhenken lassen, der zweite: der dritte aber spricht: »läge ich in meinem Bett und mir fielen die Dachtropfen in beide Augen, ehe ich mich auf eine Seite wendete, ehe ließ ich mir die Tropfen die Augen ausschlagen.« Fischart im Gargantua 79b erzählt einen andern Fall von dem faulen Heinz: »eben wie jener Knecht, da man ihn früh weckt: o de Vägelken pipen schun in de Nörken! oh, lat pipen, sahd he lat pipen, de Vägelkens hefen klene Höfdken, hefen bale utgeslapen, averst min Höfedken is tomal gar grot, deit ime Noth me to slapen.«


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