EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Befehl Kaiser Napoléon I. an die Grandé Armée

vom 06.10.1806.

Aus dem Kaiserlichen Hauptquartier Bamberg.

Soldaten! Der Befehl zu Eurer Rückkehr nach Frankreich war schon abgegangen; Ihr hattet Euch dem Vaterland schon um einige Märsche genähert. Siegesfeste erwarteten Euch, und die Vorbereitungen zu Eurem Empfang waren in der Hauptstadt begonnen worden.

Aber, während wir uns dieser zu vertrauensvollen Sicherheit überließen, wurden neue Complotte unter der Maske der Freundschaft und des Bündnisses geschmiedet. Es hat sich in Berlin Kriegsgeschrei erhoben. Seit zwei Monaten werden wir täglich mehr herausgefordert.

Die nämliche Partei, der nämliche Schwindelgeist, der, von unsern innern Zwistigkeiten begünstigt, vor vierzehn Jahren die Preußen in die Ebenen der Champagne führte, herrscht in ihren Rathsälen. Wenn sie auch Paris nicht mehr verbrennen und bis auf die Grundmauern zerstören wollen, so prahlen sie doch jetzt, daß sie ihre Fahnen in den Hauptstädten unserer Bundesgenossen aufpflanzen wollen; sie wollen Sachsen durch eine schmähliche Uebereinkunft zwingen, auf seine Unabhängigkeit zu verzichten, und es zu einer ihrer Provinzen zu machen; sie wollen Euch endlich Eure Lorbeeren von der Stirne reißen. Sie wollen, daß wir beim Anblick ihrer Waffen Deutschland räumen. Die Unsinnigen! So mögen sie erfahren, daß es tausend Mal leichter ist, die große Hauptstadt zu zerstören, als die Ehre der Kinder des großen Volks und seiner Bundesgenossen zu schänden! Ihre Pläne wurden damals vereitelt; sie fanden in den Ebenen der Champagne Niederlagen, Tod und Schande. Aber die Lehren der Erfahrung wurden vergessen, und es giebt Menschen, bei welchen das Gefühl des Hasses und der Eifersucht niemals ausstirbt.

Soldaten! Es ist Keiner unter Euch, der auf einem andern Wege als dem der Ehre nach Frankreich zurückkehren möchte; wir dürfen nur unter Siegesbogen unsern Einzug halten.

Was! Hätten wir denn den Jahreszeiten, den Meeren, den Wüsten Trotz geboten, das mehrmals gegen uns verbündete Europa besiegt, unsern Ruhm vom Morgenland bis ins Abendland verbreitet, um heute unsere Bundesgenossen Preis zu geben, und als Flüchtlinge in unser Vaterland zurückzukehren, um sagen zu können, daß der französische Adler beim Anblick der preußischen Armeen voll Schrecken geflohen ist?

Aber schon sind sie bis zu unsern Vorposten angelangt. So laßt uns vorwärts gehen, weil die Mäßigung sie nicht aus diesem seltsamen Rausch hat reißen können. Möge die preußische Armee das nämliche Loos erfahren wie vor vierzehn Jahren! Sie mögen erfahren, daß, wenn es leicht ist, mit der Freundschaft des großen Volks einen Zuwachs an Gebiet und Macht zu erwerben, dessen Feindschaft, die man sich nur durch das Aufgeben von aller Klugheit und Vernunft zuziehen kann, schrecklicher ist als die Stürme des Oceans.

Napoleon I.

Quelle:
Kurz, Heinrich: Ausgewählte Correspondenz Napoleons I., 3 Bände, Hildburghausen 1868-1870

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03