EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Halle im October 1806

Anonym 1808

15. October

Eine zweydeutige Stille herrschte in der Stadt, ungewiß ob sich wirklich beym gestern gehörten Gefechte der Sieg auf Preußens Seite geneigt hätte, sah man so manche Anstalt, vernahm so manches Gerücht, welches das Gegentheil zu vermuthen Anlaß geben konnte.

Noch immer langten Truppen aller Art, zum Würtembergischen Korps gehörig, an, und gingen zum Theil durch die Stadt weiter vorwärts.

Ein Capitain von einem Füsilierbataillon, kam gestern gegen Abend mit einem Paar siner Leute nach Merseburg. Bald darauf meldete man die Annäherung eines starken Trupps feindlicher Infanterie, und rieth dem Capitain zur Flucht; doch dieser raffte mehrere muthige Bürger zusammen, besetzte mit ihnen das Thor, commandirte laut, als wenn er vor der Front eines Bataillons stände, ließ einige Bürgertrommeln rühren, großes Geräusch mit den Waffen machen und gab bey dem Anrücken des Feindes mit seinen Soldaten einigemahl Feuer, so daß die Franzosen, welche Merseburg, durch dieses Blendwerk getäuscht, für zu stark besetzt halten mochten, sich zurückzogen. Heute früh langte dieser Capitain im Hauptquartier an, und raportirte diesen Vorfall. Der Herzog von Würtemberg nahm keine Notiz davon.

Eine Szene, welche bey den meisten jeden Zweifel gegen einen glücklichen Ausgang der Sache Preußens zerstreute und der neugierigen Menge viel zu gaffen gab, war die Ankunft von zwey Französischen Kriegsgefangenen. Es waren Chasseurs à cheval vom zweyten Regimente, begleitet von einigen Musquetiers und einem Unteroffizier des Regiments Malschitzky, welcher die erbeuteten Pferde führte. Nach der Aussage dieser Leute hatten sie gestern gegen 11 Uhr Vormittags auf Befehl mit diesen Gefangenen das Schlachtfeld verlassen, alles stände gut, äußerten sie gegen die fragenden Officiere.

Als aber ein Bürger bey dem Unterofficier sich nach dem Ausgange der Schlacht erkundigte, verweigerte dieser jede Antwort, weil man seinen Worten nicht glauben würde. Man drang desto heftiger in ihn, und nun erzählte er, daß alles verloren sey; die reitende Artillerie, auf welche man sich so sehr verlassen habe, wäre gleich zu Anfange der Schlacht weggenommen, die Cavallerie geflohen und die Infanterie total geschlagen. Man verlachte ihn, und hielt ihn für betrunken, auch gab er sich weiter keine Mühe, seinen Worten Glauben zu verschaffen. Einige in der Schlacht blessirte Officiere vom Regiment Renouard langten noch in der Nacht an, und brachten traurige Nachrichten von dem Zustande des Heeres mit sich, doch kamen diese Nachrichten nicht so bald ins Publicum. Einzelne, in den Affairen bey Schlaiz, Saalfeld, Gera u.s.w. Verwundete kamen auch in Halle an, und bezeugten die Nachricht vom Verluste derselben. Doch gab es einige, welche der Stimmung des Volks zu Gefallen und um Vortheil dadurch zu ziehen, vom Siege sprachen.

Gegen Abend brachten einige Merseburger Bürger noch eine kleine Anzahl Französischer Infanterie gefangen nach Halle ins Hauptquartier, der sie sich beym Plündern bemächtigt hatten.

Unangenehm ist die Erinnerung an diese Tage gewiß für jeden Einwohner von Halle, alle Geschäfte stockten, jede Minute gebar ein neues Gerücht; jedermann eilte bey dem geringsten Auflaufe auf die Straße hinaus, um etwas neues zu hören, überall kannegießerte man, dieser hatte bestimmte Nachrichten vom Siege, jener ebenso bestimmte von der Niederlage der Preußen, da sollte bald jener, bald dieser Französische Marèchal mit, Gott weiß wie viel tausend Mann geschlagen, eingeschlossen oder gar niedergehauen, bald der Prinz Murat selbst gefangen, bald diese, bald jene Person als Französischer Spion aufgeknüpft seyn, und was dergleichen Dinge mehr waren.

Ob es gleich sehr auffiel, daß man so nahe der gelieferten Schlacht noch keine officielle Nachricht von dem Aus- gange derselben habe, so tröstete man sich doch damit, bis jetzt noch kein geschlagenes Preußisches und noch weniger ein siegreiches Französisches Korps gesehen oder davon gehört zu haben. Gegen jeden Überfall die Stadt zu vertheidigen, war die Reservearmee stark genug, niemand ahndete die Nähe der Gefahr, niemand daß eben diese Reservearmee der Grund des Anmarsches der Franzosen gegen Halle war.

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