EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Der Straßburger Rathaussturm

Sturm auf das Straßburger Rathaus am 22.07.1789 durch aufgebrachte Tagelöhner und Handwerker.
Sturm auf das Straßburger Rathaus am 22.07.1789 durch aufgebrachte Tagelöhner und Handwerker.

Am 11.07.1789 entließ Ludwig XVI. den Finanzminister Jaques Necker (1732-1804), der gerade beim Bürgertum eine große Popularität besaß. Am 14.07.1789 stürmte das Volk die verhasste Pariser Bastille, die der König als Gefängnis benutzte. Aufgeschreckt durch den Volkszorn und um die Volksmasse zu beruhigen, wurde Jaques Necker am folgenden Tag erneut als Finanzminister eingesetzt.

Von den revolutionären Ereignissen und dem Sturm des Staatsgefängnisses, dem verhassten Symbol des Ancien Régime, erfuhr man in Straßburg wenige Tage später, am 19.07.1789 erstmals etwas. Die Entscheidung des Königs, Necker wieder als Finanzminister einzusetzen, traf auf die Zustimmung der Straßburger Kaufleute während die weniger betuchten Handwerker nun ihre Beschwerden beim Stadtmagistrat durchzusetzen beabsichtigten. Die Tagelöhner und kleinsten Handwerker, die im Grunde die Schicht der Sansculotten bildete, sah die Chance für einen revolutionären Umschwung gegeben. Zunächst bleiben die Reaktionen in der Stadt noch ruhig. An diesem 19.07.1789, ein Sonntag, wird die Rede des Königs in der Nationalversammlung in der ganzen Stadt plakatiert. Am Abend wird auf dem Paradeplatz ein Freudenfeuer entzündet. Bei einem Umzug durch die Stadt erzwingen Handwerker und Tagelöhner, dass die Häuser illuminiert werden. Es kommt zu ersten Ausschreitungen, bei denen jedoch nur vereinzelte Scheiben zu Bruch gehen.

Am folgenden Montag kommt es zu einer Belagerung des Rathauses durch eine große Volksmenge. Auf die Mitglieder des Magistrats, der die seit 1788 erhobenen Beschwerden der Handwerker und Kleinunternehmer vor sich her schob, ging ein Steinregen nieder. Erst nach langem Zögern wird das Rathaus durch Soldaten besetzt und vor der Volksmasse geschützt. Am Abend verbreitet sich das Gerücht, dass der Magistrat das Beschwerdeheft zur Zufriedenheit der Bürgerschaft beantwortet habe. Es bleibt ruhig in der Stadt.

Am Dienstag, den 21.07.1789, geht das Gerücht durch die Straßburger Straßen, dass nicht alle Ratsherren die Beschwerden anerkannt unterschrieben hätten. Damit wurde die vom Magistrat in Aussicht gestellte Senkung des Fleisch- und Brotpreises hinfällig. Sofort findet sich eine große Volksmasse vor dem Rathaus ein, diesmal jedoch mehr Tagelöhner als kleine Handwerker.

In der anonymen Flugschrift »Beschreibung des jammervollen Aufruhrs in Straßburg« findet sich folgende Passage:

Das Volk lief zusammen, schadenfrohe Burschen, gesellten sich rottenweise, Männer und Weiber elende und verworfene Geschöpfe, deren wildes Aussehen Zerstörung drohete, befeuerten einander ihre Wut, und schon vor drei Uhr nachmittags sah die Pfalz ihrer augenblicklichen Zerrüttung entgegen.

Nachmittags um 17:00 Uhr stürmt die Masse das Rathaus von Straßburg und plünderte es, das Militär unter dem Befehl des Barons von Klinglin, schaut zu. Die Rathauskutschen werden von der Volksmasse zum Paradeplatz gebracht, wo sie zerstört und verbrannt werden. »Doch nur wenige Bürger haben an der Plünderung [des Rathauses] teilgenommen. Es waren Schirmer [Stadtarme] und liederlich Gesindel.« so ein Augenzeuge.

Weder die Masse des Bürgertums, noch die Angehörigen der Zünfte konnten sich für den Rathaussturm und die aufkommende Revolutionsbegeisterung in Straßburg begeistern. Am Tag nach dem Rathaussturm stellten die Zünfte bewaffnete Patrouillen auf, die eigenmächtig drei Tage lang verdächtige Personen festnahmen oder Hausdurchsuchungen durchführten. In der gleichen anonymen Flugschrift liest man:

Mittwoch, den 22., versammelte sich die Bürgerschaft; um die Gefahr, die ihnen das Gemurmel vom Häuser Niederreißen und vom Mordbrennen drohete, brachte sie zum Entschlusse, sich zu bewaffnen., Tag und Nacht einstimmig mit dem Militär in der Stadt herum zu patrouillieren, das Gesindel aufzusuchen und Sicherheit und Ruhe der Stadt zu verschaffen. Das Zeichen der bürgerlich gesinnten ward eine weiße Binde um den linken Arm.

Insgesamt wurden in der Zeit 600 Menschen verhaftet. Am 23.07.1789 wurde auf dem Paradeplatz ein Zimmergeselle - aus Mainz stammend – gehängt. Als Grund für das Urteil wurde angegeben, das dieser 60 Louisdor bei der Rathausplünderung mitgenommen haben soll. Zur Abschreckung wurde die Hinrichtung mitten im Herzen der Stadt vorgenommen, normalerweise fanden Hinrichtungen sonst auf einem verrufenen Platz außerhalb der Stadt statt.

Der Rathaussturm von Straßburg und die anschließend folgende Jagd auf die städtische Unterschicht hielt sich während der gesamten Revolutionszeit im Gedächtnis der Stadt. So nahm auch August Lamey (1772-1861) an der Hatz auf die Sansculotten mit Stolz teil. In seinem Gedicht »Der Volkslärm in Straßburg« nannte er als Akteure »Empörungsrotten«, »Fremdlinge«, »die tolle Schar« oder auch  »Gesindel«.

Eine Woche später griff ein anonymer Straßburger zur Feder und veröffentlichte die »Beschreibung des jammervollen Aufruhrs in Straßburg«. Hinter der Veröffentlichung der Broschüre standen eindeutig wirtschaftliche Interessen, da damit dem Eindruck entgegengetreten werden sollte, dass Straßburg in die Hände der Sansculotten gefallen sei.

»Die Bürger nennen dich ihren Vater, und ihre Enkel werden dich auch so nennen« so stand es auf einer in Latein abgefassten Tafel am Hause des Barons Klimglin. Mit dieser Inschrift wird die Trennung zwischen Handwerkern und Stadtarmut und dem Zunftbürgern sehr deutlich. Mit dem Begriff Bürger waren nur letztere gemeint. Der Autor erkannte jedoch keine Motive für den Rathaussturm bei den Sanculotten sondern sah nur eine Bedrohung für die Sicherheit und Ordnung Straßburgs darin.

Letzte Änderung der Seite: 03. 10. 2017 - 22:10