EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Eulogius Schneider's ehemaligen Professors in Bonn etc. Schicksale in Frankreich.

von Christoph Friedrich Cotta

Nachtrag.

Es ist Unwahrheit, wenn von ihm erzählt wird, er habe eine sehr große Anzahl Unglücklicher und Unschuldiger zum Tode verdammt und hinrichten lassen. Ich will annehmen, daß durch seine Mitwirkung, so lange er öffentlicher Ankläger zu Strasburg war, dreissig Personen das Leben verloren haben. Seine Nachfolger im Amte, von denen man aber stillschweigt, und die seine Verbrechen bei aller Gelegenheit so groß fanden, lieferten vielleicht eben so viel, wo nicht weit mehr auf das Blutgerüste.

Neumann von dem ich oben auch schon gemeldet habe, war sein Nachfolger im öffentlichen Anklägeramte zur Zeit, wo durch das verruchte Dekret, welches die französische Regierungsart als revolutionär erklärt, alle ausserhalb Paris existierenden Revolutionskommissionen längst aufgehoben, und unter den größten Strafen untersagt waren. Neumann ließ mehrere, die als Feinde des Staats angesehen wurden, hinrichten. Mainoni, Teterel und Wolf waren seine Mitgehülfen im Amte. – Diese Commission gieng endlich auseinander, und bald hernach (den 6ten Pluviose) errichtete Lacoste und Beaudot eine andre, die förmlich auf die Grundsätze gebaut war, nach denen Schneider, zufolge der von den Representanten insgeheim erhaltenen Instruktion, gehandelt hatte, und weshalb er bald hernach vor das Revolutionsgericht nach Paris geliefert wurde, und zwar von denen, die ihm so und nicht anders zu handeln befohlen hatten. –

Die Instruktion, welche die Richter beobachten sollten, denen Lacoste und Beaudot das neue, obigem Dekrete so sehr zuwider laufende Blutgericht aufgetragen hatten, lautete ungefähr also:

»Aus Ursache der Menge der Feinde, die sich im niederrheinischen Departement befinden, und täglich gegen die Republik sich verschwören – ferner aus der Ursache, weil der größte Theil der Einwohner des Elsasses mit den auswärtigen Feinden in Verbindung steht, und entweder Freund oder Verwandter der so vielen Emigranten ist, die sich bei dem Zurückzuge der Feinde mit über den Rhein begeben haben – aus der Ursache ferner, daß die meisten zurückgebliebenen Einwohner des niederrheinischen Departements als Anhänger und Freunde jener Ausgewanderten, diese Feinde des Vaterlands begünstigen würden, wenn man die Bestrafung der zurückgekehrenden Verbrecher, und der in allen Gefängnissen so häufig sitzenden Bösewichte den Richtern der bisherigen Gerichte überlassen wollte; haben sich die beiden Representanten genöthigt gesehen, eine besondere Commission zu ernennen, und zwar mit der (sehr kurzen und bestimmten) Instruction:

Weil der langweilige Weg der bisherigen Gerichtsform, und die juristischen hiebei gewöhnlichen Maximen und Bedenklichkeiten nicht allein befürchten lassen, daß mancher Verräther des Vaterlands entwichen, und durch diese Formalitäten sich seiner verdienten Strafe zu entziehen eher Gelgeneheit haben mögte; und ferner, weil wegen der Menge der in den Gefängnissen sich befindenden Verräther [1] und der täglich wachsenden Gefahr, jene Proceduren und Formalitäten, die Bestrafung dieser Bösewichte nur verzögern würden, so erhalten die Richter der neuen Commission diese Anweisung:

Auf die Aussage zweier Zeugen oder auf einen schriftlichen Beweis hin, den Verbrecher zu bestrafen.

Die Mitglieder dieser furchtbaren Commission waren: Neumann, als öffentlicher Ankläger, Delâtre (s. oben die Propagande), Fibig aus Strasburg, und noch einer, dessen Name mir entfallen ist.

Einige Tage vor dem Anfange ihres Blutrichterwesens wurden sie unter Zusammenläuten aller Glocken in dem Tempel der Vernunft!!! dem Volke vorgestellt, und demselben die Ursache bekannt gemacht, welche diese Commission veranlaßt habe. Man vergaß nichts, diese Herren recht furchtbar zu machen; ihre Kleider waren schwarz, an der Seite eines jeden hieng ein in schwarzem Flor gehüllter Säbel, und die Hüte stacken auch in solchen Floren. Vielleicht, um dadurch anzudeuten, daß sie Männer des Todes seyen u.s.w.

Der eigentliche Zweck, den Lacoste mit dieser Commission erreichen wollte, wurde dadurch vereitelt, daß gerade an dem Tage, als man damit anfangen wollte, die sogenannten Fremden (Deutschen) vorzunehmen, und samt und sonders aufs Blutgerüst zu schicken, die Commission von Paris aus den strengen Befehl erhielt, sogleich auseinander zu gehen.[2]

Ich habe oben gesagt, Neumann habe vielleicht eben so viel, wo nicht noch mehr unglückliche Schlachtopfer auf Blutgerüst gebracht. Und doch will Niemand den Sünder, der die hölle in seinem Busen überall mit sich herum trägt, nenne. – Nur ein Beispiel von seiner Art, in Verbrechen zu urtheilen und sie zu bestrafen.

Der von Lacoste und Beaudot errichteten Commission wurde unter andern ein armer einfältiger Schuhmacher, Namens Johann Altenburger, aus der Gegend von Reichshofen im Elsaß gelegen, zugeführt, der als die Kaiserlichen Truppen in dortiger Gegend sich befanden, gerufen haben sollte: Vive le roi! Die ganze Sache beruhte auf einer schriftlichen Anklage gegen den Unglücklichen, dem vielleicht seine Tage nicht ein französisches Wörtchen über die Zunge gekommen war, und er ward zum Tode verdammt, und mit Ellenberger, Hessenhanauischen Schaffner von Oberhofen, den Blutmesser überantwortet. Der arme Altenburger hat, als man ihm das Verbrechen vorhielt nur um etliche Tage Zeit, das Gegentheil beweisen zu können. Allein das war gegen die von Lacoste der Commission gegebene Instruktion; folglich blieben die Richter zu seinem so gerechten Ansuchen taub. As man ihn aus der Gerichtsstube abführte, sagte er den schwarzen Todesmännern noch: »Schreibt nur brav, das Papier ist geduldig und nimmt alles an, was man darauf setzen will.«

Und so, Freund Leser, hat Neumann vor und nach diesem Vorfalle noch manchen Unglücklichen dem Blutgerüste zugeschickt. Und man schweigt von ihm. Wie viele sind nicht auch durch Tisserand, dem Mitrichter bei der Militärkommission zum Tod verdammt worden? - - Haben etwa diese beiden weniger willkührlich gehandelt, als Schneider? - -

Und wie? würden Leute, die so leidenschaftlich gegen Schneider sich geberden, würden sie, wenn sie an seiner Stelle gewesen wären, gegen ihre Feinde edelmüthiger gerechter und kaltblütiger gehandelt haben, als er, der bei den ganz auf ihn geworfenen gerichtlichen Mordthaten nur das Werkzeug der Bösewichte Monet, Saint-Just und Lebas war? der sogar seine ärgsten Feinde, jene, die ihm zu Dietrichs Zeiten so manche bittre Stunde gemacht hatten, die Roissette, Thomasin, Ulrich, Fritz und andre mehr, nicht hervorzog, so leicht es ihm auch gewesen wäre; denn sie fassen meist zu Strasburg in den Gefängnissen, wohin sie Monet hatte bringen, und sogar von Paris aus dahin bringen lassen; wie leicht hätte er sich jetzt an ihnen rächen können, wenn er – nur gewollt hätte? - - Sind etwa die Leiden schon vergessen, die Ihr im Jahre 1794 erduldet habt? Erinnert sich keiner mehr von den vielen tausenden unter euch der Jammertage, die beinahe in jedem Hause, in jeder Familie, im vorigen Sommer erlebt wurden, wo Strasburg gleichsam ein Gefängnis war, und geheime Klagen und Seufzer überall wiederhallten über die unmenschlichen Bedrückungen und Mishandlungen der Tyrannen, die sich in eiuren Mauern befanden? – Würden wohl diese Bösewichte in Schneiders Gegenwart das alles zu thun gewagt haben – würdet ihr, wenn er noch unter Euch sich befunden hätte, so vielen und so kränkenden Verfolgungen wohl ausgesetzt worden seyn? War nicht er es vorzüglich, der euren Peinigern im Wege war, folglich bei Seite geschafft werden mußte? Ich will ihnnicht vertheidigen; denn er handelte an Euch ungerecht; aber er ist mit allen seinen an Euch begangenen Verbrechen, im Vergleich mit euren nachherigen Verderben, eher noch euer Freund zu nennen, als diese, die alle Einwohner von Strasburg, mit der größten Verachtung und dem abscheulichsten Hasse ansahen, und Euch Alle zu Grunde zu richten suchten.


[1] Die Geschichte der Strasburgischen Gefängnisse und der darin schmachtenden Unglücklichen, die einmal lauter Landesverräther seyn mußten, (da man doch laut dem rothen Buche, das in diesem Jahre zu Strasburg gedruckt erschiene ist, von den meisten nicht einmal wußte, was sie begangen haben sollten,) mögte sehr merkwürdige Dinge enthalten. Vielleicht liefere ich ein andermal etwas hierüber.

[2] Man gab sich nachher noch oft die Mühe, von Paris aus die Erlaubnis zu erhalten, um eine ähnliche Commission errichten zu dürfen, und zwar blos um dieser verhaßten Fremden willen.

 

Letzte Änderung der Seite: 30. 07. 2017 - 15:07