Kinder- und Hausmärchen [1812-1815]

von Jacob und Wilhelm Grimm

2. Band [1815]

64. Die alte Bettelfrau

Es war einmal eine alte Frau, du hast wohl ehe eine alte Frau seh'n betteln geh'n? Diese alte Frau bettelte auch, und wenn sie etwas bekam, dann sagte sie: Gott lohn' euch! Die Bettelfrau kam an eine Thür, da stand ein freundlicher Schelm von Jungen am Feuer und wärmte sich. Der Junge sagte freundlich zu der armen alten Frau, wie sie so an der Thür stund und zitterte, »Kommt Altmutter und erwärmt euch.« Sie kam herzu, Sie ging aber zu nahe ans Feuer steh'n, ihre alten Lumpen fingen an zu brennen und sie ward's nicht gewahr. Der Junge stand und sah' das, er hätt's doch löschen sollen? Nicht wahr, er hätte löschen sollen? Und wenn er kein Wasser gehabt hätte, dann hätte er alles Wasser in seinem Leibe zu den Augen herausweinen sollen, das hätte so zwei hübsche Bächlein gegeben zu löschen.

64. Die alte Bettelfrau

Ein Bruchstück und verworren. Wird in Stillings Jünglingsjahren erzählt, scheint aber ein altes Volksmärchen, wobei die es vortragende Amme oder Mutter, den zuhörenden Kindern vielleicht auch den Gang der krummen, gebückten Alten mit dem Stock in der wackelnden Hand vormacht. Der Schluß fehlt, vermuthlich rächt sich das Bettelweib durch eine Verwünschung, wie man mehr Sagen von eintretenden pilgernden Bettlerinnen hat, die man nicht ungestraft beleidigt. Es ist merkwürdig, daß der in Bettlergewand verhüllte Odin unter dem Namen Grimnir in die Königshalle einkehrt und ihm die Kleider am Feuer zu brennen anfangen. Der eine Jüngling bringt ihm ein Horn zu trinken, während ihn der andere hatte zwischen die Flamme sitzen lassen. Zu spät merkt er des Pilgers Göttlichkeit, will ihn aus der Flamme ziehen, fällt aber in sein eigen Schwert.


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