EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Eulogius Schneider's ehemaligen Professors in Bonn etc. Schicksale in Frankreich.

von Christoph Friedrich Cotta

13.

Bald nach dem 10. August 1792. wurde eine neue Wahlversammlung angeordnet, weil die erste Constitution nicht länger für Frankreich tauglich wäre; weshalb sich statt der gesetzgebenden National-Versammlung eine Volkskonvention zu Paris versammeln müsse, die dem Volke eine republikanische Constitution geben, und dann wieder auseinander gehen solle[1]. Bei der Wahlversammlung, die diesmal ihre Zusammenkunft zu Hagenau hielt, gab sich Schneider alle Mühe, nicht allein einige seiner Freunde in den Convent zu bringen, sondern sich selbst die nämliche Stelle zu erwerben. Allein, so auffallend auch sein geschäftiges Werben darum, so sichtbar sein Aerger war, den ihm seine Gegner dadurch verursachten, daß sie seinen Anschlage so kräftig entgegen zu arbeiten mußten; so mußte er sich denn doch darein fügen, und zusehen, daß man sogar durch das öffentlich geäusserte Vorgehen: er müsse im Departement bleiben, die Stelle des öffentlichen Anklägers schicke sich besser für ihn etc. nur so viel Zeit gewinnen wollte, ihm den Erwerb jeder öffentlichen Stelle zu verhindern. Denn als es dazu kam, daß der öffentliche Ankläger sollte gewählt werden, hatten seine schlauen Gegner schon das Landvolk, woraus der größte Theil der Wahlmänner besteht, davon zu überreden gewußt, daß sich Schneider, als bisheriger Priester, gar nicht in eine Gerichtsstele schicke, wie diese sey etc. und so mußte er also zu seinem imigsten Verdrusse sehen, daß er bei dem ganzen Wahlgeschäfte umsonst sich bemühet hatte, und sohin leer ausgieng. Acker wurde statt seiner öffentlicher Ankläger, und nach ihm, hatte er die meisten Stimmen, aber mit diesem war ihm nun einmal gar nicht gedient. Indessen fügte es sich doch, daß Acker, als bekannter Anhänger Dietrichs, seiner Stelle entsetzt, und bald darauf mit mehreren anderen auf die Liste der Verdächtigen gebracht, erst aus der Stadt verwiesen, und dann gar eingekerkert wurde. 


[1] Warum geschah Letzteres nicht? Warum war und blieb der Convent bis jetzt in seinem Posten? Merlin von Thionville trug, ich weiß nicht mehr in welchem Monate dieses Jahres 1795. Dem Convente vor: eine neue Urversammlung auf den 15ten Priärial (oder Floreal) zu dekretiren, und eine neue Nationalversammlung eintreten zu lassen. Allein er fand bald sehr viele Gegner im Convente gegen seinen Vorschlag, der, wie ich glaube, ihm gerade am wenigsten Ernst war. Man brachte gegen die Ausführung dies Vorschlages verschiedene, und unter andern auch diese Gründe mit vor: »Der Convent habe einmal die Friedensunterhandlungen angefangen, und es schicke sich daher nicht, daß er, ohne sein angefangenes Geschäft beendigt zu haben, auseinander gehe. Ferner sey die Lage der Dinge in Frankreich zu kritisch, und es daher äusserst unklug, das Schiflein, dessen Leitung man ihm anvertraut habe, mitten in den größten Gefahren ohne Steuermann dem Ungefähr und der Willkühr des Schicksales zu überlassen. Endlich und das war doch der Hauptpunkt, der den Herren am meisten am Herzen lage, und sobald nicht davon weichen wird – müßten sie erwarten, daß man eine große Anzahl solcher Subjekte zu Mitgliedern der neuen Nationalversammlung wählen würde, die als geschworene Feinde der meisten Mitglieder des gegenwärtigen Convents, ihre Macht (wie der gegenwärtige Convent!) zum Verderben derselben mißbrauchen, und so nur desto eher Gelegenheit finden würden, ihre Rache denen fühlen zu lassen – die sie auch wohl verdient haben – möchten. Merlin von Thionville schien mit diesen Gründen zufrieden zu seyn, und schwieg. Es läßt sich aus diesem vorliegenden eigentlichen Sündenbekenntnisse schon genug ersehen, daß die Herren, die ohnehin des Herrschens gewohnt sind, die leidige Zukunft befürchten. Ob sie ihr gänzlich werden entgehen können, bezweifle ich gar sehr. Auch möchte es nicht so ganz gerecht seyn, wenn sie um der unzähligen Ungerechtigkeiten gegen das Eigenthum des bedauerungswürdigen französischen Volkes, und um der eben so vielen und großen Blutschulden willen, die ewig auf ihnen werden haften bleiben, nicht noch den Lohn dahier erhalten sollten, denn sie längst verdient haben.

Man muß das Unwesen ganz kennen, wie der Verfasser dieser Bogen es kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Man muß ganz wissen, wie viel Uebels diese Herren, seitdem der Nationalconvent besteht, verübt haben, und durch sich haben ausüben lassen. Man ist zu sehr schon daran gewöhnt, daß sie, zufolge ihrer unzähligmal erprobten Schaamlosigkeit, alle von allen begangene Verbrechen an einzelnen wie am ganzen Volke, dann, wann die Stimme der Unglücklichen nicht mehr erstickt werden kann, auf einzelne unter sich werfen. Die sämtlichen Unmenschen von Robespierre an bis auf den Letzten, der erst dieser Tage wieder aus der Mitte dieser Blutversammlung, als öffentlich gebrandmarkter Verbrecher, ist entfernt worden, beweisen genug, daß nach der großen Anzahl, die man schon seit kurzer Zeit daraus geworfen und dem Blutgerichte übergeben hat, die übrige Parthei wohl auch nicht viel besser seyn müsse, und ihr bisheriges Bestehen nur dem Ohngefähr zu verdanken habe. Denn, was die Verbrechen angeht, die diesen Einzelnen aufgebürdet werden, so sind sie fast alle derselben schuldig geworden, weil sie, uneingedenk ihrer Pflichten, entweder einzelne Verbrechen gegen die Menschheit begehen ließen, oder geradezu solche Verbrechen decretirten und zu seiner Zeit billigten. – Noch etwas: man werfe einen Blick auf den unbeschreiblich traurigen Zustand des ganzen Frankreiches – Wer hat das alles bewirkt? – das Volk doch wohl nicht selbst? Denn es übte bisher nichts als eine beispiellose Gedult aus, wohl aber die Stellvertreter dieses Volks; diese sind die Stifter alles Jammers, der so schrecklich das arme Volk drückt. Ob die Herren das nicht einsehen? Nur gar zu wohl! Und eben darum fürchten sie die Volksrache. Ja, wenn nur auch so viel Vermögen im Volke wäre, um widerstehen zu können. Es kennt, gelähmt vom Schrecken und Mordmesser, kein Mittel mehr, sich zu helfen, als Ergebenheit und Gedult, und den geheimen Wunsch bessere Zeiten. Und wer hat das Alles bewirkt? Wohl nicht die so oft gepriesene, an allen Thüren aushängende Freiheitsverfassung Frankreichs – die als Beispiel einer tyrannischen Volksmißhandlung das erste Muster bleiben wird. -

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