EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Eulogius Schneider's ehemaligen Professors in Bonn etc. Schicksale in Frankreich. (Kopie 2)

von Christoph Friedrich Cotta

19.

 

Bald nach diesem hämischen Aufsatze über besagtes Predigerkloster, erschien ein anderer, betitelt:

Die Ratten und Katze.

Eine alte Fabel, die zu Strasburg wieder neu wird.

»Die Ratten und Mäuse waren von jeher geschworne Feinde der Katze. Sie konnten es dieser nicht verzeihen, daß sie beständig vor dem Mäuseloche saß nd auf ihre Beute lauerte. Sie konnten, seitdem die Katze im Hause war, keinen Speck mehr stehlen, und wußten sich nicht mehr zu nähren, weil sie bis dahin immer vom Diebstahl gelebt hatten. Was thaten sie also? Sie hielten eine große Versammlung, wobei nicht allein alle Hausratten, sondern auch alle Feld- und Wassermäuse erscheinen mußten. Da kam es denn zur Sprache, was mit der Katze anzufangen sey? »Was uns betrifft, sagten die Feld- und Wassermäuse, so fürchten wir sie nicht, denn unsere Nahrung ist sehr einfach und wir brauchen keinen Speck, wie die Hausratten.« Aber die Hausratten drangen darauf, und die fremden Mäuse mußten wider ihren Willen an der Berathschlagung Theil nehmen. Eine der giftigsten Ratten darauf an, die Katze anzufallen, und mit vereinten Kräften zu morden. Aber der Vorschlag wurde weislich ausgeschlagen. Theils wie die Glieder der Versammlung nicht Muth genug dazu hatten; theils weil viele aus ihnen die Bemerkung machten, daß nur jene, welche in den Häusern stehlen, nicht aber die emsigen Feldmäuse, sich vor der Katze zu fürchten hätten. Da schlug eine ale Stadtmaus vor, man solle der Katze eine Schelle anhängen, daran man sie erkennen könne; denn, sagte sie, uns ist blos darum zu thun, daß wir nicht über dem Speckstehlen erwischt werden.

Und dazu genügt uns eine Schelle, die wir von weiten hören; so daß wir uns immer bei Zeiten in unsere unterirdischen Wohnungen zurückziehen können. Ueber diesesn Vorschlag entstand großer Beifall; aber da es zur Ausführung kam, wollte Niemand der Katze die Schelle anhängen. Was Raths also? Einige Ratten, die in einer Ecke lange miteinander gelispelt hatten, traten auf einmal in die Versammlung, und lasen eine Bittschrift an den großen Ausschuß des Thierreiches vor, worin sie die Verbannung der Katze, als eines höchst verdächtigen und schädlichen Thieres, verlangten. Bravo! Bravo! riefen die Speckdiebe, und unterschrieben sogleich ihre Namen. Aber die unschuldigen Feldmäuse schüttelten die Köpfe, und giengen unwillig davon. Lasset euer Stehlen bleiben, sagten sie im Fortgehen, so wird auch die Katze abgeschaft werden, oder doch nicht schädlich seyn.«

»Anwendung. Die Volksverführer, welche nur durch Schleichwege wieder in unsere Stadt gekommen sind, misbrauchen in den Sektionen den guten Charakter der Strasburger, um sie wider einen Mann aufzuhetzen, der bisher nur den Lasterhaften, den Wucherern, den Volksfienden, den Königsknechten, den Pfaffen und Schurken fürchterlich war, aber nie einen Unschuldigen kränkte; nie einen Unglücklichen ohne Rath, ohne Trost von sich ließ. Die Aufwiegler, die gerne wieder Speck stehlen, das heißt, die ersten und einträglichsten (??) Aemter wegfischen möchten, sehen diesen Mann, der ihnen immer auf die Finger sieht, gerade so an, wie eine Speckmaus die Katze ansieht. Ihn zu morden, haben sie nicht Herz genug; obschon sie ihm einmal drohten, ihn auf dem Gemeinehause zum Fenster hinab zu werfen, und erst kürzlich auf dem Paradeplatz aufhängen wollten. Ihm die Schelle umzuhängen, das heißt, ihn vor Gericht zu nehmen, und ein Verbrechen wider ihn zu beweisen, sind sie nicht im Stande; deswegen nehmen sie ihre Zuflucht zu einer Petition an die Nat. Konvention, worin sie ihn mit den schwärzesten Farben schildern, Lügen auf Lügen häufen, und seine Verbannung aus der Stadt, ja wohl aus der Republik verlangen. Dieser Mann bin ich Eulogius Schneider. Und hiemit sage ich Euch, ihr Volksbetrüger! Ihr seyd Schurken und Verläumder, so lange ihr mich nicht vor Gerichte belanget. Ich bin jeden Augenblick bereit, Rechenschaft von meinem häuslichen und öffentlichen Leben abzulegen. Trete hervor und beweiset Etwas wider mich! Oder verkriechet euch in eure Hölen, und schämt euch! Aber vor allen Dingen laßt das Speck stehlen; denn wahrlich! darin verstehe ich keinen Spaß. So lange ich athmen werde, werde ich alle Feinde des Volks, alle Wucherer, alle Rojalisten, alle Fanatiker, alle Pharisäer unerbittlich verfolgen. Verlaßt euch darauf! das gute Volk wird nicht lange mehr von euch betrogen werden. Es wird endlich anfangen, mit eigenen Augen zu sehen, und seine wahren Freunde von den Speckdieben unterscheiden lernen.«

Eulogius Schneider

Nur wenige Tage nach diesem Ausfalle nahm er die nämlichen Sektionen schon wieder vor, und zwar bei Gelegenheit der Freiwilligen, welche aus verschiedenen Departementen gegen die Rebellen in der Vendee die Waffen ergriffen; und Schneider glaubte nun, er werde durch einen neuen, freilich nicht so heftigen Aufruf, die Gemüther folgsam zu machen im Stande seyn. Ja! wenn er es nicht gewesen wäre. – Genug, Schneider ließ in seiner Zeitschrift folgendes an die Sektionen von Strasburg einrücken:

»Bürger! jetzt ist der Zeitpunkt, an welchem ihr zeigen könnt, von was für einem Geiste ihr beseelt seyd. Bisher hat man euch in euren Versammlungen mit Gegenständen unterhalten, welche sich blos auf eure besondern Verhältnisse, auf die Ab- oder Einsetzung gewisser Beamten, auf persönliche Verfolgungen u. dergl. einschränkten. Aber wenn das Haus brennt, ist es nicht Zeit, miteinander zu hadern. Da muß jeder Privatstreit vergessen werden; da muß jeder nach dem Feuereimer und der Löschmaschine laufen. Nun, das ist der Fall wirklich, Frankreich, dies schöne, stattliche Haus, dessen Kinder wir alle sind, steht in Flammen. Die Pfaffen, die Edelleute, die Königsknechte, die Unterhändler Pitts und die Wucherer, haben es in Brand gesteckt. Fürchterlich prasselt das verheerende Feuer des Bürgerkrieges in den Departement der Vendee und den angränzenden. Tausende eurer tapferen Brüder sind gefallen. Ein Bataillon von Marseille ist bis auf sechs Mann niedergemetzelt worden. Ha! wie sich die innern und äussern Feinde der Republik freuen? Wie sie lächelnd auf das Gewürge hinsehen, wie sie mit lüsternen Ohren das Röcheln der sterbenden Patrioten, das Gewimmer hülfloser Waisen, das Geheul trostloser Mütter, Weiber und Töchter verschlingen! Werdet ihr ruhig den Verheerungen zusehen? Oder glaubt ihr etwa, es sey noch zu früh‘, und wollt ihr warten, bis alles in Flammen steht, und es nicht mehr möglich ist, Hülfe zu leisten? Ist es nicht besser, dem Uebel zu steuern, da es noch Zeit ist, als warten, bis die Flamme über eure Häuser zusammenschlägt?«

»Hier, Bürger! hier zeiget euren Patriotismus, euren Muth, eure Entschlossenheit, die Republik zu behaupten! Machet diesen großen Proceß aus, und denkt nicht an die Kleinen. Die Stimme eurer Verwalter ruft euch auf zum Siege! Eilet hin, wo die Gefahr ist, und zerstreutet die Horden der Menschenwürger! Rächet das Blut eurer erschlagenen Bürger! Ihr seyd zahlreich, stark, gewafnet, geübt. Strasburg bedarf jetzt eurer Arme nicht; es ist vertheidigt genug durch die Rheinarmee. Je schneller ihr ins Schlachtfeld steiget, desto eher kommt ihr mit Lorbeern gekrönt zurück. – Mehrere eurer Verwalter selbst stehen an der Spitze der Freiwilligen. – Andere legen Geldsummen auf den Altar des Vaterlandes, um eure Weiber und Kinder zu nähren. – Bedenkt, was für ein Beispiel ihr der ganzen Nation geben werdet! von der äusserste Gränze strömt ihr hin, eure Brüder zu retten. etc. etc.

Letzte Änderung der Seite: 30. 07. 2017 - 15:07