Die Leiden des jungen Werther
Johann Wolfgang von Goethe
Am 6. Dezember.
Wie mich die Gestalt verfolgt! Wachend und träumend füllt sie meine ganze Seele! Hier, wenn ich die Augen schließe, hier in meiner Stirne, wo die innere Sehkraft sich vereinigt, stehen ihre schwarzen Augen. Hier! ich kann dir es nicht ausdrücken. Mache ich meine Augen zu, so sind sie da; wie ein Meer, wie einAbgrund ruhen sie vor mir in mir, füllen die Sinne meiner Stirn.
Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott! Er-mangeln ihm nicht eben da die Kräfte, wo er sie am nötigsten braucht? Und wenn er in Freude sich auf-schwingt oder im Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da zu dem stumpfen, kalten Bewußtsein wieder zurück gebracht, da er sich in der Fülle des Unendlichen zu verlieren sehnte?