EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Johann Wolfgang von Goethe an Carl Ludwig von Knebel

vom 31.01.1789.

Ihre beyden Briefe haben mir viel Freude gemacht, sagen Sie mir ja von Zeit zu Zeit etwas. Von Ihnen ganz allein höre ich einen ernsthaften Wiederklang meiner ächten italiänischen Freuden. Wie sehr wünsche ich daß wir uns irgend in der Welt wieder begegnen möchten.

Danck für die Zeichnung der Figuren von der Vase. Es ist eine kostbare Composition. Oder wie Moritz will, man soll nicht Composition sagen, denn solch ein Werck ist nicht von aussen zusammengesetzt, es ist von innen entfaltet. Ein Gedancke in mehreren Figuren verkörpert.

Die symmetrische Art die Figuren zu stellen, hatte eigentlich die Absicht daß die Gestalten zugleich ein Zierrath werden sollten. Auch bin ich überzeugt daß in dieser symmetrischen Art mehr Manigfaltigkeit zu zeigen war als in unsrer neueren. Dieß scheint ein tolles Paradox. Vielleicht sind Sie aber auch schon meiner Meynung. Ein andermal sage ich mehr davon.

Man ist in den neuern Zeiten, nach meinen Begriffen selten wieder auf die Spur der alten Denckart ge kommen, und wenn auch ein Meister sich ihr näherte, so verließen die Nachfolger solche gleich. In unsern Tagen scheint sie mir ganz verschwunden. Eben der Punckt wo wir uns wegen Circe vereinigten, ist ein Hauptpunckt. Die Alten sahen das Bild als ein ab– und eingeschloßnes Ganze an, sie wollten in dem Raume alles zeigen, man sollte sich nicht etwas bey dem Bilde dencken sondern man sollte das Bild dencken und in demselben alles sehen. Sie rückten die verschiednen Epochen des Gedichtes, der Tradition zusammen und stellten uns auf diese Weise die Succession vor die Augen, denn unsre leiblichen Augen sollen das Bild sehen und genießen.

Das hat Carrache wohl gefaßt. Merkur legt eine Pflanze in den Becher, wenn er beym Homer dem Ulyß die antimagische Pflanze lang vorher giebt. u.s.w. Wie erbärmlich quälen sich nicht neuere Künstler um die kleinsten historischen Umstände. Aber freylich jenes ist nicht jedem gegeben. Raphael hatte diese Sinnesart penetrirt, seine Verklärung ist ein deutlicher Beweiß.

Verzeihen Sie ich bin heute zerstreut und von Carnavals Lustbarkeiten ist mir der Kopf wüste; doch soll dieser Brief fort und er ist beßer als nichts.

Den Johannes Kopf, für welchen ich im Voraus dancke, schicken Sie mir ja mit der Thurneysischen Sendung, auch etwa die Juno und was Sie sonst haben. Kniep wird auch für mich etwas hinzufügen. Sorgen Sie doch daß man ein Zettelchen zu Thurneysens Nachricht beylegt, was für mich ist.

Könnten Sie nicht eine Gypsform über die schöne Münze machen, welche der Beichtvater der Königinn besitzt, und mir solche zuschicken. Vielleicht können Sie die Erlaubniß haben.

In Deutschland wird viel erbärmliches über die Kunst geschrieben. Die Berliner Akademie, wovon Riem Sekretair ist, zeichnet sich besonders aus.

Schreiben Sie mir ja, wie es mit dem Rufe geht den Sie nach Zürch haben, noch wünsche ich und hoffe ich es möge sich fügen daß wir einander näher kommen.

Schicken Sie mir auch etwas von Ihren eignen Produckten und blicken in den achten Band meiner Schriften der bald anlagen wird. Leben Sie wohl und schreiben mir bald wieder.

G.

Quelle:
Goethe, Johann Wolfgang von: Briefe

Letzte Änderung der Seite: 27. 03. 2017 - 22:03