Maria Müller

von Charlotte von Ahlefeld.

Neuntes Kapitel

Der Sommer nahte seinem Ende. An einem schönen Morgen im Anfang des September saßen August und Josephine im Garten, – Josephine arbeitete still, und beide sahen gedankenvoll vor sich nieder.

Wie doch alles vorübergeht! sagte August, indem er auf ein Beet verblühter Blumen wies, – vor wenig Tagen noch war's hier so bunt, und nun – – ach, Josephine! wir haben sie nicht gepflückt, diese Blumen, weil wir ihnen eine längere Dauer zutrauten, und die Natur bestrafte unser Zögern. Wann werden wir lernen den Augenblick benutzen? Wenige Wochen vielleicht nur noch, und wir sind auf immer geschieden. Wie mancher Tag, wie manche Stunde der Vergangenheit ist vorüber geeilt, ohne daß ich Sie gesehn habe, und wer weiß, wie karg mir die vom Schicksal zugemessen sind, in denen ich Sie noch sehen kann. Und doch ist die Erinnerung an Sie, an Ihre Güte, an Ihr liebevolles Wesen, selbst an diese unbenutzten Stunden, wo ich von Ihnen träumte, das einzige, was einen Strahl von schwermüthiger Freude in mein künftiges Leben weben wird. Wie will ich mir das Andenken jener unwiederbringlichen Zeiten erneuern, in denen das Heiligthum Ihrer Seele mir offen lag! – wie will ich mir alle jene köstlichen Augenblicke zurückrufen, wenn die goldnen Tage des Beisammenseyns wie ein schöner Traum dahin geflohn sind, und mir nichts mehr bleibt, als ihr Bild und mein Schmerz!

O, glauben Sie, Wilmuth! versetzte Josephine mit feuchtem Auge, glauben Sie, daß ich weniger als Sie an diese unvergeßlichen Jahre zurückdenken werde? Aus dieser Einsamkeit herausgerissen, in der mir so wohl war, in neuen Verhältnissen, vor denen mir schaudert, in die geräuschvollen Freuden der großen Welt verflochten, denen ich ruhig in der Ferne zusah, ohne sie mir zu wünschen, – glauben Sie nicht, daß ich höchst unglücklich seyn, und mich immerdar sehnen werde nach dem entschlüpften Labsal der Ruhe, die mir diese Stille gewährte. Ach, Wilmuth, ein Gefühl ohne Namen preßt mir die Brust, wenn ich in die Zukunft blicke. Hier unter dem schönen, blauen Himmel, der meinen Kampf sieht, geloben Sie mir ewige Freundschaft. Nicht in der kalten, alltäglichen Bedeutung, in der man sie gewöhnlich sich verspricht, – nein, im ganzen heiligen Sinne dieses Worts, für dieses und jenes Leben. Vorurtheile trennen uns für diese Welt, aber nicht den ewigen Bund unsrer Seelen.

August beugte sich herab auf ihre Hand, und eine sanftere, schönere Empfindung, als alles vorhergegangene Verlangen seiner Liebe, füllte sein Herz. Ja, Wilmuth! fuhr Josephine fort, und ihr Auge glänzte heiter, als erblickt' es Paradiese, ja Sie sollen immer mein erster, vertrautester Freund bleiben. In Ihren Busen will ich meinen Kummer ausgießen, – mit Ihnen will ich die Freuden theilen, die ich sparsam auf meiner künftigen Laufbahn finden werde. Nehmen Sie den Namen Bruder von mir an, da ich nicht Geliebter sagen darf. Als Ihre Schwester ist es mir erlaubt, Ihnen alle die Liebe und Freundschaft zu versichern, die ich für Sie empfunden habe. Als Ihre Schwester darf ich Ihnen schreiben, was mich kränkt und freut, und wenn ich auch vor jedermann meinen stillen Gram verhülle, so soll doch immer mein theurer Bruder den wahren Zustand meines Gemüths erfahren, und mit mir trauern, daß gerade ich, ich mit diesem Herzen voll warmer Liebe ein Opfer der Konvenienz geworden bin! –

Sie sanken an einander in eine lange, sprachlose Umarmung. August zitterte an ihrem Busen, aber Josephine umfaßte ihn mit der ganzen Unschuld und Reinheit des Verhältnisses, das sie sich erfunden hatte, ihre Wehmuth zu lindern, ohne strafbar zu seyn. Die Ruhe und Ergebung eines Engels glänzte in dem milden Blick, mit dem sie in Augusts flammende Augen sah.

Madam Wilmuth näherte sich ihnen langsam und verlegen. Jetzt gilts, Josephine! sagte sie, jetzt ist die Stunde gekommen, die allen Ihren Muth, alle Ihre Standhaftigkeit fordert. Ein reitender Bote hat diesen Brief an Sie gebracht, und zugleich, – ihre Stimme fing an zu brechen, – die Nachricht, daß wir uns trennen müssen. Josephine erkannte die Hand ihrer Mutter, und ward bleich. – August stand unbeweglich wie ein Marmorbild.

Als die erste Betäubung vorüber war, ermannte sich August, hob den Brief auf, der Josephinens zitternden Händen entfallen war, und sagte mit ruhiger Fassung: Lesen Sie, Josephine! Kann er etwas schlimmeres enthalten, als was wir schon wissen? – Vielleicht, und eine kleine Bitterkeit mischte sich unwillkürlich in seinen Ton, – vielleicht den Tag Ihrer Hochzeit, – – aber uns kann ja nichts mehr scheiden! Nein, Josephine! die Freundschaft, die unsre Herzen verknüpft, ist ewig, wie die Zukunft, die uns hinter dem Grabe erwartet!

Josephine erbrach mit Beben den furchtbaren Brief. Bei jeder Zeile, die sie las, nahm der Schmerz zu, der ihr Innerstes folterte, und als sie geendigt hatte, ward ihr Auge dunkel, das Blatt entfiel ihr, und August fing sie in einer tiefen Ohnmacht in seine Arme auf.

»Sobald Du diese Zeilen erhalten hast, lautete der mütterliche Brief, so mache Dich zur Abreise fertig. Du wirst von den Händen Deiner Eltern den Gemahl empfangen, den wir Dir bestimmt haben. Er verdient unsre Wahl. Schönheit, Geist, Reichthum und hohe Geburt machen ihn zu einer der ersten Partien im Lande. Der zwanzigste Oktober ist zu Deiner Vermählung bestimmt. Säume daher keinen Augenblick, mit dem Wagen, der Dich abholen wird, sogleich die Stadt zu verlassen.«

Gräfin von der Ecke.

Josephine, liebes, theures Mädchen! rief August, das schöne Geschöpf an sein Herz drückend, das aus Liebe zu ihm so bleich war, – komm wieder zu Dir, fasse Muth, beruhige Dich! Josephine öffnete das matte Auge, und fand sich in den Armen ihres Geliebten. Süß war ihr Erwachen, denn alles Vorhergegangne lag wie ein schwerer Traum hinter ihr, – sie lächelte bewußtlos die bittere Erinnerung an, die sie für ein Bild ihrer Fantasie hielt, und fühlte sich nur wieder unglücklich, als der grausame Brief ihr bewies, daß die Dinge wirklich so waren. Der kalte Schauder, der alle ihre Adern bei der Nähe ihrer Verbindung durchdrang, hatte sie erst gelehrt, wie sehr sie August liebte. Als jener fürchterliche Zeitraum noch in weiter Entfernung von ihr war, glaubte sie sich stark genug, mit festem Sinn den Mann ihrer Liebe dem kindlichen Gehorsam aufopfern zu können. Es schien ihr groß und erhaben, die Neigung ihres Herzens ernstern Pflichten zu unterwerfen, und das Gefühl ihres Werthes und ihrer Gewalt über sich selbst, regte sich stolz und schwärmerisch bei dieser großen Gelegenheit, wo es sich zeigen konnte. Aber da der Gedanke einer nahen, und wahrscheinlich ewigen Trennung mit aller seiner Bitterkeit vor sie trat, – jetzt, da sie mit jedem Tage sich fester an den liebenswürdigen Freund schloß, und es tiefer fühlte, wie glücklich sie mit ihm seyn könnte, – jetzt löschte die stille Thräne der Liebe das Fantom ihres Stolzes aus.

Ist er denn wirklich für mich verloren? – sagte sie zu sich selbst, als sie allein war. Hab' ich denn einen einzigen Versuch gemacht, das Glück meines Lebens zu retten? – Ich will es wagen – ich will mich meiner Mutter entdecken, ich will sie in das Herz blicken lassen, das nur Augusts Liebe erwiedern kann. Welche Mutter könnte gleichgültig bei dem ewigen Wohl und Wehe ihres einzigen Kindes seyn, – welche Mutter könnte ihr einziges, flehendes Kind den Vorurtheilen opfern, vor denen es zurückbebt!

Zwar mischten sich leise bittre Zweifel in ihre aufkeimende Hoffnung, aber sie faßte Muth, und entschloß sich fest zu seyn. Hab' ich nicht durch die schmerzlichste Bemühung zu gehorchen, schon meine Pflichten erfüllt? fuhr sie in ihrem Selbstgespräch fort, und ist nicht das Streben nach Glück zu natürlich in der Brust des Menschen, als daß es Sünde seyn könnte? – Die Welt wird freilich einen Schritt tadeln, der nicht in ihre Konventionen paßt, aber was ist das Urtheil der Welt gegen ein langes, trauriges Leben, hingeschleudert an einen Mann, den ich nicht kenne, der mich nur aus Eigennutz wählt, weil mir das Unglück Vermögen gab. – Und muß ich denn mit der Welt leben? finde ich nicht alles, was sie mir entziehen kann, in dem engen aber schönen Kreise meines stillen, häuslichen Glücks wieder? – – Ja, ich will mich mit frohem Sinn über ihren Beifall und ihren Tadel erheben und hinwegsetzen. Augusts treue Liebe, ein einsames, ländliches Leben, der Umgang seiner Mutter, die Einwilligung meiner Eltern, – Gott, es wäre zu viel, zu viel der Wonne für ein Herz, das schon anfing, das Hoffen zu verlernen!

Josephine sah jetzt gefaßter dem Abschied entgegen, da sie diese süßen Bilder einer erträumten Zukunft nährte. Sie rief sich das Andenken ihrer Eltern ins Gedächtniß zurück, welches, da sie ihr durch die lange Trennung ganz fremd geworden waren, freilich ihre Hoffnungen nicht belebte, aber auch nicht niederschlug. Das Wiedersehn nach so manchem fern verlebten Jahre, glaubte sie, würde die Eisrinde schmelzen, mit der Stolz und höfische Eitelkeit ihre Herzen überzogen hatte, und dieser Glaube war so wohlthätig für sie, daß sie sich hinwegwandte von allem, was ihn hätte vermindern können.

Nicht so August. Ihm war, als risse sich mit Josephinen der beßre Theil seines Ichs von ihm los. Als die Stunde des Scheidens schlug, breitete sich über sein ganzes Gesicht eine tödtliche Blässe aus. Leise verhallte der Ton, aber in seiner Seele klang er fort, wie die Sterbeglocke aller seiner Freuden. Josephine hatte ihm ihren Vorsatz verschwiegen, um ihn durch diese große Probe ihrer Liebe zu überraschen, wenn er ihr glückte. Ihr Auge hatte keine Thräne, nur einen Blick voll Seele, der Treue gelobte, und um Treue bat. Madam Wilmuth umarmte sie weinend, – Josephine dankte ihr mit stiller Rührung für alle ihre Liebe und Güte. Wir sehn uns bald wieder, flüsterte sie zuversichtlich in den letzten Abschiedskuß, und vielleicht fröhlicher! Drauf reichte sie August, der unbeweglich und ganz versunken in seinem Schmerz da stand, mit einem süßen Lächeln die Hand, aber bald mischte sich Wehmuth in ihre Miene. Leben Sie wohl, sagte sie mit leiser Stimme, und schnell wurde ihr Blick feucht, denn eine trübe Ahndung durchflog ihr Innres, – leben Sie wohl, mein Freund, und erhalten Sie mir ihr Andenken. Ich werde Ihnen schreiben, ich werde immer an Sie denken, ich werde Sie niemals, niemals vergessen! Ein paar Thränen rollten ihre Wangen herab, – sie eilte in den Wagen, und schnell flog er mit ihr und ihrem Kummer dahin.

Eine Kammerfrau ihrer Mutter saß neben ihr, und betrachtete sie mit Theilnahme. Josephine war nicht aufgelegt zum Reden. Sie durchdachte stumm und in sich gekehrt den Plan, den sie sich entworfen hatte, und sah ihn wechselsweise in der Ebbe und Fluth ihres Muthes bald gelungen, bald vernichtet.

Sie scheinen traurig zu seyn, gnädige Gräfin, nahm das Mädchen endlich das Wort, und ich dächte, niemand hätte mehr Ursach zur Freude, als Sie. O, wenn Sie wüßten, wie schön der junge Graf ist, wie herrlich das aussieht, wenn er in seinem hohen Whisky mit den sechs muntern Schimmeln daher gefahren kommt, Sie würden gewiß vergnügt seyn.

Glückliches Geschöpf, seufzte Josephine, das mich vielleicht um den lästigen Glanz beneidet, den ich verachte! Ach, wie gern wollte ich Dir um Deine unbefangene Lage den schönen Bräutigam mit allem seinem Schimmer überlassen, und in der Mittelmäßigkeit, die das Loos Deines Standes ist, zufrieden seyn! Hannchen schüttelte verwundert den Kopf, denn sie konnte die Gräfin nicht begreifen. Josephine schwieg auch, und wurde immer düsterer, je näher sie dem Ziel ihrer Reise kam. Endlich, als sie in einem Vorwerk ihres Vaters abstieg, um da nach ihrer Mutter Vorschrift die Nacht zu bleiben, hoben sich ihr aus weiter, blauer Ferne die Thürme ihres Schlosses von einem waldigten Berggipfel entgegen, und ein paar Thränen stiegen in ihr Auge, die der Gedanke erpreßt hatte: Wie wird sich Dein Schicksal entscheiden? –


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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