EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Die Würtemberger in Mergentheim.

Geschrieben von einem Augenzeugen im Jahre 1810.

Teil I.

[TEXT]

Wenn mein Blick in der Vergangenheit weilt, und die traurigen Ereignisse überschaut, die der verheerendste aller Kriege durch die Umwälzung von Deutschland über so viele Tausend Menschen gebracht hat; so führt mich meine Phantasie stets mit mächtigem Arm in Mergentheims vaterländische Gefilde, und ruht dort in schwermuthsvollen Gefühlen auf den Trümmern vergangenen Glücks.

Die Unterthanen des deutschen Ordens, von jeher beglückt durch die gelindeste Verfassung, wandelten selbst unter den Stürmen eines langjährigen Krieges noch heiter und froh ihre Wege. Nie schlug der Kriegsgott mit seinen verwüstenden Schritten seinen Schauplatz auf dem Gebiete dieses Fürstenthums auf. Der Bürger und Landmann behielten von jeher ihre Söhne für Gewerb und Feldbau, denn freiwillig stellte sich der entbehrliche Theil zum Militärstande, der mit den Kräften des Landes in einem richtigen Einklang stand. Am Hofe des Fürsten herrschte Gastfreyheit, aber nicht Pracht, und so waren zu dem gesammten Aufwand, der überall in den Schranken der Mäßigkeit blieb, nie Abgaben erforderlich, die durch die Thränen der Unterthanen befleckt waren. Die Staatsdiener hatten reichhaltige Besoldungen, und daher nie nöthig, zu heimlichen Erpressungen ihre Zuflucht zu nehmen. Ueberall zeigten sich Wohlstand und Frohsinn als unzertrennliche Gefährten.

 

In dieser glücklichen Lage, durch eine milde Verfassung gegründet, ward dem Lande noch die höchste Gunst des Schicksals, — ein guter Regent — beschieden. Als Oestreichs den Thron entsagte, wurde Anton Victor — der sanftmüthigste und menschenfreundlichste Fürst — zum Hoch- und Deutschmeister gewählt. Huld und Milde strahlten aus seinem Antlitz, das der Abdruck seiner schönen Seele ist. Ganz zufrieden, der Regent über ein kleines aber frohes Volk zu seyn, gieng sein einziges Bestreben dahin, Glück zu verbreiten und Wohlthaten zu erweisen, mit denen er jeden seiner Tage bezeichnete. O es gient ein neuer schöner Morgern über das Land auf, der einen ununterbrochenen heitern Tag erwarten ließ! Aber die Fackel des Krieges entzündete sich neuerdings. Im Herbste des Jahres 1805 strömten die Krieger Napoleons und seiner Verbündeten gegen Oestreich, und Anton Victor verließ mit Wehmuth und unter Thränen seiner Diener und Unterthanen in bangen ahnungsvollen Gefühlen Mergentheim, das er bis jetzt nicht wieder sah.

Durch die Siege Napoleons glaubten sich die Nachbarn des deutschen Ordens berechtigt, einen Landesantheil desselben nach dem andern in Besitz zu nehmen, und die nachherigen Vorstellungen unter Beziehung auf den Preßburger Friedensschluß, der die Integrität des Fürstenthums Mergentheim mit allen seinen Besitzungen mit deutlichen Worten garantirt, waren nicht mehr im Stand, einen der entrissenen Theile wieder zurückzuerhalten. O wurden die Einkünfte mit jedem Tage geschmälert, und die Verhältnisse stets trauriger, die nur noch die Hoffnung einer bessern Zukunft erträglich machte. Aber das Schicksal hatte den Kelch der Leiden gefült, und er sollte bis auf die Hefe geleert werden. Der Krieg gegen Oestreich begann im Jahre 1809 von neuem, und mitten im Laufe desselben, ehe noch unter den streitenden Theilen etwas entschieden war, nahm die Krone Würtembergs den Rest des Fürstentums Mergentheim in Besitz.

Im Gefühle, des tiefsten Schmerzens ruht die Erinnerung auf jenem Tag des Unglücks. Es war der 20. April des eben erwähnten Jahres, an dem früh zwischen 8 und 9 Uhr ein Theil eines Würtembergischen Regiments mit einigen Kanonen, wie eine unglücksschwangere Gewitterwolke, die alle GEmüther mit bangen dumpfen Empfindungen erfüllt, sich der Stadt näherte. Gleich nach dem Eingang der Truppen kam der vormalige Reichshauptmann von Ludwigsburg, Freiherr von Maucler in der Eigenschaft als General-Landes-Commissär an, in dessen Gefolg der Oeberrevisionsrath Sommer und der Sekretär von Kaufmann waren. Diese drei begaben sich in das gewöhnliche Sitzungs-Zimmer der Regierung, und nachher in jenes der Hofkammer, wo die Mitglieder dieser beiden Collegien versammelt waren. Freyherr von Maucler erklärte unter Vorweisung einer Vollmacht, die er den Präsidenten, Freiherrn von Reuttner, und den Ordenskanzler Freiherrn von Kleudgen lesen, aber nicht zu Acten nehmen ließ: »daß sich Se. Königl. Majestät von Würtemberg bewogen gefunden haben, das Fürstenthum Mergentheim in militärischen Besitz zu nehmen.« Hierauf erklärte der Präsident: »daß man durchaus keinen Grund einsehe, wie Se. Majestät noch während des Krieges, wo neuerlich nichts entschieden worden, ein Fürstenthum in Besitz nehmen könne, dessen Integrität durch den bestehenden Preßburger Frieden so feierlich garantirt seye, daß man diesen Schritt als Gewalt ansehen — sein Recht mit aller Vollgültigkeit gewahren — freilich aber der größern Macht weichen und sich vorbehalten müsse, hierüber bei Sr. des Herrn Hoch- und Deutschmeisters K.K. Hoheit die Anzeige zu machen.« Herr von Maucler antwortete: »daß er diese Erklärung wohl voraussgeehen, von seiner Seite aber die ihm aufgetragenen Befehle, die nicht ohne Mitwissen Sr. Kaiserl. Majestät von Frankreich erfolgt seyen, zu vollziehen habe; daß übrigens eine Anzeige bei dem Herrn- Hoch- und Deutchmeister nicht gestattet werden könne, so wie sich überhaupt die Collegien, so wie jeder Einzelne, aller fernen Verhandlung und Korrespondenzen mit Oestreich und dessen Fürsten enthalten werden.« Hierauf konstituirte derselbe die Regierung und die Kammer provisorisch als Commitee zur Fortführung der Geschäfte unter seiner Leitung, die er nachher auch über alle Zweige der Verwaltung erstreckte.

So wie man in den ersten Augenblicken des Unglücks noch immer an der Wirklichkeit desselben zweifelt, sich mit Hoffnungen tröstet, und nur dann erst mit tieferem Schmerz davon überzeugt wird, wenn alle Umstände sein Daseyn und seine Dauer verkünden; so fühlten Alle jetzt erst mit trauriger Gewißheit die Ganze Schwere der Gegenwart, und mit Oestreichs Niederlagen entfloh jede Hoffnung zur Rückkehr der glücklichen Vergangenheit.

In allen Gemüthern herrschte heimlicher tiefer Kummer. Und wer darf ihn tadeln, — diesen Zoll des Dankes und der Liebe? Verachtung verdient der, der dem Umsturze seiner und seiner Väter glücklichen Landesverfassung und dem Verluste eines guten Regenten keine Thräne mehr weinen kann. Aber auch dem Manne gebührt Dank, herzlicher Dank, der dem Leidenden sein Unglück durch sanfte Behandlung zu erleichtern sucht, und sich die strenge Erfüllung seiner Pflicht mit schonender Ausübung derselben zur gleichen Verbindlichkeit macht. Und dieser Mann ist der menschenfreundliche Freiherr von Maucler der durch seine edlen Eigenschaften und sein liebevolles Betragen die Herzen aller Redlichen gewann, die ihm dafür aber auch damit lohnen konnten, daß sie in den nachgefolgten Tagen des Schreckens mehr als einmal mit Todesgefahr, aber stets mit unerschütterlicher Standhaftigkeit, sein Leben schützten.

Nach seiner militärischen Besitzergreifung vergiengen ohngefähr 2 Monate, während welcher die bemerkte Geschäfts-Behandlung, jedoch ohne besondere Verpflichtung, ununterbrochen fortgieng. Herr von Maucler bereiste mittlerweile auch alle umliegende Ortschaften; und so wie man in dieser Zwischenzeit beschäftiget war, die Herrschaftlichen Kassen und Effekten, dann die Vorräthe des Zeughauses fortzuschaffen, so wurden ferner die königlichen Wappen an Thoe und öffentliche Gebäude angeheftet, und die Würtembergischen Farben an Pfählen u.s.w. angebracht. Hinsichtlich der Staatsdiener geschah, mit Ausnahme der einstweiligen Suspendierung der Landbeamten, nicht die mindeste Veränderung, außer daß Herr von Maucler dieselben und die Ordenspriester und zwar jene, ihre Porte-épées und Cordons, als Decorationen, die bei den Würtembergischen Civile nicht gebräuchlich seyen, und diese, ihre Ordenskreuze abzulegen ersuchte, worauf sofort die förmliche Besitzergreifung mittelst der Huldigung vorgenommen wurde.

Als man einige Tage vorher erfuhr, daß zu dieser Feierlichkeit der 13. Juni bestimmt sey, verbreitete sich neuerdings eine allgemeine Bestürzung. Denn dieser Tag war Anton Victors Namensfest, sonst ein hoher Freudentag für Stadt und Land. Man unterrichtete den Herrn von Maucler hievon. Allein derselbe versicherte, daß es ihm leid seye, solches nicht früher gewußt zu haben; daß er die Sache aber nicht mehr ändern könne, weil bereits alle Anordnungen getroffen, und hierüber die Anzeige allerhöchsten Orts gemacht worden sey. Indessen ließ dieser Umstand einen tiefen Eindruck zurück.

Am 13. Juni also, früh um 9 Uhr, mußten sich im Schloß die sämmtlichen Centraldiener und die neu angekommenen Würtembergischen Beamten, dann die Lokaldiener von allen Ständen in abgesonderten Zimmern versammeln, und nachdem Letztere in Pflichten genommen waren, begab sich Herr von Maucler zu Ersteren, worauf der Zug auf den Marktplatz gieng. Dort war von dem Würtembergischen Militär ein Spalier gezogen, und eine Tribune errichtet, von welcher Herr von Maucler eine Rede an das versammelte Volk hielt, die Namens dessen der Hofrath und Stadtschultheis Taglieber zu beantworten hatte. Bei dieser Gelegenheit ergab sich übrigens ein Umstand, der äussert auffallend war, und zu dem eben der Tag selbst nicht wenig beigetragen hat. Als nämlich Herr von Maucler die Hand zur Eidesleistung emporhub, und nach einer Pause, wo er das nämliche vom Volk erwartete, die Eidesformel langsam und mit Nachdruck besagte, herrschte, mit Ausnahme eines halblauten Geflüsters einiger Localdiener, eine allgemeine tiefe Stille. Unter dem Volke war kein Laut zu vernehmen, und ein Einziger unter demselben soll in Begriff gestanden seyn, die Hand in die Höhe zu heben, von einem Rückwärtsstehenden aber durch einen Stockschlag auf die Finger zurecht gewiesen worden seyn. Außer einer kleine Bläße, die man jetzt auf dem Gesichte des Herrn von Maucler bemerkte, blieb sich derselbe ganz gegenwärtig, und endigte den Eid für sich allein. Hierauf gieng der Zug in die Stadtpfarrkirche, wo Predigt, Hochamt und Te-Deum abgehalten wurden. In der nämlichen Ordnung, wie Anfangs, begab man sich in das Schloß zurück. Die Feierlichkeit endigte sich mit einer großen Mittagstafel, während welcher der Präsident Freiherr von Reuttner nach einer mit dem Freiherrn von Maucler getroffenen Abrede, die Gesundheit Sr. Majestät des Königs ausbrachte, und die Anwesenden tranken mit.

Nun war zwar die Huldigung vorüber, durch die die Localdiener und Unterthanen einen neuen Herrn verpflichtet und zinsbar seyn sollten. Aber Formen können die Herzen der Menschen nicht binden. Bei dem Huldigungseid, dem unsere Umstände, eine vorausgeschickte Rede und die Persönlichkeit des General-Landes-Kommissärs alle Feierlichkeit gaben, herrschte desungeachtet tiefes Stillschweigen, das um so vorsätzlicher zu seyn schien, als eben diese Stille nachher sehr geltend gemacht wurde, indem von dem großen Haufen allgemein und öffentlich mit Nachdruck behauptet worden ist, daß man zum Erscheinen bei der Huldigung aufgeboten, aber weder mit Herz noch Mund, somit nicht wirklich gehuldiget worden sey. Ich glaube kaum, daß dieser letztere Umstand der Wachsamkeit des Herrn von Maucler verborgen geblieben ist, und zwar um so weniger, als sich Auftritte ähnlicher Art früher und später noch mehrere ergeben haben. Denn so wie bei der Huldigung kaum die Hälfte der Landbewohner anwesend war, und selbst diese aus allen Ecken der Stadt zur Versammlung auf den Marktplatz getrieben werden mußten; so geschah es unter andern am Sonntag, den 18. Junius, daß nach der Predigt, als der Geistliche das Kirchengebet für den König und das Königliche Haus verrichtete, ein so allgemeines Husten ausbrach, das nachher in ein förmliches Lärmen ausartete, daß nicht ein Wort verstanden werden konnte. Der Herr von Maucler mag vielleicht im Hinblick auf die Anhänglichkeit, die man ihm in der Stadt und auf dem Lande bewies, diese Ereignisse für unbedeutend gehalten, und in der Ueberzeugung von der allgemeinen Verehrung, die man seiner Person zollte, auf diese den unausbleiblich günstigen Erfolg berechnet gehabt haben. Vielleicht aber auch haben bei diesem Verfahren höhere Vorschriften seine Schritte geleitet. Die weitere Geschichte wird hierüber ein helleres Licht verbreiten.

In diese Periode fiel die Aushebung der schon früher konscribirten jungen Mannschaft. Ein Unternehmen, das jetzt um so gewagter seyn mußte, als ein Solches vorher nie herkömmlich gewesen, und für den neuen Regenten gerade in dem Zeitpunkt geschah, wo ein unglücklicher Krieg für das Haus Oestreich am heftigsten gegen dasselbe wüthete.

In der Stadt und dem zu derselben Pfarrei gehörigen Dorfe Löfelstelzen waren zwar die Rekruten, die man nach Würtembergischer Sitte nicht durch das Loos, sondern nach Willkühr wählte, nicht ohne Murren aber doch ohne öffentliche Auftritte, ausgehoben, und unter der Aufsicht des vorigen Stadtgerichts-Assessors Baumgartinger, bereits auf dem Wege nach Ludwigsburg. Allein auf dem Lande, setzte man sich mit allem Ernste dagegen. Ein Umstand, der hierin der Hartnäckigkeit der Bauern mit jedem Tage neue Nahrung gab, war die Ueberzeugung, daß östreichische Truppen im Anzug und nicht mehr sehr entfernt wären; worin sie noch mehr durch das Benehmen der General-Landes-Kommission bestärkt werden mußten, die damals selbst in jedem Augenblicke einen Besuch von den in der Nähe freistehenden Oestreichern befürchtete, und verschiedene Male alle Vorkehr zu einer schleunigen Abreise traf, zu welchem Zwecke dieselben Personal und Alle anwesenden Würtembergischen Beamte in einem Zimmer des Schloßes einige Nächte versammelt blieben.

Allein dessen, und der vorhandenen unbedeutenden Garnison von Veteranen ungeachtet, auf die sich ohnehin, wie die Erfahrung nachher lehrte, gegen das Landvolk nicht zu verlasen war, sollte die Aushebung auf dem Lande durchgesetzt werden, und man machte in den Gemeinden Iggersheim, Markelsheim und Apfelbach sogar den Versuch, dieses bei der Nacht zu bewerkstelligen. Allein die jungen Bursche waren fort, die Gemüther wurden durch dieses Verfahren noch mehr erbittert, und das Volk in dem schon vorgefaßten Glauben bestärkt, daß der König keine Truppen in seinem Lande habe.

Schon nach einigen Tagen, es war zwischen dem 22. 23. Und 24. Juni, wurde der Unwille des Volkes lauter, und man bemerkte häufiger Zusammenrottungen auf dem Lande, wovon sihc nicht nur der Sekretär von Kauffmann auf einer zu dieser Zeit gemachten Geschäftsreise nach Weikersheim überzeugen mußte, sondern worüber selbst den Herrn von Maucler von einem redlichen Landbeamten mehrmalen berichtet worden. Am 25. wurde die Sache ganz augenfällig. An diesem Tage, es war Sonntag, wo viele Menschen das Land besuchten, wurde von denselben bei ihrer Zurückkunft die Nachricht allgemein verbreitet, daß sich die Bauern aller Orten versammelten, zum Theil bewaffnet erschienen wären, Vorposten ausgestellet, und betheuert hätten, daß sie nicht nur sich der Rekruten-Aushebung widersetzen, sondern auch die benachbarten Orte in dieser Hinsicht schützen würden. Zu allem dem kam noch, daß selbst einige Staatsdiener, was bei einer mindern Rechtschaffenheit derselben in solchen Augenblicken von den nachtheiligsten Folgen hätte seyn können, durch ein öffentliches unschickliches rohes Betragen eines neuen Würtembergischen Beamten empfindlich gereitzt worden waren.

Wenn man nun mit Gewißheit annehmen kann, daß alle diese Umstände der Einsicht des Herrn von Maucler nicht entgangen seyn können, und daß derselbe dessenungeachtet die weitere Rekrutenaushebung in dem Orte Wachbach veranstaltete; so muß die Aufmerksamkeit noch mehr gespannt, und der Blick um so unverrückter auf die Triebfeder hingerichtet werden, die ihn zu diesem Unternehmen veranlaßte, wenn man erwägt, daß in diesem Augenblicke demselben mehr nicht, als ungefähr 40 Exkapitulanten zu Gebot standen, und wenn man damit die weitere Betrachtung verbindet, daß demselben von seinem Hofe eine stärkere militärische Unterstützung angeboten worden seye, er socleh aber von der Hand gewiesen haben soll, wogegen derselbe dennoch einige Landreuter von den benachbarten Kreisen zur Assistenz einberief, die ihm aber auch, wie andere glauben, von benachbarten Behörden aus eigenem Antriebe zugeschickt worden seyn sollen.

Der 26. Juni, der Anfang einer gräßlichen Periode, an die sich Mergentheim ewig mit Schaudern erinnern wird, erschien. Früh gegen 8 Uhr versammelten sich auf dem Marktplatze die bemerkten Exkapitulanten und mehrere Landreuter unter der Anführung des Lieutenants Backmeister, und zogen dann unter der Leitung des Majors von Hypeden und des Oberamtmanns Kuhn nach Wachbach, um dort die Rekrutenaushebung zu bewerkstelligen.

Alles war in gespannter Erwartung, und der größte Theil sah mit banger Gewißheit dem hereinbrechenden Unglück entgegen. Zwischen 10 und 11 Uhr bemerkte man starke Menschenmassen auf dem nahe gelegenen Bergen, und in dem nämlichen Augenblicke hörte man von allen Seiten einen fürchterlichen Lärmen, der den deutlichen und traurigen Beweiß von einem allgemeinen Aufstande lieferte. Als bald darauf einige Landereuter mit der Nachricht in die Stadt sprengten, daß die Bauern die Aushebung in Wachbach mit Gewalt gehindert hätten, und daß sie die königliche Kommission und das Militär, das der Lieutenant Backmeister, wie man später erfuhr, umsonst zur Gegenwehr zu bewegen suchte, auf dem Fuß verfolgten, und als zu gleicher Zeit mehrere Bürger von ihren Aeckern und Weingärten halb athemlos ihren Wohnungen zueilten, und die Nachricht mitbrachten, daß ganze Haufen von Bauern heranzögen, und daß diese ihren zugerufen hätten, sie müßten gemeinschaftliche Sache mit dem Lande machen, und sogleich die Sturmglocke läuten, oder die Stadt würde in Brand gesteckt; so wurden, um den wüthenden Haufen wenigstens auf einige Augenblicke zurückzuhalten, die Thore gesperrt.

In dieser Schreckensvollen Lage, in der jede Gutgesinnte vorzüglich für das Leben des General-Landes-Kommissärs von Maucler zitterte, gewährte es einen rührenden und erhabenen Anblick, wie derselbe an der Seite der beiden Hofräthe Herzberger und Taglieber, als der ersten Polizeibeamten, voll Vertrauen auf den Biedersinn der Staatsdiener und auf den Schutz der braven Bürger von Mergentheim, auf dem Marktplatz erschien, und mit der edlen Aeusserung, — daß sich die Bauern, durch die Sperrung der Stadt noch mher gereitzt, gegen diese feindseelig betragen, und die noch ausser den Thoren befindliche Kommission und das Militär mißhandeln möchten, — die Thore zu öffnen befahl, und mit Unerschrockenheit und männlicher Würde der rasenden Menge vor das Wachbacher Thor entgegen gieng.

Kaum war dieses geschehen; so stürzten, wie ein reissender Strom, Hunderte von Bauern, mit Schießgewehren, Säbeln, Sensen, Gabeln und Prügeln bewaffnet, von allen Seiten in die Stadt, wovon die Meisten den Herrn von Maucler, der aber durch Staatsdiener und Bürger gedeckt war, unter den fürchterlichsten Geschrei umgaben, daß sie sich das Rekrutenausheben nicht gefallen ließen. Mehrere eilten der Kirch zu, stießen die Thrumthüren ein, und zogen die Sturmglocke. Der Beredsamkeit des Herrn von Maucler, der auch nicht einen Augenblick seine Würde vergaß, dem Zureden der beiden genannten Hofräthe und den Bemühungen einiger Regierungs-Mitglieder und vieler braver Bürger, die sich stets unter dem Haufen befanden, war es endlich gelungen, einen kurzen Stillstand zu bewirken, die Bauernin Parteien zu theilen, und vor allen den Herrn von Maucler gegen Mißhandlungen zu schützen.

Allein dieses war nur für die Dauer eines Augenblicks. Die Wuth der bauern erwachte von neuem, und durch einen unglücklichen Zufall loderte sie in helle Flammen auf.

Abends vorher waren nämlich von den Landdragonern drei östreichische Deserteurs eingebracht und einstweilen auf der Hauptwache verwahret worden, um sodann nach Ludwigsburg transportirt zu werden. Unter diesen befand sich ein Uhlane, der durch sein martialisches Aussehen besonders auffiel. Die Bauern bemächtigten sich der Hauptwache, befreiten die drei Deserteurs und riefen den Uhlanen, den sie das Pferd eines Landdragoners gaben, und den sie mit einem Säbel umgürteten, unter allgemeinem Jubel zu ihren Anführer aus. Jetzt ertönte ein wildes »Vivat Kaiser Franz, Vivat Anton Victor,« das mit dem gräßlichen Geschrei »schlagt die Würtemberger Hunde todt« in einem grellen Widerklange stand. In dem nämlichen Augenblicke begann die Entwaffnung und Mißhandlung des schon in alle Straßen zerstreuten königlichen Militärs und der Landdragoner, und die Abreissung der königlichen Wappen. Die rasende Menge, die auf einige Tausende angewachsen war, stürzte auf den Herrn von Maucler los, den sie an der Seite des Uhlanen, der an der Spitze ritt, im Triumphe durch alle Straßen schleppten. Nun wurden unter dem Zuge Berathschlagungen über die Behandlung des Herrn von Maucler angestellt. Mehrere waren für die Abführung in das östreichische Hauptquartier, die Meisten aber, unter dem gräßlichen Geschrei, daß man sienen Kopf auf einer Stange zur Schau herumtragen sollte, für den Tod gestimmt; und in diesem Augenblicke wurde auch schon ein tödtlicher Hieb mit einer Heugabel auf denselben geführt, den aber der Uhlan mit kräftigen Arme durch den Säbel wegschlug. Herr von Maucler wäre jetzt ohne Rettung als ein Opfer der Volkswuth gefallen, wenn nicht Mergentheims Bürger mit kühner Entschlossenheit und eigener Lebensgefahr die wüthenden Anfälle der rasenden Menge auf denselben zurückgehalten hätten. Allein ein längerer Widerstand wäre bei dem immer mehr überhandnehmenden wilden Zusammenströmen auch nicht mehr möglich gewesen, und Herr von Maucler würde desungeachtet der Rachsucht der Bauern nicht entgangen seyn, wenn nicht in diesem entscheidenden Augenblicke der Präsident, Freiherr von Reuttner, der stets an der Seite des Herrn von Maucler, oder unter den Haufen der Bauern war, diese mit eben so viel Klugheit, als Entschlossenheit dahin zu leiten gewußt hätte, daß derselbe von ihnen, als ihr Gefangener, auf das Rathaus gebracht wurde, wo nachher auch mehrere königliche Beamte, welche zum Theil in einem Wirthshause bewacht waren, verwahret wurden.

Mitten unter diesen Auftritten des Schreckens wagten mehrere das gefährliche Unternehmen, verschiedene andere königliche Diener in Sicherheit zu bringen. Der Oberrevisionsrath Sommer und der Kameralgehilfe Klett kamen unter sicherer Führung auf verborgenen Wegen au der Stadt. Den Oberpostmeister von Reinoehl und den Sekretär von Kauffmann nahm der biedere Postmeister Sambeth in seine Wohnung auf, und verbarg sie einige Tage, worauf sie bey nächtlicher Weile gerettet wurden. Neun Landdragoner, die entwaffnet und mißhanelt auf den Straßen herumirrten, verbarg der Hofrath Freiherr von Kleudgen in dem Gasthause zum Kreuz, und der Kreuzwirth Liebler, mit Hülfe des Schultheissen Beck zu Edelsingen, brachte sie in den folgenden 2 Nächten, als österreichische Ranzionirte verkleidet, mitten durch den Schwarm und die Vorposten der Bauern, mit eben so viel Muth als Glück, mit Ausnahme eines Einzigen, auf freien Fuß, der wegen Alters und schwerer Blessur zurückbleiben, und in seiner Verborgenheit bis zum Einrücken der königlichen Truppen ausharren mußte.

Sobald die königlichen Diener auf das Rathause gebracht waren, trafen die beiden Hofräthe Herzberger und Taglieber eine Vorkehr, die unumgänglich nothwendig war, und die in diesem tumultuarischen Zustand einen unverkennbaren Beweis von Gegenwart des Geistes und Klugheit lieferte. Sie suchten nämlich in der größten Geschwindigkeit die durch Rechtschaffenheit und Muth erprobtesten Bürger zur Wache für die Gefangenen aus, die alle schwören mußten, eher selbst zu sterben, als die geringste Mißhandlung an einem königlichen Diener zu gestatten. Und es gab Gelegenheit, die Reinheit dieses Schwures thätig zu beweisen.

Ein schrecklicher Auftritt folgte jetzt dem andern. Mehrmalen stürmte der Haufe unter der Anführung des Uhlanen in das Rathhaus und selbst bis in das Zimmer der Gefangenen. Mit wildem Ungestürmm drangen die Bauern darauf, dem General-Landes-Kommissär, den sie in das östreichische Hauptquartier fürhen, und einstweilen auf einem Dorfe verwahren wollten, an sie auszuliefern, oder ihnen wenigstens die Wache vor dem Zimmer desselben einzuräumen. Als dieses Gefahr drohende Begehren mit Standhaftigkeit abgeschlagen wurde, brauchten die Bauern Gewalt, und es kam zu einem blutigen Handgemeng, wobei aber die brave Bürgerwache eine so muthvolle Gegenwehr leistete, daß die königlichen Beamten auch für diesmal gerettet waren.

Indessen hatten sich die übrigen Rebellen, die größtentheils aus fremden Menschen, Vagabunden, Wildieben und dergleichen Gesindel bestanden, in abgesonderte Haufen getheil,t und, während jener auftritt auf dem Rathhause vorging, wurden von einer dieser Parteien die Zimmer der königlichen Beamten im Schloß, so wie im Gasthaus zum Hirschen, und dort auch das Quartier eines durchreisenden französischen Offiziers, der sich zu seiner Sicherheit an die königlichen Diener auf dem Rathhause angeschlossen hatte, ausgeplündert. Andere, unter der Anführung eines berüchtigten Wilddiebes von Oberbalbach, stürmten den sogeannten Probsthof, den der Hofrath Herzberger und der Oberamtmann Kuhn bewohnten, trieben dort allen möglichen Unfug, quartierten sich förmlich ein, und suchten den Oberamtsgehülfen Doctor Schmidt auf, der in diesem Hause verborgen war, den sie aber nicht fanden, und den der Hofrath Taglieber, weil derselbe sich in seiner bisherigen Verborgenheit nicht mehr länger sicher glaubte, und nach Hülfe sehnte, um Mitternacht auf das Rathaus zu den übrigen Gefangenen zu bringen wußte. Mehrere Bauern visitirten die Wirthshäuser, um dort die noch fehlenden Beamten aufzusuchen, fanden aber niemand, als, im Gasthause zum Hirschen, den hohenlohischen Hofkammerrath und Chaussee-Inspektor Schmidt, der blos als Gast anwesend war, den sie aber ohne weiteres arestirten und ebenfalls auf das Rathaus führten.

Bald darauf erschien der Uhlan mit einem Zug größtentheils baadischer Unterthanen von Oberbalbach wieder auf dem Rathhaus, und forderte die Auslieferung der königlichen Kassen. Dieses geschah unter groben Mishandlungen und einer solchen Wuth, daß man im ersten Augenblicke nachgeben mußte. Der Hofrath Taglieber, von dem sie die Herbeischffung verlangten, und der von dem Daseyn und dem Aufenthaltsorte der noch zurückgebliebenen Kommissionskasse unterrichtet war, führte die Bauern in die ausgesplünderten Zimmer der königlichen Diener im Schloß und suchte sie zu bereden, daß diese Kasse bereits entwendet worden seyn müsse. Allein unter einem gräßlichen Geschrey schleppten sie denselben von einem Orte zum andern, und nur durch die herbeygeströmte Menge fast aller anwesenden Bauern gelang es dem entschlossenen Betragen desselben, die Kasse zu retten. Er rief nämlich diesen Letztern zu: ob es ihr allgemeiner Wille wäre, daß geraubt und geplündert, und die herrschaftlichen Kassen an den Uhlanen und die mit ihm verbundenen baadischen Bauern abgegeben werden sollten; worauf die einhellige Stimme ertönte, daß die Kassen unversehrt bleiben, an ihren rechtmäßigen Herrn zurückkommen, und dem Präsidenten die Schlüssel übergeben werden sollten.

Es war indessen leicht vorauszusehen, daß nach dieser fehlgeschlagenen Hoffnung der Uhlan und sein Anhang neue Plünderungsversuche machen würden. Und da die Bauern jetzt schon anfingen, ihre Herrschaft über die Bürger geltend zu machen, laut von der Wiederherstellung der vorigen Verfassung sprachen, und sich als die Wiederhersteller derselben priesen, auch in einem feierlichen Zug und unter allgemeinem Jubel die vorgefundenen kaiserlichen und deutschmeisterischen Wappen wieder an die öffentlichen Gebäude hefteten, so war von dieser Stimmung, besonders da die Köpfe nicht wenig vom Wein erhitzt waren, mit der hereinbrechenden Nacht das Schlimmste zu befürchten. Und es war daher alles daran gelegen, und die vorzüglichste Bemühung mußte deswegen dahin gehen, vor allem den Uhlanen und dann einen Theil der Bauern aus der Stadt zu bringen, um die Bürger sofort erforderlichen Falls in einen ausgiebigern Widerstand setzen zu können. Dieses gelang auch gegen alle Erwartung. Der Hofrath Taglieber wußte durch eine ansehnliche Summe Geldes und durch die glückliche Mitwürkung eines unbekannten Fremden den Uhlanen und seine zwei Kamerade heimlich zu beseitigen, und das Ansehen und die klue Einleitung des Präsidenten bewirkten die Entfernung des größten Theils der Bauern aus der Stadt. Uebrigens bestanden die Zurückgebliebenen darauf, daß von ihnen und den Bürgern gemeinschaftlich die Thore und Hauptwache besetzt würden, was denselben auch zugestanden werden mußte.

Der Abend und die erste Hälfte der Nacht blieben ziemlich ruhig. Allein gegen Mitternacht erhob sich ein fürchterlicher Lärmen. Die Bauern hatten sich am Hirschwirthshause, nicht weit von der Wohnung des Assessors Baumgartinger,, versammelt, und dort unter wilden Geschrei und Toben den einmüthigen Entschluß gefaßt, den erwähnten Baumgartinger,, den sie anweend und versteckt glaubten, in seinem Hause aufzusuchen und zu ermorden. Der herbeigeilte Kommandeur, Freiherr von Zobel, bot alle Kräfte auf, die Bauern von diesem Vorsatz abzubringen, und versicherte sie wiederholt auf sein Ehrenwort, daß Anton Victor, wen er sie jetzt sähe, mit Zorn und Verachtung auf sie blicken würde; daß in dieser vollen Ueberzeugung er jetzt in dessen Namen dastehe, und daß nur über seinen Leib der Weg zu diesem Unschuldigen gehe.« Diese Sprache wirkte so viel, daß die Bauern in einer Seitengasse Berathschlagungen hielten, und dann die Erklärung abgaben, daß sie blos in den Keller wollten, um Wein zu trinken. Hofrath von Kleudgen aber fuhr fort, sie auch bei einem solchen Vorhaben als Plünderer zu schildern, und schloß damit, daß ihm jeder Gutgesinnte willkommen seyn werde, wen er mit ihm trinken wolle. »Wer brav ist« rief er »folge mir, und nur Schurken bleiben zurück.« Hierauf begleiteten sie ihn alle in das Kreuzwirthshaus, wo sie auf Anton Victor Gesundheit tranken. Hofrath von Kleudgen verschafte dann ungesäumt eine starke Bürgerwache vor deas Baumgartingerische Haus, und diese vereitelte einige später wiederholte, wiewohl nur schwache Angriffe. (Beilage 1.)

Der folgende Tag, der Dienstag, eröffnete sich mit einer neuen Schreckensscene. Schon früh um 4 Uhr stürmten die Bauern neuerdings den Probsthof, droheten mit Mord und Brand, wenn nicht alle Würtemberger angegeben und ausgeliefert würden, und plünderten die Zimmer des Oberamtmanns Kuhn rein aus.

In der Hoffnung, die Ruhe einigermassen herzustellen, machte man jetzt den Versuch, durch die Ortsvorstände auf die Bauern zu wirken. Man ließ daher alle Schultheißen und Bürgermeister in die Stadt berufen, besprach sich mit diesen über die Art und Weise, wie dem stündlich mehr drohenden Unglück entgegengearbeitet werden könne, und gab denselben die Weisung, daß für die Zukunft abwechselnd für jeden Tag wenigstens ein Vorstand von jedem Ort in der Stadt anwesend seyn müsse. Allein auch diese Vorkehr war ohne günstigen Erfolg. Die Bauern ließen sich von den Schultheißen durchaus nichts sagen, vielmehr verloren diese ihr voriges Vertrauen gänzlich.

Schon Tages vorher hatten die Bauern verlangt, daß das aufgelöste deutschordische Militär wieder uniformirt, wegen der erfolgten Abfuhr der militärischen Armatur mit bürgerlichen Gewehren bewaffnet und seinem vorigen Kommandanten, dem Deutsch-Ordens-Kommandeur, Freiherrn von Hornstein, den sie zugleich als ihren Kommandanten anerkennen wollten, übergeben werden solle. Diesem Begehren, das heute wiederholt wurde, entsprach man, selbst mit Einwilligung des Herrn von Maucler, um so lieber, als man mit Zuversicht nur einen guten Erfolg von der Vereinigung des Militärs mit der Bürgerschaft vorzüglich auch deswegen erwarten konnte, weil der rechtschaffene Kommandaeur von Hornstein, der seiner Gutmüthigkeit und seines Kreuzes wegen nebstdem das ganze Vertrauen der Bauern besaß, und jetzt zugleich das Kommando über diese führen sollte, als ein sehr vortheilhaftes Werkzeug zum Hinwirken aufs Gute zu benutzen war.

Der Uebermuth der Insurgenten, die sich schon gestern als Retter und Herren der Stadt aufgeworfen hatten, wurde indessen heute noch weit größer, und erhielt unter andern auch dadurch neue Nahrung,daß ein Gemeindemann aus Ailingen, einen schon früher mit dem Amte Nirzenhausen entrissenen deutsch-ordischen Dorfe, mit der Versicherung erschien, daß das ganze Amt Hülfe zu leisten bereit, und er zu diesem Ende, und um eine D.O. Wappe abzuholen, einen lauten Vivatgechrei aus der Stadt transportirte, abgesandt worden wäre. Zugleich versicherten die Bauern, daß Leute von allen benachbarten Orten bei ihnen gewesen und sie zu unterstützen versprochen, und daß sich besonders eigene Deputirte aus dem fremdherrlichen Dorfe Schüpf beschweret haben, daß man ihnen gestern keine Nachricht ertheilet habe, indem sie in jedem Augenblick bewaffnet und mit klingendem Spiele zu erscheinen erbötig wären. Der Tumult nahm jetzt mit der Herrlichkeit der Bauern in gleich hohem Grade zu. In einem feierlichen Zuge begaben sie sich zu dem Seminariums-Director und zu dem Stadtfarrer, und nöthigten diese, die Ordenskreuze ihren Kleidern wieder anzuheften. Das Mißtrauen und der Unwille gegen die Stadt wurden grenzenlos, sie nannten diese schlecht und feig, weil man das Silber und die andern herrschaftlichen Geräthschaften nach Ludwigsburg habe abführen lassen. Sie verstärkte ihre Vorposten, hielten alle ankommenden und abgehenden Posten und Reisende an, und nur mit einer ausserordentlichen Mühe konnte es der Hofrath Taglieber in dieser Hinsicht dahin bringen, daß ihm die Untersuchung der Briefe unter Beigebung einer Wache übertragen wurde, um dadurch das Eröffnen derselben und die daraus entstehenden üblen Folgen zu beseitigen. Sie verlangten jetzt mit allem Ungestümm Pulver und Bley, und nur die Vorstellung, daß noch gar keine Gefahr vorhanden wäre, und man zu seiner Zeit dafür sorgen werde, konnte sie vor der Hand zur Ruhe bewegen. Indessen, so scharf man es auch den sämmtlichen Kaufleuten befohlen hatte, ihren Vorrath zu verbergen, müssen sie doch einige Munition zu erhalten gewußt, oder auch einen Theil mit sich gebracht haben; denn sie nahmen jetzt Uebungen im Schießen in der Stadt vor, und machten Knöpfe, Fahnen und ausgezeichnete Ziegel auf den Dächer zu ihrem Ziel.

In einer fürchterlichen Aufwallung dieser Art überfilen die Insurgenten schon in der Frühe den Herrn von Maucler, und droheten denselben mit dem Tode, wenn er diejenigen nicht nennen würde, die ihm das verborgen geweene Silber verrathen hätten, und unter der nämlichen Bedingung verlangten sie die Namen derjenigen zu wissen, die bei dem Könige selbst auf die Besitznahme des Fürstenthums Mergentheim den Antrag gemacht hätten. Der Anfall war dießmal so wüthend und hartnäckig, daß die ernstlichsten Ermahungen der beiden Hofräthe Herzberger und Taglieber, daß ganze Ansehen der Ordensritter Freiherrn von Reuttner, von Hornstein und die tapferste Gegenwehr der Bürgerwache zugleich erforderlich waren, um denselben abzuweisen.

Nach diesen wiederholten ernstlichen Versuch auf das Leben des Herrn von Maucler, und bei der weit überwiegenden Anzahl der Bauern gegen die Bürger, die bei dem bereits abgeführten Zeughausgeräthschaften nicht einmal hätten gehörig bewaffnet werden können, war man mehr als jemals überzeugt, daß nur durch das Anrücken des königlichen Militärs dieser schrecklichen Anarchie ein Ende gemacht werden könne. Da man aber auch die Gefahr voraussah, die in diesem Falle von der zügllosen Wuth der Insurgenten den königlichen Dienern und darunter vorzüglich dem Herrn von Maucler drohete; so sann man nach allen Kräften auf Mittel, die Freilassung desselben von den Bauern zu erwirken. Und da derselbe schon vorher dem Präsidenten von Reuttner durch ein Schreiben eröffnet hatte: »daß er in diesem Zustande nicht mehr würken könne, somit sein Kommissorium niederlege, und die erforderliche Vorkehr zur Sicherheit den Einleitungen des Herrn Präsidenten anheimstelle,« so veranlaßte dieser zu dem doppelten Zwecke, einmal die Freilassung des Herrn von Maucler zu bewirken, und dann, sich zu berathen, auf welche Art die Hofräthe Herzberger und Taglieber in ihren Arbeiten und Bemühungen, die sie allein auszuhalten kaum mehr im Stande waren, unterstützt werden könnten, eine Versammlung des Regierungs-Comité.

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