EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Proklamation des Königs von Preußen an die Armee

vom 09.10.1806.

Seine Majestät der König haben allergnädigst befohlen, folgendes der Armee bekannt zu machen:

Alle Bemühungen Ihrer und Ihrer nächsten alliirten Staaten, den Frieden noch länger zu erhalten, sind fruchtlos gewesen, und wenn nicht das ganze nördliche Deutschland, ja vielleicht ganz Europa, der Willkühr eines nie ruhenden Feindes und seinen verheerenden Armeen überlassen werden soll, so ist der Krieg unvermeidlich.

Seine Majestät haben ihn besschlossen, da die Ehre und Sicherheit des Staats in Gefahr ist. Glücklich würden Sie Sich geschätzt haben, wenn Sie diese auf einem friedlichen Wege hätten erhalten können; dies weiß die Armee, dies weis die Nation, ja die Welt; aber mit froher Zuversicht werden Sie jetzt Ihr Heer zum Kampf für Vaterland und Nationalehre führen, denn die gerechte Sache ist mit uns.

Es ist Sr. Majestät nicht unbemerkt geblieben, daß die Armee längst den Krieg gewünscht, und wenn gleich Rücksichten, die allein aus Ihrem Standpunkte richtig erwogen werden können, Sie abhielten diesem Wunsche früher nachzugeben, so haben Sie ihn doch geehrt, da Sie Sich überzeugt halten, daß er nur aus wahrer Ehr- und Vaterlandsliebe, welche die Armee immer in so hohem Grade an den Tag gelegt, entsprossen ist. Auch die gesammte Nation hat schon bewiesen, welchen lebhaften Antheil sie an diesem Kriege nimmt, und es gereicht Sr. Majestät zur großen Beruhigung, daß das, was jetzt geschiehet, nicht allein unvermeidlich, sondern auch der einstimmige Wunsch des ganzen Volks ist.

Se. Majestät sind überzeugt, daß schon die Erhaltung der Nationalehre und des Ruhms, den Friedrichs Geist über seine Preußen verbreitete, die Armee zu der gewohnten Tapferkeit und zur willigen Ertragung aller im Kriege unvermeidlichen Mühseligkeiten hinlänglich aufmuntern würde; allein dieser Krieg hat noch mehrere, noch allgemeinere Zwecke.

Wir haben es mit einem Feinde zu thun, der rings um uns her die zahlreichsten Armeen geschlagen, die mächtigsten Staaten gedemüthiget, die ehrwürdigsten Verfassungen vernichtet, mehr als eine Nation ihrer Unabhängigkeit und ihres Namens beraubt hat.

Ein gleiches Schicksal war der preußischen Monarchie zugedacht. Schon bedrohten zahlreiche Heere ringsum ihre Grenzen, und vermehrten sich täglich. Auch sie sollte in Kurzem hinabsinken, ja wohl gar einen fremden Gebieter dienen, und Uebermuth un Raubgier träumte schon die Theilung des nördlichen Deutschlandes.

Wir fechten also für Unabhängigkeit, für Haus und Heerd, ja für alles, was uns theuer ist; und wenn Gott unserer gerechten Sache, unsern Waffen, und dem Muthe, der gewiß die Brust jedes Preußen belebt, den Sieg verleihet, so können wir die Retter Tausender Bedrückten werden. Gewiß ist Niemand in der Armee, von obersten Feldherrn bis zum Soldaten, dessen Herz kalt bey solchen Zwecken bleiben kann. Jeder Krieger, der in diesem Kampfe fällt, ist für eine heilige Sache der Menschheit gestorben. Jeder Krieger, der ihn überlebt, hat außer einem unsterblichen Ruhm, auch seinen Antheil an dem Dank, dem Jubel und dem Freudenthränen des geretteten Vaterlandes.

Wer unter uns könnte den Gedanken ertragen, dieses fremder Willkühr Preis gegeben zu sehen? Aber indem wir für uns selbst kämpfen, indem wir die tiefste Erniedrigung, die eine Nation nur  bedrohen kann, von uns selbst abwehren, sind wir zugleich die Retter und Befreier unserer deutschen Mitbrüder. Die Augen aller Völker sind auf uns, als die letzte Stütze aller Freiheit, aller Selbstständigkeit und aller Ordnung in Europa, gerichtet. Der Sieg, nach dem wir trachten ist kein gemeiner Sieg. Groß sind die Zwecke desselben, und groß die Mittel des siegestrunkenen Feindes; groß, ausgezeichnet und entscheidend müssen also auch unsere Anstrengungen seyn.

Se. Majestät werden diese Anstrengungen, Gefahren und Mühseligkeiten treulich mit Ihren Truppen theilen. Sie wissen, was Sie von ihren Mitstreitern zu erwarten haben. Sie wissen, daß unverdrossene Bereitwilligkeit, unermüdete Wachsamkeit, unbedingte Entschlossenheit und ausdauernde Beharrlichkeit von Ihrer braven Armee keinen Augenblick weichen können, und daß sie unter allen Umständen ihrer großen Bestimmung eingedenk seyn wird.

Die Schicksale der Völker und Heere stehen zwar in Gottes Hand, doch verleihet er meist nur anhaltenden Sieg und dauerhaftes Gedeihen, der Gerechtigkeit. Sie ist mit uns; das Vertrauen der guten Sache ist mit uns; für uns ist die Stimme der Zeitgenossen. Der glücklichste Erfolg wird unsere Unternehmung krönen.

Friedrich Wilhelm

Im Hauptquartier zu Erfurt, den 9. October 1806.

Quelle:
Poppe, Maximilian: Chronologische Übersicht der wichtigsten Begebenheiten aus den Kriegsjahren 1806-1815: Mit besonderer Beziehung auf Leipzigs Völkerschlacht und Beifügung der Originaldokumente, Leipzig 1848.

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