EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Napoléon I. an Friedrich Wilhelm III.

vom 12.10.1806.

Mein Herr Bruder!

Ich habe Ew. Majestät Schreiben vom 25. Sept. d. J. erst am 7. Oct. erhalten. Es thut mir leid, daß man Sie diese Art von Schmähschrift hat unterzeichnen lassen; ich antworte nur, um zu erklären, daß ich Ihnen den Inhalt gar nicht zuschreibe, er ist Ihrem Charakter und unserer beider Ehre zuwider. Ich beklage und verachte die Verfertiger einer solchen Arbeit. Unmittelbar darauf habe ich das Schreiben Ihres Gesandten vom 1. Oct. erhalten. Sie haben mir ein Stelldichein auf den 8. gegeben, als guter Ritter habe ich Wort geahlten, ich bin mitten in Sachsen; glauben Sie mir, ich habe eine solche Macht, daß alle Ihre Streitkräfte nicht lange den Sieg unentschieden lassen können. Allein warum so viel Blut vergiessen? Zu welchem Zweck? Ich will zu Ewr. Maj. ebenso sprechen, wie ich zu dem Kaiser Alexander, zwei Tage vor der Schlacht von Austerlitz sprach. Gebe der Himmel, daß erkaufte oder schwärmerische Menschen, die mehr Ihre und Ihrer Herrschaft, als meine und meines Volkes Feinde sind, Ihnen nicht dieselben Rathschläge geben, um Sie zu einem ähnlich traurigen Augange zu führen. Sire, seit 6 Jahren war ich Ihr Freund. Ich will den Schndelgeist nicht benutzen, der in Ihrem Rathe herrscht und der Sie politische Fehler hat begehen lassen, worüber Europa noch erstaunt ist, und kriegerische Fehler, von deren ungeheurer Größe bald ganz Europa voll sein wird. Hätten Sie Mögliches gefordert, ich hätte es zugestanden. Sie haben meine Entehrung gefordert und mussten meiner Antwort gewiß sein. So ist also Krieg zwischen uns, daß Bündniß ist auf immer gebrochen. Aber warum unsere Unterthanen morden? Ich lege keinen Werth auf einen Sieg, der mit dem Leben einer beträchtlichen Anzahl meiner Kinder erkauft werden wird. Wäre ich noch ein Anfänger in der kriegerischen Laufbahn und müsste das Loos der Schlachten fürchten, so wäre eine solche Sprache unpassend. Sire, Ewr. Maj. werden besiegt werden, Sie werden die Ruhe Ihrer Tage, das Leben Ihrer Unterthanen, ohne den Schatten eines Vorwandes, Preis gegeben haben. Heute sind Sie noch unverseht und könne auf eine Ihrem Range angemessene Art mit mir unterhandeln, vor Ablauf eines Monaths werden Sie mit mir in einer verschiedenen Lage unterhandeln. Sie haben sich zur Erbitterung verleiten lassen, die man künstlich berechnet und vorbereitt hat. Sie haben mir gesagt, Sie hätten mir oft Dienste erwiesen. Wohlan! Ich will Ihnen den stärksten Beweis geben, wie sehr ich mich daran erinnere. Sie können die Verwüstungen und das Unglück des kaum angefangenen Krieges von Ihren Unterthanen abwenden, können den Krieg beendigen und Europa wird es Ihnen Dank wissen. Hören Sie die Wüthenden, die vor 14 Jahren Paris erobern wollten und die Sie jetz in einen Krieg und in gleich unbegrefiliche Angriffsplane hineingezogen haben, dann werden Sie Ihrem volke ein Uebel zufügen, welches Ihr ganzes übriges Leben nicht wird heilen können. Sire, ich habe nichts gegen Sie zu gewinnen, ich habe ncihts von Ihnen gewollt; der gegenwärthige Krieg ist der Staatskunst zuwider. Ich fühle, daß ich vielleicht in diesem Briefe eine gewisse jedem Fürsten eigene  Empfindlichkeit reize; allein die Umstände erlauben keine Schonung; ich sage Ihnen die Sachen, wie ich sie denke. Und außerdem erlauben mri Ewr. Majest. Zu bemerken, daß es für Euripa keine große Entdeckung ist, zu erfahren, daß Frankreich dreimal so volkreich und eben so kriegerisch und tapfer ist, alsdie Staaten Ewr. Majestät, Ich habe Ihnen keine gegründeten Ursachen zum Kriege gegeben. Gebieten Sie dem Haufen übelredender und unbedachtsamer Menschen achtungsvolles Stillschweigen; geben Sie sich und Ihren Staaten die Ruhe wieder. Wenn Sie in mir nie wieder einen Bundesgenossen finden, so werden Sie wenigstens in mir einen Mann finden, der nur die für seine Staatskunst unvermeidlich erforderlichen Kriege zu führen, nicht aber in einen Kampfe mit Fürsten, die mit mir in Bezug auf Gewerbsthätigkeit, Handel und Staatsvortheil in keinem Gegensatze stehen, Blut zu vergießen wünscht. Ich bitte Erw. Majest. in diesem Briefe, nur meinem Wunsch zu sehen, des Menschenbluts zu schonen, und einen Volke, welches durch seine geographische Lage nicht der Feind des meinigen sei kann, die bittere Reue zu ersparen, augenblicklichen Gefühlen, die man unter Völkern so leicht erregen und so leicht wieder beruhigen kann, zu viel Gehör gegeben zu haben.

Napoleon.

Quelle:
Poppe, Maximilian: Chronologische Übersicht der wichtigsten Begebenheiten aus den Kriegsjahren 1806-1815: Mit besonderer Beziehung auf Leipzigs Völkerschlacht und Beifügung der Originaldokumente, Leipzig 1848.

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