Isegrimm.

von Willibald Alexis.

2. Die Blutsteine

Wenn die Monotonie einer afrikanischen Wüste den Maler zum Bilde begeistern kann, was nicht auch eine der wüsten Moorgegenden, an denen unsere Küstenländer so reich sind, noch reicher waren. Das Licht macht die Landschaft; die Stimmung, in der wie sie betrachten, drückt ihr den Charakter auf. Der einsame Raubvogel, der über dem buntschillernden Wasserspiegel schwebt, die graue Weide, vom Winde zerrissen, das bleichende Gebein eines Tieres, ein morscher Wegweiser, dessen Arme niedersinken, eine überwachsene Wagenspur, die in Gras und Moos sich verliert, – hauche das rechte Licht darauf und bringe den Sinn dafür mit, so ist das Bild fertig.

Aus dem grau dunstenden Horizont schoß ein mattgelber Lichtstrahl auf das Torfmoor. Es lebte, und es war doch kein lebendiges Wesen da, soweit das Auge trug. Auch der Wind bewegte nicht die entblätterten Gesträuche. Grau in grau umspannte Himmel und Erde. Und doch hätte es einen Maler entzücken können, das weite Fernbild einer ersterbenden Natur.

Die scharf geschnittenen Torfgräben mit ihren grauen Wasserlinien freilich nicht, sie verwunden das künstlerische Auge. Aber diese Linien, Winkel, liefen nur aus wie Radien und Zacken, welche die Kultur hineingeschnitten in die noch unbewältigte Masse. Das war sie freilich hier nicht, die Väter der Väter hatten schon Torf gegraben, aber das war lange her, und die Natur hatte wieder Besitz genommen von ihrem Eigentum. Die scharf abgestochenen Wände waren eingefallen, das Wasser quellte über.

Gestrüpp und Schilf wucherten, und die braungelben Hügel waren überwachsener Auswurf des Spatens. Da verfiel eine Hütte von den alten Torfgräbern, zum Schutz vor der Witterung errichtet; aus ihrem eingesunkenen Dach wuchsen junge Birken auf. Und wenn der schräge, gelbe Strahl alle die aufquellenden Wasserstrahlen traf, wenn er sich drüben am Horizont an den bloßgelegten Hügeln, die ihren rollenden Sand ins Moor schütteten, brach, konnte man sagen, die Gegend blitzte, lebte; es war aber nur das letzte Aufblitzen, hätten andere gesagt, eines Sterbenden, seine Augen starren noch einmal, sie leuchten noch einmal die Gegenstände an, die er nicht mehr sehen soll, und im Körper ist schon der Todesfrost, der ihn niedersinken läßt, ein starrer Klumpen, Erde, um Erde zu werden. Wenn die Wolken sich schlossen, der Strahl versank, schillerten und blitzten auch die Wasser nicht mehr, es ward alles wieder Grau in grau.

Als der Baron, der Gesellschaft vorauf, eben aus dem Elsenbusch trat, schoß der rötlichgelbe

Wetterstrahl gerade hinter einer scharf abgekanteten Wolke stärker als vorhin nieder. Es war eine Wirkung, wie etwa die alten Maler Jehova andeuten, der aus den Wolken sich den Propheten verkündet. Ein goldbrennender Lichtstreifen fuhr schräg über die Heide, die kleinen Seen und Wassertümpel, die er berührte, gleichsam entzündend. Er konnte einen Wanderer, der in der Wüste dies unerwartet sah, erschrecken. Auch fuhr der Baron zurück, wenigstens zog er den Fuß, der eben über eine Moortiefe nach einer festen Wurzel drüben den Ansatz nahm, wieder sacht an sich, bog sich dann links mit dem Körper und ließ mit angehaltenem Atem den Riemen seiner Flinte von der Schulter gleiten, bis sein Gewehr in seinem Arme lag. Aber sein Auge verfolgte nicht den Sonnenstrahl bis zu den fernen Sandhügeln, sondern haftete auf zwei Steinen, die gegen hundert

Schritt von ihm in Mannshöhe sich aus dem Moore erhoben. Sie schienen von tausendjährigen

Regenströmen und Wassergüssen abgespült und von der Sonne gebleicht, wie Gebeine der Erde in der braunen Wüste zurückgelassen, aber der Reflex des Sonnenstrahls brach sich rötlich an ihrer Kante.

Ehe es hinter ihm ausgesprochen war: »Um des Himmels willen, was tun Sie, Baron!« war der Schuß losgegangen. Er hallte dumpf hin über die lautlose Stille der Heiden

»Nur ein paar Krähen, da auf den Steinen,« antwortete der Schütz, die Hand über den Augen, durch den Pulverdampf blickend. Darüber sah er nicht die Wirkung, welche der Schuß ihm ganz zunächst auf den Hofmarschall hervorgebracht.

»Das sind ja die Blutsteine. Mein Gott, was mußten Sie das!«

Kaum aber waren die Worte heraus, als ein entsetzlicher Angstschrei in unartikulierten Lauten gehört ward. Der Hofmarschall, nicht einer der behenderen, war mit einem Satz auf der Elsenwurzel und der Kandidat ihm nach.

»Da ist ein Unglück passiert!« – »Was wird's denn sein?« brummte der Baron, sein Gewehr in Ordnung bringend, »das ist ein altes Weibergeschrei.«

Der Baron hatte recht, das Geschrei kam von einer alten Bauerfrau; die Hände vorm Gesicht, schien sie ein angeschossener Vogel, der vor dem aufsuchenden Jäger noch einmal aufflattern und fliehen will, aber er weiß nicht wohin. Hinter den Steinen war helles Wasser. Das arme Weib sank am Ende des einen nieder und wimmerte: »Gottes Gnade und Barmherzigkeit, Herren Franzosen, ich bin ein unschuldiges Weib!«

»Elle est blessée!« rief der Hofmarschall, denn Blut tröpfelte allerdings von ihrem Gesicht über ihren Brustlatz.

»Ach, mein Gott, die alte Suse, die Botenfrau aus Ilitz!« rief der Kandidat.

» Die ist tot,« rief der Baron, eine blutende Krähe am Flügel aufhebend. »Da fließt's ja vom weißen

Stein! – Krähenblut, Herr Nachbar, weiter nichts. Mein Schrot geht nicht um die Ecke.«

Das Weib wimmerte noch immer: »Gnade, allergnädigste Herren Franzosen, ich bin nur die Botenfrau, ich habe nichts. Mein Mann ist tot, mein Sohn ist auch tot; ich habe nur die armen Würmer zu Hause.«

Der Hofmarschall war nähergetreten. Er fragte, ob sie verwundet, – er meine, ob sie blessiert sei, ob es ihr wo weh tue?

Es kostete einige Weile, bis die Alte zur Besinnung kam, und einige Rückfälle, bis sie in ihrem Zittern vernünftige Antworten fand. Sie war von der gnädigen Herrschaft von Ilitz mit vielen Besorgungen nach der Stadt geschickt und hatte sich hier nur etwas verpusten wollen.

»Lieber Gott, man geht doch auch schon auf die achtzig los, und Botenlaufen ist ein sauer Brot.«

Aber sie wollte sehen, ob die jüngste es ihr nachtäte, denn warum, sie kenne den Weg wie eine, aber es seien zu schlimme Zeiten, und wer sich heut niederlegt, der wisse nicht, ob er morgen wieder aufsteht.

»Und wie's da knallte, da kam's heruntergeschossen, blutrot und heiß,« und sie hätte gedacht, das

Herz wäre ihr gesprungen und der Kopf auch, »denn die Franzosen sind zu grausam, gnädiger Herr.« Der gnädige Herr fragte, ob jetzt Franzosen in Ilitz lägen.

Der Schuß hatte nicht ihr Herz getroffen, aber es schien, in die Zunge, und sie gelöst. Franzosen waren jetzund keine da in Ilitz, aber der taube Herr Pastor, der hatte noch Panduren im Quartier gehabt, damals im Siebenjährigen. Die stahlen wie die Kibitze und sprachen, was keine Seele verstand. Aber die Franzosen, das ginge wie ein Sturmwind, raus und rein, und alles wär' ihnen zu schlecht, und wollten immer das Beste haben, und die wüßten, wo alles liegt. Mit dem Pferd in die Stube rein, und nun mit dem Säbel auf den Tisch. Und das würde noch schlimmer werden. Sie schonten das Kind im Mutterleibe nicht. »O, du lieber Gott!« rief sie, von neuem aufwimmernd, und suchte die herausgefallenen Sachen aus der Kiepe, welche in der Verwirrung umgestürzt war. »Wenn sie das gekriegt hätten, ich hätte mich ja mein Lebtag nicht wieder vor der gnädigen Herrschaft sehen lassen dürfen.«

Der Kandidat war ihr beim Auflesen behilflich. Beim Hofmarschall schienen die Gegenstände nicht gerade ein Interesse zu erregen, doch betrachtete er einige mit Aufmerksamkeit.

»Was sollen denn die wollenen Strümpfe in der Stadt? Ist eine Lieferung fürs Lazarett kommandiert?«

»Gott bewahre, gnädiger Herr, so was Feines für das! Die gnädigen Fräuleins haben's selbst gestrickt, ganz heimlich. O, ich habe noch manches sonst. Das ist alles, Sie müssen mich aber ja nicht verraten, für den gnädigen Herrn Kornett Theodor. Ach Gott, das junge Blut!«

Die Botenfrau wischte mit der Schürze die Augen. »Daß so feinen und vornehmen Herrschaften auch so was begegnen muß! Splitternackt, ja, barfuß kann man schon sagen, denn die Zehen steckten ihm aus den Stiefeln. Ich sah ihn ja ankommen, und kotig und staubig. Wenn's unsereinem geschieht, nun, da weiß man, das ist so und schadet nichts. Aber so mir nichts dir nichts wiesen ihm der gnädige Herr Major die Tür. Es tat ja not, daß ihm die gnädige Frau einen Bissen in den Mund steckte, sonst wäre er unmächtig geworden, und der gnädige Herr Major wollten's nicht sehen, drum schmissen sie die Tür zu. Und ist seines Bruders Frau Schwester leiblich Kind, und ein so hübscher, junger Mensch!«

»Also die Geschichte ist noch nicht aus,« murmelte der Gutsherr. Lauter setzte er hinzu: »Der Kornett ist noch in Nauwalk?«

»Und der Major wollen nichts von ihm wissen, noch hören, und schicken ihm keinen Groschen. Ja, wovon soll er denn leben, sagten die gnädige Frau. – Da sagten der gnädige Herr einmal: von der Schande, und spuckten aus. Und die gnädigen Fräulein weinten, denn sie sind ihm alle gut.«

»Sie vermuteten in dem alten Weibe wohl nicht einen postillon d'amour? sagte spöttisch der Hofmarschall zu dem Baron; zur Botenfrau aber: »Welches Fräulein hat Ihr denn die besten Sachen für den jungen Herrn mitgegeben?«

Die Frau mußte den Sinn der Frage verstehen, sie schüttelte mit grinsendem Lächeln den Kopf. »O, da ist eine wie die andere; sie sparten ihren letzten Bissen für ihn.«

»Da sehen Sie wieder eine Probe der Erziehungsmethode meines Vetters; der junge Mensch hat nicht mehr getan, als wie viele Tausend andere. Es ist wahr, seine Sortie war etwas großsprecherisch und sein Rentree pitoyabel. Welcher Familie ist das nicht passiert! Wer auf vernünftige Ehre hält, kaschiert die Sache. Mein Herr Vetter aber versteht die Ehre anders, er zog an der großen Glocke. Was soll der arme Teufel ohne Gage machen? Vermögen hat er nicht, reiche Verwandte auch nicht. Und läßt ihn in die Stadt laufen, Schulden machen, plaudern, über die Hartherzigkeit seines Onkels klagen. Zwingt er nicht dadurch die weichen Herzchen seiner Töchter, für den armen Vetter Partei zu nehmen!«

»Nahmen die Damen schon früher Partei für ihn?«

»Wie das so zu gehen pflegt, wenn man einen hübschen vater- und mutterlosen Knaben im Hause aufnimmt, wo ein rauher Vater ist und gutmütige Cousinen. Die Cousinen kajolierten und admirierten ihn; je toller er renommierte, um so mehr vor dem blauen Rocke glaubte der Alte schweigen zu müssen. Es war ja möglich, daß er als zweiter Seidlitz wiederkehrte. Aber als er als ein Ausreißer ankam, nun, Sie hörten ja. Was nun einmal draus werden kann, hat er sich selbst eingerührt.«

»Uebrigens ist es mir lieb, daß wir in Ilitz keine Einquartierung finden; der Isegrimm ist vielleicht traktabler,« hatte der Hofmarschall hinzugefügt, als er Anstalt machte, den Weg fortzusetzen. Aber die alte Botenfrau war wieder unruhig geworden, sie suchte noch etwas, die Kiepe ward noch einmal um und um gepackt. »Ach, wenn das verloren ist, bin ich eine verlorene Frau, das Frölen hat's mir auf die Seele gebunden.«

»Es wird ja wohl zu ersetzen sein,« meinte der Hofmarschall, als er den Fuß zurückzog, unter dem etwas knickte, ein zerbrochenes Glas. Die Alte brach in Tränen aus, als der Herr es aufgenommen und betrachtete. Was das Frölen ihr auf die Seele gebunden, war zertreten! Ein kleines Medaillon mit Silhouetten; auf der einen Seite ein männlicher, auf der andern ein weiblicher Kopf, über beide ein Glas mit einem Kranz von geflochtenen Haaren. Nicht erst der Fußtritt hatte das Glas zerbrochen, nach dem spiralförmigen Riß des Glases schien es durch ein Schrotkorn vorher gesprengt, welches auch in das Pergament ein Loch gebohrt und damit einen Teil des männlichen Kopfes durchdrungen hatte. Wer das Wunderbare natürlich erklären wollte, hätte sagen können, daß die Alte, ihre Kiepe auf dem Rücken, sich an den Stein gelehnt, und daß von dem Schuß, der die Krähe traf, ein Korn, am Stein abprallend, wie manche matte Kugel noch im Fallen die Verwüstung angerichtet.

»Kindereien!« hatte der Hofmarschall gesagt, indem er das zerbrochene Medaillon in die Brusttasche steckte. »Nichts als Kindereien!« hatte er in sehr ernstem Tone wiederholt, als die Alte mit einer Miene die Hand danach ausstreckte, die es nicht auszusprechen wagte, was sie dachte: was soll ich denn nun dem jungen Herrn sagen? »Sie braucht ihm nichts zu sagen, Suse. Ich weiß das alles und werde das Bild wieder ganz machen lassen; denn so zerbrochen kann Sie es ihm doch nicht bringen. Nun mach Sie sich nur auf den Weg, damit Sie in Ilitz zurück ist, ehe es dunkel wird.«

»Nichts als Kinderpossen,« hatte der Edelmann wiederholt, als er mit dem Baron langsam weiterging, um bald mit demselben in ein sehr ernsthaftes Gespräch verwickelt zu sein.

Ehe der Kandidat ihnen folgte, half er der alten Suse den Korb auf den Rücken nehmen. Es war ein innerem Schrecken, der sich nur durch ein stilles Wimmern und Zittern kundgab: »Was mußte ich auch an den Blutsteinen mich verpusten,« wimmerte sie. »Die sind nun verloren.«

»Verloren ist niemand,« sagte der Kandidat, »der nicht Gott verlor.«

Er sprach ihr Trostworte zu, daß der die Haare auf ihrem Haupte gezählt, auch mit seinem Auge wache, wo ihr Fuß straucheln könne. Sie nickte dankbar, und beim Abschied ergriff sie seine Hand.

»Ach, Herr Kandidat, so einer wie Sie tut da not. Das Wort Gottes ist schon gut, wo es ist und wie es klingt, aber es ist doch anders, wenn's gut klingt. Der Herr Major sind ein gottesfürchtiger Herr, das weiß der liebe Gott, und kennt seine Bibel auswendig, aber 's ist nicht gut, wenn der Pastor und der Edelmann sich nicht ausstehen mögen, und ist nicht gut, wenn in einem Hans der eine da hinaussieht und der andere da. Die Frölen sind engelsgut, und die gnädige Frau ist auch so gnädig, und der gnädige Herr ist ein Mann Gottes, der kein Unrecht tut und kein Unrecht leidet, aber wissen Sie noch, wie Sie in der Predigt sagten: Der Herr fährt auf dem Sturmwind, und seine Stimme ist ein Rollen des Donners, aber er ist auch im Abendwind, der über die Blütenfelder säuselt, und wohl dem

Hause, wo seine Stimme klingt wie der Gesang der Vögel, und sein Blick hineinscheint wie die Sonne, die aufgeht am klaren Himmel und untersinkt nach einem heitern Tage; denn das ist das Haus des Friedens, sagten sie, der von ihm kommt. Da sahen alle Bauern nach dem gnädigen Herrn, und der gnädige Herr ließ den Kopf sinken, und nachher tat er einen harten Taler ins Becken. – Von uns Bauersleuten hat jeder die Worte behalten, aber,« sie flüsterte es ihm ins Ohr, als könne der Luftzug es über die Heide tragen – »der gnädige Herr Major muß sie wohl vergessen haben. Darum warten wir alle in Ilitz, daß der Herr Kandidat kommt. Dann schreien Sie es ihm nur wieder von der Kanzel zu.«

Einige zwanzig Schritte vorauf waren die beiden Herren im Eifer des Gesprächs stehen geblieben, vielleicht auch weil der Weg nicht mehr ein Nebeneinandergehen erlaubte.

»Sie wollen dem Aberglauben das Wort reden!« hatte der Baron vorwurfsvoll ausgerufen.

»Wenn ich in Berlin bin, lache ich darüber, wie man über einen ungeschickten Menschen lacht, der sich in der Gesellschaft nicht zu präsentieren weiß. Hier auf dem Lande – ich möchte sagen, die Atmosphäre hat auch ihr Recht. Il faut s'acclimatiser! 

Ueberdem, lieber Baron, es ist vielleicht Pflicht der Klugheit, den Samen des Aberglaubens nie ganz aufgehen zu lassen. Womit soll man die Menge gouvernieren! Et enfin, wer weiß, ob er nicht wieder einmal gangbare Ware wird!«

»Was aber mein Krähenschuß mit dem auf parole d'honneur davongelaufenen Kornett zu tun haben soll, begreife ich doch nicht.«

»Auch ich nicht, aber die Leute glauben es, und darauf kommt es an. Auf diesem Moorgrund haftet nun einmal ein Etwas. Hier war die Wendenschlacht, hier fiel ihr letzter Krole. Oben da sehen Sie sein Grab. Hier spielte auch die Schwedengeschichte. An den Blutsteinen wäre der Schwedenoberst erschlagen, von dem Sie in Ilitz genug hören können. Man spricht aber nicht gern bei den Blutsteinen davon. Die Gegend ist nun einmal in Verruf. Ein paar Schatzgräber sind wirklich im Moore versunken; mehr als ein tüchtiger Mann, der die Torfgräbereien unternommen, ward bankrott, das mischt sich untereinander, und wenn die Geschichte mit der durchschossenen Silhouette bekannt wird, so ist es ein Omen, ein neuer Beleg für den Volksglauben, und wir wissen nicht, was sich weiter daraus entspinnt.«

»Sind der Herr Major von der Quarbitz auch abergläubisch?«

»Kluge Leute wollen behaupten, daß niemand frei vom Aberglauben sei, am wenigsten die, welche sich für die allergescheitesten halten. Nun will ich das zwar meinem Lehnsvetter nicht nachsagen, aber Sie täten gut, etwas seinen Aberglauben zu studieren. Wer das versteht, kann viel. Aber jetzt Attention, der Weg wird schlecht.«

Sie, oder der Knecht, welcher ihnen den Rat gab, ihn einzuschlagen, hatten nicht bedacht, daß ein Strom, welcher im engen Gefälle einer Bergschlucht die Brücke wegreißen konnte, jenseits auch seinen Weg für sich braucht.

Es quellte und strömte von allen Seiten, und man hatte für solche Fälle schon ehedem große Steine in gemessener Entfernung voneinander gelegt, um von einem zum andern zu springen. Für den Hofmarschall war es eine saure Arbeit, dem munter vorauf springenden Baron zu folgen. Während jenem die Büchse, die er spielend in der Hand trug, zur Balancierstange ward, fühlte dieser sich durch seine Wildschur geniert. Er ward zu heiß, und an einer Stelle, wo die Strömung so heftig war, daß sie den nächsten Stein fortgerissen hatte, stand er zaudernd vor der breiten Oeffnung und dachte laut:

»Man ist doch auch nicht mehr« – »ein Springinsfeld,« dachte er still hinzu, aber der Baron, der, um ihm zu helfen, zurückgesprungen, ergänzte es laut: »ein Butterweib oder eine Botenfrau. Reichen Sie mir nur dreist die Hand, Herr Nachbar.«

Das ließ sich indes in dem schleppenden Pelze nicht so leicht bewerkstelligen. Der Edelmann zog die Wildschur vom Leibe und revanchierte sich dabei an dem Nachbar drüben für dessen Laune, indem er versicherte: dies solle ihm künftig eine Warnung sein vor allen Richtsteigen, welche die Spekulation ausfindig gemacht.

Aber die Last der Wildschur im Arm machte das Springen noch bedenklicher. Zum Glück war jetzt auch der Kandidat herangekommen. Ob er den Arm danach ausgestreckt oder der Edelmann ihm entgegenkam – genug, der Kandidat hielt den schweren Pelz im Arm, der Hofmarschall sagte: »Ach, Sie sind sehr gefällig!« und sprang, von der Hand des Barons gezogen, auf die andere Seite. Drüben fand er, und der Baron auch, daß er in starker Transpiration sich befinde und durch schnellere Bewegung sich vor einer Erkältung bewahren müsse.

»In der Schenke von Querbelitz treffen Sie uns, Herr Mauritz,« waren seine letzten Worte. »Sie kommen uns wohl bald nach.«

Der Kandidat Mauritz beeilte sich nicht. »Es muß doch manches hier anders werden!« sprach er und sah ihnen mit einem halb wehmütigen, halb lächelnden Blicke nach. Erst als sie am Ende des Moorpfades in den Büschen der jenseitigen Höhen verschwunden waren, warf er den Pelz über die Schulter und war mit einem Satz auf dem Steine drüben. Die Wasser, die an den Steinen sich brachen und um seine Füße rauschten, schien er mit Vergnügen zu betrachten. Er blieb oft stehen, um ihr Spiel zu verfolgen.

»Sein Geist schwebt, wie über den großen Wassern der Schöpfung, auch über diesen kleinen

Strudel, und es ist ewige Bewegung. Aber diese spielenden Fluten werden versiegen, die durstige Erde schluckt sie schon im nächsten Sommer ein, und der alte Sumpf haucht wieder die feuchten, schädlichen Dünste aus. Die Wassertank spült nicht mehr den Schlamm der Jahrtausende herunter. . . .

Wird seine nächste eine Feuertaufe sein?«

Er hatte die Höhe drüben erstiegen; eine kleine Waldkuppe bot noch einen letzten Rückblick auf die Gegend, ehe der Flußpfad nach dem Dorfe sich in dem dichten Kiefernwalde verlor.

Die Sonne schoß noch einmal aus der kleinen Wolkenbreche, die sich enger zusammenzog, einen trügerischen Freudenstrahl. Rote Lichter fielen auf das braune Moor, die Blutsteine flammten, und der hohen Kiefernstämme knorrige Aeste, welche die jenseitigen Ufer der Quierlitz überschatteten, die dem Wanderer zu Füßen rauschte, waren von der Glut übergossen, welche unsere Nadelwälder oft so malerisch macht. Der Burgwall ward von den Bäumen versteckt, aber jenseits links ragte das große Königsgrab, vom Lichtglanz übergossen, in den Horizont.

Es war ein stiller, feierlicher Anblick. Ein Maler, der das Bild wiedergeben wollte, hätte ein verfehltes Gemälde geliefert; aber ein Maler, der hier sammeln wollte, fand Töne und Tinten, um ein ausdrucksvolles zu schaffen. Tiefe Stille ruhte über der Gegend, nur schwach unterbrochen vom Klappern der Wassermühle, welche der Bach trieb. Das Krähengeschrei war verstummt: nur hoch über dem Krolengrabe kreisten zwei Raubvögel.

Der Kandidat schien der Maler, der hier Töne sammelt. Er stand mit untergeschlagenen Armen, den Blick unverwandt auf die Hünengräber gerichtet, als wolle sein Auge in ihre geschlossenen Tiefen dringen.

»Was ist von Euch allen übrig als eine dunkle Mär, daß Ihr einst gelebt habt! Alles andere vergessen, Eure Taten, selbst Eure Namen, und über Eure Gräber geht der Pflug. Wo einer Eure Aschenurnen ausgräbt, zerschlägt er sie gleichgültig, er zerstreut den Rest Eurer Gebeine in den Wind, weil Ihr keine Schätze gesammelt, die Wert für uns haben. Wenn so große Reiche und Völker untergehen konnten, welche die Geschichte noch gekannt, spurlos, ohne Erinnerung verschwanden, kann nicht auch an uns die Reihe kommen? Was helfen Heldentaten, große Werke und große Könige einem Volke, wenn seine Stunde abgelaufen ist! Wir hatten auch große Könige, haben Werke verrichtet und Heldentaten geübt, die unser Stolz bis in die Sterne erhebt, und wenn doch auch unsere Stunde gekommen wäre in dem Zeitmeer, für das wir keine Messung haben, wenn die Hand des Ewigen verdammend über uns hinwehte und die Schöpfung dieser gewaltigen Könige bestimmt wäre, in Trümmern und Staub zu sinken, und Männer ständen einst vor unsern Gräbern wie wir vor diesen und fragten gleichgültig, wer waren sie und was haben sie getan? Und unsere Geister schwebten wie Dunstflocken im Nebel, ihr Angstschweiß, weil keiner Antwort gäbe, träufte wie dieser kalte Nebel auf die Haut der Lebendigen! Und wenn die Allmacht, unseres Schmerzes sich erbarmend, ihm doch Laute und Stimmen schenkte, – auch dann verständen die Männer es nicht. Die Stimmen blieben ein toter Schall, Friedrichs Ehre und Fehrbellin ein Klang, wie uns die gleichgültigen Namen jener Wilzenkönige, und sie zerschlügen unsere Urnen, sie streuten unsere Asche und Gebeine in den Wind. denn wir haben keine Schätze gesammelt, die für sie Wert haben!« –

Der Wind, der leise pfeifend von Westen gekommen, heulte jetzt durch den Forst. Die Kronen der hohen Kiefern beugten sich knarrend über den Einsamen, und das leuchtende Königsgrab war zum grauen Klumpen verschrumpft.


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