Briefe auf einer Reise durch Deutschland und der Schweiz im Sommer 1808.

von Charlotte von Ahlefeld.

Vier und dreißigster Brief.

Ludwigsburg, den 2. Sept.

Wir benutzten unsere Zeit in Stuttgardt so gut wie möglich, um alles das in Augenschein zu nehmen, was man uns als das Merkwürdigste anpries. Dahin gehört vor allen Dingen das Schloß, das mit wahrhaft königlicher Pracht geschmückt ist. Eine reiche Eleganz, die mit dem höchsten Schimmer dennoch größtentheils eine gewisse edle Einfachheit verbinden, verbreitet sich über alle Zimmer und Säle, und hält in jedem derselben das Auge bewundernd fest. Ein Kabinet, das mir vorzüglich lebhaft in der Erinnerung vorschwebt, zeichnete sich durch eine größere Simplicität von der strahlenden Reihe der übrigen Gemächer aus. Es ist ganz weiß und mit Statüen und Büsten decorirt. Silen, der den jungen Bachus auf den Armen hält und ihn in Lebensgenuß unterrichtet, ist der schöne Abguß einer Antike, und ahndet ganz den hohen reinen Geist, der gewöhnlich die Arbeiten der Alten umwehte. Mehrere Zimmer sind mit kostbaren Gobbelins geziert, die Napoleon dem König schenkte — andere mit Prachtgefäßen aus der Sever Porzellanfabrik, die an Vollkommenheit alles übertreffen, was man in dieser Art nur sehen kann. Doch dürfen auch die Würtembergischen Künstler dreist die Früchte ihres Fleißes neben den Kunstproduckten der Franzosen aufstellen. Auch hat der König sich hauptsächlich der Arbeiten seiner Unterthanen bedient, um sein Schloß zu verschönern — nur wünschte ich, daß er, was Gemälde betrifft, eine Ausnahme zu Gunsten des Auslands gemacht hätte. Denn von denen, die ich sah, dünketen mir nur weniger ihrer Stellen ganz würdig. Sehr befremdete es mich von dem mit Recht berühmten Hartmann, der ein Würtemberger ist, und seit mehreren Jahren in Dresden lebt, nur ein, und zwar ein in früher Jugend flüchtig entworfenes Gemälde zu sehn, das sich gegen seine neuern vortrefflichen Darstellungen nur wie ein trüber Schatten gegen volles, schimmerndes Sonnenlicht verhält. Es hängt in den Zimmern der Königin und stellt Diogenes vor, wie er den Becher wegwirft, als er einen Jüngling mit der Hand aus einer Quelle schöpfen und trinken sieht.

Wir besuchten hierauf die Atteliers der Bildhauer Dannecker und Scheffauer. Bei dem letztern sah ich zwei für die Königin von Westphalen bestimmte Basreliefs in Marmor von seiner Arbeit, welche Amor und Psyche, und Ariadne und Bachus im Kuß vorstellten. Bei Dannecker fand ich mehrere Abgüsse von Antiken und verschiedene sehr ähnliche Büsten von Schiller. Eine angenehme Spazierfahrt machte uns näher mit der umliegenden Gegend bekannt. — auch besuchten wir das Theater, und besahen die Stadt, die sich unter die schönsten Deutschlands zählen darf.

Heute Morgen fuhren wir hierher. Der Weg ist mit Obstbäumen eingefaßt, die unter der Last ihrer Früchte sich bogen, und oft zehn bis sechszehnmal gestützt waren. Nie habe ich den Seegen des Herbstes so unüberschwänglich gesehen — es warm als hätte Pomona ihr unerschöpfliches Füllhorn hier ausgegossen. Wir ließen uns das hießige Schloß zeigen, das al die Sommerresidenz des Königs ebenfalls groß und reich verziert ist. Auch sahen wir die Menagerie. Die äußerst komischen Gebährden der Affen belustigten mich zwar, aber nur auf einige Augenblicke, und mit Ekel wandte ich mich bald von diesen Karikaturen der Menschheit ab. Ich möchte mir nie welche halten, noch weniger aber Wölfe und Bären mit Fleisch mästen, wodurch manche arme Familie sich sättigen könnte. Von allen den wunderbaren Kreaturen einer theils heißeren, theils kälteren Zone, wie die unsrige, haben mich die Kengurns am meisten gefreut, die ich hier zum erstenmale sah. Das sonderbare Mißverhältnis ihrer Beine, von denen die vordersten ganz kurz, die hintersten aber unproportionirt lang sind, giebt ihnen, wenn sie auf allen Vieren stehn, ein sehr ungraziöses Ansehn. Gewöhnlich aber erhalten sie sich aufrecht und hüpfen auf den Hinterfüßen leicht und zierlich einher. Die Weibchen haben von der Natur einen seltsamen Beutel erhalten, worin sie ihre Kinder tragen, bis sie fähig sind, sich allein zu ernähren, und auch dann noch kehren zuweilen die der Wärme bedürftigen Kleinen dahin zurück, bis ihre zunehmende Größe es ihnen unmöglich macht, diesem sichern Zufluchtsort ferner zu besuchen. Zwei Mütter trugen gerade ihre Kinder auf diese Weise mit sich umher, und die niedlichen, rehähnlichen Köpfe sahen äußerst naseweis und munter zu dem mütterlichen Leibe heraus.

Nachdem wir die weiten, und zum Theil sehr anziehenden Spaziergänge des Parks durchwandertet hatten, besahen wir noch das Haus der Königin, in welchem sie zwar nicht wohnt, aber das sie doch oft besucht. Es ist sehr nett und zierlich, jedoch bei weitem nicht so prächtig, wie das Schloß. Die meisten Tapeten sind von feinem, englischem Zitz, und die ganze Einrichtung ist so weit von allem königlichen Glanze entfernt, daß sie nicht zu kostbar für eine wohlhabende Familie des Mittelstandes seyn würde. Es fiel mir auf, in einem der am elegantesten möblierten Zimmer eine Wanduhr, und zwar in voller Aktivität, zu finden, wie man sie kaum schlechter und gemeiner in der Wohnung eines armen Bauers antreffen kann. Sie stach zu grell gegen ihre Umgebung ab, als daß meine Neugierde eine Frage deshalb hätte unterdrücken können. Man erzählte mir, daß si ein scherzhaftes Geschenk des Königs an seine Gemahlin sey, welche ihr sogleich diesen Platz angewiesen und befohlen habe, sie immer richtig aufzuziehn und auf alle Art für ihre Erhaltung zu sorgen.


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