EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Die Würtemberger in Mergentheim.

Geschrieben von einem Augenzeugen im Jahre 1810.

Teil II

Nachdem in dieser Versammlung die beiden Hofräthe von Kleudgen und Schrodt zur bemerkten Unterstützung ausgewählet waren, die aber schon am nämlichen Tage Nachmittags auf Geheiß der Bauern das Rathhaus wieder verlassen mußten, weil diese den Glauben unterhielten, daß dort unter dem Vorsitz des Herrn von Maucler, wie sie sich ausdrückten, Regierung gehalten würde; so wurden die Vorstände der sämmtlichen Gemeinden vorgerufen, zu welchen sich aber mehrere Bauern gesellet hatten, und die man endlich nach einer langen Berathung und unter tausendfachen Wendungen zur Entschließung brachte, daß der Freiherr von Maucler freigelassen werden solle. Hierauf begabe sich die sämmtlichen Comités-Glieder mit den Ortsvorständen unter einer starken Anzahl von Bauern auf das Rathaus, um dem Herrn von Maucler die Befreiung anzukünden. Allein diese Freude dauerte nicht lange, denn kaum hatte der Präsident dem Herrn von Maucler die bewilligte Loslassung eröffnet, und letztere sich zu sienen Unglücksgefährten ins Arrestzimmer zurückbegeben, um diese davon zu benachrichtigen; so stürmte ein unbändiger Haufen vom Auszuge des liederlichsten Gesindels, an dessen Spitze sich der berüchtigte Wilddieb aus dem Oberbalbach befand, mit einem fürchterlichen Geschrei auf das Rathhaus, und erklärte unter den heftigsten Drohungen, daß der genommene Beschluß nichts gälte, und kein Gefangener losgelassen werden dürfte. Alle Gegenvorstellungen der Comités-Glieder hätten nichts, die Rebellen hatten förmlich Partei gegen diese ergriffen, und drangen sogar darauf, daß sich dieselben in dem nämlichen Zuge, wobei von Jenen genau Obacht gegeben wurde, ob Herr von Maucler nicht darunter verborgen wäre, ins Sessions-Zimmer zurückbegeben sollen, um den gefaßten Abschluß wieder aufzuheben.

Dem Herrn von Maucler war übrigens alles daran gelegen, dem König eine bestimmte Nachricht von dem Zustande der Sache zu verschaffen, und nach jenem fehlgeschlagenen Versuche gelang es dem Präsidenten, die Bauern zu bewegen, daß sie den Major von Hypeden mit einem Schreiben des Herrn von Maucler an den König und mit diesem zugleich den französischen Offizier abgehen ließen, denen eine Sauvegarde von 3 Mann und ein Paß auf derselben ausdrückliches Verlangen mitgegeben wurde, den der Präsident unterschreiben, und dem ein noch vorgefundener Abdruck eines Regimentsiegels auf Verlangen der bauern aufgedruckt werden mußte, weil nach derselben Aesserung der Paß auf diese Art allein nur von ihren Kameraden auf den Vorposten respectirt werden würde.

Kaum war der Major von Hypeden abgegangen, als schon wieder ein großer Theil der Bauern gegen die Freilassung derselben schwärmte. Ueberhaupt wurde die Stimmung jetzt gefährlicher, als jemals. Es trat nun ein grenzenloses Mißtrauen gegen die Staatsdiener ein. Laut wurden diese, als Würtembergischgestimmte, oder gefährliche Menschen , die man beseitigen müßte, von den Rebellen ausgerufen. Eines der Regierungsmitglieder wurde gröblich mißhandelt. Dem Hofrathe von Kleudgen machten sie die bittersten Vorwürfe über den Schutz, den er der Baumgartingerischen Familie hatte angedeihen lassen; die Hofräthe Herzberger und Taglieber schrieen sie als Schurken aus, die sie, noch ehe 24 Stunden vergingen, vor dem Rathhause aufhängen würden. Nur das Vertrauen allein, das die Bauern auf die Ordensritter, Freiherrn von Reuttner und Hornstein, setzten, war jetzt noch im Stande, den wildesten Ausschreitungen einigermaßen Grenzen zu setzen. Indessen war mit Wahrscheinlichkeit zu berechnen, daß nun in Bälde Würtembergische Truppen anrücken müßten, und somit die Stunde der Erlösung oder des Todes nahe wäre, und man brachte daher die Nacht von Dienstag auf den Mittwoch mit Berathungen zu, wie sich in diesem fürchterlichen und entscheidenden Augenblick zu benehmen seyn würde.

Der Mittwoch begann, und das Erste, was als Resultat jener Berathschlagung geschah, war, daß man den Bauern den Vorschlag machte, in jedem Orte eigene Kompanien zu formiren, zu welchen von den Gemeinden die Offiziere ernannt werden, und die wieder unter dem Oberbefehle des Herrn von Hornstein stehen sollten. Bei dieser Einrichtung, die mit vollem Beifall aufgenommen wurde, hatte man den Zweck, die Gemeinden von einander zu trennen, die Glieder jeder derselben einzeln zusammne zu halten, die erforderliche Subordination herzustellen, und im Augenblicke der Entscheidung desto nachdrücklicher auf die Bauern wirken zu können.

Mit dem Major Hornstein wurde die bestimmte Verabredung getroffen, daß bei dem Anrücken der Truppen die Bürgerschaft mit dem wieder organisierten Militär inb der Stadt bleiben, für die Sicherheit derselben und der königlichen Diener sorgen, dagegen mit er mit den sämmtlichen Bauern sich vor die Stadt begeben, denselben bestimmte Plätze anweisen, dann mit einem Tambour den ankommenden Truppen entgegen gehen, und den Kommandirenden blos darum ersuchen solle, seine Truppen so aufzustellen, daß sie von den Bauern gesehen werden könnten; wobei man die Ueberzeugung hatte, daß diese, die alle ihre Hoffnungen blos darin gesetzt hatten, daß der König keine Soldaten im Lande habe, bei dem blosen Anblicke derselben sich zurückziehen und nach Hause eilen würden. Man konnte auf diesen Erfolg um so gewisser rechnen, als alle Bauern heute schon selbst damit einverstanden waren, daß der Freyherr von Hornstein den Truppen, wenn je solche erscheinen sollten, entgegen gehen, mit ihnen unterhandeln, und daß früher von ihrer Seite die Feindseligkeiten nicht anfange sollten.

Auf diese Art glaubte man, diese Trauergeschichte wenigstens auf die möglichst glückliche Weise zu endigen.

Da die meisten Bauern zu Formirung der Kompagnien sich nach Hause begeben hatten; so war der heutige Tag ruhiger, als die zwei vorhergegangenen; dagegen die Furcht auf morgen, als ein hoher Feiertage (Peter und Paul) wo in der Regel sehr viele Bauern aus der Nachbarschaft in die Stadt kommen, um so größer.

Gegen Abend verbreitete sich das Gerücht, daß wirklich Truppen in Anzug seyen. Die Bauern verstärkten ihre Vorposten von allen Seiten, und schickten zur Einholung zuverlässiger Nachrichten gehende und reitende Boten aus. Diese Gelegenheit benützte man, den Oberpostmeister von Reinoehl und den Secretär von Kauffmann aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. Der Hofrath Taglieber versprach den Bauern nämlich, sogleich zur Enholung schleuniger Nachrichten 4 Postknechte nach verschiedenen Richtungen auszuschicken; und unter diesen befanden sich als solche verkleidet, Reinoehl und Kauffmann, die auf diese Weise glücklich entkamen.

Endlich erschien der gefürchtete und doch sehnlichst erwartete schauervolle Tag, der 29. Juni. Schon um 5 Uhr Morgens zogen die Gemeinden Markelsheim und Iggersheim, welchen bald mehrere folgten, in Kompagnien abgetheilt, in die Stadt, verlangten von ihrem Commandanten gemustert zu werden, versprachen die pünktlichste Subordination, und erhielten nach vollendeter Musterung den Befehl, nach Hause zurückzukehren, und nicht eher wieder zu erscheinen, bis sie dazu von ihrem Commandanten aufgefordert würden; welchen Befehl die sämmtliche Gemeinden auch, bis auf einen kleinen Theil ihrer Mannschaft, den sie in der Stadt zur Beobachtung zurückließen, befolgten.

Währen dessen erhielt man bestimmte Nachricht von der Annäherung der Truppen. Man ließ deßwegen vor allem nicht nu rdie seit langer Zeit bestandene bürgerliche Schützenkompagnie sondern die gesammte Bürgerschaft zusammenberufen, theilte solche in 5 Kompagnien, gab jeder derselben einen der rechtlichsten und brafsten Bürger zum Vorstande, unterrichtete dieselben über den Zweck dieser Vorkehr, empfahl die Stadt und vorzüglich die königlichen Diener ihrem Schutze, und eröffnete ihnen, daß sie selbst im äußersten Falle gegen die Bauern gebraucht werden würden.

Zu gleicher Zeit ernannte man ein bewaffnetes Sicherheits-Corps, welche größtentheils aus Staatsdienern bestand, und von Zeit zu Zeit Patroulien durch die Stadt machen mußte, um Ruhe und Ordnung, so weit diese in dem gegenwärtigen Augenblick zu erzielen waren, zu handhaben.

Es war jetzt ziemlich still; und selbst der Umstand, daß sich 5 französische Chasseur vor den Thoren sehen ließen, die aber keine andere Absicht hatten, als sich, auf Befehl ihres Kommandanten in Würzburg, nach den Vorfällen in Mergentheim zu erkundigen, und sich bald darauf zurückbegaben, mag auf die noch anwesenden Bauern Eindruck gemacht haben, denn sie ließen diesen durch den Hofrath Herzberger, dem sie jedoch aus Mißtrauen einen sprachverständigen Dritten an die Seite gaben, erklären, daß die Zahl der Bauern nicht zu berechnen wäre, und alle unter den Waffen ständen, daß sie aber von dem König von Würtemberg nichts anders verlangten, als daß derselbe bis zum Frieden keine Rekruten ausheben solle. Uebrigens hofften sie nicht, daß ihnen die Franzosen etwas in den Weg legen, — wogegen sie auch ihnen in ihren Märschen und Durchmärschen nicht hinderlich seyn würden.

Allein diese Stille dauerte nicht lang. Es kam jetzt zu Auftritten, die schrecklicher als alle vorherggangenen waren. Ganze Schaaren von Bauern stürzten von allen Seiten in die Stadt, verkündeten das Anrücken der königl. Truppen, bemächtigten sich der Thürme, und zogen die Sturmglocke, die schon in der ganzen Gegend ertönte. In wenigen Augenblicken war die Stadt wieder mit tobenden Bauern aufgeefüllt, die ohne Anführer unter einander liefen, und sich selbst nicht mehr verstanden. Alle drängten sich an das Rathhaus, und verlangten die Gefangenen, deren Köpfe sie auf Gabeln den anrückenden Truppen entgegen tragen wollten. Anderer suchten die Bürger zu zwingen, dem Feinde zuerst entgegen zu gehen, wogegen sie die Thore und das Rathhaus bewachen wollten. Mehrmahlen stürmten sie das Rathhaus und drohten der Stadt mit Mord und Brand. Aber das brave Militär und die edelgesinnten Bürger, eingedenk ihrer schönen Bestimmung, vertheidigten mit Löwenmuthe das ihnen anvertraute Gut. Sie leisten mit männlicher Entschlossenheit den tapfersten Widerstand, und wichen keinen Schritt von den Eingängen des Rathhauses. In diesem entscheidenden Momente war er Hofrath Herzberger, den Freiherrn von Hornstein an der Hand, unter die rasende Menge, die ihnen mit einem wilden Getöse entgegenschrie: »schlagt die Hunde todt, sie verkaufen uns an Würtemberger, sie sind Spitzbuben.« »Spitzbuben sind die«, erwiederte Hofrath Herzberger, »die jetzt die Verwirrung benutzen, — morden und rauben, — und dann mit ihrer Beute davon laufen wollen. Wer es nicht mit Lumpen und Räubern hält, der folge uns.«

Dieses entschlossene Benehmen hatte den gewünschten Erfolg. Der größte Theil folgte vor das Thor gegen Wachbach, wo schon eine große Menge anzutreffen war. Der Freiherr von Hornstein versammelte die Bauern, und hatte nach der getroffenen Verabredung die Pflicht, beim Annähern der Truppen zu parlementiren. Der Hofrath Herzberger eilte in die Stadt zurück, ließ die Thore schließen und gab dabei strengsten Befehl, keinen Bauern mehr in die Stadt zurückzulassen, und die Thore nur dem königlichen Militär zu öffnen. Auf diese Art ward der auf das Wohl der Stadt und deren Bewohner abzweckende Plan, die Bauern aus derselben entfernt zu halten, glücklich ausgeführt.

Der Freiherr von Hornstein war unterdessen ungefähr eine halbe Stunde weit vor die Stadt gekommen und hielt dort, um die Truppen zu erwarten, mit den Bauern, die sich aber nach und nach größtentheils weggeschlichen und ins Getreid, in die Weinberge und ins Gebüsche an den Bächen verborgen hatten, aus welchem Hinterhalt sie, theilweise nicht ohne Wirkung, feuerten. Die Ausdauernden ergriff indessen ein sichtbarer Schrekcne beim Anblicke des Militärs, das aus 2 Land-Bataillons, 2 Bataillons Linien-Infanterie und 2 Escadrons Grenadiers à Cheval zusammen an 2600 Mann und iver Piècen bestand. Gleich nach dem ersten Feuer, das die Bauern gaben, besonders durch den imponirendenAnblick der Cavalerie in Schrecke gesetzt, suchten sie ihr Heil in der Flucht, wurden aber von dem Militär verfolgt. Als die Avangarde den Freiherrn von Hornstein näher kam, ließ derselbe den Tambour schlagen, und gab ein Zeichen mit dem Sacktuche zum Parlementiren; allein jener wurde an seiner Seite erschossen, und auf dieses nicht geachtet. Freiherr von Hornstein wurde gefangen genommen, und zum Haupt-Corps zurück geschickt.

Während dieses auf dem Felde vorgieng, verbreiteten sich neue Schreckensscenen in der Stadt. Der dumpfe Hall der Sturmglocken, deren sich der zurückgebliebene Theil der Bauern bemächtiget hatte, und die unaufhörlich tönten, die neuerdings versuchten Stürme auf Hauptwache und Rathhaus, die Plünderungsversuche des hie und da zerstreuten lüderlichen Gesindels, die gewaltthätigen Anfälle auf die Kaufmannsläden, die die Bauern aufsprengen wollten, um sich des verborgenen Pulvers und Bleyes zu bemächtigen, und das fürchterliche Geschrei, das in allen Straßen wiederhallte, machten einen unaussprechlich bangen Eindrukc, der durch das Feuern ausser der Stadt nochmehr erhöhet wurde.

Endlich näherten sich die Truppen zwischen 3 und 4 Uhr der Stadt. Ein lebhaftes Feuer verkündete ihre Ankunft. In dieser schreckensvollen Lage tröstete sich indessen jedermann mit der gerechten Erwartung, daß den Truppen die Thore sogleich würden geöffnet werden können, und daß diese friedlich in die ruhige Stadt einziehen würden. Mit Sehnsucht erwartete man den baldigen Einmarsch, und da die Bauern gleich nach dem ersten Feuer von allen Seiten wichen, und von den Truppen nach allen Richtungen verfolgt wurden, so kam der Vortrab unter dem Kommando eines Oberlieutenants, der mit diesem auch zuerst auf das Rathhaus drang, ohne allen Widerstand gegen das Wachbacher- und eine andere Abtheilung gegen das Boxberger Thor. Nach einer kurzen Zeit standen die Truppen vor beiden Thoren. Diese, die, um das Eindringen der Bauern zu verhüten, noch geschlossen waren, wollten der Thorwart am Boxberger und ein Thorwartsmädchen am Wachbacher Thor eben öffnen; allein die Truppen legten schon Hand an, dieselben einzubrechen, und feuerten dabei ununterbrochen fort. Der Thorwart, so wie das Mädchen, wurden durch Musquetenkugeln verwundet, und niemand konnte es daher wagen, sich denselben zu nähern. Wenige Augenblicke nachher stürzten auch die Thore zusammen, und nun strömten die Truppen von beiden Seiten in die Stadt. Aber sie kamen nicht als Retter, die Frieden, Ruhe und Ordnung herstellen sollten, sondern wie wilde feindselige Horden stürzten sie unter einem fürchterlichen Geschrei und einem stets andauernden Kugelregen durch alle Straßen, schossen friedliche Menschen, die ihnen entgegen kamen, nieder, und mißhandelten mit kannibalischer Wuth diese selbst noch nach dem Tode, feueten unter dem erdichtete Vorwande, man hätte da oder dort nach ihnen geschossen, in die Fenster, brachen Thüren und Läden ein und plünderten in vielen Häusern so beträchtlich, daß mehrere Unglückliche ihren Verlust, der nachher auch gerichtlich erhoben wurde, auf 4 — 6 — 800 fl. berechneten.

So lohnte das Militär zuerst den braven Bürgern von Mergentheim für ihre Rechtschaffenheit und für die ausgestandenen Gefahren. Das Herz des Herrn von Maucler blutete, als er diesen unerhörten Gräuel aus den Fenstern des Rathhauses sah; er gabe ein Zueichen mit dem Sacktuche, und rief den Soldaten mit lauter Stimme zu, daß sie die stadt schonen sollten, die sich so brav betragen hätte. Allein er selbst wäre fast das Opfer dieser wüthenden Menschen geworden, denn in dem nämlichen Augenblicke ward eine Kugel nach ihn gerichtet, die zum Glück am steinernen Fenstergesimse abprallte, ihn aber doch neben dem Auge stark verwundete.

Dieses gefahrvolle Ereigniß schreckte aber diesen edelgesinnten Mann nicht, noch einmal Rettung für Leben und Eigenthum durch sein persönliches Erscheinen in mehrern Häusern zu versuchen. Aber beinahe wäre er, über dessen Haupte seit vier Tagen ein hundertfacher Tod schwebte, zum zweitenmale durch eigene Leute gefallen, denn als derselbe nach dem Eindringen der Kavallerie eben von dem Rathhause herab über den Marktplatz eilte, sprengte ein Reiter, der ihn, im blauen Oberrock, ohne Hut und vom Blute triefend, wahrscheinlich für einen Verfolgten hielt, mit gezükten Säbel auf ihn zu, dessen Hieb der Zuruf des Herrn von Maucler: »Ich bin der Würtembergische Kommissär,« nicht zurückgehalten, sondern durch welchen derselbe zuverläßig in diesem Augenblicke den Tod gefunden haben würde, wenn nicht zwei andere, schnell herbeigesprengte Reiter, die ihn erkannten, den Säbel des erstern zurückgeschlagen hätten.

Erst spät gegen Abend konnte diesem allgemeinen grässlichen Unfug nur durch die ernstlichen Maasregeln und vorzüglich durch die immerwährenden Patroulien der braven Kavallerie gesteuert werden.

Diese angstvollen Auftritte wurden noch mehr durch den traurigen Anblick der vielen verwundeten Landsleute erhöht, die von dem Militär auf dem Felde gefangen genommen, und unter den fürchterlichsten Mißhandlungen, wodurch viele Gesundheit und Leben einbüßten, in die Stadt gebracht wurden. Schon am Abende waren die meisten Gefängnisse mit diesen Unglücklichen angefüllt.

Als die Ruhe etwas hergestellt war, kam der vormalige Würtembergische Präsident, Freiherr von Reischach, als General-Kommissär an, in dessen Gefolg der General-Auditor von Georgi und noch einige Geschäftsmänner waren.

So sehr die Truppen übrigens in der Stadt gewüthet hatten; so grausam hatten sie vorher auch auf dem Lande in den vormaligen deutschordischen Dörfern, die sie durchzogen, verfahren. Sie schossen Fenster und Läden ein, plünderten und zerstörten selbst auf die muthwilligste Weise öffentliche Urkunden, die sie auf dem Rathhäusern oder in den Wohnungen der Schultheißen fanden, und auf den Straßen herumschleuderten, und mißhandelten unschuldige Menschen auf eine empörende Art. Selbst in dem vor der Stadt einsam gelegenen Armenhause plünderten sie die dürftigen Bewohner desselben, und begingen dort die gräulichliche That, auf einen alten Priester und ein wahnsinniges Mädchen, die ihre Zuflucht im Gebete suchten, und in der Kirche am Altare knieeten, zu feuern, und beide stark zu verwunden.

So endigte dieser Tag des Schreckens, an dem einige 30 Menschen das Leben, viele ihre Gesundheit, und mehrere ihr Eigenthum verloren. Mit Wehmuth verweilet die Muse beim Andenken an dies Unglücklichen, die als Schlachtopfer ihrer Unbesonneheit fielen; aber mit Unwillen wendet sie ihren Blick weg von dem Gräuel, der in Mergentheims Mauern verübt wurde, wo die königl. Truppen, die man schon bei ihrem ersten Aufenthalte, mit aller Gastfreiheit behandelte, wo von dem Bürgern die königl. Diener gegen Mißhandlungen geschützt, und von der Todesgefahr, die so oft über ihnen schwebte, durch seltenen Muth befreit,wo mit so vieler Entschlossenheit gegen die rebellischen Bauern, und beim Einmarsche der Truppen so friedlioch gegen diese gehandelt wurde, und wo selbst jene unbesonnenen Menschen, durch die von dem Thurm am Boxberger Thor ein und auch nur der einzige Schuß auf die Truppen, wie wie wohl ohne alle Beschädigung fiel, keinen Schutz finden konnten, sondern ihre Heimath verlassen und Rettung in der Flucht suchen mußten.

So deutlich durch die bisherige treue und wahrhafte Erzählung sich die Verdienste der sämmtlichen Einwohner von Mergentheim, sowohl der Staatsdiener als Bürger, als unverkennbar darstellen; so gewiß waren diese dem Würtembergischen Hofe bereits angezeigt und dem Herrn von Reischach vor seiner Ankunft bekannt. Einen redenden Beweis hiervon liefert eine gedruckte Proclamation, die derselbe schon in Bereitschaft hatte, un die ihre Entstehung in Schönthal am 28. Juni erhielt (Beilage 2.) in deren Eingange der Magistrat und die Bürgerschaft in Mergentheim wegen ihres treuen und rechtschaffenden Betragens gelobt, denselben die volle Zufriedenheit des Königs zu erkennen gegeben, und sie aufgefordert wurden, ihre brave Gesinnungen auch ferner zu bethätigen. Allein man hatte den Plan geändert, und muß es für zweckdienlicher gehalten haben, diese Verdienste nicht anzuerkennen; denn die Proclamation, die nur in die Hände Weniger kam, wurde unterdrückt, und der General-Kommissär Freiherr von Reischach begann am Freitage, den 30. Juni sein Geschäft damit, daß er die Entwaffnung, so wie auf dem Lande, auch der sämmtlichen Einwohner von Mergentheim vornehmen ließ, und es mußten, bei Vermeidung der ausdrücklich angedrohten Todesstrafe, noch am nämlichen Morgen alle Schießgewehre, Säbel, Degen, mit einem Worte, die Waffen jeder Art von allen Ständen, ohne Unterschied abgeliefert werden. (Beilage 3.)

Die sämmtlichen Armaturen, die zum Theil von bedeutendem Werthe waren, wurden auf das Rathhaus gebracht, und mußten dort von dem eigends aufgestellten Commissär, dem Hofrath SChrodt, gewissenhaft und unter Bemerkung der Eigenthümer verzeichnet werden. Solche sind übrigens in der Folge, mit Ausnahme derjenigen Stücke, die den Herrn Offizieren gefielen, nach Stuttgard abgeführt, und nie mehr zurückgegeben worden.

Ebenso wurde an diesem und den folgenden Tagen, auf dem Lande und in der Stadt, eine beträchtliche Anzahl von Geiseln ausgehoben, und nach Heilbronn abgeführt. (Beilage 4 und 5.) Das Arretiren verdächtiger Personen wurde ununterbrochen fortgesetzt. Die Abwesenden wurden unter Anberaumung einer Frist von 3 Tagen vorgeladen, die Entfernung aus dem Gemarkungen, so wie Zusammenrotten mehrerer Menschen verboten, und noch viele Anordnungen dieser Art getroffen, worüber eine Menge von Proclamationen erlassen, die öffentlich angeheftet worden sind, und in welchen auf die Ncihtbefolgung dieser Befehle die Todesstrafe, das Anheften der Namen an den Galgen, die Konfiskation des Vermögens, das Niederreißen der Wohnungen u.s.w. verkündet waren.

So wie übrigens dem Hofrathe Schrodt die bemerkte Commission zur Verzeichnung der Waffen aufgetragen war, und die Hofräthe Herzberger und TaglieberTaglieber in ihren Amtsverrichtungen ungehindert blieben; so wurde dem Hofrathe von Kleudgen noch am nämlichen Tage von dem General-Commissär der Befehl ertheilt, sich auf das Land, und zwar in den Distrikt von Ailringen an bis Mergentheim zu begeben, um in jedem Orte die Entwaffnung der sämmtlichen Einwohner, die Aushebung der Geißeln, und die Gefangennehmung der aufgezeichneten verdächtigen Personen vorzunehmen, dann die erforderlichen Dehortatorien zu erlassen. Zu welchem Ende demselben ein angemessenes Militär-Commando von Infanterie und Cavalerie mitgegeben, und eine Instruction zugestllt wurde, in welcher der Commissarius und der Militär-Commandant für den Erfolg nicht nur mit Lieb und Leben verantwortlich gemacht, sondern worin denselben auch, durch einen eigenhändigen Beisatz des Freihern von Reischach, der sehr mißlich auszuführende Auftrag ertheilt wurde: »im Fall einer Widersetzlichkeit das betreffende Dorf anzustecken, und alle erwachsene (?) männliche (?) Seelen (?) ohne Gnad und Barmherzigkeit niederzuhauen. (?)« (Beilage 6.)

Die schrecklichste Anstalt aber, sowohl ihrer Form als ihrem Gange nach, war das Martialgericht, das sich an diesem Tage eröffnete. Dasselbe wurde im Schloß gehalten, sonst der Quelle der Huld und der Freude, jetzt dem Sitz des Schreckens. Hätten dort die Rädelsführer und Hauptrebellen, die aus zusammengelaufenen nichtswürdigen Menschen bestanden, den verdienten Lohn erhalten, so würde die Gerechtigkeit ihr amt ohne Vorwurf verrichtet haben Allein diese waren der Strafe entlaufen, und da es einmal unabänderlicher Vorsatz war, die erdultete Schmach mit beispielloser Strenge zu rächen; so wurden die Aretirten ohne Auswahl haufenweise in Ketten vor das Gericht geschleppt. Der rache Gang des Verfahrens gestattete nur wenige Fragen an die Beschuldigten, die diese mit Standhaftigkeit beantworteten. Sie wollten sich keines Verbrechens schuldig wissen, alle bezogen sich darauf, daß sie zwar bei der Huldigung erschienen, aber nicht nur nicht mit dem Herzen, sondern auch mit keinem Laut und keinem sichtbare Zeichen gehuldigt haben, somit ihrem vorigen Herrn treu geblieben, und keine königlichen Unterthanen geworden seyen. Aber umsonst! Blut, durch Henkers Hände vergossen, sollte das Sühnopfer für Würtenbergs Genius seyn; und in wenigen Minuten war der Stab über die Unglücklichen gebrochen.

Am Sonnabend, den 1. Juli kam mit Tagesanbruch der königliche Minister, Graf Taube als Spezial-Kommissär an. Noch am nämlichen Morgen hatte ein öffentlicher Aufzug statt, an dessen Spitze Graf Taube und die Freiherrn von Reischach und von Maucler zu Pferd erschienen, und wobei unter Paradirung des Militärs auf dem Marktplatz ein nachher in Druck erschienener Zettel abgelesen wurde, worin den Soldaten das Wohlgefallen des Königs in den schmeichelhaftesten Aussdrücken darüber zu erkennen gegeben ward, daß sie sich, wie es darin heißt, der Stadt bemächtiget, die aufrührerischen Unterthanen aus derselben vertrieben, und sie zum Gehorsam, zur Unterwürfigkeit und zur Rückkehr in die Schranken einer gesetzlichen Ordnung gezwungen haben (Beilage 7.). Der Oberlieutenant, der den Vortrab kommandirt hatte, und zuerst auf das Rathhaus kam, erhielt bei dieser Gelegenheit das Militärverdienstkreutz, und mehrere Unteroffiziere und Gemeine bekamen goldene und silberne Medaillen.

Hierauf wurde das Martialgericht fortgesetzt, und nachdem dem Grafen Taube, dem das Recht über Leben und Tod eingeräumt war, die bereits erlassenen Urtheile vorgelegt waren, nahm dasselbe seinen weitern Gang ganz nach der vorigen Verfahrungsweise. Das Resultat dieses grässlichen Tribunals ging dahin: daß noch am nämlichen Abend und am folgenden Morgen Franz Werner von Markelsheim, mit dem Strange hingerichtet, — Joseph heim und Paul Eichinger von da, dann Lorenz Haun, Franz Schieß und Peter Kilian von Oberbalbach erschossen, — mehrere zur lebenslänglichen und zeitweisen Festungsarbeit verurtheilt und deren Vermögen und Güter konfiszirt, und nachher Schandpfähle mit der Aufschrift des NAmes des Verbrechens und der Strafe an den betreffenden Ortschaften errichtet, und die Namen mehrere an den Galgen geschlagen worden sind. (Beilage 8.)

Bei den Zubereitungen zu diesen Hinrichtungen waren alle Gemüther von tiefer Trauer gepreßt. Ein banges schmerzhaftes Gefühl war über alle Einwohner verbreitet. Vergessen waren die Unbilden der vergangenen Tage, kein Rückblick lag mehr auf den ausgestandenen Gefahren, nur durchdrungen von der innigsten Theilnahme und einer ungetheilten Bewunderung waren alle Herzen, als man die unglücklichen Schlachtopfer zum Richtplatz führen sah. Mit einem seltenen Muthe und einer unerhörten Standhaftigkeit wandelten sie den Weg zum nahen Tode. Nicht eine Anwandlung von Angst, sonst der Gefährtin böser That, entstellte ihre Züge. Mit Entschlossenheit und unter der oft wiederholten Aeusserung, daß sie unschuldig für die gute Sache und ihren rechtmäßigen Fürsten stürben, vollendeten sie ihre Bahn.

Als dieses grässliche Schauspeil vollzogen war, entfernte sich Graf Taube am Sonntag in der Frühe, und Herr von Reischach übernahm die Leitung der Geschäfte, dem der Oberjustizrath Heuchelin zugetheilt war, der nach der Abreise desselben, die Stelle eines Landes-Kommissärs sechs Monate lang bekleidete. Zur nämlichen Zeit, wie Graf Taube, reiste auch Herr von Maucler ab, der in Stuttgart in Verhaft genommen wurde, sich einer Untersuchung zu unterwerfen, und das Schicksal hatte, seiner Stelle entsetz zu werden, bald darauf aber wieder angestellt worden ist.

So vollkommen und klar übrigens jedermann, der auch nur einen flüchtigen Blick auf den Anfang, den Gang und das Ende dieses Bauernaufstandes werfen will, überzeugt seyn muß, daß derselbe kein planmäßiges Unternehmen se der auch nur einen flüchtigen Blick auf den Anfang, den Gang und das Ende dieses Bauernaufstandes werfen will, überzeugt seyn muß, daß derselbe kein planmäßiges Unternehmen seyn konnte, vielmehr durch ein ganz eigenes Verfahren herbeigeführt und durch ungünstige Zufälle, keinesweges aber durch irgend ein geheimes Einwirken unterstützt, sondern demselben gerade durch das kluge, edle und muthvolle Betragen der Staatsdiener und Bürger in Mergentheim, die übrigens damals, wie heute noch, mit herzlicher Anhänglichkeit für ihren fürsten und ihre Verfassung erfüllt waren, mit aller Kraft entgegengearbeitet wordenist, so stellte doch der Würtembergische Hof die Behauptung auf, das Oesterreich, und zwar durch unmittelbaren Einfluß, diesen Aufstand veranlaßt habe, und ließ seine Schritte ganz durch diese vorgefaßte Meinung leiten. In einer Proclamation, die in jener Periode erschien, heißt es unter andern: »daß Se. Majestät der König nicht gegen seine übrigen Unterthanen, sondern nur gegen jene mit dieser Strenge zu verfahren Ursache habe, bei denen Oesterreichische Wachinationen statt gefunden hätten.« Dem deutschordischen Geheimen-Rahte und Referendär von Breuning, der damals von Wien nach Mergentheim gekommen war, um bei der vorgefallenen Veränderung sein Interesse als Staatsdiener nicht zu versäumen, wurde ohne Weiters angekündiget, sich ohne Verzug nach Wien zurückzubegeben, und demselben zugleich eine Frist anberaumt, innerhalb welcher er seine Besitzungen zu veräussern habe. Eben so sind die Hoch- und Deutschmeisterischen Privatdiener mit ihren Weibern und Kindern aus dem Lande geschafft worden. Einer derselben, die ihrer Niederkunft nahe war, wurde auf ihr Gesuch, worin sie ausdrücklich bemerkte, daß ihr Mann von ihr entfernt isch in Wien befinde, erlaubt, bis nach ihrer Entbindung in Mergentheim zu bleiben, in dieser Entschließung aber, ohne Rücksicht auf jene Bemerkung, der Beisatz gemacht, daß sich ihr Man und zwar deswegen zu entfernen haben, weil er ein Oesterreicher und ihm daher nicht zu trauen sey. Allein nicht nur über Unterthanen und Diener, sondern selbst über den vormaligen Landesherrn sollte sich die Rache erstrecken. In dieser Absicht wurde ein Unternehmen gewagt, daß sich nur durch den zügellosesten Haß und durch die damals fest unterhaltene Hoffnung auf Oesterreichs gänzlichen Ruin begreifen läßt, und worüber die Zeit in ihren tausendjährigen Geschichtsbüchern kein ähnliches Beispiel aufzuweisen hat. Die Kaiserl. Oesterreichischen und Hoch- und Deutschmeisterischen Wappen, die die Bauern angeheftet hatten, wurden weder abgenommen, und sowohl in der Stadt als auf dem Lande, — (mit dem nämlichen Gefühl der Empörung, das sich meiner an jenem Tage des Vollzugs bemächtigte, schreibe ich es jetzt nieder) öffentlich durch die Hand des Schergen verbrannt. Selbst einen vormaligen Reigerungsmitgliede, dem Hofrath von Kleudgen hatte der Herr von Reischach die Zumuthung gemacht, diese Greuel auf dem Lande bewerkstelligen zu lassen; der aber, der heftigsten Drohungen des Herrn von Reischach ungeachtet, diesen Antrag mit Standhaftigkeit von der Hand wieß. — und, um dieser Rachsucht das Siegel der Vollendung aufzudrücken, sollte über die Oesterreichischen Fürsten (unter dem Ausdrucke: lothringische Prinzen) von den Kanzeln der Fluchpsalm ausgesprochen werden.

Dieses Verfahren schlug tiefe, unheilbare Wunden. Wenn vorher Staatsdiener und Bürger über die Mißhandlungen und Plünderungen, mit welchen das Militär ihnen für die ausgestandenen Todesgefahren gelohnt hat, Thränen des Unmuths geweint hatten; so blickten sie jetzt mit stummen, unsäglichem Schmerz auf jede unerhörte Handlungen hin, durch die selbst die geheiligte Person ihres vorigen Angebeteten Landesherrn gebrandmarkt werden sollte.

Aber noch war die Rache nicht gesättiget. Auch die Regierungsmitglieder, und mit diesem der Präsident Freyherr von Reuttner und der Commandeur Freiherrr von Hornstein, sollten, statt des Lohns für ihre Rechtschaffenheit, ihre Bemühungen und ihren Muth, mit welchem sie das Leben der Würtembergischen Diener und die Stadt vom Verderben gerettet hatten, mit einer beispiellosen Härte behandelt werden.

Es war am 7. Juli, an welchem zwar dem Ordens-Kanzler, Freiherrn von Kleudgen, den Hofräthen Herzberger, von Kleudgen und TaglieberTaglieber, dann dem Postmeister Sambeth von dem Herrn von Reischach die Gnade des Königs zugesichert, und Namens dessen dem Erstern die Pensionierung, den beiden andern die Anstellung als Räthe bei der Landes-Kommission bekannt gemacht, und dem Postmeister für die Rettung des Oberpostmeisters Reinöhl, und des Sekretärs Kauffmann die goldene Medaille verliehen worden ist. Den übrigen Mitgliedern der Regierung hingegen wurde unter der allgemeinen Angabe, daß sie sich pflichtwidrig betragen haben, ihre Auflösung angekündet und dieselben bedeutet, sich innerhalb 8 Tagen aus der Stadt und dem Lande zu begeben, oder den Unterthanen-Eid zu leisten, den sie auch abzuschwören sich genöthiget sahn. Der Präsident von Reuttner wurde unter dem Vorwurf, daß er während des Bauern-Aufruhrs eine Regierungssitzung gehalten und jenen Paß für den Major Hypeden unterschrieben habe, des Landes verweisen, und der Ccommandeur von Hornstein unter der Behauptung, daß er der Anführer der Rebellen gewesen, auf den Asberg abgeführt, und demselben nach einen ausgestandenen 6 monatlichen Arrest ebenfalls befohlen, die königl. Lande auf immer zu meiden.

Dem Freiherrn von Reischach wurden gegen dieses tumultarische und ganz unerhörte Verfahren von allen Seiten die Vorstellungen gemacht, daß keines der Reigerungsmitglieder nur des geringsten Vergehens schuldig sey, daß vielmehr alle gleich brav gehandelt, und alle ohne Ausnahme jener Regierungssitzung beigewohnt haben; daß diese nach der schriftlichen Resignirung des Herrn von Maucler mit dessen Vorwissen gehalten, und lediglich desselben Befreiung zum Zweck gehabt habe; daß jener Paß für den Major von Hypeden von dem Präsidenten habe unterzeichnet werden müssen, und daß ohne dessen Unterschrift derselbe, wie solches die Bauern selbst geäussert haben, bei deren Vorposten nicht würde durchgekommen seyn; daß der Herr von Hornstein keineswegs der Anführer der Rebellen, sondern als Organ für die die gute Sache, mit großem Vorbedacht ausgewählt worden, und keiner dessen Schritte ohne Mitwissen des Herrn von Maucler geschehen sey, und daß überhaupt allen Mitgliedern der Regierung Ehre und Lob, und den beiden genannten Ordensrittern das Verdienst der Rettung, Dank und Lohn vorzüglich gebühre. Aber vergebens waren alle Vorstellungen. Der Herr von Reischach fühlte die Härte der Handlung, aber er war blindes Werkzeug vorgefaßter unabänderlicher Befehle.

Zur nämlichen Zeit wurden auch, eben so unschuldig, wie Jene, und ohne alle Angabe irgend eines Grundes, das Stadtgericht in Mergentheim kassirt, und die Landbeamten, Schultheißen, sonstigen Vorsteher und Jäger ihrer Stellen entsetzt. Doch nicht nur das Glück der Menschen sollte zerstört, sodnern selbst jedes Andenken an die vergangenen glücklichen Tage vernichtet werden. Zu diesem Ende wurden alle Deutschordischen Wappen und jedes unbedeutende Zeichen eines solchen, wo sie anzutreffen waren, abgerissen , und jene vermauert, bey denen sich eine zu große Haltbarkeit der Vernichtung widersetzte. Sogar in die stillen Grüfte der Ruhe drang der wilde Geist der Zerstörung, Särge wurden mißhandelt und Monumente zertrümmert, unter welchen sich das Grabmahl des wichtigen und würdigen Hoch- und Deutschmeisters Walther von Kronberg befand.

Als in der Folge die verbündeten Fürsten in Unterhandlungen traten, um sich hinsichtlich ihrer Besitzungen wechselseitig auszugleichen, und unter andern das Fürstenthum Mergentheim einige Zeit lang als Gegenstand der Abtretung an das Großherzogthum Baaden bestimmt war, nahmen die Verwüstungen erst ganz in ihrem vollen Umfange über Hand. Die Getreidevorräthe wurden an Auswärtige verkauft, die Waldungen zusammengehauen, und das Holz unter den Preis abgegeben. Nicht nur alle Effekten im Schloß´bis auf die unbedeutendsten Gegenstände wurden abgeführt, sondern dort sogar die Oefen abgehoben, die Studenböden ausgebrochen und selbst die Fässer in den Kellern zerschlagen, und stückweis fortgeführt.

Wie von Feindeshand ausgeplündert und zu Grund gerichtet sind die Zimmer und Gewölbe des Schlosses. Leer, oed und verwaist steht es da. Noch vor einigen Jahren die Stätte der Gastfreiheit , der Aufenthalt des Frohsinns und der Tempel sanfter Regenten-Tugenden, ist es jetzt ein empörendes Monument despotischer Rache. Tiefgebeugt wandeln die Staatsdiener umher, von Nahrungssorgen und Kummer gequält. Der Bürger und Unterthan seufzen unter der Last unerschwinglicher Abgaben. Alle weinen der glücklichen Vergangenheit nach.

Letzte Änderung der Seite: 01. 11. 2017 - 13:11