EPOCHE NAPOLEON


von der Bastille bis Waterloo

Friedrich Hölderlin an die Mutter

im Frühjahr 1787.

Maulbronn, Frühjahr 1787

Liebste Mamma!

Ich habe wirklich wieder Geschäfte die Menge auf dem Hals; und Geschäfte, wo die Geisteskräfte ziemlich stark angegriffen werden - ich will also nur so bei Gelegenheit gestehen, daß Bilfingers Kaffee, und mein Zucker, verbraucht sind, und daß ich mich inzwischen manchmal nach einem Frühstück gesehnt habe - bei dem frühen Aufstehen - und dem beständigen starken Angriffen des Kopfs- und neulich zwang ich mich wieder mit einem schröcklich leeren Magen zur Suppe, die ihr hugrigster Taglöhner ungern essen würde - und da wurde mir so weh, daß ich beinahe vor Ärger die Schüssel an die Wand geworfen hätte. Ein gutes, gutes Werks wärs also für den Fritz, wenn Sie ihm etwas Kaffee schickten.

Sie werden lachen, über meine weitschweifige Bittschrift, aber´s war nur, daß Sie sich einen kleinen Begriff von unserm Klosterkreuz machen können. Dann das sind doch ordentliche Nahrungssorgen, wenn man so nach einem Schluck Kaffee oder nur einem guten Bissen Suppe hungert, und nirgends, nirgends nicht auftreiben kann. Bei mir gehts noch gut; aber da sollten Sie andre sehn, die einige Pöstchen vom Winter her noch zu berichtigen hatten und jetzt den halben Heller nimmerim Beutel haben - es ist zum Lachen, wenn die Leute aus lauter Unmut nicht ins Bett gehen, und die halbe Nacht auf dem Dorment auf und ab singen:

Auf, auf ihr Brüder, und seit stark!
Der Gläubiger ist da.
Die Schulden nehmen täglich zu,
Wir haben weder Rast noch Ruh,
Drum fort nach Afrika - (das wär das Kap)

und so gehts fast all Nacht, da lachen sie am Ende einander selbst aus, und dann ins Bett. Aber freilich ist dies eine traurige Lustigkeit - - -

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