EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Herzensausguß über Volks-Poesie.

Warum haben Apoll und seine Musen blos auf dem Gipfel des Pindus ihr Wesen? Warum entzückt ihr Gesang blos die Ohren der Götter, oder der wenigen, welche Athem und Kraft genug hatten, die steilen Zinnen des Olymps zu erklettern? Sollten sie nicht her­unter kommen und auf Erden wandeln, wie Apoll vorzeiten unter den Hirten Arkadiens that? Sollten sie nicht ihre Stralengewänder, bey deren Anblick so oft das irdische Auge erblindet, droben lassen, und die Natur der Menschen anziehn? Unter den Menschenkin­dern, sowohl in Pallästen als Hütten, ein und ausgehn, und gleich verständlich, gleich unterhaltend für das Menschengeschlecht im Ganzen dichten? Das sollten sie freylich! Aber wie wenig noch habens die deutschen Musen gethan!

Unsere Nation hat den leidigen Ruhm – nicht gerade die weise – ­sondern die gelahrte – zu heißen. Der Ruhm möchte ganz schäz­bar seyn, wenns nur nicht gar zu viel Quisquiliengelahrheit wäre. Dieser Quisquiliengelahrheit haben wir's gutentheils zu verdan­ken, daß bey uns die Poesie des allgemeinen Eingangs in Ohren und Herzen sich nicht rühmen kann, den sie bey mancher andern Na­tion schon fand, weil wir so hoch und tief gelahrt sind, daß wir schier aller Völker Sprachen reden können; ihre Handlungen, Sit­ten und Gebräuche, all ihre Weisheit und Thorheit auswendig wis­sen; in ihren Feldern und Wäldern, Städten und Dörfern, Tempeln und Pallästen, Häusern und Ställen, in ihren Küchen, Kellern, Bo­den und Zimmern, in Garderoben, Kisten und Kasten, und der Himmel weis, wo alle noch sonst? bekannt und bewandert sind; so sind wir auch in unserm Dichten und Trachten, Reden und Thun, so fremd und ausländisch, daß der Ungelehrte unserer Landsleute selten klug aus uns werden kann. Das schlimmste ist, daß wir das alles lernen, blos um es zu wissen und dadurch zünftig zu seyn. Es bleibt meistens todtes Kapital; und wie kann auch Münze kursiren, die oft gar keinen innerlichen Werth hat, und deren Gepräge längst aus der Mode gekommen ist?

Dieß möchte meinetwegen überall so seinen alten Gang hin­gehn, nur nicht in der Poeterey. Die deutsche Muse sollte billig nicht auf gelehrte Reisen gehn, sondern ihren Naturkatechismus zu Haus auswendig lernen. Wo steht aber im deutschen Naturka­techismus geschrieben, daß sie fremde Phantasien und Empfin­dungen einholen, oder ihre eigene in fremde Mummerey hüllen solle? Wo stehts geschrieben, daß sie keine deutsche Menschensprache, sondern vel quasi eine Göttersprache stammeln soll? – Göttersprache? – Daß es dem lieben Gott erbarme! – Diese Götter­sprache, die viele unserer Musensäuglinge lallen wollen, ist oft nichts anders als rauhes Löwen- und Stiergebrüll, Roßwiehern, Wolfsgeheul, Hundgebell und Gänsegeschnatter. An statt den Strom des Gesangs vom mähligen Abhang, mit distinkten, ver­nehmbaren Wohlgetön, dahin strömen zu lassen, stellt man sich auf eine schroffe Felsenspitze, wirft, unter gräßlichen Verzuckun­gen, den Kopf in den Nacken, verdreht die Augen, und stürzt sein Krüglein, mit unvernehmlichem, verwirrenden Geräusch hurl­purl hinab, und am Ende ists doch wohl nicht so viel, daß eine Mücke sich daraus satt trinken kann.

Man will keine menschliche, sondern himmlische Scenen ma­len; nicht wie seines gleichen, sondern wie Völker anderer Zeiten, anderer Zonen; man will oft gar, wie der liebe Gott und die heiligen Engel empfinden. Hieran, ihr deutschen Dichter, nicht aber an dem kalten und trägen Publikum, wie ihr falsch wähnet, liegt es, daß eure Gedichte nicht durch das ganze Volk gäng und gebe sind.

Diesem Unheil abzuhelfen, ist freylich kein kräftiger Mittel, als das so oft beschrieene und zitirte, aber so selten gelesene Buch der Natur zu empfehlen. Man lerne das Volk im Ganzen kennen, man erkundige seine Fantasie und Fühlbarkeit, um jene mit gehörigen Bildern zu füllen, und für diese das rechte Kaliber zu treffen. Als­dann den Zauberstab des natürlichen Epos gezückt! Das alles in Gewimmel und Aufruhr gesezt! Vor den Augen der Fantasie vor­beygejagt! Und die güldenen Pfeile abgeschossen! Traun! dann solls anders gehn, als es bisher gegangen ist. Wer's dahin bringt, dem verspreche ich, daß sein Gesang den verfeinerten Weisen eben so sehr, als den rohen Bewohner des Waldes, die Dame am Puz­tisch, wie die Tochter der Natur hinter dem Spinnrocken und auf der Bleiche, entzücken werde. Dieß sey das rechte non plus ultra aller Poesie!

Hier deucht mir, seh ich manche Vers- und Theoreyenmacher mit weiser Miene mir entgegen lächeln. Sie wollen sagen: Daß doch nicht alle Gegenstände, sonderlich die Belustigungen des Verstandes und Wizes, so allgemein verständlich und behäglich sich behandeln liessen. Mir deucht, das liebwertheste Lehrgedicht, das Epigramm und manche andere ihres Gelichters, die in den pöe­tischen Theoreyen auch ihr Stülchen haben, wollen so eben auf­springen und Lärmen machen. – Lieben Leute, eure Theorey irret die Theorey der Natur ganz und gar nicht. Die Natur, wenn ich nicht gewaltig irre, weiset der Poesie das Gebiet der Fantasie und Empfindung, hergegen das Reich des Verstandes und Wizes einer andern Dame, der Versmacherkunst, an. Jede soll sich vornehmlich auf ihrem angewiesenen Grund und Boden herumtummeln. Doch will sie beyde keinesweges gänzlich trennen, und Hader unter ihnen stiften. Sie mögen, als verträgliche Nachbarinnen, neben einander hausen; mögen sich auch wohl hie und da freundnachbarlich an Hand gehn; mögen einander Schüssel, Topf, Besen und Elle bor­gen; mögen endlich auch einerley Sprache, die nur gleichsam im Dialekt sich unterscheidet, reden! Im Grunde aber bleiben sie doch von einander gesondert. Durch diese Grenztheilung soll die Vers­macherkunst an ihren Ehren und Würden im geringsten nicht ge­kränkt seyn. Sie mag eine artige Frau und ihr Reich ein schönes Reich seyn. Welche von beyden aber den Vortritt habe, und zu ha­ben verdiene? wäre unpolitisch zu entscheiden, da die Mitglieder beyder Staaten bis hieher öfters, so hübsch friedlich und schiedlich hinüber und herüber zu lustwandeln pflegten. Immer bleib es auch künftig bey dieser Weise.

Mit den Angelegenheiten der Versmacherkunst hab' ich hier nichts zu schaffen. Mir liegt das Wohl und Weh der Poesie am Herzen. Ihre Produkte wünscht' ich mit gesammt volksmäßig zu ma­chen. Zunächst ist hier von der lyrischen und epischlyrischen Gat­tung die Rede. –

Aber der Zauberstab des Epos, der den Apparatus der Fantasie und Empfindung beleben und in Aufruhr sezen soll, ist nur in wenigen Händen. Viele suchten und fanden ihn nicht, weil er wirklich nicht leicht zu finden ist, und sie ihn nicht am rechten Ort suchten. Wo er noch am ersten und leichtesten zu finden ist, das sind unsere alten Volkslieder. Seit kurzem erst sind einige ächte Söhne der Natur ihm hier auf die Spur gerathen.

Diese alten Volkslieder bieten dem reifenden Dichter ein sehr wichtiges Studium der natürlich poetischen, besonders der lyri­schen und epischlyrischen Kunst dar. Sie sind meist, so wohl in Fantasie, als Empfindung, wahre Ausgüsse einheimischer Natur. Freylich hat die mündliche Tradition oft manches hinzugethan und weggenommen, und dadurch viel lächerlichen Unsinn hineinge­bracht. Wer aber das Gold von den Schlacken zu scheiden weis, wird wahrlich keinen verächtlichen Schaz erbeuten. – Und wär's denn wohl der Mühe nicht werth, daß ein Mann, mit hemsterhuy­sischkritischer Nase, sich darauf beflisse, den heterogenen Anflug wegzunehmen, und die alte verdunkelte, oder gar verlorne Lesart wieder herzustellen? –

In jener Absicht hat öfters mein Ohr in der Abenddämmerung dem Zauberschalle der Balladen und Gassenhauer, unter den Lin­den des Dorfs, auf der Bleiche, und in den Spinnstuben gelauscht. Selten ist mir ein sogenanntes Stückchen zu unsinnig und albern gewesen, daß nicht wenigstens etwas, und sollt' es auch nur ein Pinselstrich des magisch rostigen Kolorits gewesen seyn, poetisch mich erbauet hätte. Gar herrlich, und schier ganz allein, läst sich hieraus der Vortrag der Ballade und Romanze, oder der lyrischen und epischlyrischen Dichtart – denn beydes ist eins! Und alles Lyri­sche und Epischlyrische sollte Ballade oder Volkslied seyn! – gar herrlich, sag' ich, läst er sich hieraus erlernen.

Freylich kömmt mir hier wieder die sogenannte höhere Lyrik, die unter dieser Gattung nicht stehen will, und sich wohl recht was dünkt, quer in den Weg gelaufen. Ich kenne Werke von dieser hö­hern Lyrischen Gattung, die bey allem dem sehr volksmäßig sind. Jene, die nicht fürs Volk ist, mag hinlaufen, wo hin sie will. Mag sie doch für Götter und Göttersöhne den erhabensten Werth haben! Für das irdische Geschlecht hat sie nicht mehr, als der lezte Fixstern, dessen Licht aus tiefer dunkler Ferne zu uns her flimmert. Dieß Urtheil würde ich aussprechen, wenn ich auch selbst ein solcher Göttersohn wäre, denn es ist mir hier mehr für's liebe Menschen­volk, als für Götter und Göttersöhne zu thun. –

Durch Popularität, meyn' ich, soll die Poesie das wieder werden, wozu sie Gott erschaffen, und in die Seelen der Auserwählten gelegt hat. Lebendiger Odem, der über aller Menschen Herzen und Sinnen hin weht! Odem Gottes, der vom Schlaf und Tod' auf­weckt! Die Blinden sehend, die Tauben hörend, die Lahmen ge­hend und die Aussäzigen rein macht! Und das alles zum Heil und Frommen des Menschengeschlechts in diesem Jammerthal!

Von der Muse der Romanze und Ballade ganz allein mag unser Volk noch einmal[1] die allgemeine Lieblingsepopee aller Stände, von Pharao an, bis zum Sohn der Magd hinter der Mühle hoffen! Un­begreiflich ist mirs daher, wie einige Leute diese Muse zu einer Aftermuse, oder zur Zofe einer von den neun Pierinnen machen, und ihr kein ander[2] Instrument, als den Dudelsack in die Hand ge­ben mögen; da sie doch das ganze unermeßliche Gebiet der Fanta­sie und Empfindung unter sich hat; da sie es doch ist, die den Rasenden Roland, die Feen Königin, Fingal und Temora und – soll­te mans glauben? – Die Ilias und Odyßee gesungen hat? Wahrhaf­tig! Alle diese Gedichte waren denen Völkern, welchen sie gesun­gen wurden, nichts als Balladen, Romanzen und Volkslieder. Eben daher erhielten sie den allgemeinen Nationalbeyfall, der so vielen Leutlein unbegreiflich ist. Uns Deutschen sind sie freylich nicht mehr volksmäßig; aber wir sind auch nicht die Griechen, nicht die Italiener, nicht die Britten. Deutsche sind wir! Deutsche, die nicht Griechische, nicht Römische, nicht Allerweltgedichte, in Deutscher Zunge, sondern in Deutscher Zunge Deutsche Gedichte, verdaulich und nährend fürs ganze Volk, machen sollen. Ihr Dichter, die ihr ein solches nicht geleistet habt, und daher wenig, oder gar nicht gelesen werdet, klaget nicht ein kaltes und träges Publikum, son­dern euch selbst an! Geb' uns Einer ein großes Nationalgedicht von jener Art, und wir wollen's zu unserm Taschenbuch machen. Stei­get herab von Gipfeln eurer wolkigen Hochgelartheit, und ver­langet nicht, daß wir vielen, die wir auf Erden wohnen, zu euch wenigen hinauf klimmen sollen.

Daß Volkspoesie bisher vernachläßigt, daß Ballade und Roman­ze schier verächtlich und poetisches Spielwerk worden, daran sind wohl hauptsächlich mit die nackigen Poetenknaben Schuld, die sich einbilden, sie könnten auch wohl Balladen und Romanzen machen, und diese Dichtart gleichsam für das poetische A.B.C. halten. Da nehmen sie das erste das beste Histörchen, ohne allen Endzweck und Interesse, leyern es in langweiligen, gottesjäm­merlichen Strophen, hier und da mit alten Wörtchen und Phra­sen läppisch durchspickt, auf eine drollig seyn sollende Art, mit allen unerheblichen Nebenumständen des Histörchens, von Kopf bis zu Schwanz herab, und schreiben drüber Ballade, Romanze. Da regt sich kein Leben! Kein Odem! Da ist kein glücklicher Wurf! Kein kühner Sprung, so wenig der Bilder als Empfindungen! Nirgends was aufrührendes, so wenig für den Kopf, als für's Herz! – O ihr guten Poetenknaben, nehmt's von nun an zu Ohren und Herzen, daß Volkspoesie, eben deswegen weil sie das non plus ultra der Kunst ist, die allerschwerste sey. Laßt uns nicht ferner durch das: ut sibi quivis speret idem verführen, um die sprödeste aller Musen zu bulen!

Ich hemme meine Herzensergiessung mit dem Wunsche, daß doch endlich ein Deutscher Percy aufstehen, die Ueberbleibsel unse­rer alten Volkslieder sammlen, und dabey die Geheimnisse dieser magischen Kunst mehr, als bisher geschehn, aufdecken möge. Oef­ters hab' ich zwar schon mündlich diesen Wunsch meinen Freun­den geäußert und gesagt, er sollte weiter fortgepflanzt, und irgend wer veranlast werden, ihn auszuführen. Allein bisher noch verge­bens! Unter unsern Bauren, Hirten, Jägern, Bergleuten, Hand­werksburschen, Kesselführern, Hechelträgern, Bootsknechten, Fuhrleuten, Trutscheln, Tyrolern und Tyrolerinnen, kursiret wirk­lich eine erstaunliche Menge von Liedern, worunter nicht leicht eins seyn wird, woraus der Dichter fürs Volk nicht wenigstens et­was lernen könnte. Manche davon, so ich gehört, hatten im Gan­zen, viele in einzelen Stellen, wahres poetisches Verdienst; ein gleiches versprech' ich mir von weit mehrern, so ich nicht gesehen habe. So eine Sammlung von einem Kunstverständigen, mit An­merkungen versehen! – Was wollt' ich nicht dafür geben! – Zur Nachahmung im Ganzen und gemeinen Lektur wäre sie freylich nicht; aber für die Kunst, für die einsichtsvolle Kunst würde sie eine reiche Fundgrube seyn. Nur die Poetenknaben müsten vor allen andern ihre, alles betappenden Fäuste davon lassen, oder mit dem güldnen Plektrum eins drauf haben.


[1] Im Original: niemal
[2] Im Original: keinander

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03